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Thema: Der Nachbarortsverkehr der Deutschen Reichspost vom 1.4.1900-5.5.1920
Das Thema hat 83 Beiträge:
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bekaerr Am: 26.05.2013 18:52:14 Gelesen: 16249# 9 @  
@ reichswolf [#8]

Habe die Leopoldina angeschrieben. Wenn die Antwort kommt, werde ich sie hier veröffentlichen. Vielen Dank für den Hinweis, von allein wäre ich da nie drauf gekommen.

@ jmh67 [#7]

Auch Dir ein herzliches Dankeschön.

Werde nächste Woche mit neuen Belegen weiter den Nachbarortsverkehr vorstellen.

Beste Grüße,
Bernd
 
guy69 Am: 27.05.2013 08:45:32 Gelesen: 16206# 10 @  
Andersherum gefragt. Wie lange bestand denn die Möglichkeit zur kostengünstigeren Versendung im Nachbarortsverkehr? Gibt es im Internet die Ortspaare einzusehen?

Habe hier eine Karte von Mainz nach Wiesbaden vom 24.01.1954


 
Rainer HH Am: 27.05.2013 10:10:20 Gelesen: 16190# 11 @  
@ guy69 [#10]

Gibt es im Internet die Ortspaare einzusehen?

Jetzt ja. ;)

Auch im Inlandsverkehr gab es ein paar Regeln, die man als Belegsammler beachten muss.

Nachbarorte

Normalerweise galten die ermäßigten Gebühren für den Ortsverkehr nur innerhalb einer Stadt oder Gemeinde. Bis 31.3.1921 galten sie auch im Nachbarortsverkehr.

Nachbarortsverkehr ist ein Begriff der deutschen Postverwaltungen, der die ermäßigte Gebühr für Briefsendungen im innerörtlichen Verkehr auf bestimmte Nachbarorte ausgedehnte.

Zum Nachbarortsverkehr sollten nicht nur zusammenhängende Postorte, sondern auch solche Postorte zugelassen werden, die, ohne baulich zusammenzuhängen, so nahe bei einander lagen und in so engen wirtschaftlichen Beziehungen standen, dass sie als ein einheitlicher Verkehrsbezirk angesehen werden konnten. (Aus der Begründung des Entwurfs zum genannten Gesetz). Quelle: Wikipedia

Ab 1.1.1922 wurden im Einzelfall Ausnahmeregelungen für gewisse benachbarte Orte getroffen, zwischen denen ab dem gelisteten Datum Ortsgebühren galten.

1.1.1922
Bremen - Hemelingen
Bremerhaven - Geestemünde
Bremerhaven - Lehe
Münster a. Stein - Ebernburg (OPD Coblenz-Speyer)
Bingen (Rhein) - Bingerbrück
Mainz - Biebrich
Hamburg - Altona
Hamburg - Wandsbek
Hamburg - Bramfeld
Hamburg - Kirchsteinbek
Hamburg - Lokstedt
Hamburg - Schiffbek
Hamburg - Stellingen
Hamburg - Wilhelmsburg
Besenhorst - Geesthacht
Harburg - Moorburg
Lübeck - Stockelsdorf
Mannheim - Ludwigshafen
Wertheim - Kreuzwertheim
Bad Süderode - Gernrode
Wilhelmshafen - Schaar
Ulm - Neu-Ulm

8.5.1922
Hamburg - Altenwerder

3.7.1922
Hamburg - Kleinflottbek

Postkarten und Standardbriefe zwischen oben genannten Orten unterlagen bis zum 28.2.1962 dem Ortsporto, danach galt das geringere Porto nur noch innerhalb von Berlin!

Ich habe oben genanntes Verzeichnis komplett aufgezeichnet, viele Orte (insbesondere bei den Hamburg-Verbindungen) wurden im Laufe der Geschichte eingemeindet.
 
guy69 Am: 27.05.2013 10:21:06 Gelesen: 16188# 12 @  
Hübsche Aufstellung. Leider ist die Verbindung Mainz-Wiesbaden nicht aufgeführt. Die Oranienenstrasse liegt in der Innenstadt von Wiesbaden. Biebrich ist ein Vorort von Wiesbaden. Liegt hier ein ermäßigtes Porto für Nachbarortsverkehr (Postkarte Ortstarif) oder um 2 Pfennig unterfrankierte (unbeanstandete) Inlandspostkarte vor?
 
Rainer HH Am: 27.05.2013 11:06:24 Gelesen: 16176# 13 @  
Oben genannte Aufstellung habe ich dem Postbuch von Werner Steven entnommen.

In der Postordnung vom 30.1.1929, die auch im Bereich der Bundespost Gültigkeit hatte, sind folgende Nachbarorte aufgeführt:

* Bad Münster a Stein - Ebernburg
* Bingen (Rhein) - Bingerbrück
* Frankfurt (Main) - Offenbach
* Frankfurt (Main) - Neu-Isenburg
* Wiesbaden - Mainz
* Wiesbaden - Bischofsheim
* Wiebaden - Ginsheim-Gustavsburg
* Hamburg - Garstedt
* Hamburg - Harksheide
* Hamburg - Schenefeld
* Lübeck - Stockelsdorf
* Lübeck - Bad Schwartau
* Mannheim - Ludwigshafen
* Wertheim - Kreuzwertheim
* Bad Siderode - Gernrode
* Ulm - Neu-Ulm

Unter § 6 (Briefe) heisst es dort:

I. Briefe werden im Ortsverkehr gegen ermäßigte Gebühr befördert.
II. Ortsverkehr ist der Verkehr innerhalb des Orts- und Landzustellbezirks des Aufgabeortes. Liegen mehrere Postanstalten in derselben Gemeinde, so bilden ihre Orts- und Landzustellbereiche einen einheitlichen Ortsverkehrsbezirk. Ortsverkehr kann vom Bundesminister f+r das Post- und Fernmeldewesen zugelassen werden, die baulich zusammenhängen und durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Ländern gehindert sind, sich zu einer Gemeinde zusammenzuschließen.
Soweit im Zuge der Neugliederung des Bundesgebietes in der Zugehörigkeit der Orte zu verschiedenen Ländern Änderungen eintreten, bleibt es bei dem bisher zugelassenen Ortsverkehr.

Anweisung zur Durchführung der AmtsblVf. Nr. 54/1963 (zum 01.03.1963)

5. Wegfall der Ortsgebühr für Briefe und Postkarten
Die ermäßigte Gebühr für Briefe und Postkarten im Ortsverkehr ist weggefallen.
Wegen der besonderen Verhältnisse in Berlin wird die ermäßigte Gebühr für Briefe und Postkarten für dieses Gebiet unverändert beibehalten.

Dort findest Du jetzt auch Deine Postkarte im Nachbarortsverkehr Mainz-Wiesbaden!

Gruß Rainer
 
guy69 Am: 27.05.2013 11:09:42 Gelesen: 16174# 14 @  
Vielen Dank. Das ist es.

Superschnelle Infos.

Dankeschön Rainer.
 
bekaerr Am: 27.05.2013 13:27:24 Gelesen: 16150# 15 @  
@ guy69 [#10]
@ Rainer HH [#11]
@ Rainer HH [#13]

Hallo zusammen,

vielen Dank für die Frage und die Antworten. Sowohl Frage und auch Antworten zeigen die Schwierigkeiten bei der Abgrenzung der jeweiligen Definitionen. Der "Nachbarortsverkehr" galt nur vom 1.4.l900 - 5.5.1920. Die Karte in guy69 [#10] kann demnach kein Beleg aus dem Nachbarortsverkehr sein. Auch die in den Beiträgen Rainer HH [#11] und Rainer HH [#13] aufgeführten Ortspaarungen sind keine Verbindungen des Nachbarortsverkehrs. Dennoch hat Rainer Recht, wenn er schreibt, dass zwischen diesen benachbarten Orten das ermäßigte Ortsporto galt! Die Lösung liegt in der postamtlichen Definition. Das Handwörterbuch des Postwesens (1953) schreibt dazu auf S. 442 unter Nachbarorstverkehr:

"... Der Nachbarortsverkehr hat im ganzen Deutschen Reich zu bestehen aufgehört. ... Jetziger Rechtszustand: Vom 1.4.1921 an sind zwar ... ermäßigte Gebühren für Postkarten und Briefe wieder eingeführt worden; der frühere Nachbarortsverkehr ist aber nicht wieder aufgelebt. Der auf Grund des Gesetzes über Postgebühren vom 19.12.1921 seit 1.1.1922 zugelassene Ortsverkehr zwischen Orten, die baulich zusammenhängen, aber durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Ländern gehindert sind, sich zu einer Gemeinde zusammenzuschließen, kann nicht als Nachbarortsverkehr gelten. Es handelt sich dabei vielmehr um einen erweiterten Ortsverkehr, worüber der Wortlaut des Gesetzes vom 19.12.1921 § 1 Abs. 2 keinen Zweifel aufkommen läßt."

Für den Postbenutzer machte es zwar keinen Unterschied, ob es "Nachbarortsverkehr" hieß, oder "erweiterter Ortsverkehr", Hauptsache die Kosten waren gering. Für die Post war dies aus rechtlichen Gründen offenbar jedoch immens wichtig, da das Handwörterbuch diesen rechtlichen Unterschied gleich mehrfach betont.

Ich persönlich halte mich an die Sichtweise der Post, da es sich in der Tat um zwei völlig verschiedene Dinge handelt. Der wichtigste Unterschied ist der, das beim späteren "erweiterten Ortsverkehr" nur Ortspaarungen zugelassen werden konnte, die in jeweils verschieden Gliedstaaten (zuerst des Deutschen Reichs, später der Bunderepublik) lagen und sich deshalb politisch nicht zusammenschließen konnten. Das zeigt sich allein schon an der Anzahl der zugelassenen Verbindungen. Die von Rainer genannte Aufstellung nennt schon die meisten davon. Im Vergleich dazu gab es im vorherigen "Nachbarortsverkehr" über 2.600 (!) Verbindungen.

Eine Übersicht über die Verbindungen des "erweiterten Ortsverkehrs" wurde von ein paar Jahren in der Rundschau der Arbeitsgemeinschaft Forschung Deutsche Bundespost abgedruckt.

Zwischenfrage: Gibt es die Möglichkeit, Excel-Tabellen in die Beiträge einzubauen? Dann könnte ich den aktuellen Forschungsstand veröffentlichen. Ansonsten für alle Interessierten: Ich sende Euch gerne die Tabelle mit den EOV-Daten per E-Mail.

Es gibt übrigens eine ganze Reihe von Ortspaarungen, die erst in den Genuß des "Nachbarortsverkehrs" kamen und später vom "erweiterten Ortsverkehr" profitierten, z. B. Mannheim-Ludwigshafen (siehe bekaerr [#6]) und:



Zwischen Mainz und Wiesbaden dagegen existierte kein Nachbarortsverkehr zwischen 1.4.1900 und 5.5.1920.

Mit Abschaffung des ermäßigten Ortsverkehrs im Bereich der DBP zum 28.2.1963 wurde gleichzeitig auch der EOV abgeschafft.

Beste Grüße,
Bernd
 
guy69 Am: 27.05.2013 13:32:00 Gelesen: 16149# 16 @  
Also ist die Karte als Sondertarif im erweiterten Ortsverkehr zu bezeichnen.
 
Rainer HH Am: 27.05.2013 14:07:43 Gelesen: 16130# 17 @  
@ bekaerr [#15]

Vielen Dank für diesen ausführlichen Beitrag. Zur Erklärung meiner Ausführungen muss ich gestehen, das ich zwar postgeschichtlich interessiert bin, allerdings lediglich in dem Zeitraum ab Beginn der Bundespost. Ich hatte mich anfangs sogar gewundert, das die Postordnung vom 30.01.1929 zu diesem Zeitpunkt (50er Jahre) gültig war.

Die von Rainer genannte Aufstellung nennt schon die meisten davon.

Für weitere Kombinationen des "erweiterten Ortsverkehrs" wäre ich dankbar.

Gruß Rainer
 
bekaerr Am: 27.05.2013 16:33:50 Gelesen: 16100# 18 @  
@ guy69 [#16]

" Sondertarif im erweiterten Ortsverkehr" ist viel besser als Nachbarortsverkehr, ich selber lasse den " Sondertarif" weg, die Besonderheit steckt ja schon im " erweiterten", das ist aber Geschmackssache.

@ Rainer HH [#17]

Die gewünschten weiteren Kombinationen mußte ich erst forumtauglich machen. Excel-Tabelle einfügen ging nicht, auch nicht als PDF. Also alles ausdrucken und als Bild einscannen. Hat leider etwas gedauert. Vielleicht kennt ja ein Mitleser einen Trick, wie man Excel-Tabellen hier einfügen kann?






Wer sich die Tabelle ansieht, wird merken, dass beim EOV noch längst nicht alle Daten geklärt werden konnten, es bleibt also noch spannend.

Generell kann man sagen, dass es gar nicht so leicht ist, jede Verbindung wenigstens einmal zu belegen. Am bekanntesten sind noch:

* Frankfurt - Offenbach
* Frankfurt - Neu-Isenburg
* Wiesbaden - Mainz
* Lübeck - Bad Schwartau
* Lübeck - Stockelsdorf

Alle anderen Verbindungen sind selten bis sehr selten. Das liegt z. T. auch daran, dass sie nicht als EOV-Belege erkannt werden. Wie z. B.:



Postkarte vom Postort Harksheide nach Hamburg, zum Ortsporto (8 Pf) mit Eilzustellung (+ 60 Pf) vom 1.11.1958 (Tarif 1.7.1954 - 28.2.1963)
t Eilzustellung) hervorgehoben. Der EOV wurde nicht erkannt.

Vom Verkäufer wurde als verkaufsförderndes Argument vor allem die Portostufe hervorgehoben, der EOV wurde nicht erkannt.

Das schleswig-holsteinische Harksheide erhielt offenbar erst 1954/1955 eine eigene Postanstalt. Friedrichsgabe hatte im gesamten in Frage kommenden Zeitraum keine eigene Postanstalt. Die Postkarte wurde also in Harksheide aufgegeben und zum Ortstarif nach Hamburg versandt. Die Zulassung Hamburg - Harksheide erscheint erstmals in der ADA V, 1, und zwar als Berichtigung im Zeitraum zwischen Juli und Dezember 1955.

Hier noch der Auszug aus dem Hamburger Strassenverzeichnis von 1951:



Es war also schon vor der Einrichtung einer Postanstalt in Harksheide möglich, Briefe und Postkarten zwischen HH und Harksheide, bzw. Friedrichsgabe zu versenden. Offenbar gehörten diese beiden Orte zum Landzustellbezirk von Garstedt, mit dem der EOV schon seit 1.8.1931 zugelassen war.

So, das war`s für heute. :-)
 
Brigitte Am: 29.05.2013 12:21:38 Gelesen: 16034# 19 @  
@ bekaerr [#18]

Vielleicht kennt ja ein Mitleser einen Trick, wie man Excel-Tabellen hier einfügen kann?

Hallo bekaerr,

Excel-Tabellen können nicht importiert werden, ebensowenig PDFs.

Schöne Grüsse,

Brigitte
 
bekaerr Am: 30.05.2013 14:40:16 Gelesen: 15985# 20 @  
@ Brigitte [#19]

Danke für Deine Antwort. Schade, da bleibt also nur den Umweg über Ausdrucken und als Bild wieder einscannen.

Nachdem wir etwas in den Jahrzehnten herum gesprungen sind, möchte ich heute wieder den Fokus auf den Anfang des vergangenen Jahrhunderts lenken.

Der Raum Hamburg bietet sich dabei wunderbar an, die Vielfältigkeit des Nachbarortsverkehrs darzustellen. Ich habe einmal versucht, die trockenen Daten in eine für`s Auge besser wahrnehmbare Form zu bringen:



Hier einige dazu gehörende Belege:



Postkarte von Altona nach Hamburg-Borgfelde. Anders als bei den Berliner Vororten, bei denen das "Berlin" im Stempel lediglich für die geographische Nähe steht, weist die Doppelbezeichnung im Ankunfts-KOS auf die politische Zugehörigkeit hin. Eine Erklärung, für diese unterschiedliche Handhabung habe ich bisher nicht finden können. Ich glaube, dass muss man einfach so akzeptieren.

Hier ein etwas späterer Brief, von Hamburg nach Wandsbek, Tarif 1.8.1916 - 30.9.1918:



Gerade eben wird Kuchen geliefert, muß daher dringend Pause machen. :-)
 
bekaerr Am: 30.05.2013 16:12:36 Gelesen: 15970# 21 @  
Weiter geht`s mit vollem Magen:



Postkarte von Hamburg nach Groß-Borstel vom 10.1.1919

Postkarten konnten erst wieder nach der Abschaffung der Reichsabgabe zu ermäßigten Gebühren im Ortsverkehr verschickt werden. Der 7 1/2-Pfennig-Tarif galt vom 1.10.1918 bis 1.10.1919. Laut "Hass" erfolgte 1913 eine Ortsnamenänderung von Groß-Borstel nach Hamburg-Großborstel. Kann jemand weitergehende Auskünfte geben, ob sich mit dieser Ortsnamenänderung auch der Status als selbständiger Postort geändert hat?



Eindeutiger NOV von Lokstedt nach Hamburg, Postkarte vom 20.7.1904



Postkarte von Stellingen nach Hamburg vom 26.8.1901

Das sind alle Belege, die ich in den letzten Jahren aus dem Raum Hamburg zusammentragen konnte. Wenn man sich die Übersicht in [#20] ansieht, fällt auf, wie viele Verbindungen ich noch nicht belegen konnte. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn der ein oder andere Mitleser die eine oder andere Lücke mit Belegmaterial füllen könnte. :-)

Beste Grüße,
Bernd
 
volkimal Am: 07.06.2013 18:02:32 Gelesen: 15887# 22 @  
Hallo zusammen,

diesen Nachbarortsverkehr von Berlin nach Charlottenburg findet man vermutlich sehr häufig.



Charlottenburg wurde erst 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet. Daher handelt es sich bei der Karte von 1901 um Nachbarortsverkehr.

Viele Grüße
Volkmar
 
bekaerr Am: 08.06.2013 15:35:42 Gelesen: 15847# 23 @  
Hallo zusammen,

nach einer arbeitsreichen Woche finde ich nun endlich wieder Muße für`s Hobby. :-)

@ volkimal [#22]

Vielen Dank für den Beleg. Nachbarortsbelege zwischen Berlin den Vororten sind in der Tat relativ häufig anzutreffen. Aber wer genau hinschaut, kann auch hier interessante Belege finden:



Brief von Berlin nach Charlottenburg, 29.11.1919. Der Brief konnte trotz intensiver Bemühungen - er wurde mehrfach weitergesandt (an die Postämter Halensee, W. 62, Britz, W. 15 und ein weiteres), bei zwei Postämtern wurde im Verteilerraum ausgerufen, ob jemand den Empfänger kenne - nicht zugestellt werden und wurde daher am 2.12. an das Aufgabepostamt C2 zurück gesandt (Tarif 1.10.1919 - 5.5.1920).

Ebenfalls ein später NOV-Beleg von Berlin nach Halensee vom 23.1.1920, gute drei Monate vor Ende des Nachbarortsverkehrs:



Tarif 1.10.1019 - 5.5.1920

Halensee war als Kolonie nie selbständig, es gehörte stets zu Wilmersdorf, der Postort Halensee genoß den ermäßigten NOV mit Berlin ab dem 1.4.1900.

Über 40 % (ca. 1100 !) aller Nachbarortsverbindungen betrafen das heutige Gebiet von Berlin. Ich bin mir fast sicher, dass ich es allein nicht schaffen werden, für jede Verbindung auch einen Beleg zu finden. Freue mich daher auf weitere Berliner NOV-Belege von Euch!

Beim nächsten Mal werde ich einige Belege der Berliner Vororte untereinander zeigen.

Beste Grüße,
Bernd
 
bekaerr Am: 08.06.2013 15:42:22 Gelesen: 15845# 24 @  
Einen besonders schönen habe ich noch:


 
mumpipuck Am: 09.06.2013 11:06:26 Gelesen: 15793# 25 @  
Hier kann ich noch einen Beleg für den Nachbarortsverkehr Hamburg - Billwärder vom 08.04.1902 nachreichen:


 
mumpipuck Am: 09.06.2013 23:25:10 Gelesen: 15728# 26 @  
Nachfolgend möchte ich noch einen Beleg vorstellen, der zeigt, dass auch die Einwohner der betroffenen Orte sich nicht so sicher waren, wo der Nachbarortsverkehr (NOV) bestand und wo nicht.

Es ist ein Brief von Zollenspieker ins benachbarte Kirchwärder vom 31.12.1901. Er wurde zum Ortsporto frankiert. Der NOV galt zwischen diesen Orten aber erst ab 21.03.1905, weshalb entsprechend Nachporto erhoben wurde. Ab 01.04.1938 gehörten beide Orte zu Hamburg und dort zum Ortsteil Kirchwärder des Stadtteils Hamburg-Bergedorf. Kirchwärder als Poststelle I Hamburg-Kirchwärder 1 und Zollenspieker als Postamt Hamburg-Kirchwärder 2.


 
westfale1953 Am: 10.06.2013 10:49:58 Gelesen: 15689# 27 @  
Hallo Bernd,

ich habe hier eine Ganzsachen-Postkarte von ENDERSBACH nach ??? frankiert mit 5 1/2 Pfg. Diese Portostufe lässt mich vemuten, dass es sich hier um eine Sendung im Nachbarortsverkehr handelt. Ist das korrekt?

Kann jemand den Bestimmungsort identifizieren?



Bernhard
 
Jahnnusch Am: 10.06.2013 11:01:02 Gelesen: 15681# 28 @  
Breitnersbach - gibt es nicht
Beutnersbuch - gibt es nicht
Leutersbach gibt es in Sachsen
 
reichswolf Am: 10.06.2013 13:04:43 Gelesen: 15659# 29 @  
@ westfale1953 [#27]

In einem solchen Fall geht man wie folgt vor: Endersbach in Google suchen. Dann findet man heraus, daß der Ort heute ein Stadtteil von Weinstadt ist, und daß der Nachbarstadtteil Beutelsbach heißt. Da das sowohl zur Portostufe als auch zum etwas unleserlichen Bestimmungsort passt, würde ich damit das Problem als gelöst angehen, besonders wenn man folgendes berücksichtigt:

"Im inneren Verkehr Württembergs (PO für das Königreich Württemberg vom 27. Juni 1892 und vom 21. Mai 1900, Regierungsblatt für das Königreich Württemberg 1892 S.197 und 1900 S. 369) umfasste seit dem 1. April 1900 der Nachbarortsverkehr den Verkehr zwischen Postanstalten, die bis zu 10 km voneinander entfernt waren." (Quelle: wikipedia)

Beste Grüße,
Christoph

PS: Der Stempel von Aichberg passt auch sehr gut ins Bild. Aichberg ist heute eine Nachbargemeinde von Weinstadt.
 
bekaerr Am: 10.06.2013 13:54:42 Gelesen: 15653# 30 @  
@ westfale1953 [#27]

Hallo Bernhard,

beide Orte lagen in Württemberg. Der Bestimmungsort heißt "Beutelsbach" und war zumindest 1910 (für die Jahre danach fehlen mir leider noch Quellen) selbständiger Postort.

Heute gehören beide zu Weinstadt: http://de.wikipedia.org/wiki/Weinstadt

Vorausgesetzt, Beutelsbach war auch 1919 noch selbständiger Postort, handelt es sich auf jeden Fall um einen echten Nachbarortsverkehr. Beide Orte lagen nur ca. 2 km voneinander entfernt. In Württemberg gab es ja bis Mitte/Ende 1919 noch den sog. Oberamtsverkehr, bzw. einen 10 km-Bereich (siehe auch: @ bekaerr [#6])

Gratuliere zu dem Beleg. :-)

@ mumpipuck [#26]

Auch dieser Beleg passt hervorragend zum Thema, da er zeigt, dass nicht nur wir Sammler von heute Probleme mit den Geltungsbereichen haben, sondern auch schon die damaligen Postbenutzer. Im Handwörterbuch des Postwesens (Ausgabe 1927) wird das sehr anschaulich erläutert (besser, als ich es mit eigenen Worten könnte):

"Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland eingetretene ... ständig verdichtende Besiedelung des flachen Landes hatte zur Folge, daß viele politisch selbständige und mit eigenen PAnst. ausgestattete Gemeinden ineinanderwuchsen. Im Verkehr zwischen diesen baulich zusammenhängenden oder unmittelbar aneinander grenzenden Orten bereitete die Abgrenzung der Geltungsbereiche für die Ortsbriefgebühr große Schwierigkeiten, zumal die Grenzen der Zustellbezirke der PAnst eng benachbarter Orte sich häufig nicht mit den Gemeindegrenzen deckten. Es kam daher häufig vor, daß für Teile einer Ortschaft, die zum Zustellbezirk eines benachbarten Postortes, nicht aber mit den übrigen Teilen des eigenen zu einer anderen PAnst gehörenden Ortes die ermäßigte Ortsbriefgebühr galt."

Deswegen wurde der Nachbarortsverkehr eingeführt. Der Beleg von Zollenspieker nach Kirchwärder spiegelt in meinen Augen genau diese beschriebene Unsicherheit wieder. Schön, dass Du auch die weitere historische Entwicklung, das Zusammenwachsen, bzw. Ineinanderaufgehen der beteiligten Orte nachzeichnet. So wird aus einem einfach Beleg echte Post-Geschichte.
 
westfale1953 Am: 11.06.2013 08:30:38 Gelesen: 15586# 31 @  
Guten Morgen!

Christoph und Bernd: Vielen Dank für eure Hilfe! Ich habe bei der Entzifferung des Ortes ebenso Probleme gehabt wie Jahnnusch. Aber dank eurer Hilfe ist ja jetzt alles klar. Ich habe eine weitere Ganzsachen-Postkarte gefunden, die in diesen Thread passen könnte:

GOLDBERG (Schlesien) nach LIEGNITZ 25.10.16



Die beiden Orte liegen auch nur wenige km auseinander. Ist in diesem Fall das Porto (7 1/2 Pfg.) Hinweis auf den Nachbarortsverkehr?

Danke nochmals,

Bernhard
 
bekaerr Am: 12.06.2013 14:42:19 Gelesen: 15527# 32 @  
@ westfale1953 [#31]

Hallo Bernhard,

für Postkarten gab es in der Zeit vom 1.7.1906 - 30.9.1918 keine Ermäßigungen im Ortsverkehr. Eine Postkarte aus diesem Zeitraum kann daher schlecht zur Dokumentation des Nachbarortsverkehrs herangezogen werden, das geht leider nur über Briefe.

Nach meinen Unterlagen gab es aber auch für Briefe keine Ermäßigung zwischen Goldberg und Schlesien.

Freue mich auf weitere Belege!

Bernd
 
bekaerr Am: 15.06.2013 13:42:00 Gelesen: 15401# 33 @  
Hallo zusammen,

passend zu dem Beleg in mumpipucks Beitrag [#26] fand heute folgende Postkarte den Weg zu mir:



Postkarte vom 24.4.1900 von Berlin nach Cöpenick (man beachte die moderne Schreibweise mit "K" in der Anschrift)

Cöpenick ist allgemein als Berliner Vorort bekannt und wird als solcher auch im KBHW aufgeführt. Dennoch reichten die 2 Pf nicht aus, da zwischen Berlin und Cöpenick, das noch dazu in der OPD Potsdam lag, kein ermäßigter Nachbarortsverkehr zugelassen war (und auch später niemals wurde). Der Empfänger mußte daher 10 Pf Nachporto zahlen.

Die folgenden Belege sind dafür echte Nachbarortsbelege, alle zwischen den Berliner Vororten gelaufen.



Baumschulenweg nach Schöneberg, NOV zugelassen ab 30.6.1900



Charlottenburg nach Wilmersdorf, NOV zugelassen ab 1.4.1900



Charlottenburg nach Halensee, NOV zugelassen ab 1.4.1900



Charlottenburg nach Plötzensee, NOV zugelassen ab 1.4.1900



Friedenau nach Steglitz, NOV zugelassen ab 1.4.1900



Grunewald nach Südende vom 23.6.1906. Etwa eine Woche später kosteten Postkarten entfernungsunabhängig 5 Pf (vgl. bekaerr [#32])

Es liegt in der Natur der Sache, dass NOV-Belege von nahe beieinanderliegenden Berliner Postorten immer wieder zu finden sind. Wirklich selten sind hingegen Belege, zwischen weit entfernten Nachbarpostorten. So ist es mir bisher leider noch nicht gelungen, beispielsweise einen Beleg von Oberschöneweide nach Tegel (Zulassung ab 17.12.1910) zu finden.

Beste Grüße,

Bernd
 

Das Thema hat 83 Beiträge:
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