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Thema: Brasilien: Ganzsachen
Cantus Am: 22.03.2014 23:10:08 Gelesen: 2815# 1 @  
Wie die Jungfrau zum Kinde, so in etwa bin ich kürzlich zum Sammelgebiet der brasilianischen Ganzsachen gekommen. Ein Sammlerfreund hatte zunächst geplant, sich mit dieser Materie zu beschäftigen, hatte sich dann aber auf andere Sammelgebiete konzentriert und mir seinen noch recht übersichtlichen Bestand zukommen lassen. Nach intensivem Studium der mir zur Verfügung stehenden Ganzsachenliteratur zu Brasilien habe ich festgestellt, dass es bei diesem Thema in der Zeit bis etwa 1930 eine Vielzahl von Variationen bei den Ganzsachen gibt, es also eine spannende Materie ist, die zu sammeln kaum langweilig wird.

Nach den ersten Zukäufen bin ich nun bereits auf Exemplare gestoßen, die ich nach der Literatur nicht eindeutig bestimmen kann. Ich hoffe deshalb, dass es hier im Forum jemanden gibt, der sich mit dieser Materie etwas besser auskennt als das bisher bei mir der Fall ist.

In allen heute vorgestellten Fällen handelt es sich um Kartenbriefe (K) der Ausgaben 1891/92. Alle drei Kartenbriefe tragen einen Wertstempel im Muster Freiheitskopf zu 80 Reis in rot auf rosa bzw. hellrosa Kartenkarton mit einem vorderseitigen Bild in ultramarin.

Im Ascher-Katalog wird zunächst auf vier Unterarten verwiesen, die sich in der Breite der Anfangsbuchstaben von Carta Bilhete unterscheiden. Ferner gibt es den Unterschied, dass solche Kartenbriefe innen keine Linien oder solche in roter oder blauer Farbe tragen. Darüber hinaus wird auf die unterschiedliche Länge der Textzeilen, auf den unterschiedlichen Abstand einzelner Wörter in den Textzeilen, auf vorhandene oder fehlende Wortklammern und anderes mehr verwiesen, ich kann jedoch an keiner Stelle eine Bemerkung zu markanten Ausfällen bei der umlaufenden Zähnung der Kartenbriefe finden. Möglicherweise ist das häufig bei Kartenbriefen dieser Ausgaben zu beobachten, in meinem Bestand handelt es sich aber bisher um einen Einzelfall. Der Kartenbrief, den ich nach Ascher als K 26b bestimmt habe, sieht so aus:



Weiß jemand etwas Näheres zu den Zähnungsausfällen bei dieser Ausgabe?

Bei den folgenden beiden Kartenbriefen, die vermutlich als K 27 einzuordnen sind, gibt es sowohl nicht katalogisierte Unterschiede in der Kartenbreite zwischen den Zähnungslöchern als auch unterschiedliche Stellungen des oben stehenden Überdrucks. Darüber hinaus irritiert mich der Katalogtext, der da lautet: "Desgleichen (wie z.B. K 26); Fehldruck mit Überschrift BILHETE POSTAL, diese jedoch mit CARTA BILHETE schwarz überdruckt... Nachdem alle vorausgegangenen Überschriften in schwarzer Farbe ausgeführt worden waren, zeigt sich hier jedoch die überdruckte Schrift in roter Farbe; dazu gibt es im Katalog aber keinen Hinweis. Der Überdruck mit CARTA BILHETE ist dann zwar in schwarzer Farbe erfolgt, aber offensichtlich bei jedem Kartenbrief einzeln, denn anders kann ich mir die sehr unterschiedliche Stellung des Überdruckes nicht erklären.





tiefstehender Überdruck



hochstehender Überdruck



Diese Kartenbriefe tragen jeweils rückseitig eine Abbildung mit einem Gebäude, das mit CASA DA MOEDA untertitelt wird. Bei dem einen Kartenbrief K 27 gibt es da jedoch neben der deutlich blasseren Farbe der Abbildung zusätzlich einen markanten Druckausfall in der Mitte der Textzeile; weiß jemand, ob das bei diesen Kartenbriefen häufiger vorkommt?



K 26b



K 27

Viele Grüße
Ingo
 
Gunni Am: 23.10.2014 14:11:36 Gelesen: 2551# 2 @  
Hallo Ingo,

besser spät als nie. :-) Habe durch Zufall heute deinen Beitrag gelesen und kann dir zu deinen Fragen hoffentlich einige Ansätze geben

KATALOG:

ASCHER eignet sich leider nur sehr bedingt zum sammeln und einordnen brasilianischer Ganzsachen (speziell der Kartenbriefe), hier empfehle ich unbedingt den Brasilienteil von Higgins & Gage (Ausgabe 1984) und/oder den "Catalogo de Selos do Brasil 1994 Volume IV - Inteiros Postais", bei letzterem Katalog können sogar die Preise sehr gut 1:1 auf 2014 gerechnet werden, während die Preise bei H&G zu ignorieren sind. Da beide Kataloge einen eigenen Ursprung haben und nicht abgeschrieben wurden, wird man in beiden Katalogen Typen finden, die jeweils im anderen Katalog nicht aufgeführt sind. Die modernen Ganzsachenkataloge von RHM versuche ich wegen vieler Fehler und inflationärem Nummernsystem zu vermeiden.

GESCHICHTLICHES:

Zuerst einige Hintergrundinformationen. Nach Aufhebung der Sklaverei 1888 und Ausrufung der Republik 1889 kam es in kürzester Zeit zum Zusammenbruch einer funnktionierenden Wirtschaft in Brasilien. Während die ehemaligen Sklaven die neuerworbene Freiheit "genossen" (Entstehung des heutigen Karnevals), versuchten Handwerker, Intelektuelle und die (noch existierende) Mittelschicht verzweifelt, ihre Position zu halten. Das hatte auch Auswirkungen auf die "Casa De Moeda" (brasilianische Bundesdruckerrei), 1892 war die Papier- und Ersatzteilversorgung zusammengebrochen und man mußte improvisieren. Das führte dazu, daß die erste Ganzsachenserie der Republik auf den unterschiedlichsten Papieren gedruckt wurde, mit und ohne Linien in verschiedenen Farben, bekam man ein bischen Papier oder Farbe, ging es sofort ab damit in die Druckmaschinen, um die Nachfrage einigermaßen zu decken (hier gibt es angeblich sogar Mini-Auflagen von ca. 100Stück).

Bei den Druckmaschinen war die Situation noch dramatischer, denn Ausfälle waren an der Tagesordnung, Mechaniker und Ersatzteile nicht verfügbar. Erschwerend kam hinzu, daß Personal entweder nicht oder nur unterqualifiziert zur Verfügung stand. Dies führte letztendlich dazu, daß man aus Verzweiflung sogar die Restbestände der Ganzsachen des Kaiserreichs wieder zur Postbeförderung benutzte und begründet auch die unzähligen Varianten der Ausgaben bis 1894.

FRAGEN:

Deine gezeigten Kartenbriefe können alle der Ausgabe vom November 1893 zugeordnet werden. 2 primäre gefärbte Papiersorten wurden für diese Ausgabe genutzt (rosa und blau), leider unterlief dem Setzer ein gravierender Fehler, denn statt "Carta Bilhete" (Kartenbrief) hatte er alle Auflagen mit "Bilheta Postal" (Postkarte) versehen. Damit diese Drucke doch noch benutzt werden konnten, wurden ALLE Drucke nachträglich mit "Carta Bilhete" in schwarz überdruckt. Bis heute ist kein Stück bekannt, daß NUR den Aufdrück "Bilheta Postal" hat. Für alle Auflagen in beiden Farben gibt es markante Abweichungen, die sich vor allem auf die Akzente im Text "Neste Lado So O Endereco" beziehen. Alle anderen Abweichungen würde ich als "Druckzufälligkeiten" auf Grund der problematischen Herstellung einordnen, auch die Zähnungsausfälle, Teildrucke, Druckverschiebungen und Verzahnungen, man mußte ja alles irgendwie verwerten.

Kurz danach und noch im gleichen Monat 1893 wurden dann weitere identische Kartenbriefe gedruckt (wieder auf beiden Papiersorten), die nun das korrekte Wort "Carta Bilhete" trugen und nicht überdruckt wurden.Hierzu hat man aber aus Mangel an Optionen gleich den Überdruckstempel genutzt. Unterscheiden kann man dies, da der rote Unterdruck mit "Bilheta Postal" fehlt. Eine weitere signifikante Unterscheidung ist, daß der Text "Neste Lado So O Endereco" nun in kleinen Buchstaben ausgeführt wurde. Hier gibt es unzählige Varianten, die vor allem wieder die Schrift betreffen (Akzente, Abstände etc.), des weiteren kann man hier bei den Adresslinien zwischen engen und weiten Punktabständen unterscheiden (was wiederum mit den mangelhaften Druckmaschinen zu tun hatte). Die Drucke liefen aber schon deutlich sauberer ab.

Erst mit Portoerhöhung am 01.03.1894 und Eintreffen größerer Mengen an Ersatzteilen sowie neuen Maschinen (soweit mir bekannt aus Österreich)konnte man das Chaos mit der Ausgabe des 200R$ Kartenbriefes vom Juli 1894 einigermaßen in den Griff bekommen. - Diesen kann man als "fast" perfekt bezeichnen, wenn man von der Unterscheidung der Buchstaben absieht.

Ich hoffe, die Ausführungen helfen dir ein bischen zur besseren Orientierung

Gerne stehe ich für weitere Fragen zur Verfügung.

Viele Grüße

Gunni
 
Cantus Am: 23.10.2014 22:16:41 Gelesen: 2527# 3 @  
@ Gunni [#2]

Hallo Gunni,

vielen Dank für deine Ausführungen. Der Higgins & Gage ist vorhanden, da aber hier im Forum die meisten Sammler - wenn überhaupt - nur den Ascher besitzen, nehme ich bei der Beschreibung von Ganzsachen außereuropäischer Gebiete vorrangig darauf Bezug. Wo aber bekomme ich den von dir zitierten "Catalogo de Selos do Brasil 1994 Volume IV Inteiros Postais" her? Oder andere brasilianische Kataloge, die Ganzsachenbeschreibungen enthalten? Dabei interessieren mich durchaus auch die neueren Ausgaben, denn einige moderne Aerogramme habe ich inzwischen in meine Sammlung einfügen können.

Meine Sammlung ist zwischenzeitlich um einiges gewachsen, allerdings stelle ich zunehmend fest, dass das Angebot im Netz (Ebay Deutschland und USA, delcampe oder der Händler Jim Forte) kaum noch neues Material anbieten, gleiches gilt für die vereinsgebundenen Rundsendungen, die mich erreichen. Wie also, ohne nun gleich der ARGE Brasilien beitreten zu müssen, kann ich an weiteres Material kommen? Ich will ja nicht immer nur die Spitzenstücke haben, denn auch im einfachen Bereich fehlt mir noch allerhand. Wenn du Vorschläge für mich hast, dann melde dich doch bitte bei mir; meine Mailadresse ist hinterlegt.

Viele Grüße
Ingo
 
Fips002 Am: 15.12.2014 18:54:12 Gelesen: 2373# 4 @  
Von mir ein Ganzsachen Umschlag Nr. 6a, Ausgabe 1889/90, gelaufen von Rio de Janeiro, 23.März 1889, über Marseille nach Magdeburg. Ankunft in Magdeburg am 16. April 1889 (Rückseite). Empfänger war der Geheimrat Druson in Magdeburg-Buckau



Gruß Dieter
 
Fips002 Am: 28.12.2014 17:56:52 Gelesen: 2315# 5 @  
Der Ganzsachen Umschlag Nr. 14 Typ II, Ausgabe 1894,wurde als Einschreiben im Gebiet Parana am 11.Juli 1899 aufgegeben. Von Rio de Janeiro am 23. Juli 99 mit dem Schiff nach Lissabon befördert und von dort ging der Brief auf dem Landweg nach Helmstedt. Ankunft in Helmstedt am 11.8.1899.



Gruß Dieter
 
Cantus Am: 30.12.2014 01:43:41 Gelesen: 2270# 6 @  
Hier ein Umschlag zu 200 Reis, Ascher U 10, Type I, Variante c, gelaufen am 6.8.1893 per Einschreiben mit Zusatzfrankatur von Uruguayana [1], einer Stadt im Süden von Brasilien und an der Grenze zu Argentinien, nach Buenos Aires.



[1] https://es.wikipedia.org/wiki/Uruguayana

Viele Grüße
Ingo
 
Fips002 Am: 31.12.2014 12:14:40 Gelesen: 2229# 7 @  
Ganzsachen Postkarte Nr. 36a, Ausgabe 1908. Diese Gedenkkarte wurde verausgabt zur Jahrhundertfeier der Eröffnung der brasilianischen Häfen.



Gruß Dieter
 
Fips002 Am: 09.01.2015 14:04:07 Gelesen: 2140# 8 @  
Die Ganzsachen Karte Nr.33, Ausgabe von 1907 wurde von Santos, 13.Mai 1909 nach Leipzig geschickt. Geschrieben wurde die Karte am 11.Mai 1909 an Bord des Dampfers "Antonina".



Dampfer ANTONINA

Gruß Dieter
 
10Parale Am: 25.05.2015 20:48:33 Gelesen: 1807# 9 @  
@ Cantus [#1]

Habe mich heute abend in dieses interessante Thema eingelesen. Hier mein bescheidener Beitrag, heute in einem Flohmarktkarton gefunden. Erwähnenswert finde ich das das Sternbild "Kreuz des Südens", was wir hier in Europa nicht sehen können, im Bild dieser Ganzsache erscheint.

Liebe Grüsse

10Parale


 
Cantus Am: 26.05.2015 02:13:26 Gelesen: 1780# 10 @  
@ 10Parale [#9]

Hallo,

da hast du recht, es ist interessant und außerordentlich spannend, sich mit den vielen Unterarten der frühen brasilianischen Ganzsachen zu beschäftigen. Dein Kartenbrief dürfte wohl K 31 Type II sein (breites C und breites B bei CARTA BILHETE). Zusätzlich gibt Ascher hier noch zwei Varianten der zweiten Textzeile an: Der Anfang von "(CARTE LETTRE)" links unter dem T von CARTA oder direkt darunter; bei deinem Kartenbrief sehe ich da die zweite Variante.

Von mir heute ein Streifband zu 20 Reis, das mit reichlich Zusatzfrankatur von insgesamt 80 Reis nach Zschopau gelaufen ist; leider ist der Stempel so stark verschmiert, dass weder Abgangsort noch Stempeldatum einwandfrei zu entziffern sind. Das Streifband trägt einen Wertstempel zu 20 Reis in dunkelgrün, der Freiheitskopf genannt wird. Der rückseitige Klebeverschluss ist spitz geformt. Nach Ascher-Katalog kam diese Sorte Streifband im Jahr 1907 zum Verkauf. Durch den Scan ist die Papierfarbe etwas verfälscht, korrekt trifft hier die Bezeichnung dunkelsämisch zu; danach lautet die Katalogbezeichnung auf S 10c, gedruckt in New York.



Viele Grüße
Ingo
 
wuerttemberger Am: 26.05.2015 10:50:16 Gelesen: 1751# 11 @  
@ Cantus [#10]

Ich lese als Aufgabestempel Blumenau.

Gruß

wuerttemberger
 
Cantus Am: 26.05.2015 14:55:10 Gelesen: 1732# 12 @  
@ wuerttemberger [#11]

Hallo,

danke für den Hinweis. Ich hatte einfach nur schlecht gelesen und den Teilstrich vor dem B nicht so interpretiert. Blumenau ist von der Sache her auch nachvollziehbar, da die Stadt als eine der großen deutschen Kolonien in Brasilien entstanden war [1].

Viele Grüße
Ingo

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Blumenau_%28Brasilien%29
 
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