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Thema: Deutsches Reich Feldpost WK 2 Familie Frettlöh aus Marburg
Das Thema hat 102 Beiträge:
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DERMZ Am: 09.08.2025 05:44:59 Gelesen: 8002# 78 @  
Guten Morgen,

ich erlaube mir, Erich Kästners Buchtitel etwas zu "verfremden" - mein Titel lautet "Emiel und die Detektive", Emiel hat wieder beste Hilfe gegeben, selbst war ich der Verzweiflung nahe - so können wir dieses Stück Papier zeitlich zuordnen, der Zettel war im Umschlag vom 21.Februar 1945 enthalten.



Es muß Januar/Februar 1944 gewesen sein, als Albert an seine Eltern schrieb:

Liebe Eltern!
Bitte wascht den Schlafanzug und schickt ihn mir
zurück. Feldpostmarken schicke ich im Brief. Die
Fissanpaste [1] brauche ich nicht, denn ich habe ja die andere
Dose schön in meinem Spind wiedergefunden. Den
Käse könnt ihr hoffentlich noch gebrauchen. Nun viele
Grüße Euer Albert.


[1] Im Brief vom 31. Januar 1944 (Beitrag [#9]) schrieb Albert ebenfalls von der wiedergefundenen Fissan-Paste und seinem Schlafanzug, ich vermute als Schreibdatum eher den Februar ...

Viele Grüße und besten DANK an Detektiv Emiel sendet Olaf
 
DERMZ Am: 10.08.2025 00:26:27 Gelesen: 7930# 79 @  
Guten Morgen,

Albert war noch einmal in Marburg auf Urlaub und ist nun wieder zurück in seiner Stellung in Obervellmar ...





O.V., den 18.2.45.
Liebe Eltern!
Na nun bin ich wieder in dem alten Schlamassel,
es ist alles beim alten geblieben, und die paar
Wochen hält man es auch noch aus. Am Donnerstag
hatte ich einen schönen Sitzplatz bis Kassel, wo ich um
1000 ankam. Dort bekam ich einen Personzug nach
Warburg, der fast nur aus Güterwagen bestand und
mit Flüchtlingen überfüllt war. Es waren hauptsächlich
Leute aus Aachen, die nach Sachsen evakuiert worden
waren, und jetzt ins Ruhrgebiet wollten. Die waren
vielleicht „guter“ Stimmung. Bei uns sind inzwischen
8 Luftwaffenhelfer entlassen worden, wie es mit uns
steht, ist ganz unklar. Das Gebiet hat uns jetzt allen
einen Einberufungsbefehl zum W.E.-Lager mit Volks-
sturmausbildung geschickt. Ich habe eine Einberufung
zum Wehrertüchtigungslager Homberg/Efze vom
6. März bis 17. April. Ich sage aber nur – Abwarten. -
Denn alle können wir aus Einsatzgründen unmöglich
fort. Es gehen auch wieder Stellungswechselgerüchte
herum, aber was kann man denn da glauben.
Zum Schlusz danke ich Euch für Eure Briefe vom
30.12.44 und 26.1.44, die ich hier vorfand und scheide
mit vielen Grüszen
Euer Albert.

./.

N.S. Schreibt mir bitte die genaue Adresse von Hilde
und Tante Josepha, ich habe sie vergessen mitzunehmen.


Von Tante Josepha werden wir demnächst lesen ...

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 11.08.2025 00:59:11 Gelesen: 7866# 80 @  
Guten Morgen,

wie schon angekündigt, Tante Josepha schreibt an Alberts Mutter Elsa ...





Wattenscheid-Hontrop
Vinzenzhaus. Wattenscheid 21.2.45
Liebe Else!
Besten Dank für Deinen l. Brief,
hoffentlich seid Ihr alle gesund. Ich
bin in Höntrop bei den Schwestern
im Vinzenzhaus untergekommen, nachdem
ich zum 2. mal total beschädigt u.
obdachlos geworden bin. Ich habe
viel verloren, meine Kleider, Wäsche
Betten, Wolldecken alles. Jetzt mache
ich mir große Sorgen um meine
Sachen, die bis jetzt noch da sind.
Auf der Commerzbank habe ich noch
2 Koffer voll Wäsche u. Stoffe, 1
Paket ebenso u. 1 Schließfach.
In Sassendorf habe ich den Koffer
von Euch, ganz voll Sachen, auch Decken.
Es ist alles heute sehr wertvoll,
da es bestimmt in Jahren nach
dem Kriege an allem mangelt.
Ich hätte es Euch lieber gegönnt,
als daß es hier zu Grunde geht.
Hoffnung habe ich keine mehr, der
Wiederstand der Soldaten verlängert
den Krieg ins Uferlose, jeder

./.

Tag bringt neuen Bombenterror,
immer weitere Städte werden in
Grund u. Boden ruiniert, (siehe Dresden)
es kostet unzählige Menschenleben.
So sehr man die Engländer auch
verabscheut, so glaube ich doch, daß
jener englische Offizier nicht Unrecht
hatte, der behauptete, ganz Deutschland
sei von einem finsteren Wahnsinn
befallen. Wo soll das hin, wenn
der Krieg noch 1 Jahr dauert, oder
noch länger. Wir sitzen hier hier
Tag u. Nacht im Keller, Alarm
von Morgens bis in die Nacht.
Liebe Else, Du machst Dir sicher
Sorgen um Deine Mutter u.
Verwandten, hoffentlich sind sie
in Sicherheit. Wenn der Krieg
im Sommer zu Ende gewesen wäre,
so wäre uns ein Meer von Blut
u. Tränen erspart geblieben.
Schreibe mir doch bald mal wieder,
was macht Albert, hoffentlich bleibt
er nicht mehr lange in Kassel.
Mit herzlichen Grüßen an Euch alle
Eure
Josepha.


Hier noch ein altes Bild des St. Vincenz Haus in Höntrop



Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 12.08.2025 03:40:20 Gelesen: 7754# 81 @  
Guten Morgen,

nach Tante Josepha meldet sich weitere Verwandtschaft bei Familie Frettlöh, wer es genau war, kann ich nicht sagen ...





1.III.45
Liebe Tante Käthe!
Daß auch Du Dein Liebstes und Letztes in diesem
grausamen Krieg hergeben mußtest, hat uns aufs
Tiefste erschüttert und in innigster Teilnahme sind
unsere Gedanken bei Dir. Wir glaubten und hofften,
daß Du zum Ausgleich für alles Schwere und Schreck-
schon
liche, das Du durchgemacht hast, Werner erhalten
bleiben würde und empfinden nun doppelt den Schmerz
mit Dir. Muß solch ein prächtiger Mensch in der Erfüllung
seines Lebens dahingehen und für wen, warum?
Es kommt einem alles so sinnlos vor, und an die
Zukunft denkt man bloß mit Schaudern, die frommen
an ein besseres Jenseits
Menschen suchen wohl nach Trost in ihrem Glauben.
Ich ziehe so oft Vergleiche mit den letzten Kriegsjahren
17 u. 18! Mit Heinz fing's an, dann folgte Onkel
Reinhard und so kam Schlag auf Schlag für
unsere Familie. Und in diesem Krieg? Die ersten
haben
Jahre waren für uns auch erfolgreich vor Verlusten
bewahrt bis nun letzten Herbst, wo Muttchen
fürchte
wieder zuerst betroffen wurde denn ich glaube nicht

./.

daß Willy noch lebt, und nun hast Du, liebe Tante
bist Du, liebe Tante um Dein letztes Lebensglück betrogen.
werden wir von Ostpreußen sagen
Und was steht uns allen noch bevor? Wir sind in
solcher Sorge um Muttchen, die letzte Post von ihr
ist vom 13. Dezember. Als ich Deine Schrift im Briefkasten
unseren Verwandten
sah, hoffte ich schon, etwas von Ostpreußen zu erfahren.
sie alle
Wir fürchten, alle unsere Verwandten sind nicht fortge-
rechtzeitig gerannt und in die Hände der Bolschewisten
gefallen. Man kann sich das Elend gar nicht vorstellen,
wenn nur der 10.Teil von dem wahr ist, was sie im
Radio bringen, ist es schon schlimm genug. Ach, liebe
Tante, solltest Du etwas erfahren, vielleicht durch
Evi oder Onkel Benjamin, teile es uns auch mit,
die Ungewißheit um Muttchen ist das, was uns am
meisten bedrückt, wenn unser Leben Sorge um die
Kinder haben wir auch, um Albert, wenn der Wehrmachts-
bericht Angriff auf Kassel bringt und um Hilde, wenn
die Tiefflieger die Bahnstrecken um Marburg angreifen
und dadurch schon mancher Schaden und Menschenverlust
eingetreten ist verursacht ist, aber bisher ist ja noch
gegangen
alles gnädig verlaufen. Wir selbst sind der Front schon
ziemlich nahgerückt, oft haben wir Alarm und in

./.

allerletzter Zeit auch Angriffe, besonders auf das Bahnhofsviertel.

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 13.08.2025 17:58:04 Gelesen: 7626# 82 @  
Guten Nachmittag,

Der Großvater meldet sich und berichtet von der Flucht aus Böttchersdorf:



Rohmalm
Bei Frau Bleifuss
Buchhorst
bei Belgard
Bz. Köslin

Buchhorst, 8km ab Belgard, 2.3.45
Liebe Else! Am 26.1. 9 Uhr sind wir geflohen in Richtung
Pr Eylau, Heiligenbeil. Am 6.2. vorm. ging ich mit 5 Polen
die unsere Fuhrwerke lenkten von Kl Dexen Kr. Pr. Eylau
nach einem abseits gelegenen Hof um Heu für die Pferde
zu holen, auf dem Rückweg konnte ich ihnen auf dem
vereisten u. steilen Weg nicht schnell genug folgen, als
ich auf den Halteplatz kam, waren die Fuhrwerke
mit ihnen auch Mutter, meine Schwester u. sämmtliche
Leute fort. Ich ging in Richtung Heiligenbeil ihnen nach
konnte sie aber nicht einholen noch finden. Ich nehme an, daß,
als in dem fürchterlichen Gedränge der Fuhrwerke eine Lücke
./.
entstand, der Gendarm sie in diese
anhalten liest u. sie in dem
Gedränge irgendwo in die Enge
u. unter Feindbeschuß kamen,
die Polen fortliefen u. ihrem
Schicksal überließen. Ich bin zu Fuß
mit Wagen, Kutter, Dampfer & Bahn
über Heil. Haff, Rosenbg. Pillau
Neufahrwasser u. Belgard gekommen
Grüße
Vater

Ohne die Hilfe von Emiel und Volkmar, würde ich noch Tage und Wochen an dieser Karte sitzen, ein herzliches DANKESCHÖN an die beiden. Volkmar war so nett und hat die betroffenen Orte noch auf einer alten Karte markiert - diese ist hier angefügt



Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 15.08.2025 04:09:37 Gelesen: 7501# 83 @  
Guten Morgen,

Albert meldet sich ein letztes Mal vor Kriegsende bei seinen Eltern ...



O.V., den 3.3.45.
Liebe Eltern!
Nun haben wiederum zwei Angriffe auf Kassel stattgefunden, und der
Bahnbetrieb ist wieder fast völlig lahmgelegt. Uns selbst haben beide Angriffe
nichts ausgemacht, wir haben geschossen, aber wahrscheinlich nichts ab=
geschossen. Beim Angriff vom 28. bekam Obervellmar eine ganze Menge
Brandbomben ab, und wir wurden ins Dorf abbeordert um zu löschen, wo
ich bis zum späten Abend blieb. Heute und auch in den letzten Tagen setzt
ja der Tommy seine gesamte Luftmacht ein, um seine und ebenso die russische
Offensive zu unterstützen. An der Westfront ist ja auch der Gegner
schon erschreckend weit vorgedrungen, und an der Ostfront ist die Lage auch
ziemlich ernst. Wir haben jetzt andauernd Feuerbereitschaft, man kommt zu
Garnichts, wenn man ein paar Stunden geschlafen hat und gesättigt ist, kann
man sich freuen. In der vorletzten Nacht fiel hier ganz in der Nähe eine Bombe von
einem Fernnachtjäger, während wir im Bett lagen. Mit dem Essen wird es bald
knapp werden, mit Kartoffeln ist es in der Batterie bald Ebbe, Brot geht noch,
Butter sehen wir überhaupt nicht mehr, dafür Margarine, an die ich mich
schon ganz gewöhnt habe. Der Ostpreusze übrigens, den wir hier haben, und
dessen Mutter irgendwo im Ermland[1] gewesen war, hat jetzt Nachricht von
ihr bekommen, sie ist in der Gegend von Magdeburg untergebracht. Nun ist
es wieder Unteroffizier Wodrich, der seine Sorgen hat, denn seine Mutter
war eben bei Stolp gewesen, und da ist doch jetzt der Russe durchgebrochen.
So hat jeder schon sein Päckchen zu tragen, und wer weisz, wie es uns noch
gehen wird. Heute war ein alter Stubenkamerad aus der Batterie Niedervellmar
hier, der damals mit Hartmut Börsch zusammen entlassen wurde und noch
immer zu Hause ist. So ein Glück müszte man auch haben. Gerade heiszt
es: „Schneller Kampfverband im Anflug.“ Da will ich jetzt schlieszen, um noch
was zu essen, bevor es Feuerbereitschaft gibt. Woran liegt es eigentlich, dasz
ich von Euch keine Post bekomme? Also in der Hoffnung, dasz dieser
Umstand sich bald ändere schliesze ich mit vielen Grüszen
Euer Albert.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Ermland#:~:text=Das%2520%C3%B6stlich%2520der%2520unteren%2520Weichsel,ein%2520Bistum%2520innerhalb%2520des%2520Deutschordensstaats.

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 16.08.2025 02:13:49 Gelesen: 7390# 84 @  
Guten Morgen,

September 1945 - der Krieg ist beendet, die Leiden groß - schreckliche Nachrichten von der Großmutter ... wie der Brief befördert wurde und wann er Marburg erreichte, ist leider nicht feststellbar - zumindest ist er beim Empänger angekommen ...





Abs. M. Romahn Rieben Zollhaus
Kr. Lauenburg

Rieben [1] d. 2.9.45
Kr. Lauenburg
Liebes Elschen, wenn Dich
doch diese Zeilen erreichen möchten,
und Du mir helfen könntest, hier
heraus zu kommen. Seit Ostern
sitzen Tante Lenchen und ich hier als
Flüchtling, ich bin schwer krank
gewesen, bin es auch noch, für die
Flüchtlinge wird nichts getan, wir
ernähren uns nun durch bettlen.
Hier sind nur Polen u. Russen
u. ein paar deutsche Familien
wir besitzen nichts mehr, wir

./.

sind vollständig ausgeplün-
dert, keine Wäsche, keine
Betten, nur das, was wir
auf dem Leibe tragen, was die
Spuren der Landstraße schon
sehr trägt. Ob Vater sich mag
gemeldet haben? Wenn dieser
Brief sollte in Deine Hände ge-
langen, setze Dich doch mit den
andern Verwandten in Verbin-
dung, mit Mühe u. Not bekommen
wir hier Schreibmaterial
Von Ostpreußen hören wir
nichts, könnt Ihr uns vor-

./.

läufig aufnehmen, wir sind
vollständig mittellos, unsere
15 Pferde wurden in Tillau [2] und
durch Bombenstreich getötet.
all die Schrecken des Krieges
sind über uns dahin gegangen,
was habe ich mich nach Euch
allen gesehnt! Seid alle
Viel tausend gegrüßt und
wenn es ein Wiedersehn
nicht mehr geben sollte, so lebt
wohl, Gott schütze und behüte Euch
und uns alle.
Deine Mutter

./.

Adresse Rieben Zollhaus
Kr. Lauenburg
Auch herzl Grüße an Euch Lieben Alle
u. Gottbefohlen
In Liebe
Frau Martha Rohmahn
Geb. Graap geb. 1.3.1868
Böttchersdorf, Kreis Bartenstein
Ostpreußen
Frl. Magdalene Rohmahn
Geb. 11.11.1875.
Wieren 27 Kr. Uelzen
Bez. Lüneburg
bei Bann Bauck

[1] heute: Rybno (Gniewino)
[2] heute: Tyłowo

Viele Grüße und ein besonderer DANK an Emiel und Volkmar von Olaf
 
DERMZ Am: 16.08.2025 09:00:11 Gelesen: 7360# 85 @  
Guten Morgen,

unter dem tiefen Eindruck des Hilferufs der Großmutter, wäre fast das Lebenszeichen von Albert versäumt worden.



Albert ist am 29. April 1945 in einem amerikanischen Gefangenenlager irgendwo in Frankreich registriert worden, er hat den Krieg überlebt!

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 17.08.2025 01:48:05 Gelesen: 7253# 86 @  
Guten Morgen,

Großmutters Brief ist in Marburg angekommen, wann wissen wir nicht, aber Alberts Vater wendet sich an das Rote Kreuz in Stettin bzw. Berlin



An das Rote Kreuz Stettin (Berlin)
Hiermit richte ich an Sie die dringende
Bitte, für 2 alte Frauen von 77 und 70
in einem entsetzlichen Elend
Jahren, welche hilflos und verlassen an der der
Ostpommerischen Grenze sich befinden, die
richtigen Schritte zu tun, damit sie aus dem
entsetzlichen Elend in welchem sie sich befinden

hierher zu uns gelangen können.
Es handelt sich um:
1. Die Mutter meiner Frau, Frau Martha
Romahn, geb. Graaß, geb. 1.3.1868, zuletzt
Bauernhofsbesitzerin in Böttchersdorf, Kreis
Bartenstein in Ostpreussen;
2. deren Schwägerin, Frl. Magdalene Romahn
geb. 11.11.1875.
Die beiden Frauen sind auf der Flucht
im letzten Januar von Ihrem Mann bzw. Bruder

./.

getrennt worden, und durch Zufall ist
jetzt kürzlich ein dürftiges Lebenszeichen
von ihnen, datiert vom 2.9.45, an uns
gelangt. An diesem Tage war ihre Adresse
Rieben, Zollhaus, Kr. Lauenburg.
Welche Schritte zu tun sind, um
die beiden alten Frauen aus ihrer fürchter-
lichen Lage zu befreien, werden sie ja
am besten beurteilen können. Für die
Kosten komme ich auf.
Darüber hinaus aber würden Sie
uns, insbesondere meine Frau, zu un-
auslöschlichem Dank verpflichten.
Mit dieser Versicherung zeichne ich
ergebenst


Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 18.08.2025 00:09:48 Gelesen: 7159# 87 @  
Guten Morgen,

... und es gibt ihn, den Inhaltslosen Umschlag:



Was auch immer Heinz Klein mitgeteilt hat, wir werden es wohl nicht erfahren. Ich zeige den Beleg dennoch, weil er meiner Ansicht nach einen interessanten Stempel über die Zustellgebühr trägt:



Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 18.08.2025 09:21:32 Gelesen: 7096# 88 @  
Guten Morgen,

da es im letzten Brief nichts zu lesen gab, mache ich mit einer Postkarte aus Goldberg weiter - die Großmutter ist auf der Flucht verstorben ...



z.Zt. Goldberg Pommern
M. Romahn
3 b. Fr. Frieda
Meÿenburg Mühlen
Str. I


Frau Else Frettlöh
Dipl.Ing.
16 Marburg an
der Lahn
Rosenstr. II ?


Goldberg, d. 25.10.45
Mein l. Elschen! Du wirst Dich wundern von
mir Nachricht zu erhalten. So schwer es mir
wird muss ich Dir mitteilen das dein l.
Muttchen am 4.10. heimgegangen ist. Sie woll-
te Dich noch besuchen aber die Aufregun-
gen u. Anstrengungen auf der Flucht sind
zu viel gewesen, bis Angermünde sind wir
gekommen auf dem Friedhof hat sie ein Plätz-
chen gefunden. Nun bin ich von unserm gan-
zen Treck allein übrig geblieben u. dazu alles
verloren, das man kaum Wäsche hat zu wechseln.
Ich hoffe das Ihr noch ein Plätzchen habt den
es ist nicht leicht wenn man kein Dach überm
Kopf hat u. die Flüchtling werden nicht gern
gesehn. Liebes Elschen es liese sich erzählen
zum Winter keine warme Sachen

./.

nun läst es sich
nicht machen. Ich möchte
dir auch die Rechnung
habe kein Papier nebst
Umschlag, ausgelegt hab
ich 119M 50₰ . wenn es die
Gelegenheit bietet dann
schickst es mir bitte sei mir
deswegen nicht böse. Wie
lange ich hier bleibe
weiss ich nicht. Vielleicht
schreibst mir ob Du diese
Karte bekommen hast.
Es grüszt Euch Alle herzl.
Deine Tante Magdalene


Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 09.09.2025 07:59:25 Gelesen: 6266# 89 @  
@ DERMZ [#81]

Guten Tag,

zwischenzeitlich konnte ich die Absenderin in Hamburg identifizieren, es war Kaethe Rohman, Gosslerstraße 63 in Hamburg, es ist die Schwester von Else Frettlöh. Sie schreibt einen weiteren Brief im November 1945 mit ihrer Adresse. Dieser folgt in der nächsten Zeit.

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 11.09.2025 02:44:04 Gelesen: 6092# 90 @  
Guten Morgen,

der eigenen Verzweiflung recht nahe, bekam ich wieder die unbezahlbare Hilfe von Emiel und Volkmar, beiden sei herzlich dafür gedankt. Heute zeige ich den im letzten Beitrag erwähnten Brief von Tante Kaethe aus Hamburg:





Abs. K. Rohman, 24 Hamburg 20
Gosslerstr. 63


Hamburg d. 2.11.45
Mein liebes Elschen! Habe vielen Dank für
Deinen lieben Brief u. daß Du mir sogleich
hast Nachricht zukommen lassen wo Muttchen ist
und wir sie suchen können. Wir Alle sind ihret=
wegen in großer Sorge gewesen, u. mit
Erschütterung habe ich ihre Zeilen gelesen. Was
haben nur müssen die Ärmsten ausgestanden haben
u. arg durchmachen u. es ist vorläufig vielleicht
garnicht möglich ihnen helfen zu können. Ich habe
sofort eine Karte unter der angegebenen Anschrift
Rieben. Zollhaus. Kr. Lauenburg zur Post
gegeben u. am nächsten Tage bekam ich sie zurück
mit dem Vermerk: unbestellbar! Bin heute sogleich
zur Post gegangen um Erkundigung darüber
einzuholen und man findet den Ort: Rieben
nicht u. was macht man nun? Zuerst nahm ich
an Muttchen wäre in Lauenburg welches ganz

./.

Von den Abschenberger fehlt auch noch jede Spur ebenfalls von den
Wierener

./.

in der Nähe von Hamburg ist aber sie wird
im Kr. Lauenburg in Pommern sein u. selbiges ist doch
unter polnischer Herrschaft. Herrgott wenn man
ihr nun doch nur helfen könnte, nun stehen die beiden
Frauen mittellos da u. in dieser Jahreszeit es ist
nicht auszudenken dieses Elend. Habe sofort an
Vater geschrieben, der in Wieren, Kr. Ülzen Bez.
Lüneburg ist u. dort so einigermaßen bei einem
Bauern untergekommen ist. Vor kurzem war Lotte
Romahn hier, die mit ihren 3 Kindern in Württemberg
untergekommen ist u. besuchte von hier aus Vater.
Von Onkel Benjamin habe ich schon seit Februar
keine Nachricht. Er war mit seiner Familie im
Erzgebirge evakuiert u. werden wohl jetzt unter
den Russen sein. Am besten geht es Familie
Okrasie, die hier glücklich zusammen u. haben es
bis jetzt ins Lazarett wo Erich beschäftigt ist sehr

./.

Auch an Okrasie habe ich Muttchens Anschrift geschickt wenn doch nur
Post durchgehen würde.

./.

gut. Lottchen weiß allerdings nicht wo ihr Mann
ist. Erich hat sich um eine Arztstelle in Aurich be-
worben hoffentlich glückt's denn was er jetzt im
Lazarett bekommt reicht ja nicht zum Lebensunterhalt,
die armen Ostpr. sind zu hart betroffen u. ihre Heimat
werden sie wohl nicht mehr wiedersehen; und sie
fühlen sich so unglücklich in der Fremde, Danke Dir
noch herzlich liebes Elschen für deine liebevolle
Teilnahme bei dem unsagbar schweren Schicksals-
schlag der mich durch den Verlust meines lieben
unvergeßlichen Jungen betroffen hat. Nur wofür
hat er sein junges hoffnungsvolle Leben dahin geben
müssen, wie grauenvoll ist dieser ganze Zusammenbruch.
Hier bin ich ganz unten und verlassen, meine
ganze Wohnung ist mit fremden Menschen belegt 5
an der Zahl, man hat mir nur 1 Zimmer gelassen. Ich
kann nicht mal meine Verwandten aufnehmen

./.

weil kein nicht ansässiger Hbg. Lebensmittelkarten
erhält, die Lebensbedingungen hier für die Großstädter
sehr ungüngstig. Vor dem Winter habe ich ein Grauen
es gibt keinen Heizstoff, Gas haben wir gottlob seit
dem 22.10. Solange habe wir uns kümmerlich behelfen
müssen. Es freut mich liebes Elschen, daß es Dir
u. Deiner Familie gut geht u. Ihr alle gesund seid.
Was gedenken nun Deine Kinder für einen
Beruf zu ergreifen, sie studieren doch beide nicht
mehr. Und in Deiner Wohnung hast Du auch keine
Einquartierung? Dann sei froh. Sobald Du etwas
näheres über Muttchen erfährst, dann schreibe es mir
doch bitte. Ich hoffe doch daß Dich dieser Brief erreicht. Meinen
damaligen vom März scheinst Du nicht erhalten zu
haben. Nun wollen wir nur hoffen u. wünschen, daß
es gelingen möchte Muttchen zu helfen. Mit vielen
herzlichen Grüßen an Dich, Hubert u. die Kinder
bin ich in Liebe Deine Tante Kaethe.



Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 16.09.2025 05:53:36 Gelesen: 5848# 91 @  
Guten Morgen,

@ DERMZ [#80]

Tante Josepha aus Wattenscheid schreibt ausführlich nach Marburg über sich und ihre aktuellen Gedanken ...



ABS IOSEPHA FRETTLÖH
21 WATTENSCHEID
BISMARCKPLATZ 2
GERMAN



Wattenscheid 3.11.45
Meine Lieben!
Euren l. Brief erhielt ich in diesen Tagen
u. hatte ihn Frau Jahn jemand mitgegeben
welcher nach Dortmund fuhr, sodaß ich ihn von
da zugeschickt bekam. Jetzt soll ja der
Postverkehr direkt gehen, sodaß man nicht
mehr auf Umwegen zu schreiben braucht.
Die Briefe nahm zuerst ein Kirmeßonkel mit
welcher mit seinem Karousell im Hessischen
herumfuhr, der nahm bald die ganze Corre-
spondenz von W. mit, hat aber alles
gut besorgt. Was heute nicht alles gemacht
werden muß, es ist der reine Roman.
Jetzt kann man auch ins Russische Gebiet
schreiben, da habe ich leider Gottes meine
besten Lieferanten. Wie lange mögen die
Briefe laufen? Die Firmen vertrösten
einem teilweise auf das Frühjahr 1946
u. das wird auch wohl das Richtige sein,
wenn es dann nicht besser ist, wird es
wohl Niemals besser werden. Dieser elende
Krieg, welch ein Glück wäre es gewesen,
wenn der Putsch im Juli [1] Erfolg gehabt
hätte, die meisten Städte wären noch
heil, Millionen Menschen lebten noch u.
ich hätte auch mein Hab u. Gut noch, es
ist bestimmt zum Weinen.

[1] - gemeint ist die Operation „Walküre“ vom 20.Juli 1944



Ich wohne noch bei Bekannten möbliert, ich habe
ja kein eigenes Bett u. Decken, die Bett-
federnfabrik ist wegen Kohlenmangel noch
nicht wieder im Gang. Das Inlett ist ja
bei Euch in guter Hut, sehr verlegen bin
ich um die Schuhe, ich habe nur das Paar
welche ich anhabe, u. die sind durch, wenn
ich sie machen lasse, muß ich Leder mit-
bringen. Ihr sollt sie aber nicht schicken
es wäre schrecklich, wenn das Paket verlo-
ren ging. Vielleicht kommt mal einer hin.
Ich käme ja selbst gern, aber bei den
überfüllten Zügen kann ich nicht fahren.
Hoffentlich ebbt der Verkehr ab, wenn die
Hamsterei aufhört. Die Leute fahren we-
gen ein paar Kartoffeln oder Äpfel bis
ans Ende der Welt, Hunger tut weh,
es ist traurig. Wenn ich nach dort käme
könnte ich etwas Lebensmittel mitbringen
Hermann aus Münster schrieb mir, ich
sollte mir Obst bei ihm abholen, ich
kann aber nicht hinfahren, so gerne wie
ich ein paar Äpfel hätte, denn ich habe
in diesem Jahr noch keinen Apfel gesehen,
u. bei den Bauern verfault das Obst,
es ist schrecklich.

./.

Ich befürchte, daß Hermann viel Zeit zum
Reisen hat, hoffentlich ist er nicht abgebaut.
Ich habe es denen genug gesagt, sie sollten
sich nicht so bemerkbar machen in der Partei
denn daß die Sache ein Ende mit Schrecken
nahm, das habe ich ja immer prophezeit,
das wißt Ihr auch u. ich bin froh, daß
ihr in nichts drin wart. Am meisten
Sorge habe ich mir um Albert gemacht,
ist es nicht himmelschreiend solche Kinder
in den Krieg zu schicken? Der Himmler
hat ja mal geredet, er würde sich nicht
bedenken 14 Jährige Knaben alle in den
Krieg zu tun, wenn die alten Germanen
auf der See fuhren, hätten sie, falls
das Schiff zu schwer würde, diese Jungen
alle ins Wasser geworfen. Der Himmler
dieses Scheusal ist auch noch viel zu gnädig
davongekommen mit seiner Giftkapsel [2].
Liebe Else, ich wollte immer schon fragen,
was machen Deine Mutter u. Angehörige
In Ostpreußen? Du hast doch sicher Nach-
richt, hoffentlich gute. Das arme Ostpreußen
alles den Polen auszuliefern, man
darf garnicht dran denken. Schreibe mir
doch mal darüber, es ist doch zu traurig,
wo Dein Muttchen schon so alt ist.

[2] Heinrich Himmler hat am 23. Mai 1945 eine Zyankali-Kapsel zerbissen und somit Selbstmord begangen




Man fühlt doch alles schwerer, wie die Jugend,
so geht es mir auch, alles verloren, was
man sich schwer erworben hat, ich lebe, wie
hier die meisten Leute von meinen Ersparnissen
vom Kriegsschädenamt habe ich noch keinen
Pfennig Entschädigungen bekommen, u. bin 2 mal
ausgebrannt. Es ist noch eben, daß in der
Commerzbank die Sachen heil geblieben sind,
ich hatte dort 2 Koffer u. 1 Schließfach.
In Sassendorf habe ich auch noch Sachen, da
steht auch Euer Koffer, der ist noch da,
Stoff für Nachthemden ist auch noch drin.
Ich wollte Euch schon immer schreiben, sorgt
ja, daß Ihr Eure Rauchwaren bekommt,
für Zigarren u. Zigaretten Tabak kann man
hier alles haben, evtl. kann ich Euch Butter
dafür besorgen. Ich würde mich ja so sehr
freuen, wenn ich Euch alle mal gesund
wieder sehen könnte. Hoffentlich kommen
die Kinder nun wieder an Ihr Studium
besonders auch Hilde, verschiedene junge
Leute aus meinem Bekanntenkreis, welche
zuerst Chemie studieren wollten, werden
jetzt Philologen, die Kriegs-Abiturienten
müssen alle ihr Abitur noch einmal
machen. Gute Aussichten haben Eure Kinder
bestimmt für später, denn es fehlen zuviel
Menschen mit Fähigkeiten.



Bochum ist auch ganz kaput, es soll aber
jetzt aufgebaut werden, die Engländer wollen
es wieder zur Gauhauptstadt machen.
Die Architekten machen jetzt Wettbewerb,
einer, welchen ich auch kenne, hat ebenfalls
einen Preis bekommen. Wenn nur Material
da wäre, die Arbeit fürs Baufach ginge
ins Riesenhafte. Wenn Du Essen sehen
würdest, l. Hubert, Du würdest weinen,
so eine schöne Stadt u. jetzt ein Trüm-
merhaufen. In Brilon sind auch Bomben
gefallen, ich habe dem Friedhofsgärtner
schon 2 mal geschrieben, wegen der Gräber,
aber noch keine Antwort bekommen. Den
Brief von Josef Sprenger konnte ich Dir
nicht schicken, lieber H. weil er bei dem
Unglück zu Grunde ging. Er hatte aber
Großartige Firmenbogen, mit Manufaktur
geschäft drauf. Jedenfalls wohnt noch immer
ein Sprenger in dem Hause, wo unsere
Vorfahren vor 300 Jahren gewohnt haben -
Heute am 3.11. hast Du lieber Hubert
Namenstag. Ich wünsche Dir noch ein
langes, friedliches Leben u. daß Du,
Else u. die Kinder gesund bleiben,



daß die Kinder eine gute Zukunft haben.
Ich habe ein Bild gekauft, mit dem
Hubertushirsch, Holzschnitt von einem
Bochumer Künstler, wenn ich nach dort
komme, bringe ich es mit.
Nun hoffe ich, daß ich bald etwas Gutes
von Euch höre u. daß wir uns alle
gesund wiedersehen.
Mit herzlichen Grüßen
Eure Tante Josepha

Josepha Frettlöh
21 Wattenscheid
Bismarkplatz 2

Auch Gruß an Familie Müller, hoffentlich
haben sie auch alles heil behalten.
Couvert einl.

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 18.09.2025 11:56:54 Gelesen: 5697# 92 @  
Guten Tag,

leider ist nur noch ein Teil - der erste - des Briefes vom Großvater erhalten ...



Franz Romahn – Wieren 27
Kr. Uelzen, Bez. Lüneburg
bei Bauer Bauck


Wieren 27 Kr. Uelzen Bez. Lüneburg
11.11.45
Liebe Else! Meine Schwester teilt mir durch
Schwägerin Käte mit, daß meine liebe Gute
Frau, Deine Mutter, am 4.10 gestorben u.
in Angermünde beerdigt ist, mit ihrem Hin-
scheiden haben wir ihre nimmer müde, aufopfern-
de Fürsorge u. Liebe für uns verloren. Sie
ahnte es, was ich befürchtete, indem sie sagte
als wir am 26.1. vom Hof fuhren, wir werden
Böttchersdorf nicht mehr wiedersehen. Wenn ich
von meiner Schwester Näheres über ihre Krankheit
und Ende erfahre, teile ich es Dir mit gut wenig-
stens daß sie um sie war u. nur sehr schmerz-
lich, daß wir getrennt wurden u. ich ihr nicht bei den fürch-
terlichen Strapazen u Aufregungen auf der Flucht
beistehen konnte, und weiter schmerzlich daß sie in
fremder Ecke ruht u. nicht auf dem Platz, den Sie
sich dazumal nicht zu ruhen, ausgesucht hatte.
Schon einmal schrieb ich, auf der Flucht an Dich [1], da ich
keine Antwort erhielt, ist der Brief wohl nicht zu
Dir durchgekommen. Am 26.1. sind wir mit 5
Wagen, 4 Deputantenfrauen nebst Kinder

./.

[1] - @ DERMZ [#82], Karte vom 2. März 1945 aus Belgard

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 21.09.2025 12:24:12 Gelesen: 5532# 93 @  
Guten Tag,

wenn das mein erster Brief in alter Schrift gewesen wäre, ich würde es nie wieder lesen wollen - zum Glück haben mir Volkmar und Emiel wieder sehr geholfen





Wir haben folgendes gelesen:


Hamburg d. 11.11.45
Mein liebes Elschen! Ob ihr wohl schon meinen
Brief, den ich sogleich nach Empfang des Deinigen
mit der Nachricht über Muttchen's Aufenthaltsort
magst bekommen haben? [1] Wie hat man da auf-
geatmet, daß man endlich Gewißheit hatte wo
die Ärmste sich befindet u. es doch möglich
wäre, ihr helfen zu können. Und nun bekam ich
vor ein paar Tagen von Tante Lenchen die er-
schütternde Nachricht, daß Deine liebe Mutter, meine
gute Schwester am 4.10. heimgegangen u. in
Angermünde bestattet worden ist. Ein so guter
Hilfsbereiter Mensch hat uns wieder verlassen
u. immer einsamer wird es um uns. Was hat die
arme Mutter wohl noch leiden müssen um so in der
Fremde, fern von ihren nächsten Angehörigen sterben
müssen. Mein liebes Elschen Du wirst schwer
unter

[1] @ DERMZ [#90], Brief vom 2. November 1945

./.

unter der traurigen Nachricht gelitten haben,
ich nehme an, daß es Dir Tante Lenchen bereits
mitgeteilt hat. Ich traure mit Dir liebste Else,
ich habe viel mit meiner lieben Martha verloren,
sie hat in so liebevoller Weise für mich u. unsere
Kinder gesorgt. Wiederum konnte jetzt, wo sie in
Hol. war, so gar nichts für sie tun, das war bitterschwer
Nun ist Muttchen allein so den Leid entrückt, wer
weiß was uns noch bevorsteht, wir werden ihr die
Ruhe gönnen. Ich danke Hildchen noch für ihre
Karte u. Glückwünsche die ich jetzt erhielt. Wie
ich Dir im vorhergendem Brief geschrieben kam
meine Karte an Mutter als unbestellbar zurück
weil der Ort nicht aufzufinden war. Und die
Liebe war da auch nicht mehr am Leben. Tante
Lenchen ist jetzt bereits in Mecklenburg, aber

./.

leider kann man ihr auch noch nicht helfen,
nur daß die Postsachen jetzt durchgehen. Sie möchte
gern nach Hbg. aber es gibt ja leider Gottes keine
Zuzugsmöglichkeit nach hier. Mit fremden
Menschen muß man sich herum ärgern u. seine
Angehörigen kann man nicht aufnehmen. Der
Winter wird wohl ganz besonders hart werden,
davor habe ich ein Grauen. Habt Ihr Brennmaterial?
Hoffentlich geht es Dir u. Deiner lieben Familie
gesundheitlich gut? Tante Anna Okrasie u. Tante
Anna Grooß habe ich Muttchens Tod mitgeteilt. Sie
werden schwer erschüttert sein. Noch hat man noch
keine Gewißheit wo Irmgard mit ihrer Familie
ist. Mein Gott was müssen die armen Ostpreußen
doch nur leiden. Nun mein liebes Elschen sei Du
u. Deine Liebgen auf's herzlichste gegrüßt von
Deiner Dich liebenden Tante Käthe

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 22.09.2025 08:02:23 Gelesen: 5373# 94 @  
Guten Morgen,

Lottchen meldet sich aus Bad Friedrichshall ...





Bad Friedrichshall, d. 20. XI. 1945
Liebe Else,
Von Vatel erhielt ich eine Karte, auf
der er mir mitteilte, daß Muttel aus
Pommern an Dich geschrieben hätte.
Da ich mir um Muttel große Sorgen
mache, möchte ich Dich herzlich bitten,
mir doch zu schreiben, ob Du inzwischen
wieder eine Nachricht bekommen
hast. Was hat die arme Muttel bloß
alles durchzumachen und keiner
kann ihr helfen. Ich habe hier schon
allen durchziehenden Soldaten Post
an sie mitgegeben, aber ob sie sie er-
halten haben mag?
Ich bin mit meinen drei Kleinen,

./.

mit meiner Mutter und meiner Schwester
in Bad Friedrichshall gelandet. Ich wohne
mit meinen Kindern in einer primitiven
Notwohnung, aber man muß halt zu-
frieden sein. Die Kinder sind gottlob
gesund und munter und ahnen noch
noch nicht, was sie alles entbehren
müssen. Retten haben wir nichts kön-
nen, aber wir hoffen ja, daß es bald
wieder etwas zu kaufen gibt. Meine
größte Sehnsucht und Hoffnung ist es,
daß Willÿ bald heimkehre. Wenn es
auch für ihn schwer wäre, sich an dies
Flüchtlingsleben zu gewöhnen, wir wären
doch zusammen und würden das Leben
auch in dieser Lage meistern.
Ich versuche, jetzt wieder in meinen
Beruf hineinzukommen, habe aber

./.

auf meine Bewerbung noch keine
Antwort.
Vor etwa 8 Wochen habe ich Tante Käthe
in Hamburg besucht und habe auch
gleich Vatel aufgesucht. Es ist ein Elend,
wie Vatel jetzt hausen muß. Wenn ich
erst eine Wohnung habe, dann will
ich versuchen, ihn zu mir zu nehmen.
Aber das wird ja wohl noch eine Weile
dauern. Manchmal möchte man
am liebesten aufhören zu leben, aber
dann überwindet man auch solch
schwache Stunden.
Und wie geht’s Euch? Seid Ihr bei
den Terrorangriffen verschont geblieben?
Was machen Hilde und Albert? Mit
welchem Stolz sprach Muttel doch

./.

immer von ihren Großkindern.
Gebe Gott, daß sie Euch alle noch
einmal sehen darf. Gelt, Else,
Du gibst mir Nachricht, wenn Du
wieder etwas weißt?
Dir und den Deinen weiter-
hin alles Gute wünschend
sendet herzlichst Grüße
Deine
Lotte Romahn



Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 29.09.2025 08:51:12 Gelesen: 4841# 95 @  
Guten Morgen,

Der Großvater meldet sich zu Weihnachten 1945 mit einer Karte aus Wieren ... Dank der Hilfe von Emiel und Volkmar, ist ein lesbarer Text entstanden ...




Wieren 27. den 23.12.45
Liebe Else! Deinen Brief v. 13.12. erhielt ich am 20.
12. glaubte schon meine traurige Nachricht von MutterS
Tod hätte Dich nicht erreicht, da Du mir nun geantwortet
hast bin ich beruhigt u. ich danke Dir. Gern hätte ich Dir
noch Näheres über ihr Hinscheiden mitgeteilt, aber mei-
ne Schwester meldet sich seit dem 25.11. nicht, u mein
Bruder – der in Mötzlich -Posthornweg 2 – über Halle-
a/Sa. - iO – seit dem 18.11. auch nicht. Wer weiss, ob ich
sie bei der erbärmlichen Ernährung in der dortigen Zone
auch verlieren und sie nicht mehr wiedersehen werde?
Gern wäre ich an ihr Grab nach Angermünde gefahren, um
auch dessen Pflege zu veranlassen aber bei dem
fürchterlichen Gedränge u den unbestimmten Zugverbind-
ungen scheue ich jetzt die Fahrt. Kannst Du mir einen
Vorschlag machen an wen ich mich der Grabpflege dort wende

./.

kann? Hat Dir Lotte Tante mit
geteilt, das ihr Alfred am 15.9.
im Gefangenenlazarett Buro-
wicze [1] bei Moskau gestorben ist,
Wünsche Dir u. Deiner Familie
Gesundheit diese schreckliche
Zeit zu überstehen ein er-
trägliches neues Jahr. Herzlichen
Gruß. Vater

[1] Der genaue Name des Gefangenenlagers ist nicht ganz klar, es gab wohl ein Lager "Bruowicze", aber das lokalisieren wir im heutigen Weißrußland ...

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 04.10.2025 11:10:37 Gelesen: 4561# 96 @  
Guten Tag,

in der großen Box fand sich auch eine Quittung der Marburger Presse, dort wird die Bezugsgebühr der Zeitung für den Monat März 1946 bestätigt



Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 05.10.2025 15:56:25 Gelesen: 4471# 97 @  
Guten Tag,

nach einer schnell und einfach lesbaren Quittung hier nun ein weiterer Brief von Tante Josepha aus Wuppertal - der Umschlag ist nicht mehr existent, aber der Inhalt ist mir dann doch auch lieber ...



Wattenscheid 22.4.46
Lieber Bruder!
Deine Karte erhielt ich gestern, gerade auf
Ostern u. ich habe mich sehr gefreut zum
hören, daß Ihr alle gesund seid, ich hatte
mir schon Sorge gemacht, weil ich so lange
keine Nachricht von Euch bekam.
Um nun auf die Rezepte von Otto
zurück zu kommen, so sollen diese sehr
gut sein, laß sie Dir doch machen, damit
Du keine Furunkeln mehr bekommst u.
noch lange bei den lieben Deinigen bleibst.
Und dann möchte ich Dich herzlich bitten,
schreib dem Otto doch mal, er ist auch
ein armer Teufel, jetzt hat er ja wieder
eine gute Stelle, aber 2 mal schon eine
eigene Apotheke gehabt. Er hat sich bei
mir bitter beklagt, daß er in Deutschland
so frostig empfangen wäre, sicherlich von
verarmten Menschen will die Familie
gewöhnlich nichts wissen. Schreib ihm doch
mal ein paar Zeilen, dann freut er
sich. Seine Frau, die Nazi=Dame, will
jetzt mit Gewalt wieder nach Palästina,
das hätte sie eher bedenken sollen.



Daß die Kinder wieder gut ins Studium
gekommen sind, freut mich sehr, hoffentlich
haben die wenigstens eine glückliche Zukunft.
Es ist nun ein Jahr hin, daß der
schreckliche Krieg zu Ende ist u. wir
können hier wenigstens ruhig schlafen.
Wenn ich daran denke, was man hier
mitgemacht hat, dann kommt mir das
Grauen. Ich sitze jetzt auf einem möblier-
ten Zimmer, da ich ja meine Betten
alle verloren habe u. auch die meisten
Möbel. Inhalt ist ja noch bei Euch,
aber an Bettfedern ist nicht dran
zu kommen, die Engländer beschlagnahmen
das Wenige, was noch fabriziert wird.
Ich bin froh, daß ich bei Euch noch
den Inlett habe u. die Schuhe, denn
ich besitze nur noch 1 Paar Schuhe u.
die sind auch bald hin. Ich würde
herzlich gern herüber kommen um mir
die Sachen zu holen, aber die Züge
sind so überfüllt u. ich kann kaum
gehen, hoffentlich läßt der Verkehr
in einigen Monaten nach, dann komm

./.

ich gern u. werde mich auch bemühen, etwas
mitzubringen. Ihr kennt mich bald nicht
wieder, denn ich wiege noch kaum 100 ℔
in die Kleider, welche ich noch habe,
gehe ich zweimal hinein. In den letzten
Monaten habe ich wieder viel gehungert,
denn wenn man krank ist u. selbst
nicht gehen kann, bekommt man auch
nichts unter der Hand oder auf Tausch.
Wir bekommen hier pro Woche 1-2 ℔
Brot, keine Kartoffeln, 150 Gramm Fleisch,
1/8 ℔ Fett, die Jugendlichen von
6-18 Jahren bekommen aber 6 ℔ Brot
die Woche (Hoffentlich gehört Albert
auch noch dazu) dagegen bekommen die
Kinder unter 6 Jahren garnichts.
Ich möchte mal wissen, wer diese
verrückten Tabellen macht. Hier erzählen
sich die Leute Wunderdinge, was es
alles in der Amerikanischen u. Russischen
Zone gibt, das ist natürlich Blödsinn,
es wird wohl nicht mehr geben, wie
hier auch. Bei den Nazis haben wir
auch genug gehungert, ich habe mir
die Listen von den letzten Zuteilungen
aufbewahrt, das war auch sehr wenig.



Und wenn wir in den ersten Kriegsjahren
mehr hatten, so haben wir das gegessen
was die Nazis in den andern Ländern
geplündert haben. Jedenfalls wenn ich im
Sommer noch lebe u. Euch besuchen kann,
bringe ich etwas mit. Euer Koffer ist
noch voll Sachen in Sassendorf, ich
muß mit dem Auto hinfahren um
die Sachen zu holen. Wenn ich gewußt
hätte, daß auf der Commerzbank alles
heil blieb, hätte ich alles dahin gestellt
u. auch nicht so viel zu Hause gelassen
so habe ich das alles am 2.2.45 verloren
Vom Kriegsschädenamt noch keinen
Pfennig Entschädigung bekommen.
Ich bekam in diesen Tagen einen Brief
von einer Firma aus Sachsen, die schrieben
sie hätten seit dem 8. Mai 45 keine
Rauchwaren mehr bekommen, ich sollte was
auf Gegenrechnung schicken. L. H. [1] für
Rauchwaren kannst Du heute alles haben,
geht nur sorgfältig damit um, laßt
Euch nichts entgehen u. Verwahrt alles,
vielleicht können wir im Sommer mit
der Russischen Zone ein Geschäft machen.
Ich tausche meine paar Zigaretten meistens
für Butter, ich will aber sehen, daß ich
außerdem Rauchwaren bekomme.

[1] - Josepha spricht hier ihren lieben Bruder Hubert an



(5
Für 40-50 Zigaretten, je nach der Marke
bekommt man hier 1 ℔ Butter, Du u. Else
habt 60 Z. pro Monat, die Kinder bekom-
men ja wohl noch nichts. Rechne Dir das
aus u. gebt den Bauern nicht zuviel
für Hühnerfutter.
Hoffentlich wird dieser Brief nicht wieder
geöffnet, man dürfte ja sowas garnicht
schreiben. Die Leute sollen ja auch
nicht hamstern, aber sie fahren doch
weiß Gott wie weit u. wenn sie nur
5 ℔ Kartoffeln auftreiben. Die Men-
schen sehen ja aus wie Gespenster,
viele können vor Hunger u. Elend
kaum sprechen. Ich mache den Engländern
keinen Vorwurf, wenn sie nichts haben
können sie nichts geben. Aber die
Amerikaner könnten uns helfen, wegen
mir könnte Deutschland eine amerika-
nische Kolonie werden. Hoffentlich
erleben wir keinen Krieg mehr, alles
aber das nicht, dann lieber etwas
Hunger. Auch dieser Schmerz geht vorüber
wir wollen die Hoffnung nicht verlieren.



Schreibt nun bald mal wieder, ich würde
mich sehr freuen, Euch nochmal wieder-
zusehen, aber mit dem Platz wird es
wohl schlecht gehen, ich möchte Albert
auch nicht sein Zimmer abnehmen.
Nun hoffen wir das Beste, wenn
man soviel Unglück gehabt hat,
wie ich glaubt man ja an nichts
Gutes mehr. Nun sei Du, Else u.
die Kinder herzlich gegrüßt von
Eurer Tante
Josepha Frettlöh
Bismarkplatz 2

Ottos Adresse ist
Dr Otto Kleine-Möllhoff
22 Essen (Ruhr)
Kranachstr. 35


Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 09.10.2025 16:41:15 Gelesen: 4342# 98 @  
Guten Nachmittag,

Tante Josepha meldet sich erneut aus Wuppertal, jetzt hat die Gute Frau auch noch Rheuma - ihr bleibt gerade nichts erspart ..



Sie schreibt:



Wattenscheid 4.6..46
Meine Lieben!
Wünsche Euch von Herzen ein frohes
Pfingstfest, so gut es in dieser betrüb-
ten Zeit sein kann.
Hoffentlich seid Ihr gesund u. munter,
mit mir geht es bestimmt bergab,
ich hatte wochenlang einen schrecklichen
Husten, jetzt habe ich Rheuma im
Knie, sodaß ich vor Schmerzen Nachts
nicht schlafen konnte. Heute ist
es etwas besser, ich bin nur müde
u. schlapp. Die Ernährung ist sehr
schlecht, bis jetzt hat man sich helfen
können, indem man unter der
Hand kaufte, aber jetzt ist fast
nichts zu haben, noch nichtmal auf
Rauchwaren. Ich denke so oft an
Euch, Ihr habt es doch auch so knapp,
ich möchte so gerne im Juli oder
August nach Marburg kommen, den
Koffer bringen, Stoffe habe ich noch
für Euch, u. Lebensmittel könnte
ich bis dahin auch wohl auftreiben,
Aber wie soll ich nach Marburg
kommen.



Die Züge sind ja so voll, die Hamsterei
hört nie auf, die Leute fahren für ein
paar Kartoffeln bis ans Ende der Welt.
Habt Ihr Eure Ziegen noch u. ein paar
Hühner? Etwas hilft es doch immer
u. man muß sehen, daß man über
diese Zeit hinweg kommt.
Ich wäre so froh, wenn ich mir die
Schuhe holen könnte, denn meine
Schuhe fangen an zu brechen, u. an
Neuanfertigung ist garnicht dran zu
denken, dann soll ich sämtliches Leder
stellen. Mein einziger Wunsch ist, bald
mal nach Marburg zu kommen, ich führe
ja gern mit einem Auto hin, aber
das ist sehr teuer, u. dann soll man
noch viel Lebensmittel u. Rauchwaren
geben. Nun hoffentlich glückt es
mal mit dem Zug, wenn bloß die
Ernährung besser würde, daß das
schreckliche Hamstern mal aufhört.
Nun laßt bald etwas hören, ich
mache mir Sorgen um Euch.
Hier ist jetzt die Entnazifizierung zu
Gange, aber es geht nicht immer gerecht
zu, mancher, der nicht viel gemacht
hat, wird entlassen u. andere Schreier



die Leute bedroht u. angezeigt haben u.
heute noch meinen, sie wären über die
Nicht-Parteigenossen erhaben, bleiben
auf ihrem Posten. Du lieber H. könntest
als Nicht P.G. [1] heute auch noch was
werden. Grade im Baufach, ich habe
gehört, daß in vielen Städten, die
Stadt-Baumeister u.s.w. obwohl sie
große Nazis waren, geblieben sind,
weil kein Ersatz dafür da ist.
Hoffentlich haben wir in 1-2 Jahren
bessere Verhältnisse, wenn nur der
Russe uns keinen Strich durch die
Rechnung macht. Im Russ. Gebiet
sollen die Rauchwaren, eine Firma
schrieb mir, sie hätten seit dem 8.
Mai vergangenen Jahres nichts zu
rauchen bekommen, ich solle doch etwas
schicken, dann liefern sie Ware.
Leider habe sie aber alle noch
nicht viel Gescheutes. [2]
Nun schreibt bald, damit ich weiß
daß es Euch noch gut geht.
Viele herzliche Grüße Eure Tante
Tante Josepha Frettlöh
Bismarkplatz 2

./.

Liebe Else hörst Du
garnichts von Deinen
Angehörigen, schreib mir
doch auch mal ein paar Zeilen.

[1] P.G. = Parteigenosse
[2] Volkmar ergänzt zu dem Wort "Gescheutes": "Gescheutes" ist die Deklinationsform des Adjektivs "gescheut". "Gescheut" bedeutet schlau oder intelligent und ist eine alte Form des Wortes "gescheit". Das Wort ist heute nicht mehr gebräuchlich, es ist eine veraltete Form von "gescheit" - Besten DANK dafür

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 12.10.2025 19:18:05 Gelesen: 4178# 99 @  
Guten Abend,

ein weiterer Brief von Tante Josepha, sie hat noch immer einen Koffer in Wattenscheid ... und mir hilft Emiel immer sehr ...





Wattenscheid 12.8.46
Mein Lieber,
Vielen Dank für Deinen l. Brief, l. Bruder
ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil
ich so garnichts von Euch hörte. Gott sei
Dank daß Ihr gesund seid u. Ich freue mich
sehr, daß die Kinder so gut voran
kommen, hoffentlich habe die beiden mehr
Glück im Leben wie wir. Es tut mir
so leid, daß Albert das Pech mit dem
Wespenstich hatte, aber auf das Examen
wird es keinen schädlichen Einfluß haben,
er wird es mit Glanz bestehen. Die
Kriegsabiturienten, worunter heute schon
ziemlich alte Herren sind, müssen hier
alle das Abitur noch einmal machen!
Albert hat es doch sehr hart gehabt im
Krieg, bei der Flak in Kassel u.
bei der Hitler-Jugend, es ist doch eine
große Leistung dann schon mit 18 Jahren
das Abitur zu machen. Ich lege ein
Briefchen mit 50M. für ihn ein, ich
hätte ihm gern etwas Besseres geschickt,
doch werde ich alles nachholen.
Hoffentlich sehe ich Euch nochmal alle
in Marburg, ich überlege schon hin



und her, wie ich dahin kommen soll, zumal
ich Euren Koffer mit Inhalt u. auch sonst
noch Gepäck mitbringen will. Hoffentlich
fallen die Zonengrenzen bald, dann ginge
es schon etwas besser. Das Schlimmste ist
der Russe u. hierbei ist das Traurige,
daß fast die ganze Textilfabrikation
im Russ. Gebiet ist. Im ganzen britischen
Gebiet ist auch fast nichts zu haben,
Die Geschäfte lassen vielfach ihre Waren,
(was sie noch haben) durch Mittelspersonen
auf dem Schwarzen Markt verkaufen
nur um existenzfähig zu bleiben.
Dabei diese schrecklichen Verordnungen,
noch viel schlimmer wie bei den Nazis.
Wenn eine Firma z.B. Muster schickte,
bekommt man noch lange nichts, weil
man Bezugsmarken einsenden muß,
u. die sind niemals da. z.B. waren
hier auf dem Wirtschaftsamt 3000 An-
träge auf Männeranzüge einge-
gangen, die Regierung schickte aber
im ganzen Jahr nur 70 Bezugsmarken
es konnten also nur 70 Mann einen
Anzug bekommen, u. dann sorgen die
Herren u. Damen des Amts auch noch
erst für sich u. die armen Soldaten,
Ausgebombten u. Flüchtlinge gehen leer
aus.



(3
Mit der Ernährung war es in den letzten
Monaten schlimm, ¼ ℔ Butter den ganzen
Monat u. sonst kein Fett, mit Brot
kommt keiner aus. Ich habe mir auch
ein teures Brot gekauft, Butter u.
Fett kauft bald jeder unter der Hand,
es könnte ja sonst keiner was kaufen.
Die Tausender fliegen auf dem Schwarzen
Markt nur so, es sind schreckliche Zustände
Nur für immer wird es ja nicht so bleiben
sonst würden die Menschen zu Bestien,
Moral gibt es ja nicht mehr, von 100
Menschen stehlen bestimmt 95. Für Garten-
u. Felddiebstähle werden ja die schwersten
Strafen verhängt u. trotzdem wird geklaut.
Not kennt kein Gebot, das ist ein
wahres Sprichwort. Solange die Zwangswirt-
schaft in der Ernährung anhält wird es
auch nicht besser. Ich meine, wenn alles
verteilt würde, was an Lebensmitteln
auf Tausch, auf dem Schwarzen Markt
oder so hintenherum verkauft wird,
bekäme jeder mehr. Vorläufig haben noch
viele Leute Geld, weil die Nazis ja
wahnsinnig damit umhergeworfen haben



aber auch das hört mal auf. Wenn mal
wirklich normale Zeiten kommen u. Waren
mit richtigen Preisen, dann können die
meisten nichts mehr kaufen, die sog. Ent-
nazifizierung ist größtenteils eine Aschanthe, [1]
Aber, Nazis die sogar Andersdenkende mit
Anzeigen bedroht u. vielleicht sogar an-
zeigten gehen einfach in eine heutige Par-
tei, dann ist alles in Ordnung. Ich
kümmere mich um garnichts mehr, die Eng-
länder haben mit ihrem greulichen Bom-
benkrieg einem Heim u. Hab u. Gut zer-
stört u. die Deutschen nehmen das, was
noch übrig bleibt. Man kann hier noch-
nichteinmal eine Zeitung haben, nur die
früheren Nazis haben Zeitungen. Hier im
Hause wohnen nur frühere Parteimitglieder
z. Teil führend, frühere S.S. Familien u.s.
w. aber alle bekommen Zeitungen gebracht
S.P.D. - C.D.U. u.s.w. Nur ich, der
einzige Nazigegner kann keine Zeitung
bekommen, ich muß sie mir von den Nazis
leihen. Viele sind hier den Nazis zu
Liebe aus der Kirche ausgetreten, aber
jetzt stolzieren sie Sonntags mit dickem
Gesangbuch wieder in die Kirche u. war-
ten drauf, daß der Pastor sie wieder
in Gnaden aufnimmt.

[1] – Aschanthe, Böses Blut erweckte seine innenpolitische Taktik, rivalisierende Stämme gegeneinander auszuspielen
und so seine zunehmend unpopuläre Regierung abzusichern.



(5
Es ist zum Lachen mit den Menschen.
Schreibt mir doch bald wieder, ich schrieb
Euch vor längerer Zeit auch einen Brief,
hierauf habe ich keine Antwort bekommen,
Habt Ihr diesen nicht erhalten? Daß Ihr
meinen Brief vom Februar 1945 erst jetzt
erhieltet, ist doch merkwürdig, wo mag der
denn gesteckt haben. Eine an mich
angeblich im Februar 1945 abgeschickte Geldsen-
dung vom Kriegsschädenamt habe ich bis
heute noch nicht erhalten. Vom 2. Bomben-
schaden als ich alles verloren habe, erhielt
ich noch keinen Pfennig, es fliegen zwar
Milliarden herum, aber die Militär-
Regierung verbietet das, die armen
Ausgebombten dürfen keinen Heller be-
kommen. Aufgebaut darf auch nicht wie-
der werden, in 10 Jahren werden hier
in der Gegend die Trümmerhaufen,
welche zum Teil schon mit grünem Gras
u. Sträuchern bewachsen sind, liegen.
Essen ist eine ganze tote Stadt gewor-
den, keine Industrie u. nichts mehr.
Es ist zum Weinen, wenn man sowas
sieht.



Es wäre wirklich zu wünschen, daß es eine
Hölle gibt, wo Hitler u. Genossen ewig
drin brennen müßten. Noch vor einigen
Tagen erhielt ich einen Brief aus Bonn
eine Wattenscheider Dame, welche hier auch
total ausgebombt ist, schrieb mir wörtlich:
„Hätten wir doch alle in Deutschland so
gedacht wie Sie [2], dann wäre dieses Unglück
nicht über uns gekommen.“
Doch es ist nun nicht mehr zu ändern,
Hoffentlich haben die Kinder es mal besser,
das heißt wenn sich unsere Nachkommen nicht
wieder von einem neuen Irrlicht in
die Sümpfe führen lassen.
Nun hoffentlich auf Wiedersehen, mit
herzlichen Grüßen verbleibe ich
Eure treue Tante
Josepha Frettlöh
Bismarkplatz 2

[2] – mit „Sie“ ist Josepha selbst gemeint


Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 14.10.2025 08:51:51 Gelesen: 4051# 100 @  
Guten Morgen,

Josepha ist besorgt, da sie noch keine Nachricht erhielt, ob Ihr Einschreiben aus [#99] in Marburg angekommen ist.



Wattenscheid 4.9.46
Meine Lieben!
Ich sandte am 13.8. einen Ein-
schreibebrief mit Inhalt, habt Ihr
diesen nicht erhalten?
Hoffentlich doch. Laßt bald mal
etwas von Euch hören u. hoffe
daß Ihr alle gesund seid.
Von Brilon erhielt ich von
dem Friedhofsgärtner noch
keine Nachricht. Schreibt mal
eine Karte, dann schreibe ich
einen langen Brief.
Viele herzl. Grüße
Eure Tante
Josepha Frettlöh
Bismarkplatz 2

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 15.10.2025 15:44:30 Gelesen: 3929# 101 @  
Guten Tag,

auch der spannendste Karton hat irgendwann ein Ende, dieses ist der aktuell letzte datierbare Brief, den ich vorstellen kann. Ein paar wenige weitere folgen noch, doch die kann ich zeitlich nicht einordnen bzw. es sind nur Fragmente erhalten. Ich danke an dieser Stelle Emiel ganz ganz herzlich, daß er alle Brief-Übersetzungen Korrektur gelesen hat und mir sehr viele Fehler vermieden hat. Auch Volkmar war nicht unbeteiligt, auch ihm gebührt herzlicher DANK.

Nun der Brief von Josepha, hat er sich doch auch nach hinten "geschmuggelt", er stammt aus dem Juli 1946





Wattenscheid 27.7.46
Meine Lieben!
Habt Ihr meinen letzten Brief nicht erhalten?
Es macht mir immer Unruhe, wenn Ihr so
lange nicht schreibt. Hoffentlich seid Ihr alle
gesund. Ich bin nicht so gut im Stande, die
jahrelangen Aufregungen u. Schrecken die
man hier mitgemacht hat, wirken sich jetzt
aus. Ich habe es sehr am Herzen u. kann
sehr schlecht gehen, die Ernährung ist hier
ganz minimal, wer am Leben bleiben
will, muß unter der Hand u. auf dem
schwarzen Markt zu schrecklichen Preisen zu-
kaufen, die meisten Leute haben schon kein
Geld mehr, dann vertauschen sie alles, was
sie haben gegen Lebensmittel. Mancher
Wäscheschrank wird heute leer, die Leute
gehen damit auf Hamsterfahrt. Es ist zum
Lachen, daß in den Zeitungen soviel da-
gegen geschrieben wird, die Menschen stören
sich nicht daran, sie handeln aus Not u.
Not kennt kein Gebot, der schlimmste
Grund dieser Zustände ist die Zonen-
Abschnürung. Ich meine immer, wenn die
Amerikaner alles hätten, wäre uns wohler,



die haben doch noch am meisten u. könnten
uns etwas geben. Aber was haben sie schließ-
lich für ein Interesse an Europa?
Textilwaren kommen fast garnicht herein u.
wenn eine Kleinigkeit kommt, so erhalten
es nur die Flüchtlinge aus dem Osten,
diese haben wir hier massenhaft, deshalb
ist auch nichts zu essen da. In Ostpreußen
sollen ganze Dörfer unbeschädigt total leer
stehen u. alles Feld unbebaut sein. Ist
das nicht ein Wahnsinn? Jetzt heißt es
die Polen wollten die Flüchtlinge zurück
kommen lassen, wenn sie die Erklärung
abgeben würden, gute Polen werden zu
wollen, der Rasse nach sind es ja auch
nicht Polen, hier in der Gegend trägt
ja schon jeder dritte Mensch einen polnischen
Namen, abgesehen von den sog. Umge-
tauften. Ich habe vor einigen Jahren
mal eine Liste von der hiesigen S.S ge-
sehen, da konnte man ruhig drüber
schreiben Polenverein, die Pollaken waren
alle in der S.S. - S.A. u. Partei, das
waren die größten Nazischreier u. Patent-
deutschen.



(3
Was mag es nun mit dem Eigentum
von Elses Verwandten geben, im Kreise
Friedland, ist da nicht der Russe?
Aus der russ. Zone habe ich von Firmen
ein paarmal kleine Päckchen a 1 ℔ bekom-
men, dann wollen sie Zigaretten haben,
weil es dort keine Rauchwaren gibt,
die Sachen sind sehr teuer, handgestrickte
Söckchen 14M. Mit Porto u.s.w.
Aus dem englischen Gebiet kann man gar-
nichts bekommen, alles auf Bezugsmarken
u. die erhalten nur die Flüchtlinge.
Für die Ausgebombten wird garnichts getan
wir bekommen nichtmal Bezugsscheine für
die nötigsten Sachen u. niemand kriegt
auch nur 1 Pf. Entschädigung. Deshalb
bleiben die Trümmer auch liegen, wer
kann denn wiederaufbauen? Wenn der
Nürnberger Prozeß mal zu Ende ist, geht
es vielleicht besser, die Leute befürchten
hier einen neuen Krieg zwischen Rußland
u. den Westmächten, das wäre ja schrecklich.
Viele, die hier noch zu den Nazis hielten
backen jetzt kleine Brötchen, weil der
Prozeß alle himmelschreienden Schandtaten
von Hitler u. Genossen enthüllte.



Am 15. Januar 1945 wußte Göring daß der
Krieg verloren war, wozu dann noch dieser
wahnsinnige Widerstand? Speer [1] sagt es ja
auch, die Toten u. Ausgebombten des Jahres
1945 sollten sich bei den Kreigsverlängerern
bedanken, (da bin ich auch dabei, ich wurde
am 2.2.45 total ausgebomt.) die meiste
Schuld hat das dämliche Volk, welches dem
Teufel Hitler bis aufs letzte nachlief, der
General Jodl [2] sagte es ja aus, die den
Hitler u. Genossen beseitigen wollten, standen
allein. Hoffentlich kommen noch eine Menge
an den Galgen von den Kriegsverlängerern.
Man kann kein Mitleid haben, wenn man
an diejenigen denkt, welche damals den
Krieg beendigen wollten u. mußten am
Galgen hängen u. wenn ihr Vorhaben ge-
glückt wäre, hätten sie Millionen Menschen-
leben u. für Milliarden Kulturwerte u.
Heimstätten gerettet. Dann hätte ich auch
meine Wohnung noch u. meine guten Betten
Wäsche, Decken alles liegt unter den
Trümmern. Die Trümmer werden nicht abge-
tragen, alles ist schon überwuchert von
Pflanzen u. Blumen. Wer weiß, vielleicht
fallen nochmal die Atombomben darauf,
dann ist alles weg.

[1] Albert Speer (1905-1981) – war Reichsminister für Bewaffnung und wurde in den Nürnberger Prozessen zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt
[2] Alfred Jodl (1890-1946) – war während des 2.WK Chef des Wehrmachtführungsstabs im Oberkommando der Wehrmacht, am 1. Oktober 1946 er in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt.



(5
Ich käme ja so gern mal für ein paar
Wochen nach Marburg, habe auch in Sassen-
dorf noch Manches, was ich Euch mitbringen
möchte, aber wie soll ich nach dort
kommen bei diesen überfüllten Zügen.
In Gießen müßte ich umsteigen u.
mit Gepäck erreichte ich den Zug nach
Marburg bestimmt nicht. Ein Auto kann
ich auch nicht nehmen, das käme nicht
allein furchtbar teuer, sondern man
bekommt auch keine Erlaubnis dafür.
Vielleicht bringt es der Zufall mal
mit sich, daß ich fahren kann.
Laßt mal bald etwas von Euch hören.
Was machen die Kinder? Hoffentlich
fühlst Du liebe Else Dich auch wohl
Du hast in letzter Zeit soviel Schweres
erlebt. Doch habt Ihr Gott sei Dank
Euer Heim noch, was das wert ist,
kann nur der fühlen, der keins mehr
hat, betrübt auf einem kleinen, möblier-
ten Zimmer sitzen u. fremden Leuten
nach den Augen sehen muß.
Hoffentlich bekomme ich nochmal eine
eigene Wohnung, die Aussichten hier
sind sehr gering, es ist zuviel zerstört.



Lieber Hubert Du schriebst mal wegen
einem Firmenbrief von Josef Sprenger
ich lege einen solchen ein.
Ich hatte ihm nämlich wegen der Gräber
in Brilon geschrieben, der Gärtner
ließ nämlich nichts mehr von sich
hören. Ich will die Gräber weiter
pflegen, solange ich noch lebe.
Eine Dame, welche etwas davon ver-
steht, meinte dieser Herr habe nach
der Unterschrift zu urteilen, ein
großes Geltungsbedürfnis, nur er war
ja auch in Brilon schon Schützenkönig.
Ich dachte er hätte mir etwas Neues
von den dortigen Verwandten geschrie-
ben, aber er scheint garnichtmal
zu wissen, daß wir mit ihm verwandt
sind, daher die förmliche Anrede.
Nun auf Wiedersehen meine Lieben,
hoffentlich, ich sehe Euren Nachrichten
so gerne entgegen, viele herzliche Grüße
Eure Tante
Josepha Frettlöh
Bismarkplatz 2

./.

Das Schreiben macht
keine Freude bei dem
schlechten Papier, könnt
Ihr da nichts Besseres
haben, ich wäre sehr dankbar.

Viele Grüße Olaf
 
DERMZ Am: 18.10.2025 17:29:49 Gelesen: 3796# 102 @  
Guten Tag,

das philaseiten-Mitglied opti53 überließ mir in Kopie einen Aufruf der Fachschaft Naturwissenschaften der Philippsuniversität Marburg aus dem Jahr 1947. Es wird freundlich erinnert, doch bitte zur Wahlurne zu gehen, damit der Allgemeine Studentausschuss (ASTA) mit einer ordentliche Anzahl Vertreter aus den Geistes- und Naturwissenschaft vertreten ist. Unterzeichnet für die Fachschaft Naturwissenschaften hat Albert Frettlöh ...



Vielen herzlichen DANK an Thomas für dieses weitere Stück Geschichte der Familie Frettlöh

Viele Grüße Olaf
 

Das Thema hat 102 Beiträge:
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