Thema: (?) (1736) Altdeutschland Bayern: Schöne Belege
bayern klassisch Am: 02.04.2015 17:33:14 Gelesen: 419603# 544@  
Lieber Sammlerfreunde,

heute stelle ich euch meine Lieblings - Fingerhutstempelbrief vor, der am 23.8.1845 in Weisendorf geschrieben und am 25.8.1845 in Emskirchen zur Post gebracht wurde. Der Brief vereint m. E. mehrere Besonderheiten, auf die ich hier näher eingehen will.





Äußerlich ein klassischer Damenbrief, geschrieben auf gefaltetem Bath - Papier, ergo leicht und bekömmlich, wie Loriot zu sagen pflegte. Die Absenderin wollte kein Franko bezahlen, ihn jedoch unter Chargé und poste restante verschicken. Für die Recommandation zahlte sie 4x, das wars.

Die Post rechnete 14 Kr. von Emskirchen bis zur bayer. Grenze. Diese entsprachen genau 4 Sgr. Preußen addierte 3 1/2 Sgr. bis zur belgischen Grenze = 7 1/2 Sgr.

Wie bei den Benelux - Staaten üblich, notierte man kein eigenes Porto, sondern "reduzierte" das fremde Porto in heimische Währung und addierte sein Porto obendrauf. Dadurch bekam der Baron Hermann von Guttenberg 24 Decimes (ca. 1 Gulden 10x) angesetzt und ob dabei eine Restante - Gebühr noch dazu kam, weiß ich leider nicht; vlt. können unsere Luxemburger Spezialisten hierzu etwas sagen? Müsste ja in LUX und BE gleich gewesen sein.

Dass die Post auch ohne die Absenderangabe "par Francfort a/M et Aix - la - Chapelle" (=Aachen) den Brief wie üblich geleitet hätte, steht wohl fest. Gleichwohl ist der heute noch vollständig erhaltene Inhalt nicht uninteressant (von Guttenberg an und zu Guttenberg gewissermaßen):

"Mit wahrem Schmerz entnehme ich deinem letzten Brief, mein armer Hermann, daß du unbegreiflicher Weise noch keinen Brief erhalten und also gänzlich ohne Nachrichten bist. Ich kann mir deine Rage und dein Staunen vorstellen und wäre wirklich untröstlich wenn Nachlässigkeit meiner Seits daran Schuld wäre. Aber wir haben dir schon dermal geschrieben und nach deinem verlängerten Aufenthalt am Rhein hoffte ich du würdest zwei Briefe in Ostende finden. Leider brachten dir dieselben keine guten Nachrichten denn seit du weg bist war die arme Mutter sehr leidend ..."

Hier wird durch den Inhalt alles erklärt: 2 Briefe scheinbar verschwunden (wohl frankierte, daher jetzt unfrankiert).
Weil Briefe verschwanden, jetzt Versendung per Chargé mit 25 Gulden Ersatzleistung, wenn auch dieser verschwunden sein sollte.
Weil er unterwegs am Rhein war, die Lagerung als poste restante.

So schließt sich der Kreis wieder und alles wird klar.

Dazu ein grüner, belgischer Transit und ein oranger Ankunftsstempel, gepaart mit einem gelben (!) Siegel - fertig ist der Traumbrief.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
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