Thema: Kuriose Briefe, Postkarten und Frankaturen
Max78 Am: 14.06.2016 17:27:17 Gelesen: 50401# 132@  
Hallo zusammen,

heute möchte ich Euch einmal diesen Beleg der DDR zeigen, bei dem man auf den ersten Blick denken könnte, es wäre ein Feldpostbrief, da keine Frankatur verklebt wurde. Auch bei näherer Betrachtung fand ich keine Gummierungsreste auf dem Brief aus Heilbad Heiligenstadt. Es könnte noch sein, dass eine Freimarke Kleinformat oberhalb des Stempelkopfes verklebt war, aber selbst die dürfte dort oben kaum Platz gehabt haben. Sieht man auf das Datum, denkt man zurück an die Wiedervereinigung, und so werde ich nach dem Bild (mit "geschwärzter" Adresse) noch den Inhalt des einliegenden Schreibens hier mit einbringen, weil's so schön ist:



Aus der Stadtchronik von Hohengandern läßt sich entnehmen, dass die Grenzen am 12. November 1989 geöffnet wurden. Dieser Brief wurde am 23.11.1989 versendet und enthält folgende Zeilen:

Das Leben in unserem kleinen Dörfchen ist ja nun auch ganz anders. Als am Samstag früh 6 Uhr der Grenzübergang feierlich eingeweiht wurde, war ich natürlich auch da. Ich hatte extra meinen täglichen Samstagvormittagschlaf abgebrochen, um diesen einmaligen ergreifenden Augenblick mitzuerleben. Ich war überhaupt das letzte Wochenende total aufgedreht und nervös. Ich habe immer gedacht, irgendwann gibt's einen Knall und alles ist wie früher. Das kann man alles nicht begreifen. Es war Wahnsinn, was für Menschenmassen durch Wahlhausen spaziert sind. Ein Mensch am anderen, und das die ganze Straße! Meine Oma hatte ständig Besuch. Die BRD-Bürger waren alle so glücklich, unsere Dörfer mal wiederzusehen. Ich hatte nie gedacht, mal mit Dorothee auf dem Fahrrad nach Bad Soden Alpendorf zu fahren! Am Samstag war es soweit. Mir geht es dabei gar nicht um's Einkaufen, das ist sowieso Wahnsinn. Nein, die Stadt überhaupt, die Gegend und Landschaft mal anzuschauen. So hübsch und sauber und niedlich! Unbeschreibbar!

Die Eindrücke wirst Du selbst schon gesammelt haben. Die Kirmes in Kirchgandern war auch ganz voll. An dem Wochenende wurde in Hohengandern der Grenzübergang geöffnet, es war Abends auf dem Saal eine Wiedervereinigungsfeier. Das Wort hört sich doof an, ich weiß. Es war wirklich so. Der Saal war brechend voll. In der Nacht von Montag zum Dienstag haben wir durchgemacht, und nur ich mußte zur Arbeit! ... Irgendwie kann ich das alles nicht begreifen. Ich war überzeugt davon, daß ich nie mal in die BRD komme, und dieses Land kennenlerne. Jetzt auf einmal geht das. Ich frage mich bloß, was haben wir bloß in Staabu gelernt, was sich in 40 Jahren nicht bewährt hat ?

Mir ist es wirklich schwergefallen, Vertrauen zu den Menschen von "drüben" zu haben. Ich habe gedacht, das kann doch nicht wahr sein, so freundlich und nett und glücklich wie die Menschen alle sind! Ich finde, wir werden auch so erzogen, in diesen Menschen die "Bösen" zu sehen. Wir müssen noch viel lernen... Ich muß erst mal das alles, das Neue und die Veränderungen in unserem Land verarbeiten, da bleibt gar keine Zeit mehr für den anderen Blödsinn... Wir zwei müßten mal wieder so einen richtig schönen Walzer tanzen! Ja, das wäre schön!


Ja, den einfachen Worten fehlt es nicht an Klarheit,

mit Grüßen Max
 
Quelle: www.philaseiten.de
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