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Thema: Abenteuer auf der Reise – Auge in Auge mit der örtlichen Postverwaltung
Das Thema hat 89 Beiträge:
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Bendix Gruenlich Am: 31.12.2024 10:04:52 Gelesen: 16226# 65 @  
Der Hauptindustriezweig Andorras (neben Geldwäsche und Beihilfe zur Steuerverkürzung) ist heutzutage Tourismus, insbesondere Einkaufs- und Skitourismus. Hier Vorschläge für Aktivitäten.



Soldeu jedenfalls befindet sich auf 1.700 Metern. Ich mietete mich im brandneuen Sport-Hotel ein mit sehr komfortablen vier Sternen für unschlagbare EUR 50 incl. Halbpension. Mehrwertsteuer gab es damals in Andorra nicht. Es war wenig los Ende Mai, so hatte ich das Buffet und die Aufmerksamkeit der Köche für mich. Die hatten Lust zu zeigen, was sie können - ich hatte Appetit. Das war ein Fest, kann ich sagen.

Am Morgen bin ich noch kurz in den Ort gegangen. Dort gab es zwei Begegnungen

Erst einmal mit dem letzten katalanischen Bauern im Ort, der zwei Kühe aus dem Stall trieb. Wir tauschten auf der einen Seite neugierig, aber auch distanziert Blicke aus. Eine Konfrontation zweier Welten.

Der Bauer ging seiner Arbeit nach. Die Kühe dampften, waren massig und rochen nach Stall. Ich kann da nichts Minderwertiges erkennen, sondern das war trotz der Alltäglichkeit erhaben und warm. Das war unzweifelhaft deren Platz und Bühne. Und Landwirtschaft ist Arbeit.

Der Landwirt arbeitete und ich Industriemensch führte eine Form von „Grand Tour“ durch, reiste also zu meinem Vergnügen und ließ mich bedienen.

Ich fragte mich, ob ich das Recht habe, in die Welt des Bauern vorzudringen und sie zu verändern. Schwierig. Der Tourismus zerstört manchmal das, was er sucht, wenn das Ziel der Reise Ursprünglichkeit ist. Ich werde das verdeutlichen und der Volkskunst der Vergangenheit eine moderne Installation gegenüberstellen.



Ein kleines Postbüro der französischen Post, dass meiner Erinnerung nach vormittags geöffnet hatte, besetzt mit einer Dame, besuchte ich noch. Leider ist keine Karte von damals erhalten geblieben (unerhört, die wurden nicht abgeliefert). Auch gibt es das Postbüro gem. meiner aktuellen Recherche nicht mehr. Die Post legt offenbar auch in Andorra die Büros zusammen und verlegt sie einkaufszentrennah.

Ein Blick auf „google maps“ des heutigen Soldeu beweist, dass es ein traditionelles Dorf kaum mehr geben kann, denn es scheint nahezu vollständig aus Beherbergungsbetrieben zu bestehen.

Das alte Andorra gibt es nun einmal nicht mehr - man findet es eben nur noch auf Briefmarken (folgendes Exemplar ist Tourbeute, also vor Ort gekauft).



Aber jetzt fahren wir erst einmal auf den Pas de la Casa, lassen die neue Autostraße links liegen und nehmen den Weg um den Envalira-Tunnel herum (ebenfalls Tourbeute).



Pas de la Casa ist ein durchtechnisierter Kunstort und Steuerfrei-Einkaufen-Paradies bzw. je nach Perspektive eine Konsum-Hölle. Aber ein Büro der französischen Post gibt’s noch.

So, wird sind oben - 2.400 Meter und reihen uns in die Warteschlange beim Zoll ein. Das übliche Rattenrennen: Steuerhinterzieher-Konsumenten packen ein was geht, verstauen es schwer auffindbar und die Zöllner versuchen das dann wieder zu finden. Da müsste man eigentlich eine Show draus machen. Und Zeit lassen die sich…, wie kriegen wir die denn jetzt rum?

Wir drehen uns noch mal um:

Historische Ausgaben der französischen Post aus den Jahren 1936-1943.



Und ein paar Spanier



Ich habe in über 50 Jahren noch nie Post von dort bekommen, weder privat noch im Geschäft. Ist ein anderer Kulturkreis, daher in deutschen Sammlungen selten und wenn vorhanden über den Handel gekauft. Daher haben die vor Ort beschafften Marken eine besondere, ja kultische Bedeutung, für mich.

Übrigens, ich erinnere mich, dass bestimmte französische Postämter, die einen Philatelieschalter hatten, auch regelmäßig Marken von Andorra, SPM, Mayotte und Monaco verkauften.

Die Stichprobe eines kurzen Aufenthaltes von zwei Tagen in Andorra bestätigt mir, dass die Marken auch vor Ort kaufbar und benutzbar waren, für mich ein wichtiges qualitatives Merkmal. Meint man es ehrlich und erbringt man auch die Leistung für die man bezahlt wurde oder druckt man ausschließlich für den Export?

Mein Eindruck war, dass die insgesamt seriös handeln (aber wie jede Postverwaltung von Kleinstaaten die Hoffnung hegen werden, dass die gezahlte Leistung nie eingefordert wird).

Ergänzen möchte ich, dass ich vor meinem Besuch genau nur eine Briefmarke von Andorra in meiner Sammlung hatte (die Nr. 1 der französischen Post als typische Anfängermarke zu alten Franc 0,005). Die meisten hier gezeigten Marken stammen vom Kauf während meines Besuches. Die historischen Marken habe ich mal auf ppa-Auktion gekauft (für 4 cent das Stück, Grüße bei der Gelegenheit an den Verkäufer nageld, der auch alle Welt sammelt, wie ich). Bevor ich mal nach St. Pierre gereist bin, hatte ich mich mal mit Marken über eine Auktion versorgt, da waren auch noch Andorra-Marken dabei. Insgesamt habe ich aktuell so zwölf Seiten - überwiegend postfrisch und Ausgaben der französischen Post, für eine erneute Reise nach Andorra wäre ich also auf alle Fälle jederzeit gerüstet.

Soviel zu meinen Eindrücken vom Besuch Andorras.
 
Bendix Gruenlich Am: 31.01.2025 17:05:52 Gelesen: 15964# 66 @  
So, über den Pass wären wir, wir sind also wieder in der Grande Nation (Frankreich über Frankreich). Ist ja auch schön da.

Hier ein paar Marken zu Ehren der Pyrenäen. Wer sich jetzt beschwert, ich hätte doch bereits im Beitrag Nr.[#61] Bären und Gemsen gezeigt, dem sage ich, dass das richtig ist, aber die jetzt abgebildeten sprechen halt Französisch.



Jetzt rollen wir erst einmal in aller Ruhe die Berge hinab und schauen während dessen auf etwas, das auffällt: Frauen, Frauen, Frauen.

Es gibt (im Gegensatz zu Deutschland - mir fallen da auf Anhieb nur die Germania und die berühmten Frauen der 1980/90er ein) eine Menge Frauen auf Freimarken, und diese nicht nur am Ende Ihrer Lebensleistung, sondern mitten im Leben stehend und auch für ihre Zeit attraktiv gezeichnet. Franzosen haben also keine Angst vor Sinnlichkeit oder davor Begehren zu wecken. Ich behaupte mal, da werden wir in den nächsten Folgen noch Beispiele sehen.

Zum Beweis greife ich erst einmal mal auf altes Material zurück, immer gut um auch diejenigen anzusprechen, die die Moderne überfordert. Eine Ceres (römische Göttin der Fruchtbarkeit) von 1870



Zur Erinnerung: der französische Kaiser hatte 1870 gespielt und verloren und wurde durch eine Republik abgelöst. Und die hat sich eben für dieses Sinnbild entschieden, bzw. sich dessen erinnert, denn es war eine bekannte Zeichnung aus Vorjahren.

Aber da sind wir auch schon nahe der Mittelmeerküste angekommen, in Perpignan (welches mittels des oben zitierten Pyrenäen-Vertrags, der ein Annektionsdokument war, als Teil des Gebietes Nordkatalonien zu Frankreich kam). Leider war mein Quartier trotz klangvollen Namens schwach (…übrigens wir haben aktuell kein heißes Wasser, sagte die Patronin, allerdings erst nachdem sie mir das Zimmer verkauft hatte und ich geduscht hatte - ich konnte das also bestätigen). Besuch der Altstadt, die seinerzeit vollkommen arabisiert zu sein schien, und am Palast des Königs von Mallorca bin ich auch noch vorbeigeschlendert.

Zeit auf die Post zu gehen, hatte ich auch noch. Größere Städte in Frankreich führen Sonderstempel, die auf Anforderung abgeschlagen werden (wenn Ihr da seid, einfach mal danach fragen - wenn Ihr mehr dazu wisst, also wo man die überall bekommt oder eine aktuelle Liste einsehen kann, bitte mal dazu berichten, ich habe da den Anschluss verloren).

Und schau an, eine Perpignan-Marke hatte ich auch noch im Gepäck. Daher konnte ich Freunde so grüßen.



Und da sehen wir auch schon ein paar Mariannes (de Luquet, Eva Luquet war die Gestalterin dieser von 1997-2005 laufenden Zeichnung) als Ergänzungswerte auf der Karte, um die erforderlichen EUR 0,46 zu erreichen.

Mariannes sind die attraktiven Berufsrevolutionärinnen aus Frankreich. Ich hatte hierzu mal in einem kleinen Beitrag in „Philatelie in der Presse“ berichtet.

https://www.philaseiten.de/cgi-bin/index.pl?PR=310725

Da Briefmarkensammler irre Käuze sind, werden wahrscheinlich einige genervt mit den Augen rollen und sich die für sie hinsichtlich des ganzen Artikels wirklich einzig wichtige Frage stellen, nämlich ob das die Variante mit oder ohne Phosphorstreifen ist?

Wenn ich Euch jetzt raten würde, die Prüflampe an den Bildschirm zu halten, würdet ihr Euch vermutlich (zu Recht) vergackeiert fühlen. Auch liegt mir nicht mehr das Original vor (war nur eine temporäre Leihgabe des Empfängers).

Das hat mich gefuchst und so räsonierte ich, wie ich diesen Punkt beantworten könnte. Da riet mir mein Langzeitgedächtnis, doch mal in meine Verbrauchsbestände zu schauen (die sich als Teil meiner Sammlung jederzeit zum Einsatz in ihrem Herkunftsland bereithalten müssen, sollte die ordré dazu ergehen). Denn hatte ich nicht damals einen ganzen Bogen EUR 0,01-Marken gekauft? Davon müssten doch noch ein paar da sein. Und genau so war es, es ist die Phosphorstreifenvariante.
 
Bendix Gruenlich Am: 28.02.2025 12:55:34 Gelesen: 15704# 67 @  
Es war noch Zeit bis zum Urlaubsende, so konnte ich in aller Ruhe noch die Distanz zu meiner Wohnhöhle verkürzen. Warum sich nicht mal die Mittelmeerküste in aller Ruhe ansehen?

Und das ist ein Kontrast, denn nach den Gipfeln des Hochgebirges befindet man sich überwiegend in einer sehr flachen Region, geprägt von Salzmarschen. Es war daher nicht mal warm, mal kalt (Hochgebirge), sondern nur warm. Aber Reise sucht ja gerade diesen Kontrast und löst beim Reisenden Veränderungsnotwendigkeit aus. Gelingt das, ist das ein Zeichen für Anpassungsfähigkeit und Vitalität.

Es sind von Perpignan rund 100km bis zur Stadt Beziers, die ich auch einmal in Kindertagen mit der Familie besuchen konnte.

An einem Freitagabend kam ich an, und es war recht viel los in der Stadt. Der Abend beginnt für die Leute mit einer Runde (im Uhrzeigersinn) durch den Parque de Évèques. Sehen und Gesehenwerden! In Erinnerung blieb mir eine beeindruckende junge Frau mit Wurzeln im Kongo würde ich sagen, hochgewachsen, athletisch, selbstsicher und anmutig. So ist das in Frankreich, die Anzahl von Menschen mit Wurzeln aus dem ehemaligen Kolonialreich Frankreichs ist hoch und so unterschiedlich zum Deutschland der damaligen Zeit.

Aber wichtigeres gab es am kommenden Morgen zu tun, nämlich das nahegelegene Postamt zu besuchen (in der Nähe des Rathauses). Ich vermutete dort den örtlichen Sonderstempel. Leider war furchtbar viel Betrieb, was offenbar daran lag, dass jede Menge Rentner ihre Rente in bar abhoben. Jedenfalls musste ich recht lange warten, bis ich an die Reihe kam. Dort teilte man mir dann auf meine Frage nach dem Ortssonderstempel mit, ich sei im falschen Postamt, dies sei nicht die Hauptpost und eben dort befände sich der Sonderstempel. Noch einmal durch die Stadt und nochmal anstehen wollte ich aber nicht, deshalb habe ich meine Karten vor Ort aufgeliefert (wie schade ich das fand, könnt Ihr daran ermessen, dass ich mich an diesen Sachverhalt heute noch erinnere).



Und hatte ich nicht Mädels versprochen? Ja, habe ich – und so zeige ich heute als historisches Material die Ausgabe Frieden und Handel, auch als Typ Sage (Name des Gestalters) bekannt. Hier sehen wir zur Linken eine Frau mit Olivenzweig den Frieden repräsentierend und zur Rechten den für mich als Kaufmann wichtigen Gott, nämlich Hermes. Dies vor einer Weltkugel.



Die Freimarkenserie lief von 1876 bis 1900. Mit der Unbekleidetheit von Frau Frieden hatten die Franzosen also offenbar kein Problem.

Schön finde ich bei den Marken, dass diese auf gefärbtem Papier gedruckt wurden. Bei den Stempeln habe ich aus Anlass meines Aufenthalts bei dem 15 Centime Wert den Ort Béziers gewählt. Bei dem rechten Wert finde ich den Algier-Stempel hervorhebenswert (bis 1920 hatten die Algerier französische Marken mitbenutzt, Algerien galt als Mutterland, nicht als Kolonie)

Als Kaufmann habe ich es immer gern, wenn Geld und Waren zirkulieren und zwar um die Welt Zu der Zeit der Ausgabe konnte man seine Geschäftsbriefe mit diesem göttlichen Schutz auf den Weg geben. Das finde ich wunderbar. Gerne würde ich meine Post mit diesen Marken expediert sehen. Aber Moment, die ungebrauchten Briefmarken der Serie wären ja noch gültig, aber die Inflation macht jede nützliche Verwendung von Restbeständen unmöglich, verbietet sie aber nicht.

Gegenwartsphilatelisten können zusätzlich noch auf die Sondermarke zur Ehre des 100. Jahrestages der Ausgabe zurückgreifen.



Dann mal zur Reise



Oben: phantastisch schön gestochene Marke mit der Kathedrale von Béziers (wo die Leute wie beschrieben gerne flanieren)

Mitte: hatte ich in französischer Sprache dabei: Alexandre Dumas Graf von Monte Christo. Die Handlung kennt ja jeder, also gut zum Vokabeltrainung geeignet. Immer wieder gut zu lesen. Männer lieben halt Rachegeschichten. Die Marke von 1970 gefällt mir übrigens besser als die 2002er-Ausgabe.

Unten: Wir verlassen Béziers und fahren weiter nach Osten, die Küste entlang. Dort liegt die Stadt Agde. Als ich nach der Reise mal hier und da von den Reisewegen erzählte, erwähnte ich den Ort und merkte, dass sich die Stimmung eines Zuhörers sich sonderbar aufhellte. Das lag wohl daran – und ich musste das erst recherchieren – dass Agde für seine Nacktstrände und eine Sex-Club-Szene landesweit bekannt ist. Also ich kannte den Ort von der Karte und von der Briefmarke her. Die zeigt den Jüngling von Agde, eine im Flussbett des Herault in den 1960ern gefundene hellenistische Bronzefigur (die übrigens keinen Swinger, sondern Alexander den Großen darstellen soll). Die Figur soll wohl als Lichthalter in einer römischen Villa gedient haben.). Die Marke habe ich 1983 persönlich am Schalter in einem Frankreich-Urlaub von meinem Taschengeld gekauft, für FRF 4,00, ein für mich damals fürstlicher Betrag. Also seit 42 Jahren in meinem Besitz, von daher ist allein schon die Briefmarke fast antik. Und wer hat dieses fantastische Kunstwerk gestochen? Nun das war kein geringerer als Czeslaw Slania. Seit 1961 bis heute bringt die französische Post regelmäßig Kunstmarken in diesem Format an den Schalter, immer in hohen Wertstufen. Beachtlich, muss ich sagen!
 
Bendix Gruenlich Am: 31.03.2025 08:32:57 Gelesen: 15051# 68 @  
So, weiter geht’s entlang der Küste. Dort findet man allerhand Étangs, das sind vom Meer mehr oder weniger getrennte stehende Gewässer mit langen Stränden zur Seeseite hin.



Dort muss sich der deutsche männliche Reisende auch gegen seinen einheimischen Gegenpart beweisen. Wohlmeinende mögen diese stolz finden, andere eitel. Kein Wunder, dass das Wappentier Frankreichs der Hahn ist (Marke links oben), da kann einem am Strand schon mal der Kamm schwellen, jedenfalls erinnere ich mich einen solchen Moments.

Ach ja, der deutsch-französische Gegensatz. Was sagt denn Jacques Rivière dazu (französischer Schriftsteller, geriet 1914 in vierjährige deutsche Kriegsgefangenschaft, der seine Eindrücke in seinem Werk „L’Allemand“ verarbeitete):

• Nun, Deutsche seien zwar stark und eisern, aber nicht im geringsten Liebhaber. Es fehle ihnen an Wildheit und an Sinn dafür, das Leben als Abenteuer zu begreifen.

• Bei Franzosen aber atme die Seele zu schnell, sie lägen sich voreilig fest und seien bereit zu jeder Art von Ungerechtigkeit, weil sie sich stets mit Leidenschaft und Französisch zu sein zu rechtfertigen vermögen.

Ich fand das amüsant geschrieben und teile das deswegen mal heute. Philatelistisch betrachtet ist wahr, dass Deutsche Spaßbremsen sind (Ungültigkeit von Marken in DEM, von Berlin, der DDR usw.), und Franzosen einfach mehr Vielfalt zulassen (fast alle Marken noch frankaturgültig, ich reite ja auf diesem Aspekt wirklich andauernd herum).

Aber zurück zur Geographie: man kommt am Ort La Grand Motte vorbei (tatsächlich die französische Antwort auf den Erfolg des spanischen Massentourismus, Betonbrutalismus für die Massen, aber vor kurzem noch in der Frankfurter Allgemeinen architektonisch gewürdigt, Architekt Jean Balladur). Ich hatte an dem Tag keinen Erfolg bei der Quartiersuche, aber die Touristeninformation vermittelte mir zu meinem Glück ein Zimmer in einem historischen Gasthaus im nahe gelegenen Aigues Mortes (phantastischer kleiner romantischer Festungsort) – siehe Marke rechts oben. Glück muss der Mensch haben.

Und nun geht es erst einmal durch die glutheiße Carmargue, für mich seinerzeit so heiß und lebensfeindlich, dass ich der Region wenig Schönes abgewinnen konnte. Bekannt ist die Gegend für ihre weißen Pferde, die dort seinerzeit tatsächlich auf der Weide zu finden waren. Diese wurden von Yves Brayer mit einem bekannten Gemälde geehrt, dass die Vorlage für eine Briefmarke wurde (oben Mitte).

Jetzt galt es die Rhone zu überwinden, das Rhonedelta war wie ein Hindernis und ich erkannte keine küstennahe Übergangsmöglichkeit. Vielmehr sah ich auf der Karte nur Sackgassen und Industriegebiete. So entschloss ich mich, den Fluss bei Arles zu überqueren und einen Tag im Hinterland zu verbringen. Hinter Salon en Provence bin ich Richtung Küste eingeschwenkt und in Cassis wieder aufs Meer gestoßen. Die Schönheit der Landschaft wurde von der französischen Post geehrt (Marke links unten).

Westlich von Toulon beginnt das überaus sehenswerte Department Var (Marke unten links, Kiefern und eine beachtliche Küstenlinie prägen die Region). Es wird schick, und auch ein paar nette Herbergen lagen am Wegesrand. Dabei begegnete ich einer, die durch ihre clubartige Gestaltung herausstach und an die goldenen Zeiten der 1960er erinnerte, in denen Gunter Sachs auf seinem Mammuth-Motorrad die Gegend unsicher machte.

Und das Leben ist voller Überraschungen, eine solche wiederfuhr mir in La Londe: die französische Post hatte ihr Porto um EUR 0,04 auf EUR 0,54 erhöht (so der Hinweis der charmanten Postlerin vor Ort, die mir die fehlenden EUR 0,04 abknöpfte und die nachfolgend gezeigte Karte gelungen handstempelte)



Von Rayol Canadel sandte ich noch eine Karte nach Deutschland, bevor es über eine faszinierende Strecke kurz nach St. Tropez ging. Hier empfehle ich eine Inspektion des Hafens. Spannend fand ich, dass die beeindruckenden Yachten alle Fahnen aus Steuerspardestinationen mit Union Jack-Zitaten trugen, und nicht eine trug die Trikolore am Heck.



Fehlt noch etwas? Ach ja, Frauen. Richtig, ich hab da noch etwas. Die Ausgabe Typ Blanc von 1900, das war die Zeichnung für die Kleinstwerte dieser Zeit.

Abgebildet ist eine weibliche Göttin der Freiheit, mit phyrgischer Mütze, die linke Brust unbedeckt (wie beim berühmten Bild von David mit dem Thema Sturm der Bastille). Die Waage in der rechten Hand steht für Gleichheit, die sich herzenden Putten für die Brüderlichkeit.

Mir fällt auch noch der der Spiegel in der linken Hand der Freiheit auf. Der Spiegel ist bekannt als Attribut der Göttin Aphrodite, das ist die Göttin der Liebe und der Schönheit. Auf der Marke hält Frau Freiheit ferner einen Lorbeerzweig in der linken Hand.

Typ Blanc lief bis 1932 - interessant finde ich die vielen vorzufindenden Farbunterschiede, gerne zeige ich ein Beispiel.



Soviel für heute für alle Freunde der angewandten Philatelie.
 
Bendix Gruenlich Am: 30.04.2025 07:48:36 Gelesen: 14166# 69 @  
Wir verlassen Var und treten in das Departement Alpes-Maritimes-Cote D’Azur ein.

Diese Region ist dichter besiedelt als die vorher besuchten, mit Cannes und Nizza weist sie auch größere Städte auf. Der Ruf der Region ist legendär als Urlaubs- und Gesellschafts-hot-spot. Werfen wir doch einen Blick auf ein paar Marken.



Wir kommen in Frejus vorbei, wo ich feststellen konnte, dass auf dem breiten Sandstrand am frühen Nachmittag ein buntes Treiben herrschte, anschließend begeben wir uns wieder entlang der hügeligen Küstenlinie, durchqueren Cannes mit dessen bekannter Strandpromenade…



…und nehmen Quartier in Antibes.

Die Halbinsel Cap Antibes ist von prachtvollen Anwesen und Villen übersäht. Es gibt eine Ringstraße und man kann der Küstenlinie folgen. Ein Hotel zu finden, war da gar nicht so einfach, denn die meisten Objekte befinden sich schlicht in Privathand und beherbergen keine Gäste. Jedenfalls hätte man in dem von mir letztlich gefundenen gut den Film „Swimmingpool“ nachspielen können.

Die Leistungsfähigkeit der französischen Post habe ich dann wieder in Nizza getestet, wo ich zielsicher die Hauptpost fand. Hier gab es nicht nur den erhofften Sonderstempel, sondern auch einen „guichet philatelique“ also einen Philatelieschalter. Hier konnte ich entspannt durchatmen und meine Postkarten mit der Bitte um saubere Entwertung aufgeben. Der Postler holte mit erfahrenem Griff den Sonderstempel hervor, stellte das aktuelle Tagesdatum ein und schritt zur Tat. Das kann schon mal dauern und ein hinter mir stehender ungeduldiger Mitkunde wurde zurechtgewiesen, dass das hier der Philatelieschalter sei und dass das jetzt Priorität habe. Mir als Sammler ging da natürlich das Herz auf, solche Gefühle kann man sich natürlich nur leisten, wenn man vorne in der Schlange steht.

Frankiert wurde mit Altbeständen aus der phantastischen Kunstserie – mit nur einem Zweck: Eindruck zu schinden (…Luxusgut Briefmarke…)



Bei der obigen Karte möchte ich einige meiner absoluten Lieblingsmotive hervorheben

• Die hochformatigen Marken bestechen durch ihre prachtvolle Ornamentik und wirken durch den Kontrast der Farben rot gegen blau. Die Marke mit dem Einhorn ist eine wundervolle Allegorie, hier werden selbst die wildesten Typen (vermutlich Männer im gesetzten Alter) durch den bezaubernden Rahmen gezähmt: beindruckende Blumenrabatte, schöne Bäume mit Früchten, mäandernde Ranken, eine prachtvoll gewandete schöne Frau, die einem (schmeichelnd oder auf das man sich selbst erkenne) den Spiegel vorhält – für die meisten männlichen Leser sind solche Szenen wahrscheinlich allabendlicher Alltag. Das Einhornmotiv sieht man übrigens sehr häufig auch im Film (z.B. Harry Potter I, das sieht man und denkt: Moment mal, das kennt du doch - Briefmarken können eben furchtbar bildend sein).
• Die mittlere Marke mit einem Ausschnitt aus den kostbaren Stunden des Herzogs von Berry zeigt ebenfalls eine echte Sehnsuchtsszene. Umgeben von schönen Frauen oder je nach Perspektive hoch gestellten Herren, geht es aufs Beste ausgestattet auf prächtigen Pferden auf einen festlichen Ausflug, auf Falkenjagd. Wer würde nicht gerne einen Tag so verbringen. Ich habe das nicht ohne zu Schmunzeln auf die Karte geklebt, denn auf der Suche nach dem perfekten Tag sind wir ja alle, insbesondere im Urlaub. Ich fürchte allerdings, der Herzog von Berry hatte ein so reiches Budget, dass heutige Normalsterbliche, die ihm nacheifern wollten, erfahren werden müssen, dass das vergebens sein wird. Und das zwanghafte Suchen nach schönen Momenten wird diese schlicht zerstören oder entwürdigen.



Und die Franzosen, die haben Nizza den Piemontesen abgeknöpft, so ehrt eine der oben gezeigten Marken das Rattachement, also die Angliederung der Grafschaft Nizza in 1860 (die zugegebenermaßen durch eine Volksabstimmung legitimiert wurde, die allerdings manipuliert worden sein soll. Die Gegend war der Preis für die französische Unterstützung im Kampf Italiens gegen Österreich um die Lombardei).

Und nun zum Blick auf die Frauen, Frankreich macht uns das durch seine Ausgabepolitik leicht. Heute die Type Mouchon von 1900, der Mittelwert der Freimarken dieser Periode.

Wieder eine Allegorie: die Republik als Frau mit phyrgischer Mütze, Lorbeerkranz, Gesetzestafel mit den Menschenrechten und ein Zepter mit der Hand des Rechts. Sie trägt einen Brustpanzer als Zeichen der Wehrhaftigkeit mit einem Löwenkopf als Sinnbild für Mut.

Der Entwurf soll beim Publikum nicht gut angekommen sein – er wurde als zu kühl und nicht schön genug angesehen. Ferner galt das Zepter als Abzeichen der Monarchie.



Das war es einstweilen aus Frankreich, die Grenze ist nah. Aber wir kehren bestimmt eines Tages wieder zurück. Und als Deutscher stelle ich zum Schluss dem Typ Mouchon eine Germania gegenüber (als Referenz an meine Heimat). Eine solche Gegenüberstellung kann man heutzutage gefahrlos anstellen, ohne übertriebene Ressentiments zu wecken, und das ist doch sehr erfreulich.



Selbstkritisch muss ich feststellen, dass die Franzosen gestalterisch mal wieder aufgrund der grafischen Vielfalt vorne liegen, dazu kommt noch die unglaubliche Tatsache, dass die heute noch frankaturgültig wären. Tolle Sonderstempel gab es und aufmerksamen, leistungsfähigen Service seitens La Poste.

Pas mal, mes chers voisins!
 
volkimal Am: 02.05.2025 18:36:29 Gelesen: 14042# 70 @  
Hallo zusammen,

ein schwarzer Stempel aus Juist mit falsch eingestelltem Datum, zu dem ich euch die Entstehungsgeschichte erzählen möchte.

Nach Ostern waren meine Frau und ich für vier Tage auf Juist. Wir wollten unserem Sohn eine Ansichtskarte schicken und sind deshalb in die örtliche Postfiliale gegangen. Diese befindet sich im Elektrogeschäft Abel und ist täglich für 2 Stunden (von 9.00 bis 11.00 Uhr) geöffnet. Ich konnte allerdings nur einen 10er-Bogen Marken zu 95 Cent kaufen.

Der Bitte, die Postkarte mit einem Ortsstempel zu entwerten, kam der Herr leider nicht nach. Er erklärte mir, dass grundsätzlich nur Großbriefe einen Ortsstempel bekommen – Standardbriefe und Postkarten nicht. Zur Verdeutlichung zeigte er dabei etwa die Größe eine DIN A4-Umschlages.

Beim Abendessen im Restaurant stand mein Getränk auf diesem Bierdeckel:



Ich erinnerte mich an die Postfiliale und beschloss sofort, diesen „Großbrief“ aufzugeben. Zur Information: Ein Standardbrief bzw. eine Postkarte hat ein Mindestmaß von 14 x 9 cm. Bei einem Großbrief gilt ein Mindestmaß von 10 x 7 cm. Wie ich gerade feststellen musste, erfüllt der Bierdeckel von 9,3 x 9,3 cm diese Bedingung doch nicht.

Am Samstag (25.04.2025) war ich dann wieder in der Postfiliale. Ich sprach den netten Herren an und fragte „Sie Stempeln doch nur Großbriefe mit dem Ortsstempel“. Nachdem er das bestätigt hatte, zog ich den Bierdeckel aus der Tasche und bat ihn, diesen „Großbrief“ mit dem Ortsstempel abzustempeln. Ein trockenes „jau“ war die Antwort. Er drehte sich um und stempelte den Bierdeckel. Heute (02.05.2025) kam der „Großbrief“ bei mir an.



Leider ist der Stempel nicht so, wie ich es mir gewünscht habe – aber immerhin ich habe einen Ortsstempel aus Juist. Zusätzlich habe ich inzwischen bemerkt, dass noch zwei Besonderheiten zu erwähnen sind:
1) Der Stempel vom 25.04.2025 wurde immer noch in schwarz abgeschlagen.
2) Das Stempeldatum ist schlecht lesbar aber eindeutig falsch eingestellt. Die erste Ziffer ist eindeutig eine "1". Das eingestellte Datum könnte 10, 16 oder 18 sein.

Mein Großbrief ist übrigens um 10 Cent überfrankiert, aber ich hatte keine Lust auch noch einen 10er-Bogen von 180 Cent-Marken zu kaufen. Von den 95 Cent-Marken hatte ich ja noch 9 Stück übrig.

Soweit mein „Abenteuer auf der Reise – Auge in Auge mit der örtlichen Postverwaltung“

Viele Grüße
Volkmar
 
Bendix Gruenlich Am: 31.05.2025 00:13:53 Gelesen: 13265# 71 @  
Euch langweilt Frankreich mittlerweile? Dann machen wir doch einen Abstecher - nach Monaco!



Dieses Mikro-Fürstentum (2 km²) gibt eigene Briefmarken aus, und deren Verkauf soll einmal eine wesentliche Einnahmequelle für das Gebiet gewesen sein, zumal sich Monaco oft in Geldnot befunden haben soll.

Da bin ich natürlich reingefahren. Jetzt zeige ich Euch erstmal, was ich nach Hause geschickt habe.

Ihr seht nichts?

Ja, das ist tragisch - diese Karte ist leider verloren gegangen, sie gehört zu den wenigen Stücken, die ich heimgesandt und nie wieder gesehen habe. Ihr könnt mir glauben, ich habe gelitten (und tue das bis heute).

Also alles nur ausgedacht, ich war gar nicht in Monaco? Aber erst einmal von vorn. Ich bin allerdings mit Monaco etwas auf Kriegsfuß. Wenn ich mal da bin, verirre ich mich immer. Der Felsen ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse, überall sind Tunnel, Sackgassen, Einbahnstraßen, Treppen. Und ist man gerade mal drin, schon ist man wieder draußen. Ein Mordsverkehr, man ist da besser mit dem (natürlich motorisierten) Zweirad unterwegs, die auch sehr verbreitet sind. Allerhand Ferraris fahren da natürlich auch herum.

Endlich hatte ich einen Kiosk (am Hafen) gefunden und großformatige Postkarten erstehen können.

Dann ging es auf die Suche nach einer Post, und ich bin im Stadtteil Monte-Carlo fündig geworden. Die Post war seinerzeit in der Av. Henry Dunant, gar nicht weit weg vom Casino, links neben dem Hotel Hermitage (heute in die dahinterliegende Straße Av. De l’Hermitage verzogen, aber einen Briefkasten kann man dort an Ort und Stelle noch sehen, zeigt mit google street view). Hier zur Orientierung eine Ansicht von Monte-Carlo.



Also, das Briefmarkenalbum aus dem Gepäck gekramt, die Post gestürmt und am Schalter ein paar Marken gekauft.




Wir sehen „Usages Courants en Euro“ also Euro-nominierte Freimarken mit mediterraner Flora und Fauna, im Stichtiefdruck. Denn die brauchte ich. Natürlich befanden sich im Album allerhand doppelte Kleinstwerte aus meiner Sammlung und die wollte ich selbstverständlich ihrer Bestimmung zuführen (drückt mir ein paar postfrische Marken in die Hand, und ich fahr da hin und benutz die).

Während ich die Karten schreibe, können wir einen Blick auf typische kleinnominalige monegassische Marken werfen. Ein Blick in den Katalog gibt Aufschluss: die monegassische Post hat stets Kleinnominalen in Millionenauflage hergestellt und diese postfrisch an Sammler verkauft. Solche Marken sind überall in Anfängersammlungen zu finden. In der Hochzeit der Briefmarkensammelei waren das zum Beispiel Marken für alte Francs 1,00 oder FRF 0,01 mit Auflagen von bis zu 14.000.000, wohingegen Nominalen, die echten Nutzen für den Postverkehr hatten, Auflagen von lediglich ca. 200-300.000 aufweisen. Ich zeige als Beispiel die Ausgabe Staatswappen von 1937 zu alten Francs 0,01 (Auflage 2,8 Mio.) und 0,05 (Auflage 1,5 Mio.).



Die monegassische Post folgt französischem Beispiel, also sind alle Marken (auch die gezeigten) noch frankaturgültig.

Für alle Freunde von Zahlenspielen: alte Francs 0,01 sind der 656. Teil eines Euro-Cent. Eine Postkarte nach Deutschland würde aktuell EUR 2,10 kosten. Man bräuchte 137.571 Stück der Freimarke zu alten Francs 0,01 um dahinzukommen, ich sehe da schwarz für das Adressfeld. Die Gesamtauflage der Marke würde heute nur noch für 20 Briefe / Postkarten reichen.

Aber jetzt sind die Postkarten fertig und wir geben sie auf. Also am Schalter angestellt und in aller Ruhe dem Betrieb vor mir beobachtet. Hier wiederholten sich die Muster, die ich schon in Andorra gesehen hatte: jede Menge Leute, die große lila- und gelbfarbene Geldbündel (zur Erinnerung: lila ist die Farbe des EUR 500,00-Scheins, gelb die des EUR 200,00-Scheins) einzahlten. Und dies zu einer Zeit, wo im kleinbürgerlichen Deutschland die üblicherweise anzutreffende größte Banknote der braune EUR 50,00er war (mehr konnte z.B. mein Volksbank-Geldautomaten damals nicht). So, ich war dran - mit Kleinsttransaktionen (zwei Postkarten à EUR 0,60).

Tja, die Postkarte mit allerhand Princessin Grace-Marken darauf ist verlorengegangen, aber ein langjähriger Wegbegleiter von mir, konnte mir tatsächlich folgendes von mir aufgegebene Stück zur Verfügung stellen:



Gesamtporto EUR 0,60
• Fahnenbarsch Mi-Nr. 2577 von 2002 zu EUR 0,20
• Thunbergia Mi-Nr. 2575 von 2002 zu EUR 0,05
• Porzellanschnecke Mi-Nr. 2574 von 2002 zu EUR 0,02
• Olympische Spiele Rom Mi-Nr. 630 von 1960 zu FRF 0,10 Auflage 330.030
• Vogel Schafstelze Mi-Nr. 700 von 1962 zu FRF 0,05 Auflage 396.576
• Fernmeldeunion, Satellit Mi-Nr. 798 von 1965 zu FRF 0,05 Auflage 1.203.710
• Olympische Spiele Tokio Mi-Nr. 784 von 1960 zu FRF 0,01 Auflage 9.368.335

Ich wollte auch noch einzelne Kleinstwerte abstempeln lassen, aber das hat die mitdreißigjährige, in keiner Weise beeindruckbare Postlerin abgelehnt.

Ich sollte mich doch dafür an eine Dame am Eingang wenden. Und das war eine Abgesandte des „O.E.T.P“, also des Office des Émissions de Timbres-Poste (auch im Netz unter

http://www.oetp-monaco.com

zu finden), und die nahm die gewünschten Stempelungen vor - allerdings klar philatelistische Entwertungen. Macht nichts, für mich die übliche Sensation - das Datum des Besuches wird mir daher auch hier bei jeder Durchsicht der Sammlung in Erinnerung gerufen.



Die rechte Marke zu FRF 0,01 hat eine Auflage von 8,4 Mio.

Mit ihren Millionenauflagen und gefälligen Motivausgaben weist Monaco natürlich alle Merkmale eines philatelistischen Raubstaates auf. Die Druckqualität ist aber hochwertig und eine Verwendung aller dieser Ausgaben möglich. Ich finde das fair.

Wenn ihr Euch also sammlungs- oder reisetechnisch auf den Weg nach Monaco machen wolltet, wer sollte Euch da aufhalten?
 
Bendix Gruenlich Am: 30.06.2025 13:26:40 Gelesen: 12434# 72 @  
Nur wenige Kilometer östlich haben wir dann auch schon das nächste Markenland: Italien.

Ist stimme mal mit Blicken auf die ikonische Italia mit der Mauerkrone ein - denn an die denke ich sofort, wenn mir italienische Poststücke in Erinnerung kommen (gültig bis 03.01.1988 - da nahmen wohl die Fälschungen so überhand, dass die Serie außer Kurs gesetzt wurde - ungewöhnlich, wo doch sonst alle Marken seit 1967 unbegrenzt frankaturgültig sind). Jedenfalls nehme ich an, beim Leser stellt sich ein Wiedererkennungswert ein.



Wir überqueren also die Grenze und ich nahm einen Kulturwechsel war: die Natur war weniger mit der Nagelschere eingehegt und das Preisniveau sank umgehend um mind. 20%.

Nach einer Übernachtung im schönen Bordighera, wo ich in eine recht beeindruckende Herberge voller bildungshungriger und italienliebender nordeuropäischer Touristen geraten bin und erstmals den wirklich wundervollen Duft blühender Zitronenbäume wahrnehmen konnte, ging es über die recht enge Küstenstraße nach Savona. Der Auftrag: Plünderung der Post.

Und das hat sich gelohnt. Angestellt und einer netten Postlerin mein Anliegen vorgetragen. Die Belohnung: Die hat das Lagerbuch herausgeholt und mir alles gezeigt was da war. Ca. 50 verschiedene Marken aus den Jahren 2000-2003 habe ich herausgesucht + vier Blöcke (denn Italien hat mir gefallen und die italienische Post ist souverän mit der Euroeinführung umgegangen, in dem sie die Gültigkeit der ITL-nominierten Briefmarken nicht angetastet hat). Das hat ca. 20 Minuten gedauert, ein Typ hinter mir war genervt und wurde von der Postlerin erst einmal zurechtgewiesen (hat mir dann natürlich doppelt Spaß gemacht, ohne dass ich das künstlich in die Länge gezogen hätte).

Hier ein Geschmacksmuster aus der Beute

Diese Marke, die ein Großseglertreffen in der nahen Grenzstadt Imperia ehrt, hat mir sehr gut gefallen.



Auch hervorhebenswert die großformatigen Ausgaben der Serie künstlerisches und kulturelles Erbe in Italien.



Einfach herrlich, Briefmarkensammeln und -jagen macht halt Spaß.

Post habe ich auch noch aufgegeben. Nachfolgend zwei Kärtchen mit Aufbrauch.



Jetzt aber - Blick auf den Kalender - langsam mal nach Hause. Neuer Kurs: Nord, also noch zwei Tage durch die Po-Ebene Richtung Deutschland.

Für Italien zum Schluss noch - für alle Gestrigen für die nach 1900 oder 1945 oder wann auch immer die gute Briefmarkenzeit endet - ein Blick auf ein paar Knochen:



• Links: eine Mi. Nr. 19 ITL 0,30 Viktor Emanuell II von 1863
• Mitte: eine Mi-Nr. 24 ITL 0,02 von 1865
• Rechts: eine Mi-Nr. 26b ITL 0,20 Viktor Emanuell II von 1867

Aus unruhiger Zeit, die des Risorgiomento, wo aus verschiedenen lokalen Territorialmächten das heutige vereinte Italien entstand. Ein Höhepunkt war die Gelegenheit dem geschwächten Österreich-Ungarn (mit Unterstützung durch Frankreich und 1866 sogar Preußens, die zeitgleich ihre Interessen gegenüber Österreich mit militärischer Gewalt durchsetzten) 1860 die Lombardei und 1866 Venetien abzuknöpfen.

Und das mag für Deutsche hart zu schlucken sein (wir sitzen ja ganz gerne auf dem hohen Roß): jawohl, die Italiener haben ihre Währung von 1862 bis zur Euroeinführung gehalten (zugegeben, auch von schlauer Abwertungspolitik begleitet). Deutschland hat das nicht geschafft.

Na, kennen wir jetzt „…das Land wo die Zitronen blühen…“ (Goethe)?

Natürlich nicht und wir kehren deshalb sicher eines Tages dahin zurück. Aber festhalten möchte ich schon mal: es ist schön da! Auch im Briefmarkenalbum.

Ciao!


 
Bendix Gruenlich Am: 31.07.2025 19:52:21 Gelesen: 11577# 73 @  
Ja, ist denn diese Reise immer noch nicht zu Ende?

Nein, überschaubare 35 km waren es noch von meiner letzten Etappe auf italienischem Boden bis zum Eisenbahnknotenpunkt im schweizerischen Lugano.



Von da gab es eine Eisenbahndirektverbindung nach Köln, da habe ich mal ein Ticket für gebucht.

Es blieb genug Zeit, eine damals im Ort stattfindende Egon Schiele-Ausstellung zu besuchen, in aller Ruhe zu Abend zu Essen und natürlich die Post in Lugano zu besuchen.

Die dortige Post hatte einen Philatelieschalter samt Werbestempel



Und sind die Schweizer (auch im italienischen Tessin) jetzt pedantisch oder nicht? Nun, meiner Postlerin vom Philatelieschalter kam eine meiner Postkarten jedenfalls spanisch vor. Da waren doch für die unglaubliche Summe von 30 Rappen sechs Sondermarken aus der pro juventute-Serie 1962 drauf. Ich merkte, sie zweifelte - da hat sie doch tatsächlich einen Zumstein-Katalog hervorgeholt und dort nachgeschaut, ob die nicht außer Kurs waren (waren sie leider Gottes, aber die Marken waren so schön, ich konnte nicht widerstehen, da einen Portobetrugsversuch zu unternehmen). Und das war wie eine Zollkontrolle, wo man weiß, man hat dieses oder jenes zu viel an Bord und will es über die Grenze schmuggeln, und die Zöllner kommen dem Schmuggelgut immer näher, und man merkt, man fliegt auf. Ich wurde erwischt. „Die sind aber nicht mehr gültig“. Verdammt, das war‘s dann!

Also habe ich noch eine CHF 0,30-Marke nachgekauft und unsere Postlerin hat die Marken so gestempelt, dass nicht der kleinste Abschlag auf den ungültigen Marken landete. Mehr noch: sie hat die ungültigen Marken im wahrsten Sinne des Wortes eingekreist - mit über 40 Kugelschreiberkreisen! Eingesperrt, Gefängnis. Vermutlich habe ich schlicht wahnsinniges Glück gehabt, dass sie nicht auch noch die Kantonspolizei gerufen hat.



Jedenfalls scheint mich die Dame damals so eingeschüchtert zu haben, dass ich gar keine weiteren Marken vor Ort gekauft habe.

Die Vorderseite der Karte dürfte ich, selbst wenn ich wollte, hier im Forum gar nicht zeigen. Das Motiv stammt aus der Schiele-Ausstellung, und auch wenn mir dessen Stil im Allgemeinen gefällt, ist es kein Wunder, dass der Mann ob seiner Motivwahl des Öfteren mit der Öffentlichkeit und erstaunlicherweise nur einmal mit der Polizei in Konflikt kam. Es hatte eine Tendenz sehr junge weibliche Modelle recht unbekleidet darzustellen, was in der Luganer Ausstellung wirklich breiten Raum einnahm. Ich kann natürlich nicht verhindern, dass ihr den unten links auf der Karte abgedruckten Namen des Werkes googelt, aber das ist dann Eure Sache.

Mann, Mann, Mann - sind wir jetzt endlich fertig mit der in meinem persönlichen Archiv mit der Ordnungsnummer X (der römischen 10) versehenen Reise, sie hat sich schließlich hier im Thema jetzt über 11 Monate von Laruns in den Pyrenäen bis ins schweizerische Lugano hingezogen?

Sind wir.

Es mag langatmig gewesen sein, Ihr werdet mir aber zugestehen müssen, dass ich nicht untätig war: fünf Postgebiete in 20 Tagen habe ich besucht, und dabei immerhin 1.670 km zurückgelegt. Alles ist gut gegangen und die Reise habe ich unbeschadet überstanden. Machen wir da mal lieber rasch drei Kreuze.



Und immer schön die Augen offenhalten, da draußen gibt es schließlich immer wieder viel zu sehen und zu (wieder)entdecken.

Auch für unsere Sammlungen.

Uf wiederluege!
 
Bendix Gruenlich Am: 31.08.2025 08:12:59 Gelesen: 10999# 74 @  
Ich mag in meinen Beiträgen erwähnt haben, dass ich Freunden und Bekannten regelmäßig Karten schicke, wenn ich mal auf Reisen bei. Und einer der regelmäßigen Empfänger hat mit seinen Hort nach Jahrzehnten ausgeliehen.

Was für eine Fundgrube. Ich dachte meine älteste Postkarte, die die Zeitläufe überlebt hat, hätte ich unter Beitrag 1 vorgestellt. Und da habe ich doch tatsächlich falsch gelegen. Das älteste Ding ist tatsächlich von 1986 und wurde aus dem schönen Frankreich von einem Sommeraufenthalt im August an der französischen Atlantikküste abgeschickt.

Vielleicht nicht die herausragendste Kombination von Freimachung (Freimarken), aber seinerzeit waren keine passenden Sondermarken mit Portostufen für Postkarten zu bekommen (und wir werden doch unsere Postkarten nicht überfrankieren, oder). Der Preis für die Beförderung einer Postkarte hatte sich just am 01.08.1986 um FRF 0,10 auf FRF 1,90 erhöht. Und wer zweifelt daran, dass französische Freimarken – die ja bekanntlich sehr oft attraktive Frauen zeigen – nicht interessant wären (ohne Angst davor zu gefallen, eindrucksvoll gestaltet, hervorragend ausgeführt in Druck und Papier).



Wir sehen die Freimarkenausgabe Liberté im Gebrauch. Dabei hat die französische Post Eugène Delacroix Gemäldedetail nicht einfach kopiert, sondern gestalterisch überarbeiten lassen. Die Zeichnung auf der Briefmarke erscheint mir leicht verjüngt, die Gesichtszüge erscheinen leichter, jugendlicher und damit freundlicher. Damit nimmt man der Darstellung auf dem Gemälde etwas von der dort zu findenden typischen Unnahbarkeit des gottähnlichen Ideals, das auch zur grausamen, entschlossenen Tat fähig und bereit zu sein scheint.





Das Leben hat ja jungen Menschen im Alter von 17 einiges an Reizen zu bieten, es ist schlichtweg überwältigend. Da sind Tragödie und Triumpf. Dinge, die das Leben für alle von uns bereithält.

Aber wir Sammler wissen, wie wir da zum Ausgleich gelangen. Wenn wir eine Ablenkung von den Herausforderungen des Lebens brauchen, können wir uns einfach unserer Sammlung zuwenden.

Und ich kann versichern, dass einige postfrische Exemplare, die ich vor Ort beim örtlichen Postamt gekauft habe, bis zum heutigen Tag einen hochgeschätzten Teil meiner Sammlung ausmachen. Erinnerungsstücke, die ich zu Lebzeiten nicht verkaufen, nicht gegen „bessere“ Exemplare ersetzen oder tauschen würde. Aber ich würde sie vielleicht zur Frankierung meiner Post benutzen, aber wirklich nur für sehr wichtige Nachrichten, sollte das dringende Bedürfnis bestehen, solche auf die Reise zu geben.


 
Bendix Gruenlich Am: 30.09.2025 07:26:14 Gelesen: 10592# 75 @  
Freimarken? Als Sammler, kriegst du da nichts Besseres hin?

Aber natürlich, obwohl ich diesmal zugeben muss, nicht ganz sicher zu sein, ob ich hier mal meine Post überfrankiert habe. Wir sehen die Tarifstufe für einen normal zu befördernden Brief (FRF 2,20) – ich konnte nicht klären, ob auch die Alternative („pli non urgent“) zu FRF 1,90 möglich gewesen wäre.



Aber das war natürlich nicht der Grund für eine Rückkehr nach Frankreich in 1987. In Deutschland erreicht man die Volljährigkeit mit 18, und von da an ist alles erlaubt. Also zur Fahrschule und dann zur praktischen Prüfung. Wie sagte noch mein Prüfer, ich solle den Führerschein doch unterschreiben, wenn meine Hände wieder ruhig wären. Es muss also ein knappes Ding gewesen sein. Jedenfalls ging es zwei Tage später hinter dem Steuer eines alten BMW, in jeder Beziehung unüberwacht und befreit, mit ein paar Kumpanen auf eine lange Ausfahrt. Was für ein Spaß! Abenteuer halt.

Und wenn ich heute einen kurzen Bericht über französische Briefmarken schreiben kann, ist klar, dass ich dieses Abenteuer überlebt haben muss (obwohl zugegeben: in welchem Alter macht man mehr Dummheiten? Wobei dann noch die Kräfte, die einem an die Hand gegeben werden, sich plötzlich vervielfachen. Vor 18: 0,5PS – Fahrrad, danach: 109PS – BMW 320).

Natürlich haben auch ein paar Marken überlebt (denn zum Abenteuer gehört doch immer ein Besuch der lokalen Post, nicht wahr), die ich heute hier teile (nix Versandstelle, nix Philateliehandel, nix von anderen Sammlern gekauft - sondern vor Ort erworben und damit echte Beutestücke und Kultgegenstände. Unbezahlbar!).


 
Bendix Gruenlich Am: 31.10.2025 21:23:51 Gelesen: 10100# 76 @  
In einem Beitrag vom 31.05.2023 konnte ich folgendes Erlebnis schildern (dass ich der Einfachheit halber einfach auszugsweise kopiere) und dass ich bisher nicht mit einem Beleg anreichern konnte.

Portugal hat mich einmal 1989 überaus freundlich empfangen, anlässlich eines kleinen Aufenthalts an der Algarve. Dazu gehört – na klar – immer auch ein Besuch des lokalen Postamts, seinerzeit in Portimao. Das war ein echter Höhepunkt. Man kam in die Post hinein und da befand sich doch tatsächlich zur Linken ein ca. zwei Meter langer Sammlerschalter mit einer überaus bunten Auslage von Portugal, Madeira und Azoren-Ausgaben. Die Verkäuferin, eine propere, kleine ältere lusitanische Dame war vor Ort und Herrin dieses kleinen Standes. Links hinter ihr befand sich ein jahrzehntealter dunkler Geldschrank, und der war voller Sonderausgaben. Rasch war ich als Interessent wahrgenommen und meine Augen gingen gierig über die gezeigten Bestände: eine Vielzahl von Blöcken, viele Sondermarken in der für Portugal typischen Würdigung eines Themas mittels eines Satzes bestehend aus vier bis sechs Marken in einem Design, gerne ergänzt um einen Block mit einem Höchstwert. Ich wählte dies und das aus, und die Dame nahm genau wahr, was ich aussuchte und fand im Tresor weitere passende Ausgaben oder Formen (z.B. Heftchen statt Einzelmarken). Die Ausgaben der Jahre 1986-1989 waren vorrätig. Geld war damals bei mir sehr knapp, aber für die für mich damals hohe Summe von DEM 50 / PTE 5.000 hab ich Material mitgenommen.

Jetzt ist doch noch ein Kärtchen aufgetaucht.



Dummerweise habe ich damals ein Markenheftchen mit diesen eher unauffälligen, von der Nominale her aber passenden Marken für Auslandspostkarten gekauft (das Markenheftchen enthielt acht Exemplare). Das reichte seinerzeit und die mussten dann natürlich auch weg. So ergab sich leider keine Möglichkeit der Verwendung des beeindruckenderen Teils der wirklich üppigen Beute (die im Laufe der Zeit dann auch noch ungültig wurde, hatte mich da verkalkuliert).

Ich hätte gerne den Stempel in der Datenbank hinterlegt, aber ein ums andere Mal reicht da die Qualität des detailreichen Maschinenstempels nicht. Nicht das einzige Mal, dass die Stempelung der portugiesischen Post leider zu schwach ist.

Aber, kaum zu glauben, wir haben den Stempel dank Heinrich3 in der Stempeldatenbank. Hier der link für alle Neugierigen. Übrigens meine ich einen kleinen Unterschied feststellen zu können (der Stempelkopf von Heinrich3 zeigt eine Uhrzeitangabe, der auf meiner Karte keinen)

https://www.philastempel.de/stempel/zeigen/303902

1989 gab es in Portugal eine Serie von beeindruckenden Gemäldemarken mit Kunst des 20. Jahrhunderts. Die mittlere Marke des Blocks (Brotzeit des ungelernten Maurers) hat mich - bis heute - besonders beeindruckt.



Der Block hat eine Auflage von 100.000.

Gute Gelegenheit noch einmal etwas Altes zu zeigen - Sondermarken zum 400. Jahrestages der Entdeckung des Seeweges nach Indien von 1898.



Dieses Thema ist auf portugiesischen Marken immer wiederkehrend. So war auch in 1989 vor Ort ein Markenheftchen zu bekommen, dass die Seefahrt ehrte (interessant: zwei Markenausgaben, eine von 1987, eine von 1988 kombinierend). Ich lade zur Betrachtung beider Ausgaben ein. Der Reiz liegt für mich in der Gegensätzlichkeit der Gestaltungen, die doch ganz typisch für ihre jeweilige Zeit sind.


 
iholymoses Am: 10.11.2025 22:17:35 Gelesen: 9893# 77 @  
Ich kann ein ganz aktuelles Erlebnis berichten - kürzlich auf Dienstreise in Paris, Ankunft am Gare de l'Est und die freie Zeit genutzt, eine nahgelegene Post zu finden. Tatsächlich gab es eine Poststelle in der Nähe, dank Google Maps schnell geortet. Dort dann meinen vorbereiteten Brief (nur etwas überfrankiert - 5,50 € statt der notwendigen 4,50 €) abgegeben und mit meinen Schulfranzösischresten um schöne Stempel gebeten, worauf mir der Postler den Stempel in die Hand drückte und mir verständlich machte, ich möge doch selber stempeln - was dank des Plastik-Ministempelautomaten (mit integriertem Stempelkissen) ganz leicht ging:



Schön, dass das noch geht (und in schwarz) und auf dem Weg nach Deutschland auch keine Maschinenstempel mehr dazukamen - vive La Poste!

Bonsoir,
Reinhard
 
Bendix Gruenlich Am: 13.12.2025 19:00:03 Gelesen: 9248# 78 @  
1994 war ich auf Tour am Rhein und bin da in Frankreich vorbeigekommen. Den Besuch der Post in Lauterburg hatte ich geschildert [#6].

Hier habe ich noch einen Beleg aus Straßburg gefunden



Briefkasteneinwurf und Entwertung in einem der frühen französischen Briefzentren (centre de tri = Sortierzentrum).

Ich habe hier alten Kram aufgebraucht (Aufbrauch Doublette mit Freimarkenergänzung zur Erreichung des aktuellen Tarifs).

Prachtvoll: wir sehen auf einer der Marken einen Auszug aus einer Miniatur aus Gaston Fébus Handschrift „Das Buch über die Jagd“. Fébus war eine der schillerndsten Personen seiner Zeit. Er war Comte de Foix aber auch Herr von Béarn und Marsan, beides Landschaften am Rande der Pyrenäen, und mischte erheblich in der Politik seiner Zeit mit. Dabei war er Diener zweier Herren, des französischen Königs wie auch des englischen, der seinerzeit Herzog der Gascogne war. Er spielte eine erhebliche Rolle im Königreich Frankreich, galt als hochgewachsen und als tapferer Kämpfer, soll aber mit der Tötung seines Sohnes auch schwere Schuld auf sich geladen haben. Darüber hinaus galt er als gelehrt und verfasste Bücher, so jenes über die Jagd, dass ob seines naturalistischen Charakters bis ins 19. Jahrhundert als Lehrbuch genutzt worden sein soll und mit prachtvollen Miniaturen versehen ist. Auch ein Gebetbuch hat er verfasst.

Ist aber auch eine prima Gelegenheit mal wieder die französische Frau zu ehren. Mit einer Marianne, diesmal die Type Briat, darstellend eine moderne junge französische Frau mit phyrgischer Mütze und Kokarde, wie ich finde, ein Design ganz typisch für die 1990er Jahre.

Ist das nicht eine phantastische Mischung und ist es nicht erstaunlich, was eine einfache Postkarte über ihren reinen Wert für den Empfänger hinaus, uns heute noch kulturell an Stichworten bieten kann?
 
Bendix Gruenlich Am: 31.12.2025 09:50:52 Gelesen: 8750# 79 @  
Wenn man ordentlich Eindruck machen will, welch eine gewichtige Reise man unternimmt, da muss natürlich jede Gelegenheit genutzt werden, die sich bietet, um mittels Internationalität zu glänzen.

Der Bodensee ist ja ein Dreiländereck und 1994 hatte ich Quartier im schönen Lindau gemacht (phantastisch: die Terrasse am See mit dem Löwen am Hafen bei Bilderbuchwetter, dort einen Sundowner nehmen und in aller Ruhe den Abend hereinbrechen lassen).

Österreich war nur einen Steinwurf entfernt. Also Kärtchen geschrieben, ab über die Grenze und in den ersten Briefkasten, den ich auf österreichischen Boden fand (ca. 1-2 km nach Österreich hinein, Richtung Bregenz) die Karte eingeworfen und dann sofort nach Norden eingedreht, da es weiter ins Allgäu gehen sollte).



Das österreichische Abenteuer war also ein sehr kurzes, aber das sieht man der Karte ja nicht an.

Aber sind sie nicht prachtvoll, die österreichischen Marken? Häufig mit Stichtiefdruckelementen, wie auf der Sondermarke auf der Karte zu sehen.

Zur Abrundung noch ein Blick auf ein paar Marken.
• Oben: ein Blick auf etwas Altes, die Mi-Nr. 3X und Y zu drei Kreuzern von 1850 mit dem Staatswappen. Das kuriose daran ist, wie durch die Ortsbezeichnungen der Stempel Trient (heute Italien) und Reichenberg (Liberec, heute Tschechien) klar wird, wie Österreich-Ungarn seitdem geschrumpft wurde
• Unten links und rechts: Sondermarke Bregenz von 1984 zur Feier des 2000-jährigen Bestehens der Stadt
• Mitte unten: Sondermarke zur Würdigung der Internationalität der Bodenseeregion von 1993, die Marke gibt es bildgleich von den Anrainerländern Österreich, Schweiz und Deutschland – hier die österreichische Ausgabe


 
Bendix Gruenlich Am: 31.01.2026 06:30:13 Gelesen: 7879# 80 @  
1994 - Mensch, da taucht auch noch eine Karte aus München auf. Ich habe da meine damalige Reise ausklingen lassen.



Übrigens Briefkasteneinwurf irgendwo in der der weiteren Innenstadt (in eines von den Exemplaren mit zwei Schlitzen, einer für Münchener Adressen, einer für Post für außerhalb).

Es ist eine beeindruckend schöne Stadt. Ich war 1991 zum ersten Mal dort und als ich aus der U-Bahn am Odeonsplatz ausgestiegen bin, ist mir die Kinnlade runtergefallen - Theatinerkirche, Feldherrnhalle, Residenz - was für ein Ensemble.

Bescheidenheit jedenfalls scheint die Sache Bayerns nicht zu sein, vielmehr zeigt man ganz barock und selbstverständlich, was man zu bieten hat.



• Links: das Nationaltheater neben der Residenz, ein beeindruckendes Opernhaus, das ich auch einmal persönlich besuchen durfte
• Mitte: Leo von Klenzes Propyläen / ein Denkmal zur Verherrlichung des griechischen Freiheitskampfes in Anlehnung an Torbauten der Akropolis in Athen. Bayern entsandte einen Fürsten zur Übernahme der Regentschaft in 1830. Das Gebäude steht am Königsplatz in München und ist Teil eines beeindruckenden Architekturensembles
• Rechts: das Original findet man in der Münchner Residenz, überzeugt Euch selbst und bucht eine Führung (ich habe das mal 1991 getan, Stand vor dem Original und sagte mir „…das kennst Du doch…“)

Vielleicht auch ganz lustig: am Abend ging es zum Feiern und Abendessen raus. Und irgendwie sind wir über ein paar Bier in eine internationale Runde mit einer paar Italienern geraten. Da wurde gelacht und getrunken, und die Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Und als wir zum wiederholten Mal das Glas zum Trunk erhoben hatten, hielt es einen Japaner aus einer kleinen Reisegruppe nicht mehr auf seinem Stuhl. Freudig erregt hob er den Krug in Richtung unserer Runde und grüßte überschwenglich. Wir haben die freundliche Geste erwidert. Und unser japanischer Reisende war sichtlich gerührt und verbeugte sich anschließend fernöstlich tief und ungekünstelt respektvoll. Ein sehr freundlicher und verbindender Moment.

Mir war das ganz entfallen, und ein kurzer Blick auf die Karte erst förderte die Erinnerung an das Ereignis und den ausgelassenen Abend wieder zu Tage.

Euch ist das alles zu modern?

Bitte, dann zum Schluss ein Hinweis auf die Posthoheit Bayerns (bis 1920) mittels ein paar frühen Bayern-Marken aus den 19. Jahrhundert.



Na, alt genug?
 
Bendix Gruenlich Am: 28.02.2026 07:41:34 Gelesen: 7037# 81 @  
1996 - da bin ich die deutsche Ostseeküste getourt. Ich habe das auch schon in einem kleinen Beitrag verarbeitet, aber einen Beleg hatte ich damals noch nicht bei der Hand. Aber da finde ich etwas. Von der Etappe - ein Stopp, um meine Post auf den Weg zu bringen, aus Garz - einer Ortschaft auf der Insel Rügen.



Rügen und Sylt sollen sich ja in einem Wettbewerb zur Frage befinden, welche der Inseln denn jetzt die schönste in Deutschland ist. Rügen ist jedenfalls die größere und damit zwangsläufig abwechslungsreichere. Auch liegt mir der Ort deswegen am Herzen, weil er eine Heimat für meinen Großvater für über zwanzig Jahre bot.

Die Bäderarchitektur ist schlicht beeindruckend und in 1996 nahm ich im belebten Binz Quartier, dass sich vieler prachtvoller Villen erfreut. Phantastisch und absolut besuchenswert.

Vielleicht noch ein paar Markenzitate zur Region.



Links: wer auf Rügen will muss in der Regel durch Stralsund. Hier das historische Postamt in Stralsund, dass von meinen Leuten benutzt worden sein sollte, denn vom Wohnort meines Großvaters war es nur eine kurze Bootsfahrt rüber nach Stralsund.

Mitte: alter historischer Kram. Ich weiß gar nicht, warum man sich auf Altausgaben beschränkt. Sie geben für meinen Geschmack grafisch weniger her. Jedenfalls waren die linke des Norddeutschen Postbezirks und die rechte des Deutschen Reiches - beide in der Talerwährung Norddeutschlands und Preußens - mal irgendwann auch auf Rügen gültig.

Rechts: Ausgabe zur Ehrung der Bundesländer – hier Mecklenburg-Vorpommern mit der Insel Rügen.

Zum Schmunzeln: nicht ein Stempel passt zum besprochenen Ort (die Ortsstempel sind niederrheinisch, rheinland-pfälzisch und sachsen-anhaltinisch).

Habe ich auch noch gefunden: berühmter Rügener, in Garz geboren: der politische Schriftsteller Ernst Moritz Arndt (für heutige Verhältnisse in Stil und Botschaft schwer verdaulich: nationalistisch, patriotisch, pietistisch – ein Mann seiner Epoche, geprägt durch die Franzosenzeit). Marke von 1969 und damit 33 Jahre gültig (ist ja eine Ewigkeit für Deutschland als Sammelgebiet), vom 01.07.1990 bis 30.06.2002 übrigens auch in Garz.



Und ich habe hier noch ein besonderes Stück, dass mir sehr am Herzen liegt und sehr gut zur Reise passt, denn mittels der auf der Briefmarke dargestellten Fährverbindung bin ich von Sassnitz auf Rügen nach Ystad in Schweden weitergetourt. Versendet wurde der Brief von einer alten Nachbarin an meinen Großvater, aufgegeben in Göhren auf Rügen und gestempelt wurde mit einem ansehnlichen Sonderstempel. Was für eine Werbung!

Und der Umschlag, der ging damals, zu Beginn meiner Sammeltätigkeit, an mich. Da habe ich mich natürlich wahnsinnig drüber gefreut. Und so wusste ich bereits seit 1979, welche Reiseroute ich dann 17 Jahre später zu nehmen haben würde, wenn ich denn mal nach Schweden wollte.

Und man kann mir ruhig glauben, dass ich mich tatsächlich dieser Marke und der möglichen Route (siehe Zierfeld) erinnerte, als ich meine Reise vorbereitete.


 
Bendix Gruenlich Am: 31.03.2026 14:16:57 Gelesen: 5978# 82 @  
1998 - richtig, da habe ich ja eine ganz kleine Tour gefahren (von Oberursel am Fuße des Feldberges ins Rheinland) und habe eine Fortbildung für einen kurzen Sporturlaub (gesunder Geist im gesunden Körper) genutzt.



Dann schauen wir doch mal
• Karte von Weilburg an der Lahn
• Poststempel von Weyerbusch einem Ort mit 300 Seelen im rechtsrheinischen Rheinland-Pfalz
• Briefmarke darstellend die Frauenkirche in München
• Empfänger im nördlichen Rheinland
• Kartenverlag Schöning aus Lübeck

Es scheint sich also um ein innerdeutsches Ereignis gehandelt zu haben.

Offenbar bin ich - wie ich erst heute erkenne – in großen Teilen der alten „Cölnischen Hohen Heer- und Geleitstraße“ heute „B8“ gefolgt. Was man in Deutschland nicht alles findet - beeindruckend!

Übrigens, Bürgermeister von Weyerbusch war für drei Jahre Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Der war mit geistiger Vater (für den bäuerlichen ländlichen Raum) der deutschen Genossenschaftsbewegungen aus denen lokale Banken und Landhandelsbetriebe entstanden sind, die noch heute eine gewichtige Rolle in Deutschland spielen.

Er ist in Deutschland auf Briefmarke geehrt worden.



• Rechts und links: Marke zu 7 Pfennig + Zuschlag von 3 Pfennig von 1958, die Teil des Wohltätigkeitssatzes, bestehend aus vier Werten aus dem Jahr 1958, war. Auflage: 6.650.000
• Mitte: Marke zu 80 Pfennig von 1988 aus Anlass des 100. Todestages Raiffeisens. Auflage: 35.150.000
 
Bendix Gruenlich Am: 30.04.2026 21:36:31 Gelesen: 3680# 83 @  
1999 – war ich auf dem Weg in die Niederlande (Berichte [#28] bis 30).

Ich habe die 100km bis zur Landesgrenze genutzt, Freunde vom Reisebeginn so zu unterrichten.



In 1999 war das Ende der Nutzbarkeit von DEM-nominierten Briefmarken absehbar und die ehemals unerreichbaren Briefmarken (Zuschlagsmarken von Anfang der 1970er Jahre) waren um 80% ihres Nominalwertes ohne Zuschlag zu haben. Ich hatte mich da eingedeckt und die Marken in aller Ruhe, wenn sich mal Gelegenheit ergab, aufgebraucht.

Einer meiner Lieblingssätze der 1970er Jahre sind die Jugendmarken des Jahres 1970, die Darstellungen aus der berühmten manessischen Handschrift aus dem Mittelalter wiedergeben (eine um 1300 entstandene Lieder- und Gedichtsammlung, das Original wird in Heidelberg aufbewahrt) und der Weinberger Handschrift enthalten. Dargestellt sind die Dichter bei der Wahrnehmung ihrer standesgemäßen Beschäftigungen, so das ritterliche Leben verherrlichend.

Unsere Vorfahren vom Stande haben sich damals in Eisen gerüstet, und wie man das für Kerle erwarten darf, ordentlich angegeben. Statt in fette Mercedes packte man sich auf beeindruckende Pferde und auch die Rüstungen wurden aufwendig gestaltet.

Dabei ritt man - während die Bauern die Feldarbeiten erledigten - öfter mal aus und maß sich mit seinesgleichen in Turnieren, also spielerischen Kämpfen, nicht ungefährlich, aber nicht zwangsläufig zum Tod führend.

Das Abenteuer war geboren.

Dabei konnte Mann gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: nämlich seinem gleichgeschlechtlichen Wettbewerber straffrei öffentlich eins auf die Nase geben und sich von den passiven Damen auf den Rängen dafür bewundern lassen.

Das ist kulturell bis in die heutige Zeit ein sehr beliebtes Bild (man schaue sich einen modernen Film an. Ich habe das kürzlich getan - da tötet ein Protagonist so um die Ende 40, permanent seinen getunten Ford Mustang im Drehzahlbereich über 6000 Umdrehungen durch Los Angeles fahrend (Tempolimit dort übrigens 65 Meilen, ca. 105 km/h), während 120 Minuten mal locker 100 Gegner und geht mit vier Frauen ins Bett. Das alles angeblich innerhalb 48 Stunden. Das ist natürlich ein Extrembeispiel. Ich muss der Produktionsfirma mal schreiben, dass man bei einem Schaltwagen nicht immer im ersten Gang fahren sollte, damit künftige Produktionen realitätsnäher sind.).

Richtig ist, jeder Kerl hat so was in Abstufungen im Kopf. Wer will nicht im Kampf bestehen und anschließend von schönen Frauen geliebt werden? Auf den nachfolgend abgebildeten Marken ist man schon einen entscheidenden Schritt weiter.



Jedenfalls war ich auf einem ritterlichen Abenteuer-Trip (nicht zu Pferde, aber mit einem goldlackierten 20 Jahre alten Rennrad, nicht in Rüstung aber mit Sicherheit in irgendeinem bunten Fahrradtrikot) und dazu passte die Frankatur einfach hervorragend (um sich selber auf die Schippe zu nehmen, aber sicher war auch ein bisschen Ernst dabei).

Aber was nützt einem das schönste Abenteuer, wenn keiner davon erfährt? Verschicken wir also Nachrichten und berichten darüber

Aus den Niederlanden aus Amsterdam



Und damit das nicht so langweilig wird und um von der miserablen Qualität des Beleges abzulenken, eine Anekdote: da bin ich als Fahrradtouristiker mit Gepäck in das Finish eines echten Radrennens geraten. Und bin erster geworden, da ich fünf Minuten vor dem Feld angekommen bin. Links und rechts waren Absperrungen mit Publikum, aber aufgehalten hat mich keiner. Fünf Minuten später war ich von ernsthaft radsportbetreibenden Rennradlern umgeben.

Aus den Niederlanden von Zeeland



Hier gelang es mir über 60 km in phantastischem Tempo einem drohenden Gewittersturm davonzufahren. Der Wind war so heftig, dass er mich praktisch von selbst über die beeindruckenden Sperrwerke trieb. Dank der niederländischen Radwegführung (Respekt!) ging das barrierefrei praktisch ohne Zwangshalte. Ich kam auch an Baustellen vorbei. Während die Autospuren halbiert und die Autos ausgebremst wurden, gab es freie Fahrt auf der Radspur (in Deutschland undenkbar).

Aus Brüssel



Wo ich mit dem Fahrrad in einen riesigen sechsspurigen, dicht befahrenen, in Pflastersteinen gearbeiteten Kreisverkehr geriet (das ist, wie wenn man in einen tödlichen Malstrom gezogen werden würde) und lebend wieder rausgekommen bin.

Nun, ich hatte ja Abenteuer versprochen.

Und genau so haben das die Ritter gemacht. Die Nase vor die Haustür gehalten, sich rumgetrieben und dann mit Geschichten und Erfahrungen zurückkommen.

Davon war übrigens nicht jede wahr, ja die wenigsten sind es. Jedenfalls kann man sicher sein, dass Kerle keine Gelegenheit auslassen, immer was dazu zu dichten (nimmt man die Zahl der angeblich besiegten Feinde und multipliziert sie mit den dazugehörigen Erzählungen, so müsste die Welt vermutlich menschenleer sein).

So ist es ja auch mit unseren Briefmarken: multipliziert man die Angebote teurer Briefmarken, kommt man auf eine Anzahl, die die Auflage der Seltenheiten übersteigen. Also müssen von diesen Angeboten ja ein paar falsch sein.

Ob meine Geschichte wahr ist, ist Glaubenssache – immerhin wäre ich seinerzeit noch jung und dumm genug dafür gewesen. An philatelistischen Belegen jedenfalls mangelt es nicht (und die schlechte Qualität der letzten drei Stücke habe ich einfach mit viel Text überdeckt).

Und jetzt ist der Beitrag eigentlich fertig. Er lagert schon ein paar Wochen auf meiner Festplatte, da kommt mir doch ein Artikel zum Thema Ritterschaft auf den Wochenendseiten der Financial Times in die Hände.

Die zitieren den mittelalterlichen Schriftsteller Chrètien de Troyes aus dem 12. Jahrhundert und der schrieb im „Yvain“: “I was making my way in search for adventures, fully armed as a knight should be…” (Ich war auf Wanderschaft auf der Suche nach Abenteuern, voll gerüstet, wie es einem Ritter geziemt…).

Da erhob ich mich umgehend vom Küchentisch (an dem die Lektüre stattfand) erhob den rechten Arm zum Signal (einen hölzernen Kochlöffel in der Hand) und befahl in den Flur: „Knappe, mein Pferd…!“
 
Bendix Gruenlich Am: 31.05.2026 07:39:48 Gelesen: 2983# 84 @  
Heute zeige ich mal, wie man sich angemessen in den Urlaub verabschiedet, wenn man eine Flugreise tätigt.

Zuerst muss die Reiserüstung gut geklappt haben. Dann muss man es in angemessener Zeit zum Flughafen schaffen.

Ist das gelungen, kauft man ein Kärtchen, frankiert das und sucht die am Flughafen befindliche Post auf (vor Jahren selbstverständlich vorhanden, heutzutage leider eher nicht).

2001 - es geht nach Portugal, nach Faro an der Algarve.

Wie es der Zufall will (das ist natürlich eine massive Untertreibung, das war natürlich dezidiert geplant), hatte ich eine portogerechte Menge einer Ausgabe zu Ehren der Luftpost von 1969 mit. Da wir das Jahr 2001 schrieben, galt noch die Deutsche Mark und alle seit 1969 ausgegebenen Marken der Deutschen Bundespost (mit Ausnahme der mit der Inschrift Berlin) waren noch gültig.



Und es gab eine Postagentur im Flughafen Düsseldorf, die habe ich aufgesucht und dort hat man die Marken vorbildlich gestempelt. Leider ging es dann noch mal durch die Stempelmaschine des Briefzentrums.

2002 - es geht wieder nach Portugal, diesmal nach Porto, und der Flug ging ab Frankfurt, das hatte ich ganz vergessen.

Am 30.04.2002 war das, der Euro war zwar bereits eingeführt, aber DEM-Marken waren noch gültig. Und in meinem Frankaturbestand habe ich noch eine schöne Ausgabe mit Luftfahrtbezug gefunden. Also habe ich etwas Unerhörtes getan: ich habe sie einfach benutzt.



Leider hat auch hier die Doppelstempelung zugeschlagen.

Na wenigstens wird hier keiner behaupten, das seien ja wohl gefälligkeitsgestempelte Stücke, die nie durch die gefahrvollen Wege der tatsächlichen Postbeförderung gegangen wären. So etwas zeige ich aus Prinzip nicht.

Karten und Autor in meinen Beiträgen hier in dieser Rubrik waren immer vor Ort (und sind bisher – toi, toi, toi – auch wieder heil zurückgekommen).
 
Bendix Gruenlich Am: 30.06.2026 20:54:28 Gelesen: 2306# 85 @  
Nicht alle Projekte gelingen, so wird das hier heute ein Eingeständnis des Scheiterns, bei dem wir philatelistisch trotzdem auf unsere Kosten kommen werden, so hoffe ich.

In 2003 ging es darum, ein paar weiße Flecken auf der heimatlichen Landkarte zu füllen.

Deshalb hatte ich damals Berlin – die neue, alte Hauptstadt – als Reiseziel angesetzt. Wir alle kennen Berlin eigentlich ganz gut, hat es doch philatelistisch einfach jede Menge Spuren hinterlassen, wie ich das kurz beweisen werde.

Von oben unten:

• Reichspostmuseum (Kommunikationsmuseum) in Berlin-Mitte, Freimarke zu Mark 1,-- des Deutschen Reiches von 1907
• Brandenburger Tor und Berliner Mauer – anläßlich der Maueröffnung
• 750 Jahre Berlin-Ausgabe der DDR
• 750 Jahre Berlin-Ausgabe der Bundespost Berlin



Habt Ihr etwas wiedererkannt? Schön!

Dabei war der Weg das Ziel, so ging es vom industrialisierten Rheinland via Solingen / Remscheid durch das südliche Westfalen / das Sauerland nach Nordhessen.

Erst einmal möchte ich meine umtriebige Nachbarstadt Solingen würdigen. Da werden Schneidwaren geschliffen, was das Zeug hält. Bei der Rhein Ruhr Posta 2003, die ich auch seinerzeit tatsächlich besucht habe, hat man das auf einem Sonderstempel gewürdigt (jetzt bitte kurz in die Küche gehen, Besteckschublade offen. Keine Solinger Messer drin? Meiner Meinung nach so unvollständig / nicht präsentabel).



Und dies von der Strecke

• Mitte - lag am Wegesrand: die Müngstener Brücke zwischen Solingen und Remscheid, übrigens die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands, 1997
• Seite: Wappen der Gastgeberländer
• Unten: Sauerland-Marke aus einer Sondermarkenserie Landschaften
• Ganz unten: nahe Kassel zu finden - Schloss Wilhelmshöhe, Weltkulturerbe




Hier noch ein Beleg für Euch - aus Bad Arolsen.



Deutschlandsammler spitzen da die Ohren, denn wir kennen das Städtchen von Marken, nämlich als Marke aus der Serie „Sehenswürdigkeiten“, eine meiner Lieblingsdauerserien aus Deutschland.



Vor dem Schloss habe ich auch gestanden, Besichtigung leider nicht möglich, ich war mal wieder am fortgeschrittenen Nachmittag zu spät dran.

So weit so gut, aber im deutschen Mittelgebirge kann es auch recht biestig zugehen. Das Wetter war so anhaltend schlecht, dass ich bei Temperaturen unter 10 Grad und bei Dauerregen kurz vor Hannoversch-Münden abgebrochen habe. Ab nach Hause. Hier noch ein passender link zur Stempeldatenbank

https://www.philastempel.de/stempel/zeigen/697738

Und erst Tage später klärte es auf und wurde endlich spätsommerlich, und da habe ich mir den Niederrhein erschlossen. Hier ein Gruß aus Kleve.



Auch Kleve kennen wir von Briefmarken, aus der Serie „Burgen und Schlösser“. Die Burg Lohengrins (die sogenannte Schwanenburg) hat es auf eine Marke geschafft. Ich war damals auch dort – Elsa (die Gattin Lohengrins) war nicht zu Hause, seinerzeit war in der Burg das Amtsgericht installiert.



Und deswegen liebe ich die gegenständlichen Darstellungen auf Briefmarken. Sie regen an: das Gezeigte zu besuchen, sich an der Gestaltung zu begeistern, zu schauen was geschaffen worden ist und was geschaffen werden kann - weil uns das begeistern kann.

Und jetzt legt mal ein tagesaktuelles Labelchen daneben. Also ich spüre da gar nichts.
Hier wollte ich eigentlich ein diese Woche eingegangenes zeigen, aber das ist über schon im Küchenabfall gelandet, mit Folien war es auch beklebt – unrecycelbar, ich habe es mit Küchenfett übergossen. Mülltonne - Müllverbrennung!

Es nervt mich, dass heutzutage nur das Mobiltelefon bunt sein darf, und man dann ein Angebot angezeigt bekommt, das für mich - so meine Wahrnehmung - häufig stark kommerzialisiert ist und profan wirkt.

Gut, dass wir da unsere hervorragend gestalteten Briefmarken (der Vergangenheit?) haben, und auf die haben wir heute einen Blick werfen können.

Das ist ja alles gar nicht wertvoll (nicht meine Lieblingsfrage, aber hier im Forum oft gestellt: „wieviel ist das wert“)?

Kulturell ist der Wert jedenfalls gewaltig – zu einer simplen Preisnotiz jedenfalls hätte ich keine A4-Seite schreiben können oder wollen.
 
Bendix Gruenlich Am: 31.07.2026 20:49:46 Gelesen: 1629# 86 @  
Wer hat in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag?

Genau, es sind die USA.

Da fange ich den Artikel am besten mal mit Briefmarken an, die berühmte Rebellen zeigen.



Links: Benjamin Franklin, Denker, Drucker, Liberaler, Naturwissenschaftler. Eine weltgewandte Ikone „of the cause“ - Aufenthalte im UK und Frankreich (hat dort die Militärunterstützung für die Rebellion verhandelt). Auch bekannt von der USD 100-Banknote.
Rechts: George Washington: reicher Virginier - Oberbefehlshaber der Rebellen- aka Continental-Armee und 1. Präsident und schon im Siebenjährigen Krieg (gegen Franzosen und Indianer in Nordamerika) aktiv


Marken von 1859 – da waren die Vereinigten Staaten erst 83 Jahre alt.

Ist natürlich ewig her – nicht meine Zeit, aber 2004 habe ich mich für eine Atlantiküberquerung entschieden.

Hin mit dem Flieger und zwar ab Düsseldorf über London in die neue Welt, nach New York.

Was für ein Flug in der Touristenklasse, ich musste während des Fluges an den Belegungsplan von Sklavenschiffen denken. In Erinnerung blieb mir ein ca. sechsstündiger Kampf im Arm- pardon genauer gesagt Ellbogendrücken um die linke Armlehne mit einem unglaublich großen, schlanken farbigen Mann, der deutlich mehr gelitten haben muss, als ich. Das Amüsante dabei: wir haben uns währenddessen und beim Aussteigen nicht einmal in die Augen geschaut.

Seinerzeit musste man im Flugzeug eine Immigrationskarte ausfüllen, mit recht absurden Fragen (z.B. ob man einreisen wolle, um in den USA Verbrechen zu begehen oder ob - wir schreiben das Jahr 2004 -man Mitglied der NSDAP war).

Anschließend ging es durch die Immigrationskontrolle. Das Personal muss eine Sonderschulung in rüdem Verhalten erhalten haben, ich habe keine Ahnung, was das soll.

Dreißig Minuten später und man war durch und begegnet dann dem überaus freundlichen Amerika. Ich wandte mich mit einer Orientierungsfrage an einen nicht kommerziellen Informationsschalter und erhielt auf freundlichste Art eine verbindliche Auskunft.

New York, was für eine Stadt, riesig und kulturell, wenn man durch Brooklyn fährt, unglaublich vielfältig. In gewisser Weise dann doch ethnisch sortiert, dann wieder nicht – in dauerndem Wechsel von Block zu Block - bis man sich der beeindruckenden Silhouette Manhattans nähert.

Ich habe zwanzig Minuten Inne gehalten und mir in Ruhe die Skyline angeschaut.



Ab ins Städtchen über die Brooklyn Bridge



Da im Gepäck ein Briefmarkenalbum mit dabei war (überlebenswichtiges Utensil für reisende Philatelisten), konnte sogleich die Nachricht von der erfolgreichen Landung nach Deutschland abgehen (Briefkasteneinwurf).



Was macht die USA eigentlich so erfolgreich?

Ist es das Licht der Freiheit (Marken Seite, die Freiheitsstatue ist übrigens Made in France) oder die Feuerkraft des Militärs (Marke Mitte)?



Alles falsch, es ist der Kultur-Export – und zwar massiv befördert durch die Filmindustrie.

Man kann das in Deutschland am eigenen Leib erleben. Und das ist die Folge des verbreiteten, unreflektierten Fersehkonsums (bis ca. 2015, seitdem zunehmend durch social media + streaming verdrängt). Dabei konsumierten die Leute heimlich (nämlich in den eigenen vier Wänden) eine ungeheure Menge an TV-Produktionen und glaubten danach tatsächlich, sie würden in einer US-amerikanischen suburbia wohnen.

Das hat seine Ursprünge im deutschen Privatfernsehen (frühe 1980er). Hier kam es noch nie auf Bildungsbotschaften oder politische Korrektheit an, sondern nur auf die Quote, und die erreicht man am besten, in dem man irgendwelche Sinne reizt, und sonst gar nichts. Jetzt kann man natürlich so etwas selbst produzieren. Das ist aber viel zu teuer. Besser man importiert die bereits fertigen US-Serien, synchronisiert sie und fertig ist das billige Fernsehfutter, mit dem man das gelangweilte Publikum stundenlang vor der Glotze als Geisel halten kann. Und das ist kein Scherz, so kam durch einen simplen betriebswirtschaftlichen Effekt amerikanische Lebensart in bisher ungeahnter Intensität in unsere Köpfe.

Dabei sind die Filme zum Teil so gut gemacht, dass sie im Ausland zur Folklore werden (Murmeltiertag, war der nicht kürzlich im Nachbarort?).

Das beweise ich jetzt mal durch Tourbeute.

Wetten dass, ihr die meisten der hier zitierten Filme kennt (Citizen Kane, Vom Winde verweht, ET, Frankenstein – neben diesen phantastisch gemachten Werken auch die längste Seifenwerbung der Welt: Kleopatra von 1963). Bitte das Zitat von Selznick auf dem Block beachten, er hat meiner Meinung 100% Recht.

Intelligent gestaltet (Filmstreifen) und großartige Komposition auf diesem Block (mit frühen selbstklebenden Marken zum seinerzeitigen Inlandsbrieftarif).



Jetzt hole ich das Ding (den Bogen) zum ersten Mal seit 24 Jahren aus dem Album, um ihn für diesen Artikel zu scannen. Da sehe ich erst heute, dass auf der Rückseite des Bogens ein umfangreicher erläuternder Text abgebildet ist. Und das ist nicht rosarot und oberflächlich, sondern nennt Quellen und spricht die Zielsetzung der Gestaltung an (warum wird dieser Effekt hervorgehoben, und wie wirkt er – ganz kurz und knapp ausgeführt, dabei nicht ohne Tiefe, ohne auszuschweifen).



Das ist großartig, tiefgehend und illustrativ – lieber US Postal Service, das ist meiner Meinung nach hervorragende Arbeit! So geht Gestaltung, so kann Postfrankatur aussehen.

Zum Schluss noch ein Kärtchen



Erst einmal zum Stempel. Der Maschinenstempel schreibt von „Grüße von weit, weit her“. Hat man den auch für lokale Post verwendet oder ist das ein Hinweis, dass das nur für Übersee verwendet wurde (dann würde erst sortiert werden und dann gestempelt)?

Und noch etwas: da hier schon wieder der unausweichliche George Washington mit dabei ist, noch eine kurze Anmerkung zu seinem Leben:

Sohn einer englischstämmigen, dort dem niedrigen Adel entstammenden, Plantagen-Eignerfamilie in Virginia. Geboren 1732. Lokale Schulbildung und Erweiterungen seines Wissens in Mathematik und Landvermessung. Mit 16 Teilnahme an einer Expedition ins Shenandoah-Tal zu den Besitzungen der einflussreichen Familie Fairfax, der er in Freundschaft verbunden war. Dort Vornahme von Vermessungen und Kartographierungen. Bestallung zum Vermesser und dreijährige Tätigkeit als solcher (dieser Teilaspekt wird fortgesetzt, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt).
 
JoergH Am: 31.07.2026 21:07:25 Gelesen: 1617# 87 @  
@ Bendix Gruenlich [#85]

Hallo Bendix,

kleine Korrektur:

Das Schloss Wilhelmshöhe ist nicht bei, sondern in Kassel zu finden.

Auf den gezeigten Briefmarken freilich ist nicht das Schloss Wilhelmshöhe, sondern der Herkules im Bergpark Wilhelmshöhe gezeigt. Luftlinie ca. 1,5 km Entfernung; am Herkules starten die berühmten Wasserspiele, die dann in einer Fontäne in der Nähe des Schlosses (sehenswerte Gemäldegalerie!) enden.

Mit Sammlergruss
Jörg
 
iholymoses Am: 10.08.2026 17:28:51 Gelesen: 1289# 88 @  
Hallo zusammen,

wir waren im Juli in der Mongolei und natürlich habe ich das Zentralpostamt in Ulaanbaatar besucht, da es hier einen Philatelieschalter geben sollte [1]. Den gab es auch, nur war die zuständige Dame gerade kurz einen Kaffee trinken, vielleicht hier (das war im gleichen Gebäude):



Also erstmal "normale" Briefmarken für Postkarten gekauft und dabei schon eine Besonderheit der mongolischen Post kennengelernt: die Postkarte oder der Brief nach Europa kostet 11,000 Tögrög (ca. 2,65 €), mir wurde aber nur eine 10,000 Tögrög Briefmarke ausgehändigt. Auf Rückfrage ergab sich, dass eben auch 10% Mehrwertsteuer fällig sind, diese aber nicht frankiert werden.

Nachdem das geklärt war, war auch der Philatelieschalter besetzt, aber nur bedingt motiviert, mir welche von den vielen aushängenden Sondermarken zu verkaufen... zum Glück kam in dem Moment zufälligerweise einer unserer Reiseleiter vorbei (an seinem freien Tag in einer Stadt mit ca. 1,5 Millionen Einwohnern...) und konnte die Angestellte dann doch motivieren, mir einige der schöne Marken bzw. Blocks zum Frankaturpreis zu verkaufen.

Zwei Briefe wurden korrekt frankiert und in den Briefkasten für "International Mail" im Postamt auf die Reise gegeben und waren binnen 1 Woche in Deutschland - mit schönen Stempeln:



Die Postkarten waren gleich schnell und auch schön handgestempelt.

Da kann sich manche europäische Post mal ein Beispiel dran nehmen!

Viele Grüße,
Reinhard

[1]https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g293956-d12797577-Reviews-Ulaanbaatar_Central_Post_Office-Ulaanbaatar.html
 
Bendix Gruenlich Am: 31.08.2026 18:50:04 Gelesen: 502# 89 @  
Heute mal was Neues zum Thema Reise. Da mein Bericht mit dem 250. Unabhängigkeitserklärungsjubiläum zusammenfällt, ein historisches Stichwort.

Die heutigen USA sind vor allem aus den 13 Kolonien Großbritanniens an der amerikanischen Ostküste hervorgegangen (na klar, warum sollten die heute sonst auch englisch sprechen). Und die Kolonien sind durch die Taten von abenteuernden Eroberern entstanden.

So erfolgte z.B. in Virgina ein erster Besiedlungsversuch 1607. Hier eine Ausgabe der USA von 1907 zu Ehren der Besiedlung durch John Smith, der von der lokalen Indianerprinzessin Pocahontas vor einer Tötung durch Indigene bewahrt worden sein soll. Die Filmwirtschaft dichtete eine romantische Liaison hinzu (nicht belegt). Jedenfalls spielte Pocahontas tatsächlich eine unterstützende Rolle bei der Besiedlung und wurde zum Mythos, und leider auch zum Spielball der Politik (Zwangs- / bzw. politische Heirat mit einer einflussreichen Persönlichkeit aus der Siedlerschaft - daraus ist ein Kind hervorgegangen, das damit der Oberschicht der Kolonien angehörte. In weiteren Generationen günstig geheiratet, was dazu führte, dass sich diverse Prominente Politiker und Persönlichkeiten auf die Abstammung aus dieser Verbindung berufen können.



Was auf der Ausgabe vielleicht harmonisch wirkt, hielt nicht lange. Um eine Besiedlung und Bewirtschaftung zu erreichen, musste man den Indianern das Land wegnehmen. Und das hat man auch ohne die geringsten Gewissensbisse getan. Es ging auf beiden Seiten blutig zu.

Und darauf möchte ich hinaus: die lokalen Siedler waren durch die stetige Gefahr durch Indianerüberfälle gezwungen und auch durch die britische Administration verpflichtet, sich in lokalen Milizen, die auch lokal geführt wurden, bewaffnet zu organisieren.

Letztlich eine frühe Version eines Volksheeres. Und so entwickelten die Kolonien eigene Kampfkraft, eigene organisatorische Fähigkeiten und ein großes Selbstvertrauen.

Meine Reise ging durch die Neuenglandstaaten und so bin ich an vielen entscheidenden Stätten der Revolution vorbeigekommen.

Aber jetzt ging es erst einmal von New York nach Norden. Jenseits der 110. Straße fängt (weiß ich von einem Song, den ich einem Tarantino-Film aufgeschnappt habe) Harlem an, und das ist bzw. war in der Tat schwarz geprägt. Es ist erstaunlich, wie auf einer übersichtlich großen Halbinsel (10x2 km)wie Manhattan, ein solches Gefälle an Bauqualität feststellbar sein kann. Im Zentrum megabeeindruckende, für Milliarden gehandelte Hochhäuser und je mehr man nach Norden kommt, nimmt die Höhe der Bauwerke ab, ja zum Schluss gab es sogar Industrieflächen bzw. -brachen, die einen desparaten Eindruck machten. Auch in der Südbronx kam ich mir teilweise deplatziert vor. Ich habe mich dann durch die Stadteile treiben lassen und nach einem leider notwendigen technischen Halt kam ich in einen großen Park. Es wurde nach dem großstädtischen Lärm plötzlich still und nach der Durchquerung dieses Parks schien die Welt im Westchester County wie verändert: kleinstädtisch, aufgeräumt und deutlich ruhiger. Neuengland.

Später am Tag kam ich in Connecticut an, Mir sagt der der Staat etwas, weil viele Kaufmannskollegen, die in New York arbeiten, ihren Wohnsitz in Connecticut haben sollen, was immense Steuervorteile bieten soll.



Wir sind in den USA - hier zwei Farben „George Washington“ Mi-Nr. 9 von 1857. Und da die USA als Land des Fortschritts gelten, diesmal gezähnt, denn perforierte Marken lassen sich schlichtweg einfacher trennen.

Wenn man sich in einem neuen Land rumtreibt, muss man sich erst einmal orientieren. Was gibt es da an Übernachtungskultur, wo das Futter hernehmen?

Und hier gab es für den verwöhnten Europäer Lektionen zu lernen:

Unterkünfte konnte man nicht in den Innenstädten finden, sondern vor allem irgendwie in der Peripherie. Das waren meistens Motels (…natürlich in Ketten organisiert…). Ich musste da tief durchatmen, es war atmosphärisch nicht so toll. In der Regel gab es dann fußläufig irgendeine Fastfood-Essmöglichkeit. Restaurants im europäischen Sinne (die in den USA immer als „fine dining“ gelten würden): Fehlanzeige. Das war vor dem Mobiltelefon-Zeitalter, heute würde die Suche wesentlich leichter fallen, aber damals musste ich mich auf meinen Instinkt verlassen. Furchtbares Frühstück (will man in so ‘ner Kette, was Ordentliches haben, gibt es nicht - dann muss man in ein Café oder halt eine ordentliche Unterkunft buchen).

Und hier eine fast food-Anekdote (die aufklärt, was es mit dem „großen Geld“ in den USA wirklich auf sich hat): am Ende einer sättigenden, wenn auch nicht voll befriedigenden Mahlzeit bei MacDonalds, tat ich das, was viele fast food-Adepten tun: ich habe einen Cheeseburger (USD 2,00) nachbestellt. Just da aber war mein Kleingeld zu Ende, da habe ich eben einen Benjamin Franklin-USD 100er auf die Theke gelegt. Die Kassiererin war geschockt, hat die Banknote mehrfach gewendet und umgehend die Alarmglocke betätigt. Sofort kam der Filialleiter und beide untersuchten den Geldschein, ob er denn auch wirklich echt wäre. Bargeldliebende Deutsche beobachten eine solche Szene ungläubig, denn wie kann man vor einem solchen Alltagsgegenstand derartige Angst haben.

Am Tag 3 (passierend die Standorte der Eliteuniversitäten Stamford und Yale) erreichte ich das nette Neuengland-Küstenstädtchen Mystic und habe da erst einmal die Post besucht.

Auf Wunsch wurden die Marken handgestempelt, mit einem schönen Zweikreisstempel in roter Farbe, ein häufiges Phänomen in den USA



Bei der Gelegenheit habe ich meine Bestände an Briefmarken aufgefrischt, um für die kommenden Tage gerüstet zu sein. Hier das, was vom Tage übrig blieb...



Jetzt hätte es weitergehen können, aber ich habe noch etwas getan: rein in einen Buchladen und darum gebeten, dass man mir einen Hotelführer für Neuengland empfehle. Ich habe mich für einen kleines Buch entschieden (Beschreibung, kleine Karte, Adresse, Hintergründe) mit traditionellen Herbergen. Wie sagte noch die Verkäuferin mit leicht hochgezogener Augenbraue, offenbar an meiner Zahlungsfähigkeit zweifelnd: das seien aber „very fine Inns“.

Danach war es Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen. Hier noch ein Kärtchen zum Abschluss.



Und bis hierhin habe ich in bei allen bisherigen Belegen fast ausschließlich zweite Wahl verbraucht, ohne Gummierung oder mit Gummierungsfehlern (alles was in fast dreißig Jahren Sammelei mir so zufällig in die Hände gefallen war). Freimarken überwiegen, aber ich finde, die Mischung macht es, und es kamen ganz ansehnliche Kompositionen zusammen (die man nicht alle Tage sieht oder empfängt, die neugierig machen sollen, so dass sich der Empfänger mit Lust ans Studium von Karte und Nachricht macht. So etwas ist halt möglich, wenn alle nach 1860 ausgegebenen Briefmarken bis zum heutigen Tag frankaturgültig sind).
 

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