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Thema: Die berühmtesten und wertvollsten Briefmarken der Welt
Das Thema hat 743 Beiträge:
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Heinz 7 Am: 23.01.2021 01:37:48 Gelesen: 38663# 719 @  
@ Heinz 7 [#718]

Der damals sehr aktive Händler Ernst Zumstein kaufte anfangs des XX. Jahrhunderts die Schweiz-Sammlung von Paul Mirabaud. An der ersten Nationalen Briefmarkenausstellung von Zürich 1934 zierte der Brief dann eine wunderbare Schweiz-Sammlung, die damals anonym ausgestellt wurde. Heute wissen wir, dass Emil Diem-Saxer der Besitzer dieser Sammlung war. 1934 wurden viele Sammlungen ohne Namen-Angabe ausgestellt.



Im Ausstellungskatalog von 1934 ist auf Seiten 35-37 die Liste der Aussteller enthalten. Den Namen Diem-Saxer finden wir hier nicht, und der Greifensee-Brief wurde auch nicht abgebildet. In der Schweizer Briefmarken-Zeitung und in der Berner Briefmarken-Zeitung wurde der Brief aber meines Wissens gezeigt. Ich versuche, dies noch zu verifizieren.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 23.01.2021 10:07:07 Gelesen: 38555# 720 @  
@ Heinz 7 [#719]

Der Ausstellungskatalog von 1934 ist ein eher schlichtes Büchlein mit 104 Seiten, kaum bebildert. Der wichtigste Teil davon, die Auflistung der Exponate, umfasst die Seiten 39-97: 178 Sammlungen werden genannt, teils sehr knapp, andere doch mit kurzen Beschreibungen.

Zur ersten Kategorie gehörten folgende Exponate:

Ehrenklasse:

3 Motto "Biene"
Alt-Schweiz
1 Vitrine

Nachtrag:

176 Motto "Divico"
Einige seltene Schweiz-Briefe (Ehrenklasse)
1/2 Quadratmeter

Nach meinen Informationen verbarg sich hinter diesen Anonym-Namen zweimal Emil Diem-Saxer.

Er benötigte also nicht viel Raum, um einige herrliche Preziosen der Schweizer Philatelie auszustellen. Mehr davon später.

Die Sammlung Diem-Saxer wurde meines Wissens nie versteigert. Unser wunderbarer "Greifensee 16 Rappen-Brief" gelangte in die Sammlung von Maurice Burrus, den ich auf diesen Seiten schon oft erwähnt habe. Maurice Burrus war ein "Titan" unter den Briefmarken-Sammlern, und er besass eine Weltweit-Sammlung der Extraklasse. Seine Sammlung wurde in ca. 80 Teilen verkauft. Gerne erzähle ich mehr davon später.

1964 gelangte dieser Brief in die Sammlung von Iwan Bally, dem "Schuh-König" der Schweiz.

Über die Iwan Bally Sammlung wissen wir sehr viel, und zwar ganz einfach darum, weil seine märchenhafte Sammlung minutiös dokumentiert wurde. Ca. 1990 gab der heute noch aktive Briefmarkenhändler Jean-Paul Bach ein gewichtiges Buch heraus:

Iwan Bally Collection



In diesem grossen Zweikilo-Buch, wurden ca. 263 Seiten Albenblätter der Sammlung Bally gezeigt, die von Fotographien neu eingescannt wurden. Die Titelblätter der Sammlung sind darin nicht mitgezählt. Meines Wissens wurden nur 10 solche Bücher hergestellt.



Auf dieser Seite werden zwei Unikate abgebildet, mit wenig Text. Man beachte das Zeichen JB auf den Albumseiten unten rechts.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 23.01.2021 11:03:24 Gelesen: 38513# 721 @  
@ Heinz 7 [#720]

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Generalsammler, wie Maurice Burrus einer war, nicht bei JEDEM Gebiet die BESTE Sammlung zusammentragen konnte, die es jemals gab. Aber Maurice Burrus schaffte es, gleich bei mehreren Ländern absolut traumhafte Sammlungen zu formen, die durchaus um die Krone der "best ever..."-Sammlungen mitspielen können. Die Mauritius-Sammlung von ihm ist solch ein Beispiel, oder die Deutschland-Sammlung. Aber eben auch die Schweiz-Sammlung.

Dieser von aussen schlichte Katalog von Robson Lowe war ein Paukenschlag für die Sammler der 1960er-Jahre.



Robson Lowe war es gelungen, einige der wichtigsten Teile der immensen Sammlung von Burrus verkaufen zu können. Ungefähr ein Dutzend bekannter Auktionatoren und Briefmarkenhändler wurden beauftragt, Teile der Sammlung zu verkaufen. Robson Lowe ergatterte den weitaus grössten Teil für sich. Er bemühte sich jedoch auch vorbildlich um die Sammlung und gründete wohl aus diesem Anlass extra eine Filiale in Basel, die 1964 bis 1981 höchst erfolgreich rund 200 Auktionen durchführte(!).

Am 15. April startete die Robson-Lowe-Basel-Erfolgsgeschichte mit der Auktion "Burrus Austria". Ein Tag später, am 16. April 1964 folgte die "Burrus Schweiz", ein ungewöhnlich umfangreicher Katalog. Die Sammlung war so gross, sie musste auf drei Tage verteilt werden! 624 Lose prasselten auf die Sammler ein, eine ungeheure Menge teils grösster Raritäten -

Zwischenruf: solche Ereignisse kommen heute kaum mehr vor. Die Auktion bei Corinphila, an welcher in einer Woche der 2. Teil der Erivan Haub-Sammlung Schweiz verkauft wird, umfasst nur 42 Lose (Teil 1, vom 7.12.2019, waren auch nur 45 Lose).

Kehren wir zurück zum 18.4.1964. Der sechste Teil der Auktion eröffnete um 14.30 Uhr mit folgendem Thema:

"Briefe, Kantonalmarken", ab Los 736.

"Unser" Greifensee 16 Rappen-Brief war Los 738. Er war in Farbe abgebildet auf Seite 167.



Wir sehen, dass der Brief zu CHF 75'000 ausgerufen wurde. Dieser Preis war damals natürlich viel Geld, und die Käufer zögerten. Das Los wurde gemäss Ergebnisliste zu CHF 70'000 zugeschlagen. Der Auktionator begnügte sich damals noch mit 10 % Aufgeld. Eine Mehrwertsteuer gab es 1964 in der Schweiz für Briefmarken nicht; also sammlerfreundliche Zeiten damals. Wir wissen heute, das Iwan Bally der Käufer war.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 23.01.2021 11:34:10 Gelesen: 38504# 722 @  
@ Heinz 7 [#718]

Meines Wissens erst zum zweiten Mal in seiner Geschichte wurde der "Greifensee 16 Rappen-Brief" öffentlich zum Kauf angeboten 1991.



David Feldman konnte 1991/1992 eine äusserst hochwertige Schweiz-Sammlung verkaufen. Sie umfasste 160 Lose und wurde auf zwei Auktionen angeboten:
29.1.1991 Teil 1: 83 Lose
6.11.1992: Teil 2: 77 Los

Ein Prunkstück der ersten Auktion war Los 90006, das damals zum Startpreis von CHF 300'000 ausgerufen wurde.

Diesmal, 27 Jahre nach der Auktion in Basel, entzündete sich eine engagierte Bieter-Schlacht. Der Hammer fiel erst beim Preis von CHF 700'000. Dazu kamen 15 % Aufgeld, dies ergab einen neuen Rekordpreis von CHF 805'000, wie David Feldman stolz vermeldete.



Zum angeblich "Highest price ever paid for a Swiss item" möchte ich anmerken, dass dies nur für Nominal-Werte gelten kann, denn es gab kaufkraftbereinigt früher bereits mindestens EIN höheres Ergebnis für ein "Swiss item". Doch dies ist eine andere Geschichte.

Freuen wir uns, dass nun, 2021 dieser wunderbare Brief zum (meines Wissens) erst dritten Mal zur Auktion kommt.

1964 - Robson Lowe, Basel
1991 - David Feldman, Geneva, Auktion in Zürich
2021 - Corinphila, Zürich

Der Ausruf des Loses ist mit CHF 300'000 nicht hoch angesetzt. Erivan Haubs Ankaufspreis kennen wir. Ein sehr vermögender Schweiz-Sammler hat nun also die Möglichkeit, den vielleicht wertvollsten Brief der Schweiz zu kaufen.

Möglicherweise sogar zu einem Schnäppchen-Preis?

Wir werden sehen...

Heinz
 
Heinz 7 Am: 24.01.2021 19:07:41 Gelesen: 38063# 723 @  
@ Heinz 7 [#719]

Na also!

Im Ausstellungskatalog ist nichts erwähnt, aber in der Schweizer Briefmarken-Zeitung lesen wir:

SBZ Dezember 1934, 47.Jahrgang, Nr. 12, Seite 251:

"In zwei Vitrinen zeigten "Biene" und "Divico" u.a. Briefe mit einem Paar Zürich 6 plus ein Stück Zürich 4 als 16 Rp. Frankatur"



Das ist genau unser "Greifensee Brief 16 Rappen" (siehe Foto Beitrag [#718]).

Heinz
 
Heinz 7 Am: 30.01.2021 23:39:51 Gelesen: 36580# 724 @  
@ Heinz 7 [#718]

Die zweite Auktion wies drei Super-Stücke auf. Diese wurden heute alle auch gut verkauft, in Zürich, bei Corinphila.

Unser 16-Rappen-Greifensee Unikat brachte es auf einen Zuschlag von CHF 540'000, dazu kommen 22 % Aufgeld = CHF 658'800.

Mit diesem Ergebnis dürfen beide - Verkäufer und Käufer - zufrieden sein. Der Brief wurde gut verkauft, aber der Käufer musste damit rechnen, dass der Brief auch deutlich teurer hätte werden können. Aber der zweitletzte Kaufinteressent stieg aus, bevor der Preis in die Rekord-Sphären stieg, die 1991 erreicht wurden.

Der Käufer darf stolz sein, dass sein Name die kurze Liste der bisherigen Besitzer ergänzt. Ich bin gespannt, ob der Brief bald eine Ausstellungssammlung ziert.

7 Lose haben an den zwei Erivan Haub-Auktionen schon einen Zuschlag von CHF 90'000 und mehr erreicht (ohne Aufgeld), und wenn wir das Ankündigungs-Buch von Corinphila studiert haben, ahnen wir, dass am Ende wohl rund ein Dutzend Lose diese Höhe erreichen werden.

Der Greifensee-Brief löst innerhalb der Haub-Schweiz-Sammlung den bisherigen Spitzenreiter ab; den wunderbaren "Nidau"-Brief mit der Rayon I hellblau mit vollständiger Kreuzeinfassung, der am 7.12.2019 ebenfalls in Zürich verkauft wurde für CHF 310'000 (damals noch + 21 % Aufgeld, also = CHF 375'100).



Den Brief haben wir früher schon bewundert und besprochen, siehe [#440].

Heinz
 
Heinz 7 Am: 13.02.2021 19:30:59 Gelesen: 32395# 725 @  
@ BD [#2]

Ich habe in diesem Kapitel die Spanien Nr. 8 (= 2 Reales Marke von 1851, orangerot), noch nicht detailliert besprochen.

Im Buch von Haas wird diese Marke bereits auf Platz 38 geführt (Kapitel: "Die hundert seltensten Marken; nach ihrem Seltenheitsgrade geordnet) (siehe Theodor Haas, 1905, Seite 478). In der Studie Schubert (1913) erscheint sie auf Rang 80 mit einem Katalogwert von Mark 800. Ein Blick in den Katalog "Senf 1912" zeigt, dass der Preis galt für ungebraucht *, für gestempelt galt ein Wert von Mark 500 (siehe Senf 1912: Seite 1030).

Briefmarkenkönig Ferrary hatte die Briefmarke gleich mehrfach in seiner Sammlung; sechsmal, falls ich nichts übersehen habe. Alle Exemplare sind ungebraucht!

An der 5. Auktion gab es die Lose 145-148



an der 8. Auktion gab es die Lose 163+164



Die Fototafel zeigt offensichtlich irrtümlich zweimal eine Nummer 165; es müssen wohl die Nummern 163+164 sein.

Die Resultate sind recht einheitlich: FF 6.200, 5.600, 5.200 und 4.200 (15.11.1922) und FF 6.100 und 5.100 (7.11.1923). Die FF 6.200 der 5. Auktion entsprachen fast GB£ 100 (1922), GB£ 97.255, um genau zu sein. Ein GB£ galt damals CHF 24.28. Zum Zuschlagpreis musste der Käufer noch 17.5 % Aufgeld bezahlen. Als Endpreis errechnen wir also einen Preis von CHF 2'775 (15.11.1922).

Das war viel Geld, damals. Nach meiner Umrechnung setze ich diesen Wert gleich mit CHF 35'415 heute (bzw. Ende 2019).

In den Jahren der Wirtschaftskrise und der Vorkriegsjahren fielen auch die Preise für Briefmarken (in der Regel). 1958 ergab sich eine neue Möglichkeit einer Preisfindung, anlässlich der Caspary-Auktionen. Alfred Caspary hatte ebenfalls eine schöne 2 Reales Marke 1861.

Los 433 der 13. Auktion Caspary kostete nur US$ 725. Damals wurde kein Aufgeld verlangt (!). Diesen Preis rechne ich um in CHF 12'794 per heute

Dasselbe Los wurde schon neuneinhalb Jahre später wieder verkauft, die Marc feststellte.



Los 333 kostete damals US$ 2'200 (Siegel-Auktion 20.11.1967, kein Aufgeld zum Hammerpreis). Das war nicht nur nominal, sondern auch real mehr als doppelt so viel wie 1958; den Kaufpreis 1967 berechne ich mit CHF 28'756 (2019). Das war nicht so viel wie 1922 bei Ferrary, aber doch deutlich mehr als bei Caspary.

Heinz
 
Martin de Matin Am: 13.02.2021 20:14:20 Gelesen: 32359# 726 @  
@ Heinz 7 [#725]

Ferrary hatte auch eine gebrauchte 2 Real. Diese war beschädigt und befand sich mit anderen Werten dieser Ausgabe in Los 153 der 5. Auktion. Das Los wurde mit 3400 Fr. zugeschlagen. Die Marke ist nicht abgebildet.

Gruss
Martin
 
Heinz 7 Am: 13.02.2021 20:23:56 Gelesen: 32351# 727 @  
@ Heinz 7 [#725]

Meines Wissens war die 2 Reales Marke von Spanien 1851 nie so teuer wie 1999: an der Auktion vom 18.5.1999 in Zürich (Corinphila) kamen zwei ungebrauchte Marken zur Auktion: Lose 4228 und 4229.



Los 4228 erreichte einen Zuschlag von CHF 44'000, dazu kommen 15 % = CHF 50'600 (1999). Seither ist die Geldentwertung nur noch gering, sodass 20 Jahre später der Wert meines Erachtens mit CHF 55'904 (2019) festgelegt werden sollte.

Das ist ein hoher Wert für eine Briefmarke, die 1991 noch einen Katalogwert von CHF 25'000 hatte (Zumstein 1992/der letzte Europa-Katalog). Man sieht aber, dass der Katalogwert Zumstein eine reale/vernünftige Basis hatte.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 19.02.2021 16:47:11 Gelesen: 30824# 728 @  
Der folgende Beitrag passt voll zu zwei Themen auf Philaseiten: „Farbfehldrucke“ und „Die berühmtesten und wertvollsten Briefmarken der Welt“. Ich lege ihn darum in beiden Themen ab.

Farbfehldrucke sind grundsätzlich unscheinbare Abarten. Es benötigt philatelistische Kenntnisse, um zu erkennen, dass eine Marke in falscher Farbe vorliegt. Sieht ein Laie z.B. zum ersten Mal eine Marke DOS REALES von Spanien 1851 in blau, wird ihn das nicht sonderlich beeindrucken. Erst, wenn der Betrachter weiss, dass eine DOS REALES Marke von Spanien 1851 eigentlich IMMER orangerot sein sollte, wird er sich wundern.



Nun fängt die Philatelie an.

Ein echter Farbfehldruck ist immer unabsichtlich entstanden. Es gibt viele Briefmarken, zu denen in der Entstehungsphase vorgängig versuchsweise Farbproben erstellt wurden. Oft sind solche Farbproben („Proofs“) sehr selten. Es sind aber keine offiziellen Briefmarken und sie kommen im Normalfall nicht in eine postalische Verwendung, das heisst, Farbproben (Proofs) sollten nie gestempelt oder auf Brief vorkommen.

Echte Farbfehldrucke entstanden hauptsächlich, wenn in eine Druckplatte mit vielen Einzelklischees versehentlich ein falscher Wert eingesetzt wurde, also z.B. in eine Druckplatte, die für die Herstellung einer 6 Reales-Marke zugerichtet wurde, wurde versehentlich statt einem 6 R – Klischee ein 2 R – Klischee eingesetzt. Streng genommen sollten wir also besser von einem Wertzeichenfehldruck sprechen, statt von einem Farbfehldruck, doch die Bezeichnung Farbfehldruck hat sich eingebürgert.

Es gibt in der Philatelie eine Reihe sehr seltener Farbfehldrucke. Mehrere von ihnen sind weltberühmt, und sehr, sehr teuer. Heute denken wir in erster Linie an den Schweden-Farbfehldruck 1855: TRE SKILL. Bco. gelb statt grün (Michel Nr. 1 F) mit einem Katalogwert von Deutsche Mark 4‘000‘000 (!) (Katalog 2000/2001, hrsg. 2000) oder an den Baden-Farbfehldruck von 1851: 9 Kreuzer schwarz auf blaugrün statt auf rosalila, Michel 4 F. Die Schweden-Marke ist ein Unikat, vom Baden Fehldruck kennen wir lediglich drei (anerkannte) Exemplare (zwei angeblich weitere werden mehrheitlich nicht anerkannt, siehe auch Thema: „Der Baden Fehldruck“).

Heinz
 
Heinz 7 Am: 19.02.2021 16:52:57 Gelesen: 30819# 729 @  
@ Heinz 7 [#728]

Was heute viele Briefmarkensammler nicht wissen, ist, dass der oben gezeigte spanische Farbfehldruck von 1851 (Michel 8 F) durchaus auf dieselbe Stufe gestellt werden darf, wie der Baden Fehldruck! Er ist gleich selten...

….und wurde von anerkannten Philatelisten auch durchaus hoch bewertet!

Betrachten wir die Ausführung des sehr geehrten Philatelisten Theodor Haas. 1905 gab er ein geniales und vielbeachtetes Lehrbuch heraus, in welchem auf Seiten 480-482 die seltensten Abarten der Welt genannt wurden. Farbfehldrucke spielten eine dominierende Rolle bei seiner Beurteilung, Platz 1-3 wurden belegt von solchen Abarten. Aber die Reihenfolge wird viele von uns überraschen:

- Der Schweden-Farbfehldruck 1855 erscheint gar nicht auf seiner Liste
- Der Baden-Farbfehldruck 1851 belegt „nur“ Platz 3
- Auf Platz 1 steht der Spanien-Farbfehldruck 1851 Michel 8 F !

Und das zu nicht zu Unrecht!

Führen wir uns die Fakten vor Augen:

Vom Baden-Farbfehldruck 1851 existieren drei Stück: 2 Briefe und ein Fragment, wovon ein Brief sich seit Ende des 19. Jahrhunderts im Museumsbesitz befindet.



Vom Spanien-Farbfehldruck 1851 Michel 8 F existieren drei Stück, alle gestempelt, davon eine Marke im Paar mit einer Nummer Michel 10 (6 R. blau). Ein Exemplar der dreien ist seit Ende des 19. Jahrhunderts im Besitz eines Museums.
Die Parallelen sind verblüffend!

Die Katalogwerte der drei Farbfehldrucke entwickelten sich aber sehr unterschiedlich.

Das grosse Kohl Briefmarken Handbuch von Paul Kohl (10. Ausgabe) bewertete die Stücke wie folgt:

- Spanien: unbewertet
- Baden: RM 4‘500
- Schweden: erwähnt, aber unbewertet

An den Auktionen von Ferrary musste „der Markt“ Farbe bekennen, denn erstmals wurden alle Stücke auf dem freien Markt angeboten:

- Schweden, 4. Auktion, Zuschlag FF 30‘000 plus Zuschläge, umgerechnet = CHF 16‘174 (1922)
- Baden, 8. Auktion, Zuschlag FF 120‘000 (+), umgerechnet = CHF 45‘012 (1923)
- Spanien, 5. Auktion, Zuschlag FF 130‘000 (+), umgerechnet = CHF 58‘177 (1922)

Diese Ergebnisse waren bemerkenswert, und sie bedeuteten folgende Plätze in der „Ferrary-Rangliste“

- Schweden: Rang 43
- Baden: Rand 10
- Spanien: Rang 6

Spätestens seit dieser monumentalen Auktionsserie wären also alle Kataloghersteller in der Lage gewesen, einen Katalogpreis festzusetzen. Einige taten es, andere nicht.

In den letzten 100 Jahren nahmen dann die Preisentwicklungen für die drei Superraritäten sehr unterschiedliche Entwicklungen. Während sich der Baden-Farbfehldruck 1851 und der Schweden-Farbfehldruck 1855 preislich sehr in die Höhe bewegten, konnte der Spanien-Farbfehldruck 1851 Michel 8 F Spanien dieselbe Entwicklung gar nicht verzeichnen. Im Jahr 2000 stand Spanien 1851 8 F bei „nur“ DM 225‘000 (Michel Katalog 2000/2001, hrsg. 2000), das ist viel weniger, als die DM 4 Millionen der Schweden 1 F!

Ob diese krassen Unterschiede gerechtfertigt sind, ist eine schwierige Frage.

Ich werde vielleicht später dazu weitere Erwägungen anbringen können. Im Moment fehlt mir dazu die Zeit.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 20.02.2021 14:48:47 Gelesen: 30484# 730 @  
@ Heinz 7 [#729]

Ich habe gestern ein Exemplar des weltberühmten Baden Fehldruckes gezeigt.

Es handelt sich um Exemplar 2 nach der Zählung von Leon Norman Williams, das erst 1894 entdeckt wurde. Auch die Exemplare 1 und 3 wurden im selben Jahr entdeckt! Exemplar 1 ist ein kleines Fragment, Ex. 2+3 sind die noch wertvolleren ganzen Briefe, die sich sehr ähneln und aus derselben Korrespondenz stammen.

Exemplar 2 zierte schon die Weltklasse-Sammlungen von Ferrary, von Alfred Caspary, von John Boker und von Erivan Haub. 1985 erreichte das Stück den Weltrekordpreis von DM 2'645'000 (Zuschlag DM 2.3 Mio. plus 15 % Aufgeld). Williams schrieb dazu:

"this was the highest price recorded at auction in Europe and the highest at any auction for a European stamp at that date".

Ein ruhigeres Dasein fristete der nun gezeigte Brief



Es ist Exemplar 3, das gleichzeitig mit Exemplar 2 entdeckt wurde.

Vermutlich noch im selben Jahr (1894) kaufte das Reichspostmuseum Berlin diesen Brief. Baron von Türckheim, der den Brief gefunden hatte, zeigte ihn am 22.1.1894 an einem Treffen des Berliner Philatelisten Clubs. Natürlich erregte der Farbfehldruck grösste Aufmerksamkeit. Exemplar 2 wurde noch 1894 in England verkauft (Auktion), Exemplar 3 sicherte sich das Reichspost-Museum.

Zum Glück ist dieser Brief nie verloren gegangen und überstand insbesondere den zweiten Weltkrieg und ziert heute noch die Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Aus dem Buch "Schätze der Philatelie aus den Archiven der Museumsstiftung Post und Telekommunikation" stammt auch das Foto (Seite 18).

Heinz
 
Heinz 7 Am: 10.03.2021 23:28:57 Gelesen: 25998# 731 @  
@ Heinz 7 [#730]

Ich kopiere hier einen Beitrag, den ich zum Thema "Farbfehldrucke" eingestellt habe (Beitrag 10). Die Folgebeiträge 11+19+20+21 werden nur sehr summarisch wiederholt.

Die teuerste Briefmarke von Spanien ist ein Farbfehldruck. Die zweitteuerste Briefmarke von Österreich ist ein Farbfehldruck. Die teuerste Briefmarke von Baden (bzw. von allen Altdeutschen Staaten zusammen) ist ein Farbfehldruck. Die teuerste Marke von Kap der Guten Hoffnung (bzw. von Südafrika) ist ein Farbfehldruck. Die teuerste Marke von Schweden ist ein Farbfehldruck.

Diese Auflistung liesse sich ohne Probleme noch verlängern.

Wir sehen deutlich: die Farbfehldrucke spielen im „Konzert der teuersten Briefmarken“ der Welt eine sehr wichtige Rolle (wir könnten vielleicht sogar sagen: „die erste Geige“?). Ihre Betrachtung und ihre Würdigungen in den Katalogen der Welt ist aber gelegentlich etwas „schwierig“ und uneinheitlich und über kaum eine Fragestellung dürften die philatelistischen Experten soviel Tinte (und Herzblut?) vergossen haben wie über die Echtheit/das Wesen und den Wert solcher Abarten.

Wie ist denn das eigentlich für die Schweiz? Gibt es hier auch Farbfehldrucke?

Gute Frage.

Lange Pause.

Sehen wir einmal in die Briefmarkenkataloge hinein. Das finden wir:

- Schweizer Briefmarken Katalog (des Schweizer Briefmarken-Händler-Verbandes) 2018: kein Farbfehldruck ist katalogisiert
- Zumstein Katalog, Normalkatalog (2013): kein Farbfehldruck ist katalogisiert.

Jedoch hielten die Philatelisten der Schweiz den Atem an, als am 9. Juni 2011 in Basel ein aussergewöhnliches Schweiz-Angebot zur Auktion gelangte. Ohne auf das übrige aufsehenerregende Material nun vertieft einzugehen, greife ich gleich das Top-Stück heraus, das auch die Titelseite des Kataloges zierte.



Beim ersten Blick denkt man, einen Brief von St. Imier (Schweiz, Kanton Bern) nach Mulhouse (Frankreich, Region Alsace) zu sehen, korrekt freigemacht mit zwei Strubel Marken (=Sitzende Helvetia, ungezähnt, ab 1854), 25 Rappen, zwei Marken blau zu 10 Rappen (Michel Nr. 14) und einer Marke braun zu 5 Rappen (Michel Nr. 13). Nichts Aussergewöhnliches, scheinbar, also warum kommt dieser Brief auf die Titelseite?

Sehen wir uns aber den Brief genau an! Die zwei blauen Marken zeigen nicht, wie erwartet, einen Wert von je 10 Rappen an, sondern es sind zwei 5 Rappen Marken blau. Normalerweise sind die 5 Rappen-Marken dieser Ausgabe immer braun! – Haben wir also einen Farbfehldruck?

Nun wurde (meines Wissens) dieser Brief 2011, der erstmals 1901 die Schweizer Philatelie-Szene in Aufregung versetzt hatte, zum ersten Mal öffentlich angeboten. Er gelangte früh im 20. Jahrhundert in den Besitz von Théodor Champion, einem grossen Sammler/Händler, und verblieb m.W. jahrzehntelang in seinem Besitz. Keine der grossen Schweiz-Sammlungen hatte einen vergleichbaren Brief vorzuweisen, und in den Katalogen wurde er auch unterschiedlich beurteilt, selbst im Zumstein-Katalog änderte sich über die Jahrzehnte die Beurteilung. Minutiös wurde dies aufgelistet im grossen Handbuch der Strubel Marke von Urs Hermann.

Der Preis, der für diesen Brief an der Auktion in Basel erwartet wurde, hatte es in sich: auf Euro 400‘000 – 500‘000 wurde Los 771 geschätzt, und – offensichtlich – sogar wesentlich höher verkauft! Die Galerie Dreyfus meldet auf ihrer homepage einen Erlös von Euro 1‘500‘000 plus 20 % = Euro 1‘800‘000.

Das ist meines Wissens der mit Abstand höchste Preis für ein Schweizer Philatelie-Stück der Geschichte.

Ich war erstmals ziemlich erschlagen, als ich diese Neuigkeiten erfuhr. Muss das Kapitel der teuersten Briefmarken der Schweiz gänzlich neu geschrieben werden? Ist dieser Brief so viel mehr wert, als all die anderen Preziosen, welche die Schweizer Philatelie zu bieten hat?

Erlauben Sie mir folgende Meinungsäusserung.

„Der Markt hat immer recht“ das ist eine Standard-Antwort von Vielen, wenn es um die Preisfestsetzung geht. Ob der wahre WERT dieses Briefes im Juni 2011 vernünftig festgelegt wurde, stelle ich in diesem konkreten Fall nun einmal ernsthaft in Frage. Ich, für meinen Teil, gebe folgende Antwort: NEIN.

Ich will das auch begründen.

1. Der Brief hat meines Wissens in 120 Jahren erst einmal (2011) zwei Kaufinteressenten gefunden, welche diesen Preis bewilligt haben (der Bieter und der Unterbieter)

2. Schwierig ist, dass meines Wissens praktisch niemand den erfolgreichen Bieter 2011 kennt. Kein grosser Sammler hat m.W. den Brief je ausgestellt und der philatelistischen Öffentlichkeit präsentiert

3. Es wäre sogar denkbar, dass die Person, die am 9. Juni 2011 den Zuschlag erhielt, den Kaufpreis nie geleistet hat oder er den Brief zurückgab oder er einen Preisnachlass erhielt

4. Zum Zeitpunkt der Auktion lagen zwar mehrere Atteste vor, jedoch nicht eines des anerkannten ersten Strubel-Experten Urs Hermann, der wenige Jahre zuvor sein bahnbrechendes grosses Handbuch zu den Strubel-Marken veröffentlicht hatte.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 10.03.2021 23:57:04 Gelesen: 25995# 732 @  
@ Heinz 7 [#731]

Urs Hermann, grosser Strubel-Experte, bestimmt die blauen Strubel-Fünfer als KEINE Farbfehldrucke (im philatelistischen Sinne), sondern als Versuchsdrucke (Makulatur), die echt postalisch verwendet wurden.

Details: siehe Beiträge Thema "Farbfehldrucke" 19+20+21 [1]

Das Handbuch Hermann 2006 krempelte auch die Katalogisierung um. Der Schweizer Briefmarken Katalog des Schweizer Briefmarken-Händler-Verbandes stützt sich in erster Linie auf das Handbuch Hermann ab, bringt aber noch die Vergleiche zu Zumstein und Michel.

Die 5 Rappen Strubel blau suchen wir auf Seite 47-58 im Katalog 2018 vergeblich. Das ist suboptimal. Mindestens eine Erwähnung der 5 Rappen-Marke blau sollte meines Erachtens in den Katalogen erfolgen. Sonst fehlt eine Briefmarke, die 1894-2006 für die Schweiz-Philatelie bedeutend war.

Und ein Brief wie der oben gezeigte phantastische Brief von St. Imier (Schweiz, Kanton Bern) nach Mulhouse kann mit einem Katalog gar nicht bestimmt und beurteilt werden. Dabei hat dieser Brief offenbar einmal einen siebenstelligen Erlös erbracht... ?!?! - Ich denke, das werden auch andere Sammler als unbefriedigend empfinden.



In der grossartigen Schweiz-Sammlung von Alfred Caspary kamen auch zwei blaue 5-Rappen-Strubel Marken vor. Sie wurden damals als Farbfehldrucke bezeichnet ("error of color") zwei verschiedene Varianten ("shades"), Los 279+280.

Es ist eine grosse Frage, zu welchem Preis der "Champion"-Brief das nächste Mal angeboten werden wird. Ich vermute, es wird deutlich weniger sein als der "Traumzuschlag von 2011". Welcher vermögende Sammler wird den Brief für seine Sammlung kaufen und ihn darin zeigen? Wir dürfen gespannt sein.

Heinz

[1] https://www.philaseiten.de/cgi-bin/index.pl?ST=11137&CP=0&F=1
 
Heinz 7 Am: 11.03.2021 22:57:57 Gelesen: 25934# 733 @  
@ Heinz 7 [#732]

Die Strubel Marke 5 Rappen blau ist bekannt seit Ende des XIX. Jahrhunderts. Aber im Katalog Senf 1912 suchen wir sie vergebens. Nicht so aber im Kohl-Handbuch, das die Marke als "Fehldruck" bezeichnet und hoch bewertet:

Kohl, Chemnitz, 10. Auflage, 1915:



Interessant: Im Katalog wird sogar der Brief extra gelistet: "No. 21 I gebr. auf Brief 1200 M." Es muss sich eigentlich um den oben gezeigten Brief handeln, denn damals war meines Wissens nur dieser eine Brief bekannt.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 15.03.2021 22:53:38 Gelesen: 25251# 734 @  
@ Heinz 7 [#728]

Das Jahr 1974 war für die Spanien-Philatelie ein sehr wichtiges und turbulentes Jahr!

a) an der Weltausstellung Juni 1974 in Basel gewann der Spanier Luis Cervera den Grand Prix d'Honneur mit seiner Sammlung "Spanien 1850-1865"



b) im Jahr 1974 verstarb der belgische Sammler Jean V.A. Dupont. Er hatte 1952+1959 mit seiner Sammlung "Spanien 1850-1865" zwei Grand Prix gewonnen: 1952 Monte Carlo (Grand Prix International), 1959 Hamburg (Grand Prix d'Honneur)

c) Am 30. Oktober 1974 konnte der belgische Auktionator Willy Balasse eine Aufsehen-erregende Spaniensammlung anbieten: "Espagne 1850-1865"

d) am 29. Oktober 1974 wurde angeblich ein Farbfehldruck der DOS REALES 1851 (blau statt orangerot) von Willy Balasse verkauft (gemäss Buch: "Encyclopaedia of Rare and Famous Stamps" von Leon N. Williams).

Kein Wunder, dass die Spanien-Sammler in heller Aufregung waren! Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen: im April 1975 sollte in Madrid eine Weltausstellung stattfinden.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 15.03.2021 23:24:22 Gelesen: 25245# 735 @  
@ Heinz 7 [#734]

Die Sammlung im Angebot von Willy Balasse verdient höchste Beachtung.



Aber ... bitteschön ... wer ist "R.B." ?

Ist es nun die Sammlung Jean Dupont, oder ist sie es nicht? Die Cervera-Sammlung wurde erst einige Jahre später verkauft, bei Habsburg und Feldman (1989), wie gezeigt im Thema "Hervorragende Sammlungen: Spanien".

Wir sind verunsichert. Der Auktionskatalog ist zwar gespickt mit grossen Losen, aber warum fehlt der Name Dupont? Jeder Auktionator lechzt nach der Möglichkeit, eine Sammlung anbieten zu können, die einst einen Grand Prix gewann! Balasse preist Ende Oktober 1974 aber nicht eine Sammlung "Dupont" an, sondern nennt die Abkürzung "R.B."

Doch das WAR ein Teil der Dupont-Sammlung! In seiner Hauszeitschrift "Balasse Magazine" vom Dezember 1974 berichtet er auf den Seiten 300+301 stolz von der Auktion "1080 e vente publique".

Dort lesen wir u.a.

"Willy Balasse s'est assuré la mise en Vente publique d'une Collection d'Espagne sensationelle; lauréate des plus hautes récompsenses, notamment: le grand prix du salon d'honneur de l'exposition internationale de Hambourg 1959."

(also Dupont!)

"Cet ensemble prestigieux - qui fait suite à la sélection R.B. de T. offerte dans la Vente Willy Balasse d'octobre 1974 - permettra aux participants de "Espana 1975" de compléter ou d'améliorer leurs participations."

Heinz
 
Heinz 7 Am: 16.03.2021 00:07:45 Gelesen: 25240# 736 @  
@ Heinz 7 [#735]

Balasse hat aus mir nicht bekannten Gründen

a) offenbar die Sammlung Dupont übernehmen können, hat sie aber nicht unter dem Namen Dupont verkauft
b) sie eventuell weiterverkauft an R.B. ?
c) das Spitzenstück privat verkauft ?
d) einen wichtigen Teil der Sammlung (ex Dupont) am 30.10.1974 in Bruxelles verkauft
e) einen weiteren bedeutenden Teil der Sammlung (ex Dupont) für eine weitere Auktion an 25./26.2.1975 vorgesehen

Wer macht solche Transaktionen? Das musste ja alles sehr schnell gehen und viel Geld wurde da auch bewegt.

Vielleicht war der grosse Unbekannte Rene Berlingin? Die Buchstaben passen! Der grosse belgische Briefmarkensammler? Wir wissen von ihm, dass er die Mittel für solche "Spielchen" besass (er war äusserst reich), wir wissen von ihm, dass er ein grosser Sammler von Raritäten und Farbfehldrucken war (Schweden! Spanien!) und als Belgier hatte er ohne Zweifel vorzügliche Kontakte zu Willy Balasse.

Ganz auf den Ruhm, den der Name Dupont für die Kenner damals hatte, zu verzichten, das wollte Willy Balasse dann aber doch nicht. Und so finden wir doch bei mehreren Losen den Hinweis; "ex Dupont". So auch beim Los 103 der Auktion 30.10.1974. Oder im Balasse Magazine No. 217 sind gleich drei Lose bezeichnet "ex Dupont".

Es ist aus meiner Sicht zu bedauern, dass das Spitzenstück der Dupont-Sammlung, die DOS REALES blau statt orangerot nicht auch öffentlich an einer Auktion verkauft wurde. Angeblich wurde die Marke einen Tag VOR der "R.B."-Auktion verkauft, angeblich zu einem sehr hohen Preis.



"approximately £ 67'000" lesen wir auf Seite 163 im Buch von Williams. Obwohl des GB£ 1974 nicht mehr so hoch stand, wie in den Sechzigerjahren, hätte der Preis doch einen Betrag von rund CHF 450'000 bedeutet, und das 1974! Das war weit, weit über den Katalogpreisen damals, und auch heute steht der Preis dafür ja nur bei einem Bruchteil davon.

Zu Unrecht?

Heinz
 
Heinz 7 Am: 18.03.2021 22:42:39 Gelesen: 24717# 737 @  
@ Heinz 7 [#9]

(Danke, Jacques, für den Hinweis!)

7 Jahre nach dem Verkauf 2014 kommt die British Guyana One Cent 1856 am 8. Juni 2021 wieder zum Verkauf!



Stuart Weitzman lässt bei Sotheby's New York drei der grössten Schätze verkaufen:

a) die British Guyana One Cent 1856 (Unikat)
b) die teuerste Münze der Welt (Eine Goldmünze 1933 der USA, Unikat)
c) das wohl populärste Stück der US-Philatelie: Der 24-Cent Inverted Jenny - Viererblock (Plate Block, in dieser Form auch Unikat).

Die drei Stücke gehen angeblich mit folgenden Schätzpreisen "ins Rennen"

a) 10-15 Millionen Dollars
b) 10-15 Millionen Dollars
c) 5-7 Millionen Dollars

Weitzman ist/war meines Wissens kein Sammler, sondern einfach ein sehr reicher Mann, der sich die teuersten Stücke (Briefmarken/Münzen) leisten konnte und wollte.

Wir dürfen gespannt sein, was an der Auktion passieren wird. Sind die Lose limitiert, kann ich mir vorstellen, dass a) und c) nicht verkauft werden, (bei Münzen kenn ich mich nicht aus), aber das kann natürlich auch anders kommen. Die Spitzenstücke finden sehr oft immer wieder Interessenten...

Heinz
 
Heinz 7 Am: 22.03.2021 23:03:37 Gelesen: 24012# 738 @  
@ BD [#2]

Ich bin über einen Brief "gestolpert", den ich gerne vorstellen möchte. Ich habe die Marken, die darauf haften, ehrlich gesagt, noch nie so richtig wahrgenommen und studiert; aber immerhin habe ich mir gemerkt, dass die (blaue) Marke schon früh hoch bewertet war.

Konkret finden wir im Senf 1912 auf Seite 385 die Marken von Guadeloupe, und zwar die Portomarken von 1876. Die Nummer (Senf und Michel) 4 ist:
"40 Centimes schwarz, blau". Die Marke ist bewertet mit sehr hohen 1000 Mark! Damit schaffte es die Marke immerhin auf Platz 58 auf der berühmten Liste von Schubert, die auf den Werten von Senf 1912 basierte!



Ich bin froh, dass im Büchlein von Donna O'Keefe "Linn's Philatelic Gems 4" nähere Angaben zu finden sind. Auf Seite 56/57 vom 4. Band lesen wir, dass dies die seltenste Marke der französischen Kolonien sei, und dass nur 24 Exemplare davon registriert seien. Die blaue Marke wurde bald durch eine Marke auf weissem Papier ersetzt. Robert G. Stone sagte, dass alle 24 registrierten Stücke gestempelt sind. Es existieren 6 Briefe. Ein Brief sei mit einem Paar frankiert. Der Wert der Briefmarke wurde auf US$ 26'000 festgelegt (1989). Im Katalog Michel war sie mit Euro 40'000 bewertet (2010).

Ein Brief mit zwei der seltenen Marken wurde 1990 angeboten. "Preis auf Anfrage" steht da; ob er verkauft wurde, weiss ich nicht.

Der Brief ist vermutlich vollständig, nur auf dem Foto fehlt die Ecke rechts unten. Nach Yvert und Tellier sind es die Marken No. 1+2 (25 Centimes, Dreierstreifen, und 40 Centimes, zwei Einzelstücke). Die zwei Marken sind getrennt, es ist also kein Paar.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 25.03.2021 00:48:20 Gelesen: 23859# 739 @  
@ Heinz 7 [#731]
@ Heinz 7 [#732]
@ Heinz 7 [#733]

Ich erwähnte vor zwei Wochen, dass die 5-Rappen-Strubel Marke blau statt braun seit der Herausgabe des Strubel Handbuches 2005 von massgebenden Philatelisten anders beurteilt wird, als im 20. Jahrhundert (vgl. die dann vorherrschende Meinung bzw. Katalogisierungen). Der Offizielle Katalog des Schweizer Briefmarken-Händler-Verbandes hat die Katalogisierung dieser Marke in ihrem sonst sehr detailfreudigen Katalog offenbar gestrichen (siehe z.B. SBK 2018).

Es dürfte nun für Philatelisten interessant sein, dass im Michel-Katalog sich noch nichts geändert hat. Wir finden im Online-Katalog (Abfrage heute) die Notierung

"13 II F Fehlfarbe grünlichblau 40.000,00 €"

...als wäre nichts geschehen. Preis und Katalogisierung entsprechen exakt dem Print-Katalog von Michel 2010. Hier wird also gesagt, dass es bei den Berner Drucken eine "Fehlfarbe" gegeben habe.

Es ist für Philatelisten natürlich keine einfache Situation. Wem sollen sie nun folgen?

Ich wiederhole mich: zumindest ein Hinweis auf die Existenz dieser blauen Marke sollte in keinem Katalog fehlen. Welche Beurteilung dazu dann geschrieben wird, steht natürlich in der Verantwortung des zuständigen Katalog-Redaktors.

Im Michel Katalog 2000/01 war die Notierung noch etwas anders:

"13 II AymF hellblau statt braun - 40'000" (Anmerkung: das müssen damals noch Deutsche Mark gewesen sein).

Dazu sogar noch folgender Hinweis:

"Diese Marke ist, wie Briefe beweisen, damals unerkannt als 10-Rappen-Marke verwendet worden."

Da hatte der Redaktor bestimmt den Brief aus Beitrag 731 im Kopf.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 05.04.2021 20:13:50 Gelesen: 21082# 740 @  
@ Richard [#3]

Richard hat bereits 2009 darauf hingewiesen, dass der "Sachsen Dreier", die erste Marke von Sachsen, 1850, berühmt und wertvoll ist. Wir wissen aber auch, dass die Marke an sich nicht sehr selten ist.

Im Senf-Katalog von 1912 war die Marke wie folgt bewertet (siehe Seite 927):

ungebraucht: Mark 300
gestempelt: Mark 225

Und ist damit doch ein Stück entfernt von den wirklich SEHR hoch bewerteten Marken. Dank der Fleissarbeit von Herrn Schubert wissen wir, dass 101 Marken gemäss Senf 1912 einen Wert von Mark 750 oder mehr hatten (vgl. Beitrag [#2]).

Im Michel-Katalog 2010 ist die Marke bewertet mit:

ungebraucht: Euro 8'000 (Preis für *, für (*) Euro 4'500)
gestempelt: Euro 7'500

Natürlich gibt es aber sehr teure Stücke mit Sachsen Dreier. Sobald die Marke in einer Einheit angeboten wird, steigt der Preis stark an.

Gross war die Aufregung, als 1987 die 5. Auktion von Altdeutsche Staaten von John R. Boker, stattfand. Los 230 war ein einmaliger Viererblock der Michel Nr. 1b (kirschrot).



Diese Einheit wurde anscheinend erst zum zweiten Mal überhaupt angeboten! Sie wurde offenbar erst 1958 zum ersten Mal angeboten, und im Katalog Köhler 1987 stand, dass auch die grossen Sachsen-Kenner die Besitzer des Viererblockes nicht kannten.

Heute wissen wir offenbar was folgt:

15.11.1958 = Shanahan-Auktion, Dublin, Los 564: Verkäufer: unbekannt, Käufer: John R. Boker
14.3.1987 = Köhler-Auktion, Wiesbaden, Los 230: Verkäufer: John R. Boker, Käufer: Erivan Haub
24.4.2021 = Köhler-Auktion, Wiesbaden, Los 259: Verkäufer: Nachlass Erivan Haub.

Das heisst, dass in 171 Jahren dieser Viererblock erst ZWEI grosse Sammlungen schmückte! Das ist doch sehr ungewöhnlich! Dieses Beispiel zeigt aber, dass gewisse Stücke während einem "Sammlerleben" überhaupt nie verfügbar sind.

Marc (Marc123) hat darauf hingewiesen, dass vor wenigen Jahren offenbar ein zweiter Viererblock der Michel Nr. 1 von Sachsen entdeckt wurde. Diese Neuentdeckung kam 2017 zum Angebot.

(Fortsetzung folgt)

Heinz
 
Heinz 7 Am: 05.04.2021 21:53:00 Gelesen: 21044# 741 @  
@ Heinz 7 [#740]

Ich habe den Katalog 1958 Shanahan (77. Auktion) durchgesehen, und fand auf der 108. Fototafel (!) von total 124 tatsächlich "unseren" Sachsen 3 Pfennige-Viererblock!



Die Losbeschreibung war recht knapp, übersetzt wie folgt:

"Sachsen, 1850, 3 Pfg. kirschrot. Ein wunderbarer Viererblock, den man sehen muss, damit man es glauben kann ("must be seen to be believed".). Regelmässige Ränder, ein kleiner Scherenschnitt zwischen zwei Marken, sehr frische Farbe. Entwertet mit vier Stempeln "Chemnitz 10 Aug., 1850". Ein herrlicher Block von höchster Seltenheit. Schätzung £ 3'000 ($ 8'400)".

Im "Millionaire's" Sale von Shanahan ging dieses Los fast unter in der Fülle des hochkarätigen Angebotes. Nicht weniger als 64 Lose (von 632) hatten einen Schätzpreis von GB£ 1'000 oder mehr! Das war eines der spektakulärsten Angebote, das der Philatelie-Welt je vorgelegt wurde.

Shanahan setzte mehrere Lose teuer an, das sollte man bei der Betrachtung natürlich berücksichtigen. Dennoch war das Angebot atemberaubend.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 02.05.2021 13:41:32 Gelesen: 13197# 742 @  
@ Heinz 7 [#741]

Ich habe einen aufsehenerregenden Fund gemacht.

"Unser" Sachsendreier-Viererblock wurde nicht erstmals 1958 in Irland öffentlich zum Kauf angeboten, sondern bereits vier Jahre früher! Und zwar anlässlich der 16. Auktion des Briefmarkenhändlers Ernst Müller in Basel!

Ernst Müller gründete seine Firma bereits im Jahr 1922 und führte 1928 eine sehr umfangreiche Auktion durch. Ihr war aber wenig Erfolg vergönnt, und so dauerte es mehrere Jahre, bis Ernst Müller wieder neue Auktionen durchführte. Am 1. April 1954 startete seine 16. Auktion. Darin finden wir einige hochwertige Lose.

Auf der 1. Fototafel wurden 19 Lose in Originalgrösse gezeigt: besondere Raritäten. Und da finden wir unter Los 529 doch tatsächlich unseren Chemnitz-Viererblock mit folgender Beschreibung:



"529 Sachsen 3 Pf. rot, einzig bekannter gebrauchter Block dieser Marke. Dritte Platte, Type 9, 10, 14 und 15. Scherenschnitt zwischen Type 9 und 14. Alt-Deutschland-Rarität von grösstem Liebhaberwert in selten guter Erhaltung. Unikum"

Ob das Stück verkauft werden konnte, weiss ich nicht.

Dieser Fund zeigt uns also eine weitere Etappe in der Provenienz-Folge dieser Weltrarität.

Heinz
 
marc123 Am: 02.05.2021 15:01:01 Gelesen: 13162# 743 @  
@ Heinz 7 [#742]

Lieber Heinz,

ich kann nur gratulieren. Hier hast Du eine tolle Wiederentdeckung gemacht, die die zukünftige Sachsenforschung nicht übersehen darf. Armin Knapp (Der "Sachsen-Dreier" der Königlich Sächsischen Postverwaltung von 2010, 63) schreibt z.B. "Wir haben dieses Stück erst seit dem Auftauchen im Jahre 1958 bei der 77. Shanahan-Auktion in Dublin registriert, in der es Herr Boker erwarb." Das war der Aktuelle Forschungsstand.

Glückwunsch
Marc
 

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