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Thema: Österreichische Wertstempelzudrucke auf deutschen Ganzsachen
die_ganzsache Am: 25.09.2009 18:38:01 Gelesen: 6600# 1 @  
Es gibt eine Reihe von Ganzsachen von Bayern und dem Deutschen Reich, bei denen nachträglich ein österreichischer Wertstempel hinzugedruckt wurde. Wer der Veranlasser war, ist mir nicht bekannt. Handelt es sich um Spielereien, wie der nachfolgende Beitrag aus der Sammlerwoche (Jahrgang 1926, Nummer 2, Seite 20) für die Bayernzudrucke behauptet?



Auf diesen Aufruf kam keine Antwort. Vielleicht weiss jemand hier Genaueres ?

Beispiele für Zudrucke auf bayerischen Ganzsachen:



Noch merkwürdiger ist der folgende Zudruck auf deutscher Besetzung II. Weltkrieg - Ukraine:



Gruss
Joachim
 
Postgeschichte Am: 16.10.2009 18:34:40 Gelesen: 6518# 2 @  
@ die_ganzsache [#1]

Hallo Joachim,

Bei allen von Dir gezeigten Ganzsachen handelt es sich um amtliche Ganzsachen Bayerns und der Deutschen Besetzungsausgabe 1939/45 Ukraine, die nachträglich mit einem österreichischen Wertstempel bedruckt wurden. Zu den Zudrucken der österreichischen Wertstempeln halte ich zunächst fest, daß Aufdrucke auf private Bestellung gemäß § 10 der "Bestimmungen über die Wertzeichen sowie den Kasse- und Verrechungsdienst bei den Post- und Telegraphenämtern" unter bestimmten Bedingungen möglich war. Die bestimmungsgemäße Verwendung der Wertstempel in den gezeigten Fällen zweifele ich aber an.

1) Ganzsache von Bayern 2 Pf., mit 3 Pf. überdruckt.

Bei dieser Ganzsache handelt es sich um die 2 Pf. Postkarte Bayerns (P49), mit Überdruck von 3 Pf (PZD1) und "Drucksache" auf der Bezeichnung Postkarte. Die Karte erweckt den Anschein einer korrekten Ganzsachenkarte. Der Überdruck des 2 Pf.-Wertstempels mit dem 3 Pf.-Wertstempels erfolgte auf Grund der Verfügung Nr. 82 vom 7.7.1906.

Daneben ist ein Wertstempel von Österreich mit 3 Heller zu sehen, was der Gebühr für eine Ganzsache bis 50 g entsprach. Beide Wertstempel wurden mit dem Tagesstempel von Wien abgestempelt.

2) Ganzsache zu 2 Pf. (Antwortteil)

Die 2 Pf. Ganzsache von Bayern (P68) Antwortteil, daneben mit dem österreichischen Wertstempel von 3 Heller bedruckt. Beide Wertstempel wurden jeweils mit dem Tagesstempel von Simmering1 - 7.II.09 (7.2.1909) versehen.

Eine Verwendung dieser Ganzsache als mögliche Antwortpostkarte, die mit insgesamt 5 Heller portogerecht frankiert wäre, scheidet aus. Die (für den Ortsverkehr mit 2 Pf herausgegebene) Postkarte hätte für den Versand nach Österreich mit einer Zusatzfrankatur versehen sein müssen und war bei der Rücksendung auf Österreich vollständig (also Frage- und Antwortteil) vorzulegen. Da für den Aufdruck eines österreichischen Wertstempels auf private Bestellung mindestens 100 Postkarten einzureichen waren (s. unten), erscheint die Ausführung des Druckes sehr zweifelhaft. Außerdem wurden weitere Bedingungen nicht erfüllt (s. unten).

3) Ganzsache 6 Pf Hitler mit Aufdruck "Ukraine"

Der Ganzsache P2 wurde ein Wertstempel von 12 Groschen der Ausgaben für das gesamte Österreich (26.11.1945) zugedruckt.

Dieser Zudruck ist unverständlich und auch mit den Portotabellen dieser Zeit nicht erklärbar. Postkarten nach Deutschland waren ab dem 17.4.1946 wieder zugelassen (Auslandsporto 30 Groschen). Das Inlandsporto für Postkarten betrug meines Wissens für den Ortsverkehr 5 Groschen und für den Fernverkehr 6 Groschen.

Den Aufdruck österreichischer Wertstempel hatte ich eingangs gem. $ 10 als realistisch eingeordnet. Die Aufdrucke der österreichischen Wertstempel konnten unter bestimmten Voraussetzungen auf Briefumschlägen, Korrespondenzkarten, Adreßschleifen, auf den zur Versendung als Drucksachen geeigneten Karten, sowie auf den Postanweisungsblanketten des internen und internationalen Verkehrs angebracht werden. Hieran waren aber bestimmte Bedingungen geknüpft, z.B. war die Mindestanzahl auf 100 Stück bei der Einreichung festgelegt. Außerdem waren in allen Fällen der Absender auf die vorzulegenden Materialien mit aufzudrucken und der Wertstempel an die hierfür vorgesehene Stelle anzubringen, was durch die schon aufgedruckten bayrischen bzw. deutschen Wertstempel nicht möglich war.

Undenkbar ist auch die Tatsache, daß der fremdländische Wertstempel der Ganzsachen unberührt gelassen wurde. Da er in Österreich nicht galt, hätte die Hof- und Staatsdruckerei, der die Unterlagen vorzulegen waren, diese zurück zu weisen oder zumindest den fremdländischen Wertstempel unkenntlich machen müssen. Die Stückzahl kann ich bei den o.a. Karten nicht nachweisen, aber der Absender ist definitiv nicht angegeben.

Die Zudrucke österreichischer Wertstempel auf Postkartenausgaben Bayerns von 1901-1903 werden vom Michel-Ganzsachenkatalog als philatelistische Machwerke bezeichnet, was nur durch die Vorlage einer postamtlichen Verfügung entkräftet werden könnte.

Mit philatelistischem Gruß
Manfred
 
die_ganzsache Am: 17.10.2009 10:28:13 Gelesen: 6496# 3 @  
@ Postgeschichte [#2]

Hallo Manfred,

Dank für die Ausführungen - ich kann bei der Ukraine-Karte folgen, zu den Bayern-Karten: Beide sind mit 3-Heller-Wertstempeln bedruckt und beide sind somit nach meiner Meinung portogerecht frankiert.

Gruss
Joachim
 
Postgeschichte Am: 17.10.2009 12:45:16 Gelesen: 6486# 4 @  
@ die_ganzsache [#3]

Hallo Joachim,

bei den bayrischen Ganzsachen sind es ja auch nicht die portogerechte Frankierungen, sondern die Voraussetzungen, unter denen Wertstempelzudrucke auf private Bestellung erfolgen konnten. Die Bedingungen habe ich oben angeführt. Diese sind in allen drei Fällen nicht erfüllt, insbesondere hinsichtlich der gestempelten Ganzsachen.

Ich bleibe bei meiner Aussage, die ich mir anhand der mir vorliegenden amtlichen Unterlagen gebildet habe, daß es sich bei den oben gezeigten Ganzsachen um philatelistische Machwerke handelt.

Gruß
Manfred
 
wiener Am: 18.10.2009 10:37:19 Gelesen: 6463# 5 @  
Ein sehr interessanter Beitrag!

Das allgemeine Interesse im Forum dafür ist relativ gering, ich muß allerdings gestehen das ich in solche Ganzsachen noch nie gesehen habe. Gerade solche Beiträge machen für mich die Würze des Forums aus, danke !

Grüße aus Wien
Roman
 
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