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Thema: Briefzensur bis 1968 in der Bundesrepublik
Clemens M Brandstetter Am: 18.03.2024 11:47:22 Gelesen: 351# 1 @  
300 Millionen Briefe sind nach Aussagen des Freiburger Historikers Josef Foschepoth zwischen 1950 bis 1968 konfisziert und teilweise vernichtet worden. Die deutsche Bevölkerung sollte dadurch vor östlicher Propaganda geschützt werden.

Mir sind solche Belege bisher verborgen geblieben (OT: zum Teil vernichtet) - gibt es nicht vernichtete Belege?

Hier der Link zum DLF https://www.deutschlandfunkkultur.de/bundesrepublik-hat-millionen-briefe-konfisziert-100.html
 
juni-1848 Am: 20.03.2024 00:04:48 Gelesen: 257# 2 @  
@ Clemens M Brandstetter [#1]

N`Abend Clemens,

tatsächlich habe ich seinerzeit oft "Deutschland Radio Kultur" oder - wie es vorher hieß "Deutschland Radio Berlin" gehört.

Und ich kann mich noch an des Interview erinnern, weil wir im Winter vorher zu viert vier Umzugskartons voller "Post" - die Reste aus dem vergessenen Nachlass eines Hannover- Sammlers - für kleines Geld von einem Möbeltrödler erbeutet hatten.

Darin fand sich ein Stiefelkarton voller zensierter Briefe eines "Strafgefangenen" mit Inhalt. Alle Briefe trugen Prüfvermerke/-stempel - bis auf eine Ausnahme. Darin befand sich ein dünnes Foto einer DDR-Grenzpatrouille mit ziemlich auffälliger Uniform und Hund. Unsere Neugier war geweckt. Der Inhaftierte schrieb auf der letzten Seite von "endlich was leichteres... Post von drüben zum Verheizen... rote Hetze". An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Recherchiert hat das damals der Sammlerfreund mit den Hannover-Kontakten, hat aber wohl nicht für einen Ausstellungsrahmen gereicht. Besagter Sammlerfreund ist inzwischen dement und die anderen können sich noch weniger erinnern.

Wie das so ist: Aus den Augen, aus dem Sinn. Ohne Deinen Beitrag hätte ich den Fund längst vergessen. Immerhin passt Gefundenes zu den Interview-Aussagen und berechtigt Deine Frage, ob unerwünschte Ost-Post der Vernichtung entgangen ist - und, noch spannender, woran derlei Post identifizierbar ist.

Damit auch andere nachvollziehen können, worüber ich schreibe, unten der Link "DeutschlandFunk Kultur"-Interview aus Deinem DLF-Link in Schriftform.

Sammlergruß,
Werner

[1] https://www.deutschlandfunk.de/bis-zu-8000-private-briefe-aus-der-ddr-pro-monat-100.html
 
Jürgen Zalaszewski Am: 21.03.2024 13:45:36 Gelesen: 186# 3 @  
Hallo zusammen,

unter dem Titel "Überwachtes Deutschland" - Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik von Josef Foschepoth erschien 2013 bei der Bundeszentrale für politische Bildung die gesamte Forschungsarbeit, auf die uns Sammlerfreund Brandstetter hingewiesen hat. Das Buch hat die Bandnummer 1415 und konnte seinerzeit für die üblichen Kostenauslagen bei der Bundeszentrale bestellt werden. Ob es noch im Programm ist, kann ich nicht sagen.



Viele Grüße
Jürgen
 
juni-1848 Am: 02.04.2024 01:18:54 Gelesen: 101# 4 @  
@ juni-1848 [#2]

Moin zusammen,

wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen in [#2] nicht das Interview in Schriftform, sondern "ersatzweise" ein weiterer Link von Richard.

Dennoch interessieren nicht nur "Zensursammler", wie denn wohl einer generellen Vernichtung entgangene Sendungen aufzufinden seien. Dazu ein wenig Hintergrund aus besagtem Interview:

- Grundgesetz Artikel 10:

Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.

- Quellenforschung -Ergebnisse:

In der Zeit von 1950 bis 1968 wurden in der Bundesrepublik Postsendungen konfisziert in der Größenordnung zwischen 100 und 300 Millionen Sendungen überwiegend aus der DDR und in geringem Ausmass aus Staaten Osteuropas.

- Ablauf:

Kurz hinter der Zonengrenze bestiegen Beamte (u.a. Postbeamte) die Züge und sortierten vor. Aussortiertes wurde in zentrale Sammelstellen in Hamburg, Hannover, in Bebra und in Hof gebracht. Verdächtig Post wurde an die entsprechenden Stellen weitergegeben. Anfangs waren das Polizei-, dann Zollbeamte, die besagte Sendungen direkt vor Ort vernichte(te)n liessen. Später führte ein Staatsanwalt einen richterlichen Beschlagnahmebeschluss herbei. Die Post landete meist in "Vernichtungsräumen". So wurde in Hannover eine große "Postvernichtungszentrale"eingerichtet, wo dann Strafgefangene im Gefängnis diese Post zu vernichten hatten.

- Verantwortlichkeiten:

Die Alliierten, durften eine solche Zensur ausüben Kraft höheren Rechts (das Besatzungsrecht galt in Deutschland bis 1955). Die Ämter der Alliierten waren bis zu 90 % durch deutsche Mitarbeiter besetzt.

Beide hatten das gemeinsame Ziel, Sendungen zu überwachen, die aus Osteuropa und natürlich aus der "sowjetisch besetzten Zone" kamen.

Auch die Staatsanwaltschaft hatte nicht das Recht, gegen solche tatsächlichen oder vermeintlichen Propagandasendungen vorzugehen, tat es aber dennoch - in Abstimmung mit verschiedenen Ministerien.

Neben dem Bundesjustizministerium waren das Bundespostministerium und vor allem das Innenministerium (Strafverfolgung) und das Bundesfinanzministerium als zuständiges Ministerium für die Zollbeamten beteiligt.

Bereits 1955 mit Verabschiedung des Deutschlandvertrages, der die BRD in die Souveränität entließ, hätten auch die rechtlichen Grundlagen für eine "Postzensur" geschaffen werden können. Man hat aber gerade einmal 10 Jahre nach Kriegsende bewusst darauf verzichtet, zum einen die Bürger mit einer "Postzensur" zu beunruhigen, zum anderen die in diesem Zusammenhang von den Alliierten für sich beanspruchten Eingriffsmöglichkeiten in das Post- und Fernmeldegeheimnis per Gesetz zu erlauben.

- Zeitgeist:

Zensur hin, Zensur her - in mahnender Erinnerung an den NS-Terrors hatte in den 1950ern für viele ein starker Staat (gegen die Bedrohung aus dem Osten) einen absolut höheren Stellenwert als die Sicherung der eigenen Grundrechte. Erst 1963 mit dem ersten großen Abhörskandal wurde bekannt, dass der Verfassungsschutz nicht nur viele ehemalige Mitarbeiter mit SS- und SA-Vergangenheit beschäftigte, sondern mit seit Jahren aktiver Beteiligung an der "Postzensur" gegen das Grundgesetz verstossen hatte.

Dann kamen die 68er und rüttelten an den Grundfesten des Wirtschaftswunders Deutschland und seiner Demokratie.

Alles weitere haben die meisten von uns Sammlern noch irgendwie in Erinnerung.

Wer sich tiefer einlesen will:

@ Jürgen Zalaszewski [#3]

Besagter Band 1415 der Bundeszentrale für politische Bildung ist nur noch käuflich zu erwerben:

https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/geschichte/geschichte-des-20.-jahrhunderts/5840/ueberwachtes-deutschland

§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§

@ Clemens M Brandstetter [#1]

Danke, Clemens, für Deine Nachfrage.

Das ganze ([#2]) ist 15 Jahre her. Der Demente lernt derweil jeden Tag aufs Neue seine Tochter kennen, jene Tochter, die Vaters "Alben" längst verkupfert und alle anderen vermeintlich müffelnden Papierchen ohne bunte Marken lieber dem Altpapier anvertraut hat, als dem Forscherdrang seiner einstigen Sammlerfreunde mit frischer Nahrung ... aber welcher Sammler hat derartiges nicht schon selber erlebt?

Sammlergruß, Werner
 
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