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Thema: Der Erste Weltkrieg als Motiv
Das Thema hat 130 Beiträge:
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Seku Am: 14.12.2024 08:14:48 Gelesen: 16251# 106 @  
Guten Morgen in die Runde,

zu dieser Feldpostkarte gab es vom Verkäufer aus Belgien folgende Information:

"METTERNICH russische Kriegsgefangene 1916 Landsturm Bahnpost Metz Coblenz Zug 408 Koblenz". Wie er jetzt auf Landsturm [1] kommt, kann ich leider nicht sagen. Metternich ist ein Stadtteil von Koblenz und da gab es offensichtlich ein Gefangenenlager.



Ich wünsche einen schönen Adventssonntag

Günther

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Landsturm#Deutsches_Reich_1875
 
charly999 Am: 14.12.2024 08:53:28 Gelesen: 16246# 107 @  
@ Seku [#106]

In der Absenderangabe heißt es 'Landsturmmann' (abgekürzter Dienstgrad). Auf der Bildseite sind 3 Landsturmmänner als Bewachungsmannschaft für die Kgf zu sehen, eine typische Aufgabe des Landsturms.

Gruß
charly999
 
Heike Am: 15.12.2024 13:22:03 Gelesen: 16201# 108 @  
@ reichswolf [#101]

Spannend. Ich habe auch ein kleine Sammlung aus dem 1. Weltkrieg, und ein grosses Album voller Feldpost. Alle Briefe und Karten gingen an dieselbe Familie. Mein Ziel ist, die Nachrichten lesen zu können, was natürlich oft herausfordernd ist.

Daher interessiert mich: geht es bei dir auch um den Inhalt oder eher nebensächlich?
 
Seku Am: 15.12.2024 14:26:14 Gelesen: 16180# 109 @  
@ charly999 [#107]

Hallo Charly999,

Danke schön! Um das herauslesen zu können braucht man schon gute Kenntnisse.

Seku
 
Seku Am: 16.12.2024 14:16:14 Gelesen: 16099# 110 @  
Auf dieser unbeschriebenen Karte sehen wir einen Lazarettzug mit britischen Sanitätssoldaten auf dem Weg zur Front.



Ich wünsche ein schönen Wochenbeginn

Günther
 
reichswolf Am: 16.12.2024 22:43:46 Gelesen: 16063# 111 @  
@ Heike [#108]

Ich finde alle Aspekte der Feldpost interessant. Allerdings beschränkt sich der Inhalt der Briefe und Karten aus mehreren Gründen meist auf Banalitäten. Erstens gab es ja die Zensur, man musste also durchaus ein wenig vorsichtig sein mit dem ,was man schrieb. Bestimmte Inhalte waren generell verboten. Zweitens gab es eine Selbstzensur, das heißt, die Soldaten haben auch zum Schutz der Seelen ihrer Verwandten und Freunde oftmals nicht geschildert, wie ihr Alltag wirklich aussah. Umgekehrt haben die Menschen in der Heimat die Soldaten an der Front ebenfalls oft nicht mit ihren Sorgen zusätzlich belasten wollen.

Man findet daher häufig Bitten um Tabak, Nahrung oder Kleidung oder eben Dankesschreiben dafür. Auch das hat aber eine gewisse Aussagekraft, finde ich.
 
Heike Am: 16.12.2024 22:56:48 Gelesen: 16061# 112 @  
@ reichswolf [#111]

Ja, das ist mir bewusst. Aber ich finde auch Kleinigkeiten spannend. In einem die Beschreibung der Krankheiten der Pferde. Da das alles keine Karten/Briefe zwischen Verheirateten sind (die meist wirklich eher vorhersehbar sind) sondern (ich weiss es eigentlich nicht) Karten und Briefe zwischen Chef und seinen vormals Angestellten evtl.

Bisher lese ich nur die, die sehr leserlich schrieben.
 
reichswolf Am: 17.12.2024 00:19:11 Gelesen: 16050# 113 @  
@ Heike [#112]

Den Brief bezüglich der Krankheiten der Pferde würde ich gerne sehen. Falls der wegen fehlendem oder falschem Motiv nicht hierher passt gerne auch im allgemeinen Feldpost des 1. Weltkrieg-Threads.

Bei der folgenden Karte fand ich den Text tatsächlich interessant, da hier Hermann mal wieder einen Einblick in sein persönliches Frontleben gibt und Motiv und Text miteinander verknüpft. Die Foto-AK trägt den Titel Jagd im Schützengraben. Die Beute, die hier gemacht wird, sind die allgegenwärtigen Läuse. Diese Tiere hatten durch das relativ seltene Wechseln der Uniform im Frontsoldaten einen idealen Wirt, und trotz vieler verschiedener Techniken der Läusejagd wurden die Truppen die Quälgeister nie wirklich los. Zu Beginn des fünften Kapitels von Im Westen nichts Neues beschreibt Remarque zwei der Möglichkeiten, die Tiere zu töten. Einerseits kann man sie mit den Fingernägeln knipsen, doch Tjaden bevorzugt es, sie in eine improvisierte Pfanne über einem Kerzenstumpf zu werfen "- es knackt, und sie sind erledigt."

Hermann schreibt:
"Das ist eine richtige Auf-
nahme aus unserem
Graben, könnt Ihr Euch
ein Bild machen
wie es da aussieht.
Mit Gruß Euer Sohn
Hermann"



Das Motiv wurde übrigens auch als Karte Nr. 399 beim schon bekannten Verlag E. Sauwald, Esslingen sowie als Nr. 1568 bei der Sächsischen Verlags-Anstalt, G.m.b.H., Dresden-A. 19 unter dem gleichen Titel aufgelegt*, von der ich in [#92] auch schon eine Karte gezeigt habe. Vielleicht hat da jemand aus Hermanns Einheit seinen Sold mit diesen Aufnahmen aufgebessert?

*leider kann ich davon keine Bilder zeigen, da ich die entsprechenden Karten nicht selbst besitze, sondern nur aus dem Netz kenne.
 
Dulfen1 Am: 17.12.2024 21:20:35 Gelesen: 15998# 114 @  
Moin,

interessante Karte. Zeigt doch, dass man neben den Erzfeinden noch viele kleine Feinde hatte, die einem das Leben zur Hölle machten.

Die Angst vor Seuchen war unter den schlechten hygienischen Bedingungen ebenfalls groß.

So wurde geimpft und darüber streng genau Buch geführt.



Gruß Ulf
 
reichswolf Am: 26.12.2024 23:43:12 Gelesen: 15429# 115 @  
@ reichswolf [#113]
@ Dulfen1 [#114]

Dazu werde ich in den nächsten Tagen noch etwas zeigen, ich habe anlassbezogen nämlich noch ein paar Karten zu dem Thema erworben, die noch zu mir unterwegs sind. Bis dahin zeige ich etwas anderes, damit die zeitliche Lücke zum letzten Beitrag nicht noch größer wird.

Die heutige Karte zeigt eine eine Erdwohnung in den Argonnen. Die Argonnen, auch Argonner Wald genannt, ist eine bewaldete Hügellandschaft zwischen der Champagne im Westen und dem Tal der Maas im Osten und waren im Ersten Weltkrieg ein wichtiger Kriegsschauplatz, bekannte Schlachten sind zum Beispiel der Minenkrieg von Vauquois und die Maas-Argonnen-Offensive.

Berühmt geworden ist in Deutschland das Argonnerwaldlied [1], in dem ein Pionier besungen wird. Pioniertruppen haben unter anderem die Aufgabe, die eigene Truppe durch Baumaßnahmen zu unterstützen. Zu diesen Bauten gehören z.B. Brücken, Gräben, Festungen und Unterstände. Dem Charakter des Stellungskrieges geschuldet war der Bau von Unterständen an der Westfront bedeutend. Diese Unterstände hatten weit weniger provisorischen Charakter als in anderen Kriegen, denn die Front verlief ja in weiten Teilen fast den ganzen Krieg über relativ stabil. Auf der heutigen Karte kann man gut erkennen, dass die gezeigte Erdwohnung nicht nur als kurzfristige Unterkunft gedacht war. Schließlich besitzt sie ein Wellblechdach, es führt ein "befestigter" Weg zu ihr und es gibt sogar ein Geländer links und rechts der Treppe, die zum Eingang hinab führt.

Die Karte wurde am 27.02.1918 von einem Soldaten der Landwehr nach Heilbronn versandt. Verlegt wurde die Karte bei E. Sauwald, Esslingen.



[1] Die Melodie wird bis heute von Fans verschiedener Fußballvereine als Fangesang genutzt.
 
reichswolf Am: 28.12.2024 17:24:20 Gelesen: 15299# 116 @  
@ reichswolf [#113]

Außer auf der bereits erwähnten Karte Nr. 399 hat der Verlag E. Sauwald, Esslingen das in [#113] gezeigte Motiv auch auf der heutigen Feldpostkarte verwendet. Hier wurde zusätzlich zum Bild das folgende Gedicht zur Illustration der Läuseplage genutzt, welches den soldatischen (Galgen-) Humor mit Patriotismus verbindet:

"Die Läusejagd.

Geh' ich in finstrer Mitternacht So einsam auf die Läusejagd
So denk ich an die Drogerie. Ob sie nichts hat für Läusevieh,
Und wenn man oft des Nachts erwacht, Sitzt alles bei der Läusejagd.

Als ich zur Fahne fortgemußt, Hab' ich nichts von der Laus gewusst,
Auch fand man ihren Ursprung nicht In unserer Naturgeschicht.
Sie hauset hier an jedem Ort Und sicher auch bei Joffre [1] dort.

Sie ist uns treu, wir ihr nicht gut, Sie saugt so gern Soldatenblut.
Kaum liegen wir in süßer Ruh, Dann beißen schon die Läuse zu.
Wir stehen dann vom Schlafe auf Und machen Sturmangriff darauf.

Wie glücklich lebt Ihr doch daheim Da Ihr nichts wißt von dieser Pein,
Ihr schlafet ruhig in der Nacht, Wenn wir sind bei der Läusejagd.
Doch für uns ist das keine Schand, Denn wir sind hier fürs Vaterland."

Der Absender Felix Dinkel schrieb am 19.10.1916 auf das Gedicht Bezug nehmend aus Frankreich an seine Tochter Charlotte in Berlin:

"Liebes Lottchen!
Deinen lieben Brief
v. 15/10. habe [ich] soeben
erhalten und mich über
deine Mitteilungen
sehr gefreut. Über diese
Karte mit Gedicht werdet
Ihr Euch wohl amüsieren.
An Mama werde [ich] morgen
schreiben. Sei herzlich
gegrüßt und geküßt
von Deinem Papa"



Der lieben Vollständigkeit halber seien noch die beiden Stempel erwähnt. Der Truppenstempel ist zwar schwach abgeschlagen, aber es lässt sich der folgende Inhalt noch erkennen: S.B. EISENB. BAU-COMP. 20. Der Tagesstempel vom 21.10.1916 lautet K.D. FELDPOSTSTATION № 97.

Weitere Karten zu diesem Thema werden folgen.

[1] Joseph Jacques Césaire Joffre war während des Ersten Weltkriegs zeitweise Oberbefehlshaber der französischen Armee. Hier wird sein Name wohl als pars pro toto für die französische Armee genutzt.
 
reichswolf Am: 29.12.2024 23:39:17 Gelesen: 15215# 117 @  
In Beitrag [#113] habe ich schon zwei Methoden genannt, mit denen Soldaten den Läusen zu Laibe rückten. Mit der heutigen Karte kommen weitere dazu, allerdings keine realen, sondern nur dem Galgenhumor der Truppe geschuldete. Denn hier sieht man, wie die Soldaten die Viecher mit dem Fernglas suchen, um sie mit Messern und Pistolen zu bekämpfen.

Die Karte Nr. 578 der Kunst- und Verlagsanstalt Schaar & Dathe, K.-G. a. Akt. Trier war Militärisch zensiert und zum freien Verkehr zugelassen, die Zustände an der Front wurden also keineswegs vollständig zu vertuschen versucht, was wohl auch sinnlos gewesen wäre. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Ton der Karte, der eben nicht leidend ist, sondern den Humor und die damit auch die Duldsamkeit der Soldaten herausstellt, ganz gerne gesehen wurde bei den Zensurbehörden.

Ich suche schon seit einiger Zeit nach konkreten Anweisungen der Regierung oder der OHL bezüglich der Freigabe von Kartenmotiven. Es gibt wohl einen Katalog mit 26 Veröffentlichungsverboten von Reichskanzler Bethmann-Hollweg von 1914, den ich aber bisher im Netz nicht finden konnte. Was ich allerdings wiederholt gefunden habe sind Aussagen dazu, dass die Zensur der Motive eher uneinheitlich gehandhabt wurde. Außerdem finde ich folgende Stelle in Heinz-Dietrich Fischer (Hg.), Pressekonzentration und Zensurpraxis im Ersten Weltkrieg. Berlin, 1973 aufschlussreich:

„Bei allen in den Handel kommenden Ansichtspostkarten muss der Ort der Herstellung und der Name des Verlegers deutlich zu erkennen sein, denn nur so ist eine Prüfung möglich. Siehe auch Bilder, Kriegspostkarten.“

und

„Kriegspostkarten: Karten oder Bilderbogen mit Darstellungen, die auf den gegenwärtigen Krieg Bezug haben unterliegen der Vorzensur. Die Entscheidung einer Zensurstelle ist für alle anderen bindend. Zuständig ist die Zensurstelle, in deren Bezirk der Verleger den geschäftlichen Wohnsitz hat. Jede Postkarte oder jeder Kriegsbilderbogen muss Namen und Wohnort des Verlegers enthalten. Stattdessen ist ein Firmenzeichen gestattet, wenn es bei der Zensurstelle angemeldet und als ausreichend anerkannt ist. Kriegspostkarten und Kriegsbilderbogen ohne Adresse oder Firmenzeichen unterliegen der Beschlagnahme an jedem Ort, an dem sie in Verkehr gebracht werden.“

Leider liegt mir das Buch nicht vor, daher kann ich die originale Quelle nicht benennen. Offenbar waren die Foto-AK (also privat in Auftrag gegebene Karten in kleiner Auflage), die hier im Thread schon zahlreich zu sehen waren, eine kleine Lücke im System.

Zurück zur Karte mit dem Titel Auf der Jagd im Schützengraben. Diese lief am 24.08.1917 aus dem Feld nach Frauenstein (Erzgebirge).



PS: Wenn man genau hinsieht erkennt man nebenbei, dass den Soldaten der Schnaps näher war als die Milch. ;-)
 
johanneshoffner Am: 30.12.2024 10:53:07 Gelesen: 15163# 118 @  
Diese Karte ging an die Eltern eines Studenten der Universität Göttingen, der an der Front war. Die Universität erbat Feldpost von den Angehörigen:

"Sehr erwünscht wäre die Uebersendung von Mitteilungen aus dem Feld, die auch direkt ans Sekretariat gesandt werden können, an die hier militärisch zugelassene Sammelstalle. Alles rein Persönliche wird in diskreter Weise ausgeschaltet, nur das für die Geschichte Wissenswerte wird von sachkundiger Hand ausgezogen."



Schon während des Krieges wurden Zeitzeugnisse aufgenommen, ein durchaus moderner historischer Ansatz.
 
reichswolf Am: 18.01.2025 00:42:16 Gelesen: 14854# 119 @  
@ reichswolf [#117]

Eine Kombination aus gesundheitlichen Problemen und viel Stress auf der Arbeit hat mich leider gehindert, hier zuletzt aktiv zu sein. Aber immerhin, heute schaffe ich noch mal einen Beitrag zu meinem letzten Thema.

Die heutige Karte wurde am 31.07.1916 bei der K. D. Feldpoststation * Nr. 88 * aufgegeben. Verlegt wurde sie bei P.M.S.M., einem Verlag, über den ich keine weiteren Informationen finden konnte. Das Kartenmotiv heißt hier "Eine kritische Toilette" und zeigt wiederum eine Gruppe Soldaten beim gemeinsamen Lausen. Nachdem auf der letzten Karte zum Thema ein Soldat den Biestern mit einer Pistole drohte sehen wir hier, wie jemand eine von einem Kameraden festgehaltene Laus mit einer Axt töten will. Man gewinnt immer mehr den Eindruck, die kleinen Blutsauger wären fast noch verhasster als alle menschlichen Gegner.


 
reichswolf Am: 20.01.2025 00:16:06 Gelesen: 14774# 120 @  
@ reichswolf [#119]

Eigentlich hätte gerne eine weitere Karte zum Thema Ungeziefer gezeigt, aber bei dem fraglichen Beleg spielt auch der Text eine Rolle, da er sich auf das Motiv bezieht. Und an der Transkription arbeite ich noch. Also erst einmal etwas anderes, damit es weiter geht.

@ reichswolf [#115]

Den kleinen Ort Vauquois habe ich ja schon im verlinkten Beitrag erwähnt. Vor dem Krieg (1911) hatte der Ort 168 Einwohner, heute sind es nur 23. Er liegt 25 Kilometer nordwestlich von Verdun am Ostrand der Argonnen, und die Anhöhe von Vauquois (Butte de Vauquois) war im Krieg eine strategisch bedeutende Erhebung, denn sie überragte das ganze Gebiet und war daher ein wichtiger Beobachtungspunkt. In Folge dessen wurde um diese Höhe in der sogenannten Schlacht von Vauquois erbittert gekämpft. Die Kämpfe um diesen Hügel dauerten fast so lang wie der Krieg selbst. Ausgetragen wurden diese Kämpfe ab 1915 besonders durch den Einsatz von Minen. Insgesamt 519 davon wurden im Raum Vauquois gezündet. Ca 14.000 Soldaten verloren bei den Kämpfen ihr Leben. Dieses Leben spielte sich zu einem großen Teil im Hügel selbst ab, der durch Stollen in eine regelrechte Stadt verwandelt wurde. Dazu finden sich in Adolf Buchner: Der Minenkrieg auf Vauquois, Deutenhausen 1982 wirklich beeindruckende Lagepläne.

Die Karte vom 27.01.1916 mit dem Tagesstempel K.D. Feldpostexp. der 12. Res. Div. zeigt eine Zeichnung des zerstörten Vauquois und eine der Glocke von Vauquois. Ziemlich sicher war der Kirchturm des Ortes (in dem die Glocke einst hing) schon Ende 1914 vollständig zerstört. In der Silvesternacht 1914/15, in welcher Ansätze eines Waffenstillstandes erkennbar gewesen sein sollen (wohl ähnlich dem berühmten Weihnachtsfrieden), wurde die Glocke durch deutsche Soldaten ein letztes Mal provisorisch befestigt und zum Jahreswechsel geläutet. Zu dieser Glocke gibt es drei Gedichte, von denen sich eines ebenfalls auf der Karte findet. Ein weiteres werde ich ein anderes Mal zeigen.

Das sind die Trümmer vom blühenden Land
Sie wurden zerstört durch den Weltenbrand.
Nichts ist geblieben als Schutt u. Stein
Darunter begraben viel Schmerz und Pein;
Verloren das Gut, verloren das Glück,
Das einstens Sie suchen mit traurigem Blick,
Wenn Sie wiederkehren zum Heimatort,
Denn Sie mussten fliehen, ins weite fort.
Nur eins werden Sie finden von ehernem Klang,
Das einstens gerufen die Strassen entlang.
Hoch oben vom Kirchturm so hell und so rein,
Bis tief in das Herz der Menschen hinein;
Auf Trümmer gebettet erwartend die Stund,
Bis Sie wieder rufend auf weiter Rund,
Ins Kirchlein zum Beten die Völkerschaar,
Die friedliche Glocke von Vauquois.
(Humrich)



Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Vauquois
Jacqueline Katharina Reinisch: Die Konstruktion von Heimat an der Front. Eine Manifestation vertrauter Gewohnheiten im Minenkrieg von Verdun (2019)
 
reichswolf Am: 23.01.2025 00:02:48 Gelesen: 14667# 121 @  
@ reichswolf [#120]

Vom 05.04.1917 stammt die folgende Karte mit aptiertem Tagesstempel K.D. Feldpost und Truppenstempel Leichte Munitions-Kolonne 248 * Brief- Stempel. Die Karte hat wie die im Beitrag oben die Glocke von Vauquois zum Thema. Das Bild der Glocke ist identisch mit dem auf der letzten Karte, hier ist aber im oberen Teil der Bildseite eine Zeichnung des Butte de Vauquois zu sehen.

Hier kann man außerdem ein weiteres Gedicht mit dem Titel Die Glocke von Vauquois lesen. Im Gegensatz zur letzten Version beginnt dieses hier noch wie ein Gedicht über die Natur, bevor dann schnell von der Beschreibung eines Herbsttages gewechselt wird zu einer einer des Krieges mit zerstörter Natur- und Kulturlandschaft. Die Glocke ist hier ein Symbol der Hoffnung, sowohl der begrabenen Hoffnung der Vergangenheit als auch der Hoffnung auf eine Zukunft.

Die Glocke von Vauquois
Durchbricht die Sonn‘ den grauen Nebelflor,
Der junge Herbsttag liegt auf Frankreichs Wäldern,
Weitab ragt dann ein schwarzer Berg empor,
Umrahmt von öden, blutgetränkten Feldern:
Vauquois, der „Berg des Todes“ – so bekannt
Den Helden an der Westfront zur Genüge
Der Ort zerstört, verheert ein blühend Land,
Als grausig Opfer in dem Weltenkriege. –
Geblieben ist auf jener Trümmerstätt‘
Nur eins in Stunden schwer und bang:
Des Kirchturms Glocke – liegt auf Schutt gebett‘.
Verstummt ist nun ihr rein metallner Klang.
Wohl ganze Berge Hoffnung sind zerfallen.
Zertrümmert ward ein Haufe Menschenglück.
Noch kann die Glocke Dankeslieder schallen,
wenn man dereinst kehrt in den Ort zurück,
Nicht deutsche Barbarei noch schnöde Beutegier
Hat sie entfernt von dem geweihten Ort;
Der Glaube ohne Spott, des deutschen Kriegers Zier,
Pflanzt‘ auch in Feindesland sich allzeit fort.

E. Siegel
Utffs. 12. L.J.R. 32.

Beide Karten scheinen vom gleichen Verlag zu stammen. Indizien dafür sind erstens der ähnliche gestalterische Aufbau der Bildseite, zweitens die bis auf die Farbe gleiche Gestaltung der Anschriftenseite (identische Beschriftung und Schrift, identische Linierung). Da diese Merkmale denen der bisher gezeigten Karten des Verlages E. Sauwald, Esslingen entsprechen, gehe ich davon aus, dass die Karte in [#120] die Nummer 299 dieses Verlages und die aktuelle die Nummer 488 ist (die Nummern finden sich im Bild der Glocke rechts oben).


 
reichswolf Am: 25.01.2025 00:09:17 Gelesen: 14609# 122 @  
@ reichswolf [#120]
@ reichswolf [#121]

Die heutige Karte ist die Nr. 470 der Kunst- und Verlagsanstalt Schaar & Dathe, Komm.Ges. a. Akt., Trier. Gelaufen ist die Karte am 19.08.1915 mit Tagesstempel K. D. Feldpostexp. der 33. Infanterie-Div. und nicht eindeutig bestimmbaren Truppenstempel. Die Karte zeigt wieder das Motiv Die Glocke von Vauquois mit einem weiteren Gedicht gleichen Titels. Diesmal ist die Glocke nicht gezeichnet, sondern die Karte zeigt ein Foto von ihr mit deutschen Soldaten im Hintergrund. Zu erkennen ist auch der Kettenzug, mit dem die Glocke provisorisch wieder aufgehangen wurde, nachdem der Kirchturm zerstört wurde. Die Bildseite enthält folgenden Text:

Aus schwerer Zeit.

Die Glocke von Vauquois
Glocke von Vauquois, du läutetest so rein,
Ludest so viele dereinst zum Beten ein.
Glocke von Vauquois, Du läutest nicht mehr,
Um Dich herum ist alles tot und leer.
Du bist nun getroffen aus ehernem Mund,
Stürztest aus Deiner Höh‘ selbst todeswund,
Dein Klang erstarb im Todesschmerz,
Wie um Dich manch tapferes Kriegerherz.

Ein Autor ist hier nicht bekannt. Interessant finde ich an dieser Karte, dass hier der Text des Gedichtes zum Teil als Beschreibung des Bildes gesehen werden kann. Denn am rechten Rand der Glocke sind Beschädigungen durch Ausbrüche und Spuren von Beschuss mit Handfeuerwaffen oder Maschinengewehr zu erkennen. Dies wird im Gedicht durch die Verse Du bist nun getroffen aus ehernem Mund, Stürztest aus Deiner Höh‘ selbst todeswund beschrieben.



Ob es bewusst geschah, kann ich nicht sagen, aber die drei Karten scheinen mir fast so etwas wie eine Gegenpropaganda gegen die Darstellung der Deutschen in der Propaganda der Alliierten zu sein. Dort wurde von Belgiern, Franzosen und Engländern der Deutsche oft als hässlich, vergewaltigend und mordlüsternd beschrieben, als regelrechtes Monster. Die drei Karten zur Glocke von Vauquois dagegen stellen die Deutschen ganz anders da. Hier gibt es Mitgefühl für die französischen Opfer (siehe besonders das erste Gedicht), es wird sogar explizit deutsche Barbarei und Beutegier verneint (im zweiten Gedicht). Alle drei Gedichte deuten zudem eine gewisse Frömmigkeit der deutschen Soldaten an, eine Eigenschaft, die eher nicht dem Bild in der alliierten Greuelpropaganda (das ist nicht wertend gemeint) entspricht.
 
reichswolf Am: 26.01.2025 20:06:41 Gelesen: 14538# 123 @  
@ reichswolf [#1]

Kürzlich habe ich eine weitere Karte mit einer Ansicht der Häuser-Ruinen des zerstörten Parroy (Frankreich) bekommen. Über den Ort kann ich nicht viel mehr sagen als ich es bereits im ersten Posts dieses Threads tat. Einzige Ergänzung: in [#1] ist einer der Brunnen des Dorfes zu sehen, die es bis zum 1. Weltkrieg gab (mindestens zwei). Beim Wiederaufbau des Dorfes nach Kriegsende wurden diese Brunnen nicht wieder errichtet. Heute gibt es dort also keine mehr.

Die Karte stammt vom Verlag: H. Senetik, Saarburg, L. und trägt zusätzlich zu dieser Angabe den Vermerk Nachdruck verboten. Es ist die Karte mit der Nr 98b dieses Verlages, von dem es viele weitere Postkarten mit Motiven des Weltkrieges gibt.



Gelaufen ist die Karte am 03.10.1916 nach Kirchenlamitz. Der Tagesstempel lautet K. D. Feldpostexped. der 33. Jnfanterie-Div., der Truppenstempel bayer. L.J.R. № 10 11. Komp..
 
reichswolf Am: 28.01.2025 21:13:38 Gelesen: 14434# 124 @  
Oftmals wird vergessen, dass in Kriegen nicht nur der Mensch leidet, sondern auch Tiere. Das betrifft sowohl Wildtiere als auch Haustiere, von denen einige Arten ja sogar im Krieg eingesetzt wurden und werden. Im Ersten Weltkrieg wurden wohl mindestens 20 Millionen Pferde eingesetzt, von denen je nach Quelle etwa die Hälfte starben. Ein Artilleriepferd überlebte im Schnitt nur zehn Tage. Das klingt nach nicht viel, aber aber zum Vergleich sei gesagt, dass ein Soldat in der Schlacht von Verdun (21.02.1916 - 19.12.1916) auch nur durchschnittlich 14 Tage überlebte. Je länger der Krieg dauerte, um so schlimmer wurde die Situation für die Tiere.

Neben Pferden wurden noch viele weitere Arten zum Kriegsdienst gezwungen: Hunde, Tauben, Katzen, Elefanten, Kanarienvögel und sogar Schnecken (als Gasmelder) und Glühwürmchen (als Lichtquelle). Und natürlich auch Esel. Meine heutige Karte, eine Originalaufnahme vom Oestlichen Kriegsschauplatz, zeigt die Abfertigung der kleinen Post zur Front durch Esel.

Im Text bedankt sich der Absender der Karte u.a. für den erhaltenen Tabak, außerdem schreibt er, dass er einen Brief von Maria erhalten habe. Gut möglich, dass diese Dinge ihn auf ähnlichem Wege erreichten wie es das Kartenmotiv zeigt.



Gelaufen ist die Karte am 16.06.1915 nach Wiedenbrück (heute Rheda-Wiedenbrück). Der Tagesstempel der Feldpost lautet K. D. Feldpostexp. Div. Wernitz a, der Truppenstempel B. S. Fest.-Sanit.-Komp. 1.
 
reichswolf Am: 19.02.2025 00:38:57 Gelesen: 13965# 125 @  
Heute zeige ich eine Karte aus Frankreich, und zwar aus Saint-Mihiel im Département Meuse (Maas). Die Karte zeigt die Zerstörte Maasbrücke (Pont de Saint-Mihiel sur la Meuse). Der Ortsname St. Mihiel wurde unkenntlich gemacht, ich vermute darin eine (nicht sehr gelungene) Zensurmaßnahme, denn die genaue Lage und auch der Zustand von Brücken und anderer strategisch wichtiger Bauwerke waren ja durchaus sensible Informationen.

Die Stadt wurde 1914 durch deutsche Truppen erobert, das dortige Fort kapitulierte. Im Hintergrund sind auf dem Bild einige Häuser zu sehen, an denen man erkennen kann, dass das Bild noch aus einer relativ frühen Phase des Krieges stammt. Denn im weiteren Verlauf der Kämpfe um die strategisch wichtige Stadt wurden alle Häuser in Flussnähe durch französische Rückeroberungsversuche zerstört.



Die Karte stammt vom Verlag Max Mendler, gen. Schock-Schock-Schock, Regensburg. Gelaufen ist sie am 29.12.1916 nach Kirchenlamitz. Der Tagesstempel lautet FELD-POSTEXPED D. 1. BAYER. JNF. DIV., der Truppenstempel Feldpostadresse des Absenders: Bayer. Mineurkomp. 1 Feldpoststation 102.
 
reichswolf Am: 01.05.2025 12:25:37 Gelesen: 12092# 126 @  
Heute zeige ich eine Karte aus dem Ort Éton (ebenfalls Département Meuse) in Frankreich. Das Dorf Éton wurde – wie viele andere Orte in der Region – durch schwere Granatenangriffe und militärische Auseinandersetzungen praktisch vollständig zerstört. Die Einwohner mussten fliehen oder lebten unter extrem schweren Bedingungen.

Das Bild zeigt eine Reihe von stark zerstörten Häusern entlang einer Straße. Die Gebäude sind größtenteils ausgebrannt, Dächer fehlen, und nur die Ruinen der Mauern stehen noch. Schutt und Trümmer liegen überall verstreut. Im Vordergrund erkennt man einen kaputten Wagen und andere Trümmerteile. Im Hintergrund sieht man einen kleinen Turm – wahrscheinlich den Kirchturm – der ebenfalls beschädigt, aber noch aufrecht steht.

Die starken Zerstörungen liegen nicht zuletzt an der Nähe zur Schlacht um Verdun (ca 30 km von Éton entfernt). Éton lag also mitten im Aufmarschgebiet für eine der brutalsten Schlachten der Weltgeschichte.

Nach dem Krieg wurde Éton wieder aufgebaut. Heute hat der Ort ca 200 Einwohner. Es gibt dort heute ein Kriegsdenkmal (monument aux morts), auf dem die Namen der gefallenen Soldaten und Zivilisten verzeichnet sind. Außerdem finden sich in der Umgebung immer noch Spuren alter Schützengräben, Granattrichter und zerstörte Mauerreste.



Die Karte ist die Nummer 71 der Kunst- u. Verlagsanstalt Schaar & Dathe. Komm. Ges. a. Akt. Trier. Die Firma wurde 1895 gegründet, fusionierte 1932 mit der Graphischen Kunstanstalt Ernst Klein. Das Unternehmen wurde 1934 liqudiert.

Gelaufen ist die Karte am 19.06.1915 nach Heilbronn.
 
reichswolf Am: 04.05.2025 12:29:11 Gelesen: 12018# 127 @  
Die heutige Karte zeigt das Motiv LILLE 1914/16 – Wachtparade auf dem großen Platz – La parade sur la Grande Place.

Lille wurde am 1. August 1914 zur offenen Stadt erklärt. "Die französische Armee verzichtete darauf, eine Stadt mit veralteten und seit 1910 deklassierten Festungsanlagen zu verteidigen. Deutsche und französische Soldaten zogen hier nacheinander durch, ohne dass es zu irgendwelchen Kampfhandlungen kam. Am 3. Oktober 1914 entschlossen die Franzosen sich dann aber doch zur Verteidigung von Lille. Daraufhin belagerten deutsche Truppen die Stadt und beschossen sie – insbesondere um das Bahnhofsviertel herum – so stark, dass sie am 13. Oktober kapitulierte." [1]

Die Stadt diente von da an als wichtiger logistischer Stützpunkt für die deutsche Armee. Wie in anderen besetzten Städten führte die deutsche Armee Wachtparaden und Aufmärsche durch – zur Demonstration ihrer Macht als auch zur Disziplinierung der besetzten Bevölkerung.

Auf der Karte sieht man eine große Parade auf einem belebten Platz. Zivilisten stehen am Rand und beobachten das Geschehen. Links steht eine hohe Säule mit einer Statue oben drauf – die Colonne de la Déesse ("Säule der Göttin"). Die Colonne de la Déesse erinnert an den Widerstand der Stadt während der Belagerung durch kaiserliche Truppen von 1792. Eine deutsche Parade auf dem zentralen Platz von Lille, direkt vor dieser Statue, hat symbolische Bedeutung. Im Hintergrund stehen prächtige Häuser im Stil der nordfranzösischen und flämischen Renaissance. Auf vielen der Gebäude sind Schriftzüge zu sehen, unter anderem Oxo und L'Action Française. Diese Werbeschriftzüge sind tatsächlich sehr interessant. So ist OXO der Name einer Brühwürfelmarke in Großbritannien. Persil dagegen ist, genau wie Sinalco, ein deutsches Produkt. Zusammen mit den französische Werbeschildern zeigen diese Tafeln sehr deutlich, wie stark die europäischen Länder auch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts miteinander wirtschaftlich verbunden waren. Das vermittelt einen kleinen Eindruck davon, was der Krieg neben dem Offensichtlichen noch alles zerstörte und veränderte. Selbst der Einkauf war ab dem 01.08.1914 nicht mehr der selbe.

Spannend ist auch die Werbung für die Action Française, eine katholische, extrem nationalistische, monarchistische und antisemitische Bewegung in Frankreich. Da die Gruppe auch dem Deutschen Reich gegenüber feindlich gestimmt war, ist es für mich sehr überraschend, dass die Besatzer diese Propaganda duldeten.

Außerdem deutet diese Propagandatafel an, dass der Faschismus und verwandte Strömungen nicht etwa erst nach dem Krieg in Deutschland und Italien entstanden, sondern gesamteuropäische Wurzeln hatten, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.



Die Karte ist aus der Serie B die Nr. 4 aus dem Verlag Emil Richter, Buch- und Kunstdr., Oschatz i. S. Gelaufen ist die Karte am 03.12.1916 nach Chemnitz. Tagesstempel der Feldpost ist FELDPOSTEXPEDITION DER 24. JNFANTERIE-DIVISION.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Lille
 
reichswolf Am: 24.05.2025 11:20:46 Gelesen: 11533# 128 @  
Die heutige Karte trägt den Titel Originalaufnahme vom östlichen Kriegsschauplatz – Beobachtungsposten der schweren Garde Artillerie und stammt vom Hofphotogr. Kühlewindt* z. Zt. östl. Kriegsschauplatz. Die Aufnahme zeigt eine Gruppe deutscher Soldaten im Winter (kahle Bäume, Schnee) in einem befestigten Bereich mit Holzpalisade. Im Mittelpunkt steht ein hoher Beobachtungsturm, der einfach aus einer Leiter mit einem Sitz besteht. Oben sitzt ein Soldat mit einem großen Doppelfernrohr (wahrscheinlich ein Scherenfernrohr), unter ihm steht ein weiterer Soldat mit einem Feldstecher auf der Leiter. Mehrere Soldaten befinden sich am Boden, einige mit Schreibmaterialien, Karten oder Waffen. Sie wirken auf den ersten Blick beschäftigt, aber nicht in unmittelbarem Gefecht.

Solche Beobachtungsposten waren essenziell für den zielgerichteten Artilleriebeschuss, da sie feindliche Bewegungen oder Ziele an die Geschützstellungen weiterleiten konnten.

Während andere Karten oftmals den Tod und die Zerstörung zum Motiv haben und dann im beschreibenden Text auf den Feind als Ursache für das Chaos verweisen ("durch englische Granaten zerstört") zeigt diese Karte die deutsche militärische Organisation, ihre Technik und Professionalität. Man sieht Spezialisten bei der Arbeit, nicht die von der französischen, englischen und belgischen Propaganda stets beschworenen Hunnen-Monster. Das unterstreicht den elitären Charakter der dargestellten Truppe, der schweren Garde-Artillerie, die damit zum Bild zum Symbol für deutsche Überlegenheit und militärischen Fortschritt wird.

Die Bildunterschrift weist auf eine Originalaufnahme hin, was Authentizität suggeriert, obwohl die Bildkomposition stark inszeniert erscheint. Die Szene wirkt wie ein Gruppenporträt. Aufgrund des technischen Entwicklungsstandes damaliger Kameras ist es sogar eher die Regel, dass Aufnahmen inszeniert wurden (ganz besonders gilt das für bewegte Aufnahmen), vor allem, wenn es um Bilder des eigentlichen Kampfgeschehens ging.



Postalisch gelaufen ist die Karte nicht oder im Umschlag, aber da sie beschrieben wurde, zeige ich auch die Rückseite. Diese ermöglicht auch eine Datierung des Bildes auf die Wintermonate vor dem Oktober 1915.

* Alfred Kühlewindt (1870–1945), deutscher Kriegs- und Hoffotograf aus Königsberg
 
reichswolf Am: 01.06.2025 11:37:08 Gelesen: 11171# 129 @  
Die nächsten Karten, die ich zeigen möchte, zeigen keine Fotos, sondern Bleistift-Zeichnungen, z.T. mit kleinen Highlights (© Bob Ross) in violett. Diese stammen vermutlich von einem Unteroffizier Emil Hartmann aus Bad Rappenau, ganz sicher kann ich das jedoch nicht sagen.

Die erste Karte zeigt eine provisorische Unterkunft, vermutlich eine Wellblechhütte (ähnlich der sogenannten „Nissen-Hut“ der Britten) in einem Wald. Da keine Blätter an den Bäumen sind, jedoch offenbar in der Hütte geheizt wird (es kommt Rauch aus dem Schornstein, vor der Hütte steht ein Hackklotz mit einer Axt), vermute ich, dass die Szene im Winter spielt.

Im Eingang der Hütte sieht man ein Paar Stiefel, an denen man erkennt, dass die Hütte zur Zeit belegt ist mit einem Soldaten, der gerade Ruhe hat. Der Krieg ist aber natürlich nie weit weg, sein Gewehr hat der Soldat an dem Baum ganz links griffbereit aufgehängt.

Der Fokus der Karte liegt also nicht auf Schlachten, Technik oder Waffen, sondern auf dem Alltag an der Front – konkret auf der Unterkunft, einem Ort der Ruhe und des Rückzugs. Das macht sie zu einem sehr persönlichen und intimen Zeitzeugnis und hebt sie stark von den professionell fotografierten und gedruckten Motiven ab, die oft neben dem dokumentarischen einen propagandistischen Zweck hatten.



Auf der Rückseite der nicht postalisch gelaufenen Karte schrieb der Künstler:

Lieber Fred (gemeint ist Alfred Hartmann aus Bad Rappenau)
damit du dir auch
einen Begriff machen
kannst, in was für (ordentlichen?)
Unterständen wir hier
liegen, will ich dir diese kleine,
der Natur entnommene Skizze
senden, die ich in 3 Minuten
schnell aufgenommen
habe. Herzliche
Grüße (...)

Die Unterschrift kann ich leider nicht lesen, und sie sieht nicht aus wie Emil. Warum ich dennoch vermute, dass der Zeichner Emil hieß, klärt sich in den nächsten Beiträgen.
 
reichswolf Am: 04.06.2025 18:09:12 Gelesen: 11021# 130 @  
Die nächste Zeichnung ist ein schönes Beispiel für humorvolle Dokumentationen des Alltäglichen. Seinen Humor hat Emiel ja bereits in die letze Karte einfließen lassen, wenn er seine Zeichnung dort beschreibt.

Die heutige Karte zeigt scheinbar eine Innenansicht der Hütte vom letzten Mal, jedenfalls erkennt man auch hier gut die Rundung der Wand. Zentral im Bild liegt ein Soldat bäuchlings quer über einem Feldbett, offenbar erschöpft. Dafür spricht auch, dass er in Uniform schläft. Das spart Zeit und Mühe, sowohl beim Hinlegen als auch beim eventuell nötigen alarmmäßigen Wiederaufstehen. Ob aber seine Übermüdung ein Ausdruck totaler Erschöpfung durch die Kampfhandlungen ist oder nur eine Folge des Suffs, ist hier nicht ganz klar. Immerhin steht ja eine Flasche neben dem Bett, wobei die vielleicht auch leer ist und als Kerzenhalter dient.

Ansonsten sieht man allerlei Alltagsgegenstände, vom Stiefelknecht bis zu Socken. Und es sind zwei Ratten zu sehen, die keinerlei Scheu zeigen in der Nähe des Schlafenden. Zu den tierischen Quälgeistern gibt es ja weiter vorn schon Motive. Sie sind das Symbol für schlechte hygienische Zustände.

Und dennoch. Emil hat Feiertag, so nennt der Zeichner sein Werk. Trotz Ratten im "eigenen" Bett, trotz Enge, trotz der Umgebung. Einfach, weil man nicht im Graben ist.

Ich gehe davon aus, dass Unteroffizier Hartmann hier ein Selbstporträt gefertigt hat. Denn "Beweis" dafür liefere ich dann mit der nächsten Karte.



Gelaufen ist die Karte am 04.01.1917 nach Bad Rappenau. Tagesstempel der Feldpost ist K.D. Feldpostexp. 8. Landwehr Div. a, der Truppenstempel lautet Landw. Jnf.-Regt. 109 * 8. Komp. * Brief- Stempel.
 

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