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Thema: Deutsches Reich Feldpost 2. Weltkrieg
Das Thema hat 420 Beiträge:
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evwezel Am: 01.10.2025 20:25:08 Gelesen: 8503# 396 @  
Liebe Sammlerfreunde,

ich zeige Euch hier einen Feldpostbrief des Zweiten Weltkrieges. Der Brief wurde am 1. September 1943 von der Marine-Nachrichtenschule in Villepinte (bei Paris) nach dem Luftgau Kommando XI in Hamburg verschickt. Ich habe einige Fragen zu diesem Text und hoffentlich kann jemand meine Fragen beantworten. Fahren wir los:

1. „mögen die Götter gnädig ihr Angesicht verhüllen.“ (Seite 1). Was bedeutet diese Redewendung?

2. „Vom Bahnhof Villepinte mussten wir noch eine ¾ Std. zu unserer Kompanie herauslatschen. Wir konnten es schon von weitem sehen. Mitten aus dem Kartoffelacker ragt ein Hochhaus empor. 7 Stockwerke hoch. Das reinste Glashaus.“ (Seite 2). Weiß jemand von Euch, ob vielleicht ein Foto von diesem Gebäude existiert?

3. „dann zogen wir in ein benachbartes Schloß!, wo der Teil des Regiments liegt, der seinen Lehrgang beendet hat und auf Abkommandierung wartet.“ (Seite 3). Welches Schloss könnte das gewesen sein?

4. Der Feldpostnummer 11614 wurde vom 15. September 1940 bis zum 31. Januar 1941 (Zeitraum 3) durch die Marine-Nachrichten-Schule Villepinte bei Paris benutzt (siehe https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Feldpostnummern/10000/11000/1161-R.htm). Mein Brief ist aber vom 1. September 1943. Das stimmt doch nicht???
5. Was war der Auftrag des Luftgau Kommandos?

Einen schönen Abend wünscht Euch

Emiel





---
Seite 1
Villepinte, d. 1.9.43.

Liebe kleine Edith.

Ich möchte diesen Brief mit einer Bitte
beginnen. Zeige ihn nicht meiner Mut-
ter, denn Dir möchte ich nichts vorma-
chen. Du weisst ich bin durchaus kein
Schwarzseher, aber was uns hier bevor-
steht…. Na ja, mögen die Götter
gnädig ihr Angesicht verhüllen. Ich
will Dir eine kurze zeitliche Schilderung
unserer bisherigen Erlebnisse geben.
Wir kamen sensationshungrig hier
in Paris am Sonntagabend an. Dann
ging es auf die Suche nach unserem Kom-
mando. Laut Marschbefehl sollten wir
nach Villecresnes[1]. Aber als wir nach
langer Irrfahrt mit „Metro“ (Untergrund-
bahn) und Autobus dort ankamen, gab
es dort gar kein Marine-Nachrichtenre-
giment[2]. Na, wir wieder schwitzend mit

Seite 2
Seesack auf dem Ast[3] zum Gare du Nord
zurück. Von dort schickt man uns
nach Malmaison, einem Vorort an
der entgegengesetzten Ecke von Paris.
Aber auch dort war(en) wir nicht richtig
und man schickte uns nach Ville-
pinte. So kamen wir endlich am Mitt-
woch Mittag hier an. Ein trostloses
Kaff[4]. Verlauste Frauen, barfuss, aber
geschminkt und gepudert und not-
beziehungsweise violettgefärbte Fuß- und
Fingernägel. Unsere Seesäcke hatten
wir vorsörglich in Paris gelassen. Vom
Bahnhof Villepinte mussten wir
noch eine ¾ Std. zu unserer Kompa-
nie herauslatschen[5]. Wir konnten es
schon von weitem sehen. Mitten aus
dem Kartoffelacker ragt ein Hochhaus
empor. 7 Stockwerke hoch. Das reinste
Glashaus. Aber wir blieben nur eine

Seite 3
Nacht dort, dann zogen wir in ein
benachbartes Schloß!, wo der Teil des
Regiments liegt, der seinen Lehrgang
beendet hat und auf Abkomman-
dierung wartet. Dort erfuhren wir zu
unserem Schrecken dass unser Lehr-
gang erst in ungefähr 4 Wochen be-
ginnt. So mussten wir schon 2 Tage
lang – Holzhacken. Meine Hände
sind voller Schwielen[6]. Der Lehrgang hier
ist überhaupt ein Unikum. Wir sind
Infanterie und Marine gemischt. Die
Ausbilder sind Obergefreite. Da wir im
Dienstrang über ihnen stehen, haben wir
sie natürlich zuerst herablassend behan-
delt bis man uns klarzumachen versuchte,
das wir uns zu fügen hätten. Wir
sind die einzigen Kadetten hier, und
unser Dienstrang ist hier kaum
bekannt. So haben wir viele Vorrechte

Seite 4
und werden im Allgemeinen als
Unteroffiziere behandelt. Es ist über-
haupt ein ganz ülkiges[7] Verhält-
nis. Während die Kompanie heraus-
trat blieben wir einfach auf den
Kajen[8] liegen und stellten uns schla-
fend bis endlich ein Unteroffizier
kam und uns ans Herz legte, doch
herauszukommen. Beim Mittag-
essen werden uns sogar Backschaf-
ter (Burschen) gestellt, die uns das
Essen servieren. Unser ganzes Bestre-
ben geht nun dahin, dass wir Ur-
laub bekommen, und wir hoffen
stark, dass wir das durchdrücken
Nun, liebste kleine Edith
muss ich schliessen, es ist schon
sehr spät. Einen schönen Gute-Nacht
Kuss und herzliche Grüsse Dir und
Deiner lieben Mutsch
Dein Arthur.

Absender
Kadett. M.N. Arthur Gast
Feldpost Nr. 11614a [9]

Anschrift
Fräulein
Edith Zarse
Luftgau Kommando XI
Hamburg Blankenese
Baracke 6. Zimmer 14.

Feldpostvermerk
Feldpost

[1] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Villecresnes.
[2] Die Marine-Nachrichtenschulen (MNS) waren Militärschulen der Reichsmarine und der Kriegsmarine, die Gasten im Fernmeldewesen (Funk) und Ortung ausbildeten. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Marinenachrichtenschule.
[3] Ast = Rücken
[4] [abgelegene] kleine, langweilige Ortschaft, Kleinstadt.
[5] Herauslatschen = herausgehen
[6] Schwiele = durch Druck verdickte und verhärtete Stelle in der Haut
[7] spaßig, komisch, lustig
[8] Kaje = Anlegestelle. “Kajüte” wäre hier logischer.
[9] Siehe https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Feldpostnummern/10000/11000/1161-R.htm
 
iholymoses Am: 03.10.2025 12:22:08 Gelesen: 8220# 397 @  
@ evwezel [#396]

Hallo Emiel,

zu Punkt 2 - vielleicht ist das dieses Krankenhaus gewesen?

[1]

Und zur Fussnote [8] - könnte das nicht auch "Koje" sein? Das würde m.E. mehr Sinn machen.

[1]https://www.ebay.fr/itm/235665225645

Einen schönen Feiertag wünscht
Reinhard
 
volkimal Am: 03.10.2025 12:46:27 Gelesen: 8217# 398 @  
@ evwezel [#396]

Hallo Emiel,

vielleicht war es das Chateau rouge, später ein Sanatorium [1].

Viele Grüße
Volkmar

[1] https://www.tourisme93.com/document.php?pagendx=618&engine_zoom=PCUIDFC930001330
 
volkimal Am: 03.10.2025 13:02:23 Gelesen: 8210# 399 @  
@ iholymoses [#397]

Hallo Reinhard,

Das dürfte richtig sein. Zu diesem Krankenhaus habe ich gefunden (übersetzer):

Das interkommunale Krankenhaus von Aulnay-sous-Bois, Sevran, Villepinte und Tremblay-lès-Gonesse wurde von 1934 bis 1939 auf freiem Feld auf einem von der Familie Dauvergne gestifteten Grundstück errichtet. Es wurde jedoch von den deutschen Besatzungstruppen in eine Kaserne umgewandelt und von 1944 bis 1946 von amerikanischen Truppen als solche genutzt.

Viele Grüße
Volkmar

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/Villepinte_(Seine-Saint-Denis)
 
evwezel Am: 03.10.2025 13:40:25 Gelesen: 8203# 400 @  
@ iholymoses [#397]
@ volkimal [#398]
@ volkimal [#399]

Hallo Reinhard und Volkmar,

vielen lieben Dank für Eure Hilfe! Reinhard, Du hast völlig recht. Es muss "Koje" statt "Kaje" sein. Das hätte ich wissen können, weil das niederländische Wort dafür ("kooi") sehr ähnlich ist.

Es ist sehr gut möglich, dass die Nachrichtendienst-Schule im alten Krankenhaus untergebracht war. Ich werde mal beim Stadtarchiv in Villepinte nachfragen.

Viele Grüße

Emiel
 
evwezel Am: 03.10.2025 16:36:19 Gelesen: 8182# 401 @  
Liebe Sammlerfreunde,

heute geht es weiter mit einem Feldpostbrief von Hans Thämer an seine Nichte Edith Zarse in Blankenese.

Viele Grüße

Emiel







---
Seite 1

O.U. 26/9. 43

Liebe Edith!

Da ich Deine Privatadresse
nicht weiß, schicke ich diesen Brief an
Deine Dienststelle.
Deinen Brief an Tante Liesel
habe ich gelesen, fein, daß Du es dort in
Blankenese so gut getroffen hast, oder
bist Du vielleicht schon garnicht mehr
dort & wohnst mit Deinem Vater zu-
sammen?
Hast Du mal etwas vom
Fliegerhorst Uetersen [1] gehört? Sind die
Flüchtlinge noch dort, oder sind sie
Alle weitertransportiert worden?
Das Schicksal der Einwohner
in Haus Goethestr. 22 ist ja erschütternd.
Wenn man daran denkt, wie leicht
wir dasselbe hätte erleben können,
ist man dankbar, wenigstens das
Leben und die gesunden Glieder
gerettet zu haben.
Unsere Goethestraße liegt
wohl noch ebenso da, wie wir sie

Seite 2

verlassen haben, an Aufräumen ist
wohl vorläufig garnicht zu denken.
Was wohl Herr Rohde & Frau machen, die
z. Zt. der Katastrophe garnicht in Altona
waren? [2]
Lene & Heini aus der Museumstraße
sind ja wieder nach Altona – Othmarschen [3]
gezogen und ich nehme an, daß auch
mein Bruder Otto [4] wieder in Hamburg
ist da sein Atelier & seine Wohnung
noch heil geblieben sind.
Ist Eure Dienststelle überhaupt noch
in H. [6] oder seid ihr schon umgezogen?
Aus Deiner Reise zum Brenner(?)
ist nach dem schändlichen Verhalten
unserer „Bundesgenossen“ auch wohl
nichts geworden oder doch noch?
Hier ist vorläufig auch alles ziem-
lich friedlich, wenn aber die Anglo-
amerikaner uns immer näherrücken
sollten über Sardinien & Korsika, wird
es hier wohl auch bald ungemütlich
werden. (…) gut, daß die Zukunft
im Dunkeln liegt.
Laß mal von Dir hören & sei herz-
lichst gegrüßt von Deinem
Onkel Hans

Absender
Hans Thämer
Feldp. N. 15177/D

Anschrift
Fräulein
Edith Zarse
Hamburg Blankenese
Luftgaukommando XI
Bar(acke 6). / Zi(mmer). 14

Feldpoststempel
FELDPOST
d
---27.9.43

Feldpostvermerk
Feldpost

[1] Fliegerhorst ist die Bezeichnung für einen Militärflugplatz der Luftstreitkräfte von Wehrmacht, Bundeswehr und Deutscher Marine. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Fliegerhorste_in_Deutschland. Der Fliegerhorst Uetersen (bei Hamburg) entstand in den 30er Jahren, befördert durch den militärischen Aufbau des NS-Regimes, aus dem Segelflugplatz auf der Franzosenkoppel (siehe http://www.fliegerhorst-uetersen.de/). Am 09. April 1940 begann mit der Operation Weserübung, die Besetzung von Dänemark und Norwegen durch die Wehrmacht. Uetersen diente während der Operation als Ausgangpunkt für die luftgestützte Verbringung von Truppen nach Skandinavien. Die Kampfgruppe z.b.V. 106 und das Kampfgeschwader z.b.V. 1 sorgten mit ihren Ju 52 für die nötige Transportkapazität. Zusätzlich lagen die Aufklärungsgruppe 122 und die Küstenfliegergruppe 806 kurzzeitig in Uetersen und führten im Schwerpunkt Aufklärungsflüge über der Nordsee und der westlichen Ostsee durch. Nach dem Abschluss der Operation kehrte erneut Ruhe in den Flugbetrieb ein. Vereinzelt wurde der Platz von kleinen fliegenden Einheiten z.B. für Umschulungen oder Auffrischungen genutzt. Das Augenmerk lag hingegen auf der bodengebundenen Ausbildung, von denen diverse in Uetersen durchgeführt wurden. Von größerem Umfang war die Grundausbildung von Rekruten durch die Ausbildungsabteilung Luftgaukommando XI, aber z.B. wurden auch Unteroffizierlehrgänge oder Zahlmeisterlehrgänge durchgeführt (siehe http://www.fliegerhorst-uetersen.de/fliegerhorst-uetersen-entstehung-bis-1945/).

[2] Im Juli 1943 starten die Alliierten massive Luftangriffe auf Hamburg. Sie beginnen in der Nacht zum 25. Juli. Ihren Höhepunkt erreichen sie in der Nacht zum 28. Juli, in der 30.000 Menschen sterben. Ganze Stadtteile werden zerstört. Siehe https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/operation-gomorrha-feuersturm-verwuestet-hamburg-im-juli-1943,feuersturm100.html

[3] Siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Othmarschen
[4] Otto Thämer (Altona 1894 - Hamburg 1960). Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Th%C3%A4mer.
[5] Das Atelier von Otto befand sich in der "Schöne Aussicht 28" (Addressbuch Hamburg 1943)
[6] Hamburg
 
volkimal Am: 03.10.2025 17:02:44 Gelesen: 8167# 402 @  
@ evwezel [#401]

Hallo Emiel,

Das fehlende Wort ist "Man gut, daß die Zukunft..."

Es ist dasselbe wie "Es ist gut, dass die Zukunft..."

Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 03.10.2025 17:09:19 Gelesen: 8163# 403 @  
@ volkimal [#402]

Hallo Volkmar,

vielen Dank, darauf wäre ich nie gekommen!

Viele Grüße

Emiel
 
evwezel Am: 04.10.2025 16:04:34 Gelesen: 8022# 404 @  
Liebe Sammlerfreunde,

Kadett Arthur Gast („Bauki“) machte 1943 einen Lehrgang an der Marine-Nachrichtenschule in Villepinte (bei Paris). Er schrieb am 9. Oktober 1943 einen bewegenden Brief an seiner geliebten Edith, den ich hier gerne zeigen möchte.

Ich habe noch einige Fragen:

1. Welchen Film hat Arthur damals im Kino gesehen?
2. Was bedeutet das „E“ im Feldpoststempel?
3. Was bedeutet die Abkürzung "Verw." in Abt(eilung). Verw. A 11a?

Viele Grüße

Emiel




---
Seite 1

O.U. den 9.10.43

Mein liebes kleines Häschen.

Heute ist nun schon der 4. Tage vergangen ohne
dass ich etwas von Dir hörte! Ich mache mir immer
mehr Sorge, dass Du Dich erkältest hast. Es wäre doch zu
gemein! Gerade jetzt im Urlaub. Bitte beruhige mich
bald. – Gestern abend waren wir hier in Villepinte
mit der Kompanie im Kino. „?osea(?)“. Leider im italieni-
scher Sprache. Ich kannte ihn glücklicherweise schon. Als
wir dann im Dunkeln zurückmarschierten überkam mich
schlagartig ein wildes Heimweh. Ich musste so sehr an
die schönen Abende denken, die wir zusammen verbracht
haben. Wie glücklich wäre ich jetzt wenn Du jetzt auf ein
Stündchen hier ganz still neben mir sitzen könntest. Ich
würde Dir so gerne einmal über Dein Haar streichen – ach
wäre das schön. – Als wir dann hier im Schloss gestern
abend wieder ankamen, konnte ich einfach nicht schlafen.
Ich stand wieder auf und ging noch eine halbe Stun-
de auf den dunkeln Wegen im Schlosspark spazieren.
Im Pyjama. Aber es half nicht. Ich habe die ganze nacht
kein Auge zugemacht. Um 5h bin ich dann aufgestan-
den und habe einen Lauf querfeldein [1] gemacht. Einige
Franzosen, die schon so früh unterwegs waren, starrten
mich wie das 10te Weltwunder an, als ich mir mit
Turnhose, Koppel und Pistole (ohnedem kommt man
nicht aus der Kaserne heraus) an ihnen vorbeisprinterte.
So war ich wenigstens wieder frisch. Aber Du brauchst
Dir keine Gedanken zu machen, heute bin ich wieder
ganz normal. – Als wir heute mittag zum Basteln
zur Abteilung herübergingen fand ich am Strassenrand
ein kleines graues Kätzchen. Es war von einem Auto
überfahren worden und das Gedärm hing ihm zum
Bauche heraus. Es miaute so kläglich und war so kläg-
lich anzusehen, dass ich es nicht übers Herz brachte, es
da so hilflos liegen zu lassen. Ich habe es mit einem
Schuss erlöst. Anschliessend haben wir es begraben. Nur

Seite 2
schmeckte heute den ganzen Tag kein Essen. Das kläg-
lich Miauen lag mir immer im Ohr. Es hätte doch
genau so gut ein kleines Kind sein können. Nun
hat es doch wenigstens kein Schmerzen mehr.

Unsere Radiobastelei geht langsam aber
sicher zu Ende. Es lassen sich beim besten Willen
keine Objekte mehr finden. Und die alten müss-
ten schliesslich auch einmal fertig werden. Nun ist
es mit unserem schönen Vierjahresplan auch vorbei.
Aber wir haben wenigstens eine ruhige Woche gehabt.
Am Montag in einer Woche geht nun endlich unser
Lehrgang los. Dann, 3 Monate später, geht es hoffent-
lich wieder nach Deutschland. Mein Rückweg wird
dann über Hamburg gehen, und wenn ich auch 3
Tage eingesperrt werde. Das wäre mir unser Wieder-
sehen schon wert. Und wenn es auch nur am Bahnhof
auf der Durchfahrt wäre. Frankreich ist ja im Frieden
vielleicht ganz schön, aber im Krieg und dann noch auf
längere Dauer ist mir Deutschland doch lieber. Vor allem
ist es nicht so weit. Man kann immer mal eher
nach Hause fahren. Früher wäre es mir ja nicht sooo
wichtig gewesen, aber jetzt ist es etwas anderes. Die
Gewissheit, dass jemand auf mich wartet hat mich
doch recht verändert. – Heute sind wir mit 3 Mann
alleine auf der Stube. Die anderen sind nach Paris ge-
fahren. Das Schöne ist, dass meine beiden Freunde, Jo-
chen und Werner hier sind. Es ist wirklich das erste
Mal dass ich beim Kommis wirkliche Kameradschaft
finde und erlebe! Das hält uns hier hoch.

Nun liebes kleines Mäuschen, lasse bitte
bald und oft von Dir hören. Ich warte auf jede
Zeile von Deiner Hand. Eine recht gute Nacht und
tausend liebe Küsse sendet Dir Dein Bauki!

Text an der linken Seite
P.S. Hast Du schon an Mutsch geschrieben!? Sie schrieb mir heute, dass
Sie aufrichtig auf Dich wartet und traurig wäre, wenn Du nicht
wenigstens noch auf ein paar Tage zu ihr kämest. Sie hat doch noch
soviel an Dir gutzumachen. Dein Bauki.

Absender
Kadett. M.N.[2] der Res(erve). Arthur Gast
Feldpost Nr. 11614

Anschrift
Fräulein
Edith Zarse
Matrei / Brenner
Luftwaffe (nicht lesbar) Kraft

Mit Rotstift überschrieben:
Luftgaukommando XI
Abt(eilung). Verw. A 11a

Tagesstempel
MATREI (BRENNER) [3]
14.10.43. --0

Briefstempel
Einheit ??? 11614
Briefstempel

Feldpoststempel
FELDPOST
d
E-10.10.43

Feldpostvermerk
Feldpost

[1] Querfeldein= quer durch das Gelände. Es ist doch großartig, wieviel man von diesen Briefen lernen kann! Ich hätte noch nie von diesem Wort gehört.
[2] M.N. = Marine-Nachrichten
[3] Matrei am Brenner. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Matrei_am_Brenner.
 
volkimal Am: 04.10.2025 18:07:59 Gelesen: 7986# 405 @  
@ evwezel [#404]

Hallo Emiel,

zur zweiten Frage. Es ist meines Erachtens kein "E" sondern ein nicht vollständig geschwärzt Block. An der Stelle konnte eine Feldpostnummer eingestellt werden. Bei normaler Feldpost hat man diese aber nicht eingestellt sondern Striche oder einen Block genommen. Siehe z.B. [1].

Viele Grüße
Volkmar

[1] https://www.philaseiten.de/cgi-bin/index.pl?PR=173990
 
evwezel Am: 04.10.2025 19:15:08 Gelesen: 7974# 406 @  
@ volkimal [#405]

Hallo Volkmar,

vielen Dank für Deine Erklärung! Das macht absolut Sinn.

Und ich sehe plötzlich auch, dass der Film “Tosca” ist. Siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Tosca_(1941_film). Unglaublich, dass ich das nicht sofort erkannt habe.

Viele Grüße

Emiel
 
evwezel Am: 05.10.2025 14:48:14 Gelesen: 7900# 407 @  
Liebe Sammlerfreunde,

Kadett Arthur Gast schrieb am 23. Oktober 1943 wieder einen Brief an sein „liebes kleines Häschen“ in Blankenese. Er war offensichtlich ein sehr guter Briefschreiber.

Viel Spaß beim Lesen!

Emiel







---

Seite 1
O.U. d. 23.10.

Mein liebes kleines Häschen,

Nun sind schon 3 Tage vergangen ohne
dass ich zum Schreiben kam, aber heute
will ich es wieder gut machen. Nun
ist wieder Sonnabend. Morgen haben
wir wieder Paris-Urlaub. Allerdings
haben zwei von uns keinen Urlaub, da
sie schon zum Rapport standen. Der eine
war unberechtigt im Fahrstuhl gefahren,
und der andere, mein Freund Werner
hatte vergessen sich beim Hauptfeld-
webel zu melden, weil sein Kochge-
schirr nicht ganz keimfrei[1] war. Ja, pech!
Am Montag geht nun endlich unser
Lehrgang los. Wie lange er nun wirk-
lich dauert steht immer noch nicht
fest. Aber mein Gruppenführer ist ein

Seite 2

Unikum. Ein Unteroffizier vom Heer.
Im Zivilberuf – Theologe! Ein Pedant
erster Ordnung. Aber er setzt sich
für uns ein. Das erste was er mich
fragte war: wann lebte Kopernikus und
was lehrte er! Ja, wir werden dieses
Kaff hier als Bildungsbestien(?) verlassen.
Augenblicklich schmeckt mir alles
nach Zelluloid! Ich habe heute Nach-
mittag geschlafen und liess meine
Zigaretten leichtsinnigerweise neben mir
liegen. Da haben mir meine Kumpel
feingeschnittene Zelluloidstückchen in
die Zig(aretten) gesteckt. Es zischte und puffte
als ich mir die erste ansteckte. Na ja,
Rache ist süss. Ich habe jetzt sämt-
liche Kochgeschirre und Bratpfannen in
den Spinden festgebunden. Ausserdem
haben die beiden Haubtübeltäter nasse
Feudel[2] in den Kojen!

Seite 3

O.U. d. 25.10.43.

Ich musste leider abbrechen, weil die Abend-
ronde[3] dazwischen kam, und am Sonntag
sind wir schon um 7h früh nach Paris
gezottelt[4]. Nun will ich aber das Versäum-
te nachholen. Ich habe gestern den schönsten
Tag meiner ganzen Pariser Zeit verlebt. Wir
tobten morgens um 630 über die noch nassen
Äcker zum Bahnhof weil die Zeit schon zu
knapp war. Als wir dort ankamen, fuhr
der Zug gerade los. Wir nicht faul durch
den Garten des Bahnhofsvorstehers gewelzt(?),
im eleganten Schwung über den Zaun gewetzt[5]
und dann hinter den Zug her. Ich erwischte
gerade noch das Trittbrett des letzten Wagens.
Da aber die Türen automatisch schliessen,
mussten wir eine ¾ Stunde auf dem Tritt-
brett[6] mitpendeln und liefen dann als
Schwarzfahrer auf dem Gare du Nord ein.
Du glaubst ja gar nicht wie wir aussahen.
Dicke Lehmklumpen von dem Stoppeläckern[7]

Seite 4

an den Stiefeln und vom Fahrtwind zer-
zaust[8] und restlos durchgefroren da es so früh
morgens noch lausig kühl ist. Am meisten
ärgerte mich ein Judenbengel von ca. 20 Jahren
mit einer enormen Hakennase. Die Brüder
müssen hier auch den Judenstern tragen. Na,
jedenfalls grinste er uns die ganze Fahrt
über so unverschämt an, dass ich ihm auf
dem Gare du Nord erst einmal eine saftige
Maulschelle verpasst habe. Da ich in der
Eile morgens noch nicht gefrühstückt hatte
war das ein gefundenes Fressen[9] für mich.
Dann haben wir erst einmal einen
Freund von mir im Lazarett besucht und
dann ging ich mit Wilhelm Eckel, dem lan-
gen krausköpfigen[10] Westfalen zum katho-
lischen Wehrmachtsgottesdienst in der „Made-
leine“[11]. Diese wunderschöne Kirche ist ganz
im Stil eines griechischen Tempels gebaut.
Einfach herrlich. Dann machten wir einen

Seite 5

Morgenspaziergang am Seineufer zum Dom
des Invalides. Als wir am Grab Napoleons
standen bekam ich doch eine leichte Gänse-
haut. Dann zogen wir weiter zum Eiffel-
turm der mit seiner enormen Höhe alles
überrägt. Dan verdrückten[12] wir anschliessend
15 Stücke Kuchen in einem Soldatenkaffée
(jeder!) und das war noch Kuchen. So etwas
kann man zu Hause nicht mehr backen.
Vom vielen Essen hatten wir Hunger be-
kommen und fuhren nach Marboef[13] wo wir
ein herrliches Champignongericht vertilgten
mit einer halben Flasche Sekt und 4 Ber-
liner Pfannkuchen die nur so in Fett schwam-
men (Preis zusammen 2.50 RM). Dann auf
ins Soldatenkino: Oh, diese Männer! Ich
habe Tränen gelacht. Da wir nun so
in Stimmung waren, fuhren wir in den
Lunapark[14]. Das ist so ein kleiner „Ham-
burger Dom“! Kennst Du den Hammer? Auf

Seite 6

dem Dom waren sie früher. Man wird da
ganz gewaltig herumgeschleudert und steht
einige Sekunden auf dem Kopfe! Ich habe
3 Fahrten gemacht. dann war ich den schönen
Kuchen weder restlos losgeworden. Nur ekel-
haft ist das Anhauen[15] der Franzosen um
Trinkgeld. Der Knacker, der mich im Ham-
mer festschnallte wollte Trinkgeld haben.
Als ich ablehnte weil es verboten ist, Trink-
geld zu geben, fing er an zu pöbeln[16] ob
ich ihn, seine Frau und seine unmun-
digen Kinder verhungern lassen wollte!
Dabei war er gut seine 70 Jahre alt. Ich
entgegnete nur ganz kuhl das meine
Frau und meine Kinder auf[17] gerade
an verhungern sein. Das dumme Gesicht
hättest Du sehen müssen. Sei bitte nicht
böse dass ich so gekahlt(?) habe, aber es ist
der einzige Weg mit den Franzosen klarzu-
kommen. Anschliessend ging es in die
Achterbahn[18] und in den Scooter. Das kennst

Seite 7

Du doch auch bestimmt. Für den Abend hatten
wir Karten für die „Opéra comique“ bekommen.
„La Traviata“. Kennst Du die Oper?! Die Ju-
liette[19] war so herrlich, dass ich geheult habe
ohne es zu merken. Den französischen Text habe
ich recht gut verstanden. Noch nie habe ich ei-
ne so herrliche Stimme gehört wie hier die Ju-
liette. Nun habe ich eine ganz grosse Bitte
an Dich! Könntest Du versuchen ob Du das
Textbuch von La Traviata erhältst. Von Reden
gibt es das bestimmt. Ich würde mich sehr
freuen, wenn ich es bekäme.
Heute fing nun unser Lehrgang
an. Es ging mit einer allgemeinen Prü-
fung (Geschichte, Erdkunde, Politik, Litera-
tur und Kunstgeschichte) los und dann
wurde(n) wir „bestrahlt“. Wie gesagt, mein
Gruppenführer ist Pastor, mein Zugführer
Bürgermeister in Zivil. Es herrscht ein
streng „humanistischer Ton“. Leider, leider

Seite 8

scheint sich meine Hoffnung, dass der Lehr-
gang nur 8 Wochen dauert, nicht zu bewahr-
heiten. Jedenfalls bleiben wir mit 99%
Wahrscheinlichkeit bis Anfang Januar hier.
Aber so ganz gebe ich die Hoffnung noch nicht
auf. Ich kann nicht glauben, dass sie für
uns sieben Mann 4 Ausbilder nicht auf
Weihnachtsurlaub gehen lassen, denn die
Mannschaftslehrgänge sind am 12 Dez.
fertig und dann sind wir die Einzigsten
in der ganzen Abteilung. Jedenfalls werden
wir schneidige[20] Soldaten! 2 ½ Stunden am
Tage strammstes Exerzieren. Davon eine
viertel Stunde Arm beugen und strecken mit
Gewehr in Vorhalte. „Gewehrübungen“ schimpft
sich das. Jedenfalls sind wir hinterher rest-
los groggy!
Nun, mein liebes kleines Häschen
muss ich schliessen es ist schon wieder spät.
1000 liebe Grüsse und ein gute Nacht Küsschen
sendet Dir Dein Bauki.

Absender
Kadett M.N.[21] d(er). Res(erve). Arthur Gast
Feldpost Nummer 11614 [22]

Anschrift
Fräulein
Edith Zarse
Luftgaukommando XI
Hamburg - Blankenese [23]
Baracke 6. Zimmer 14.

Feldpoststempel
FELDPOST
d
26.10.43

Feldpostvermerk
Feldpost

Briefstempel
Feldpostnummer 16022(?)
Briefstempel

[1] steril
[2] Tuch zum Aufwischen
[3] Abendrunde (milit.)
[4] zotteln = langsam, nachlässig, mit schlenkernden Bewegungen gehen
[5] wetzen = (hier) rennen
[6] vor der Tür eines Fahrzeugs angebrachte Stufe, Fläche, die das Ein- und Aussteigen erleichtert (niederländisch: treeplank).
[7] Stoppelacker = abgemähtes [Getreide]feld mit stehen gebliebenen Stoppeln
[8] zerzausen = in Unordnung bringen
[9] ein gefundenes Fressen = eine willkommene Gelegenheit
[10] kraushaarig
[11] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/La_Madeleine_(Paris)
[12] verdrücken = eine große Menge von etwas essen
[13] Vermutlich “Le Bistro Marbeuf“, ein schönes französisches Restaurant in einer Seitenstraße der Champs Élysée (existiert noch immer).
[14] Hier bin ich mir nicht sicher, um welchen Lunapark es sich handelt. Das Lunaprk in der Nähe von Porte Maillot in Paris wurde schon 1931 geschloseen.
[15] anhauen = (hier) jemanden plump-vertraulich ansprechen, um von ihm etwas zu erbitten oder zu erreichen
[16] jemanden in der Öffentlichkeit durch freche, beleidigende Äußerungen provozieren.
[17] Wäre “auch” hier nicht logischer?
[18] Merkwürdig, dass es auf Deutsch nicht einfach „Achtbahn“ heißt...
[19] Hier bin ich ein bisschen verwirrt. Es gibt nämlich keine „Juliette“ in der Oper „La Traviata“ von Verdi. Eine andere Möglichkeit ist natürlich, dass die Opernsängerin den Nachnamen „Juliette“ hatte.
[20] schneidig = forsch und selbstbewusst
[21] Marine-Nachrichten
[22] Siehe https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Feldpostnummern/10000/11000/1161-R.htm. Hier wird übrigens erwähnt, dass der Feldpostnummer 11614 vom 15. September 1940 - 31. Januar 1941 (Zeitraum 3) durch die Marine-Nachrichten-Schule Villepinte bei Paris benutzt wurde. Dieser Brief ist vom 1. September 1943. Das stimmt doch nicht???
[23] Das Luftgaukommando war im Zweiten Weltkrieg im Landhaus Katharinenhof in Blankenese untergebracht. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Landhaus_Katharinenhof.
 
volkimal Am: 05.10.2025 17:35:28 Gelesen: 7847# 408 @  
@ evwezel [#407]

Hallo Emiel,

Das "gewelzt" dürfte ein schlecht geschriebenes "gewetzt" sein - es fehlt nur der t-Strich.

Anstelle von "gekahlt" muss es "gekohlt" heißen. Es gibt die Redewendung "jemanden verkohlen" = "jemanden veräppeln" = "jemanden reinlegen".

Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 05.10.2025 17:56:21 Gelesen: 7839# 409 @  
@ volkimal [#408]

Hallo Volkmar,

für mich klingt das eigentlich ganz gemütlich, “jemanden veräppeln”…😄

Hier bin ich natürlich als nicht-Deutscher im Nachteil. Deswegen bin ich immer sehr dankbar für Deinen wertvollen Kommentar!

Viele Grüße

Emiel
 
evwezel Am: 10.10.2025 10:37:11 Gelesen: 7278# 410 @  
Liebe Sammlerfreunde,

ich habe gerade herausgefunden, dass der Nachname meines Feldpostschreibers „Goost“ ist statt „Gast“.

Siehe https://www.philaseiten.de/cgi-bin/index.pl?PR=375483 und https://www.philaseiten.de/cgi-bin/index.pl?PR=375650 .

Im Hamburger Fremdenblatt vom 28. Dezember 1943 erschien nämlich die folgende Familienanzeige:



Heute geht’s weiter.

Viel Spaß beim Lesen!

Emiel







Seite 1
O.U. den 2.11.43.

Nun habe ich 3 Tage nichts von mir
hören lassen, aber die Zeit war auch zu
knapp. Wir haben zwar um 6 Uhr Dienst-
schluss aber dann müssen wir die Geräte
wieder instandsetzen und das dauert zu-
meist den ganzen Abend. So komme ich
einfach nicht zum Schreiben, denn abends
müssen wir auch noch schriftliche Aus-
arbeitungen machen. Nun muss Dir
einmal ausführlich erzählen wie ich am
Sonnabend mit Crasemann und Krüger
so eben und eben an 3 Tagen treu vor-
beigerutscht bin. Wir hatten Erlaub-
nis bekommen abends nach Le Bourget
ins Fliegerheim zu fahren. Dort haben
wir dann gut gegessen und anschliessend
Tischtennis gespielt. Nun mussten wir
den Zug um 2121 benutzen. Als wir kurz

Seite 2
vom Bahnhof waren kamen uns schon so
verdächtig viel Leute entgegen. Sicherheits-
halber setzten wir uns in Trab. Erfolg:
wir bekamen immerhin noch Schlusslich-
ter unseres Zuges. Uns wurden die Knie
weich. Wir waren 40 km von der Kaserne
entfernt und der nächste Zug fuhr erst in
einer Stunde. Na, wir zogen die Pistolen
und hielten den nächsten Wagen an. Zu
allem Pech war es ein französisches Po-
lizeiauto, sodass wir die Pistolen heim-
lich still und leise wieder verschwinden
liessen. Ich bat dem Mann 300 franks
(13,-) falls er uns fahren würde. Aber
es war nichts zu machen. So gingen wir
denn zum Fliegerheim zurück, die beiden
anderen blieben draussen um evtl. einen
Wehrmachtswagen anzuhalten und ich ging
zur Heimleiterin, einer schon älteren Rote-
Kreuz Schwester und klagte ihr unser Leid.

Seite 3
Sie sagte kein Wort, ging ans Telefon und
liess sich mit unserem Spiess verbinden. Die
dann folgende Unterhaltung hätte auf ei-
ne Platte aufgenommen werden müssen.
Sie erzählte dem Spiess folgende Geschichte.
„Also Herr Hauptfeldw(ebel). ich hatte da 3 von ihren
Leuten gebeten mir 10 Weckgläser zum Bahn-
hof zu tragen. Da kommt da doch plötzlich
ein Radfahrer ohne Licht, und wie ich zur Sei-
te springe fallen die Gläser hin weil die Kor-
del[1] vom Paket riss und 4 Gläser sind ka-
putt. Und da waren die 3 Jungen so lieb
mir zu helfen und haben dabei ihren Zug
versäumt. Und ganz allein durch meine
Schuld. Sind Sie mir nun sehr bös? Ich
back(e) Ihnen auch mal wieder einen schönen
Pflaumenkuchen!“. Na, der Spiess war so
weich geworden dass er sagte das macht
überhaupt nichts und wir sollte(n) nur
ruhig mit dem letzten Zug kommen.


Seite 4
Uns kollerte[2] vielleicht ein Steinchen vom
Herzen. Als wir dann spät nach Hause
kamen haben wir den andern nicht er-
zählt sondern nur ganz geheimnisvoll
„Weckglas“ gesagt. Ja, vor der Schwester
habe ich geradezu Hochachtung bekommen.
So wie sie die ganze Sache aus dem Stegreif[3]
zusammengeschwindelt hat, das soll erst ein-
mal jemand nachmachen.
Mit unserem Lehrgang haut[4] es
restlos hin. Wir 7. Bilden einen Lehrgang
für uns, der offiziell als „Kadettenlehrg(ang).“
bezeichnet wird. Es heisst auch nicht: Kadett
Goost zum U.v.D.[5], sondern Herr Kadett usw.
Heute habe ich einem Maaten der hier auch
an einem Lehrgang teilnimmt eine Ant-
wort gegeben, die diesem das Blut ins Ge-
sicht trieb. Ich stand mit noch 2 Kamera-
den vor dem Aufgang zur Kaserne, da kam
dieser Maat, ein ganz unverschämter einge-

Seite 5
bildeter Pinsel[6] und sagte: ein Mann frei-
willig, der mir Kaffee holt. Wir waren zu-
erst platt[7] aber dann sagte ich ganz ruhig
„Stellen Sie die Kanne nur ruhig her, ich wer-
de meinen Backschafter[8] schicken!“. Da verzog
er sich.
Am Sonntag waren wir in Fontaine-
bleau. Dort haben wir das ganz herrliche
Schloss besichtigt, das Napoleon lange Zeit
als Residenz gedient hat und das von Franz
dem I im 15 Jahrhundert erbaut wurde.
Du kannst Dir diese Verschwendung an Ver-
goldungen und kostbaren Holzarbeiten gar-
nicht vorstellen. Wir nutzen jetzt jeden Sonn-
tag um solche Fahrten in die nähere Um-
gebung von Paris zu unternehmen. Am
kommenden Sonntag ist die berühmte Kathe-
drale von Chartres an der Reihe. Als wir
das Schloss besichtigt hatten haben wir noch
eine tadellose Wanderung in den berühmten


Seite 6
Wald von Fontainebleau gemacht. Da gibt
es ein Gelände wo so einige Zwergfelsen
zu Tage treten. Ich musste herzhaft la-
chen, als uns mitten in der Heide
7. „Pariser Alpinisten“, Männlein und
Weiblein in kurzen Hosen, begegneten, die
sich völlig grundlos angeseilt hatten u. mit
schwer genagelten Bergstiefeln[9] durch die
Heide stiefelten. Es war ein zu lächerli-
ches Bild.
Gestern Abend kam ein Leipziger
freudestrahlend auf unsere Stube, mit dem
ich mich ganz nett angefreundet habe,
und teilte mir mit, dass er heute auf
Urlaub führe. Er kam nur wie gerufen,
denn so kannte ich ihm ein kleines
Päckchen mitgeben das ein kleines Ge-
burtstagsgeschenk für Dich enthält.
So habe ich wenigstens die Hoffnung, dass
es rechtzeitig ankommt. Aber bitte ma(che)

Seite 7
es nicht vor dem 16. auf. Ich habe Glück
gehabt und durch die Rote-Kreuz-Schwester
die uns so lieb herausgelogen hat, ein
kleines Überraschungsgeschenk bekommen,
das hier in Frankreich fast noch knapper
ist als in Deutschland. Hoffentlich macht
es Dir ein wenig Freude.
Meine Ansichten über die Fernspreche-
rei hat sich auch geändert. Es ist nicht so
trocken wie ich es gefürchtet hatte. Ja, es
macht mir sogar schon etwas Spass. Ich
bin schon garnicht mehr so geknickt, zu die-
sem Verein gekommen zu sein. Auch ist
der Lehrgang verhältnissmässig kurz.
Wir haben ja fast nur noch 6 Wochen vor
uns, dann haben wir es geschafft. Und den
nächsten Kursus hoffe ich als Fähnrich ma-
chen zu können.-
Du batest mich im letzten Brief um
Zulassungsmarken[10]. Ich lege Dir 2 bei, hoffe 

Seite 8
aber nicht, dass Du Dir grosse Ausgaben
machst. Am meisten würde ich mich
über ein liebes Bild von Dir freuen!!!
Wie hat nun Deine oder besser unsere
Mutsch sich in der neuen Wohnung einge-
lebt? Ich glaube, wenn Ihr es Euch erst ein-
mal gemütlich gemacht habt und auch
unser Sorgenkind, dass so arg schreib-
faule(?) Baby, wieder zu Hause ist, wer-
det Ihr Euch auch im neuen Heim wohl füh-
len. Schreib doch bitte mal wie es mit Möbeln
und sonstigem klappt. Ich hoffe ja im ab-
sehbarer Zeit kommen zu können und dann
werde ich auch Deine liebe Mutsch endlich
kennenlernen.
Bas dahin Grüsse und pussel ich
Dich recht herzllich.
Dein Bauki.

Sei bitte nicht böse, wenn ich nicht mehr so oft
schreiben kann wie ich möchte, aber die Freizeit ist
so arg beschnitten. Und klopfe Baby mal auf die
Finger, ich weiss gar nicht ob sie noch lebt.

Absender
Kadett M.N. der Reserve Goost
Feldpost Nr. 11614

Anschrift
Fräulein
Edith Zarse
Luftgaukommando XI
Hamburg Blankenese
Baracke 6. Zimmer 14

Feldpoststempel
FELDPOST
d
---03.11.43

Feldpostvermerk
Feldpost


[1] Kordel = Schnur
[2] kollern = rollen
[3] aus dem Stegreif = improvisiert
[4] hinhauen = gut gehen
[5] Was bedeutet diese Abkürzung????
[6] Dummkopf
[7] völlig überrascht sein
[8] Backschafter = Person, die das Essen für die Schiffsmannschaft aufträgt und den Tisch nach der Mahlzeit wieder abräumt.
[9] Bergschuhe
[10] Siehe https://global.museum-digital.org/object/1683426?navlang=de
 
Kieskutscher Am: 10.10.2025 12:22:34 Gelesen: 7253# 411 @  
Die 5 heißt "Unteroffizier vom Dienst."

Wolfgang
 
evwezel Am: 10.10.2025 13:37:43 Gelesen: 7230# 412 @  
@ Kieskutscher [#411]
Hallo Wolfgang,

vielen Dank für Deine Hilfe!

Schöne Grüße

Emiel
 
Kieskutscher Am: 10.10.2025 14:52:26 Gelesen: 7218# 413 @  
Hallo Emiel, es gibt beim Bund den

G. v. D. Gefreiter vom Dienst

U. v. D.

O. v. D. Offizier vom Dienst

O. v. W. oder Wa. der Offizier vom Dienst

Wolfgang Weber
 
evwezel Am: 10.10.2025 15:19:47 Gelesen: 7204# 414 @  
@ Kieskutscher [#413]

Hallo Wolfgang,

diese Abkürzungen werde ich mir merken! Vielen Dank für Deine zusätzliche Erläuterung.

Ein schönes Wochenende wünscht Dir

Emiel
 
HWS-NRW Am: 31.10.2025 11:10:43 Gelesen: 3910# 415 @  
Hallo in die werte Runde.



Zeitungspaket-Adresse, verschickt aus der Reichshauptstadt BERLIN im August 1941 als Feldpost-Sendung, zum Versand an die Front kamen 10 Exemplare des "Völkischen Beobachters", die Sendung ging an das Pferde-Lazarett 688 (FP-Nummer 29294).

mit Sammlergruß
Werner
 
HWS-NRW Am: 31.10.2025 11:17:26 Gelesen: 3904# 416 @  
@ Kieskutscher [#413]

Hallo:

UvD Unteroffizier vom Dienst

einen OvW gab es aber m.E. nicht bei der Bundeswehr.

mit Sammlergruß
Werner
 
Kieskutscher Am: 31.10.2025 11:49:58 Gelesen: 3890# 417 @  
Hallo Werner,

der OvW oder OvWa war der Offizier von der Wache.

M. f. G. aus Fulda

Wolfgang Weber
 
HWS-NRW Am: 31.10.2025 13:53:28 Gelesen: 3868# 418 @  
@ Kieskutscher [#417]

Hallo Wolfgang,

ich war vier Jahre bei der Bw, in meiner Zeit (1969-1973) gab es nur einen "normalen" OvD, in der "Wachstube" selber habe ich unseren OvD damals nie gesehen, ob es bei größeren Kasernenkomplexen so etwas gab, ist mir nicht bekannt.

mit Sammlergruß
Werner
 
DL8AAM Am: 31.10.2025 14:40:43 Gelesen: 3856# 419 @  
@ HWS-NRW [#418]

Zu meiner Zeit Mitte der 1980-er, zumindest bei uns in der Generalfeldmarschall Romme-Kaserne in Osterode am Harz:

- Der GvD (Gefreite vom Dienst, ein Mannschaftsdienstgrad - dieser musste nicht einmal zwingend bereits ein Gefreiter sein) versah im Kompaniegebäude seinen "Gebäudewachdienst" (Zutrittskontrolle, Durchsetzung der Hausordnung etc.) bzw. Telefonpostendienst. Sein direkter Vorgesetzter auf Kompanieebene war

- der UvD (Unteroffizier vom Dienst). Nachts durfte dieser auch schlafen, war aber im "Fall der Notwendigkeit" weckbar. Sein Vorgesetzter auf Bataillonsebene war

- der OvD (Offizier vom Dienst). Dieser sass bzw. schlief im Bataillonstabs-Gebäude und wurde alarmiert, falls z.B. die UvDs seiner Kompanien "nicht weiter wussten".

- Der OvWa (Offizier vom Wachdienst) hatte mit der vD-, d.h. mit den Diensthabenden der Einheiten-Ebene direkt erst einmal wenig bis nichts zu tun. Dieser war primär verantwortlich für das (Einfahrts-) Wachlokal (mit Kasernengefängnis), d.h. für die Außenhautsicherung der Kaserne bzw. für Dinge, die die Kaserne als Gesamtes betrafen. Im Bedarfsfall wurde der OvWa aber auch von den OvDs der verschiedenen Bataillone hinzugezogen.

Ich vermute das war bundesweit ähnlich aufgebaut, u.U. angepasst an die örtlichen Strukturen. Und da aber die BW wenig selbst erfunden hat, haben die sich bestimmt bei dieser Art von organisatorischen Fällen in etwa auch an den Strukturen der WM orientiert.

Beste Grüße
Thomas
 
logi Am: 31.10.2025 21:54:54 Gelesen: 3820# 420 @  
Hallo,

bei der Nationalen Volksarmee der DDR, gab es zusätzlich noch den

GUvD- Gehilfe vom Unteroffizier vom Dienst

Dieser war (z.B. in meiner Einheit während des 18 monatigen Grundwehrdienstes) dafür zuständig, Telefonanrufe weiterzuleiten, Petschaften zu kontrollieren, Reinigungspläne erstellen, bei Nachtruhe des UvD (2.00-6.00 Uhr) die "Geschäfte" zu führen, durfte selber von 22.00-2.00 Uhr schlafen

OvP- Offizier vom Park, dieser war bei uns immer ein Gefreiter (3. DHJ), war zuständig für den Fahrzeugpark.

Alle Dienste waren 24 h Dienste.

Gruß Lothar
 

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