Neues Thema schreiben   Antworten     zurück Suche   Druckansicht  
Thema: Thomas Heinrich: Die 70-Kreuzer-Marke zwischen Mythos und Realität
Richard Am: 05.05.2026 09:28:12 Gelesen: 875# 1 @  
Thomas Heinrich: Die 70-Kreuzer-Marke zwischen Mythos und Realität. Eine Monographie zum 175-jährigen Jubiläum der Freimarke

(wm-pcp) Ein 182-Seiten-Buch für eine einzelne Briefmarke? Für die „blaue Mauritius“ könnte man sich das vielleicht vorstellen, aber für eine Württemberg-Briefmarke, die erst am 1. Januar 1873 erschien? Und nur, weil am 15. Oktober 1851 Württemberg dem Beispiel anderer altdeutscher Staaten wie Bayern oder Sachsen folgte, ist eine derartige Würdigung doch auch nicht gerade auf der Hand liegend. Oder?

Die Sinnhaftigkeit erschließt sich, wenn man weiß, diese Marke – im MICHEL-Katalog wird sie mit der Katalognummer 42 geführt – ist die letzte der sog. Wappenausgabe und eine extrem rare dazu. Zumal sie zeitweise nur an einigen wenigen Postämtern in Gebrauch war. Warum benötigte man sie überhaupt? Auch dieser Frage stellt sich Heinrich, denn sie lag doch auf der Hand, wenn man sieht, dass die Höchstwerte der zuvor erschienenen Briefmarken nie über 18 Kreuzer lagen. Weil 14 oder 18 Kreuzer-Marken bei Versand schwergewichtiger Auslandsbriefe soviel Platz einnahmen, dass Postkunden auf teurere großformatige und damit schwerere Umschläge mit Mengenfrankatur ausweichen mussten, so dass es für sie noch teurer wurde.

Der fachkundige Experte und Prüfer beginnt mit einer literarischen Recherche über die Marke, widmet sich dabei besonders den bislang erschienenen Standardwerken, die Substanzielles zu dieser ungewöhnliche Marke zu berichten wussten. Karl Köhlers Werk, das Konsul H. E. Sieger vier Jahre nach dessen Tod 1936 überarbeitete und ergänzte, steht dabei an erster Stelle, dicht gefolgt von dem zweibändigen Standardwerk von C. Brühl und H. Thoma, dem Handbuch der Württemberg-Philatelie, das 1975/76 erschien.

Dann geht er aber in medias res. In sieben Kapiteln behandelt Heinrich detailliert, verständlich und sehr übersichtlich u.a. die Markenherstellung, die Belieferung der Postämter und der Auflagen und Verkaufszahlen. Spätestens hier wird dem Leser deutlich, dass diese Marke wahrlich etwas Besonderes war und ist.

Im Sechserbogen gedruckt, von denen in der Farbe b (Michel: (dunkel)braunpurpur) nur zwei solcher „Kleinbogen“ bekannt sind, sind selbst breite Randstücke oder kleine Einheiten Raritäten, die er einzeln mit den ihm bekannten Zahlen von belegbaren ungebrauchten oder gestempelten Stücken aufweist und in Farbe abbildet. Dass die Marke zur verschiedenen Zeit in zwei unterschiedlichen Farbgebungen (die erste Auflage a mit einfachen Trennungslinien, die zweite spätere Auflage b mit doppelten punktierten Trennungspunkten) erschien, selbst die Gummierung sich unterscheiden lässt, reduziert die Zahl jeweils bekannter Exemplare auf ein Minimum.



Eine „Fehlfarbe“ erfährt dabei eine späte Rehabilitierung, denn bekannt waren einzelne in Stuttgart ab Oktober 1874 gestempelte Exemplare dieser „Fehlfarbe“ schon Köhler wie Thoma. Gemeint sind Marken mit der Farbe der MiNr. 42a (braunlila) statt der Farbe der 42b (rotlila), die aber doppelte statt der einfachen Trennungslinie aufweisen, die also eigentlich als MiNr. 42ab (nicht wie bei Köhler als 42a II) einzustufen sind. Auch dieses Rätsel erfährt eine Auflösung und Heinrich geht davon aus, dass nur einige Kleinbogen über die Restbestandsverkäufe in Sammlerhände gelangt sind.

Im Katalogteil, der fast ein Drittel des Buchumfanges einnimmt, benennt er all diese ihm und seinen Vorgängerprüfern (er besitzt das Prüfarchiv Thoma) bekannt gewordenen Verwendungsformen sowie Einheiten und bewertet sie. Spätestens hier wird jedem Leser klar, dass solche Objekte rar und teuer, häufig fünfstellig sind, zumal viele – und das weist er detailliert im Stempelkatalog und Ortsregister nach – nicht gut erhalten sind. Häufig gerade einmal die Hälfte oder noch viel weniger.

Bemerkenswert ist der Anhang, in dem er sich eingehend mit dem Thema Fälschungen dieser Ausgabe beschäftigt. Dieses Thema ist in letzter Zeit durch eine teils recht provokant vorgetragene Ausarbeitung von Peter Feuser („Nachstempelungen der Württemberg 70 Kreuzer in Zusammenhang mit den Restbestandsverkäufen“) in die Diskussion gekommen.

Heinrich gewichtet die Problematik ganz sachlich, beginnend einmal mehr mit den Aussagen von Karl Köhler, die er an mehreren Stellen korrigiert. Ganzfälschungen loser Marken sind – nimmt man Peter Winters Falsifikate aus – nicht das große Problem, eher waren es zwei bis vor kurzem als echt geltende und für sechs- bzw. siebenstellige DM-Summen früher verkaufte Brieffälschungen mit echten Marken, die mittlerweile als solche erkannt sind.

Fazit: Auch dieses Werk des bekannten Kenners und Könner hat das Zeug dazu, zur künftigen Standardliteratur der Württemberg-Philatelie zu gehören. Es ist leicht lesbar und gut gestaltet, die Fotos und Abbildungen sind professionell und die Gestaltung bzw. das Layout ebenso. Kompliment!

Kurzinfo: Format 17 x 24 cm, 182 Seiten, zahlreiche Abbildungen, in Farbe, Hardcover, 1. Auflage April 2026. Verkaufspreis: 59 Euro. Erhältlich über den Literatur-Shop der ArGe Württemberg (http://www.arge-württemberg.de ). Schriftliche Bestellungen sind zu richten an: Werner Muttmann, Am Alten Friedhof 10, 70825 Korntal.
 
Altsax Am: 05.05.2026 16:40:12 Gelesen: 720# 2 @  
@ Richard [#1]

"Bemerkenswert ist der Anhang, in dem er sich eingehend mit dem Thema Fälschungen dieser Ausgabe beschäftigt. Dieses Thema ist in letzter Zeit durch eine teils recht provokant vorgetragene Ausarbeitung von Peter Feuser („Nachstempelungen der Württemberg 70 Kreuzer in Zusammenhang mit den Restbestandsverkäufen“) in die Diskussion gekommen."

Die Ausarbeitung von Peter Feuser erhebt den Anspruch, beweiskräftig im Sinne von erwiesenen Stempelfälschungen zu sein. Das trifft aber m.E. nur auf Teile der Argumentation zu. Nicht absprechen kann man den Ausführungen die Plausibilität, was zumindest im wissenschaftlichen Sinne zur Beweislastumkehr führt. Somit hätten die betroffenen Prüfer den Nachweis zu erbringen, daß es objektiv nachvollziehbare Kriterien gibt, nach denen sich außerhalb der Kurszeit vorgenommene Nachstempelungen mit originalen Stempelgeräten von zeitgerechten aus dem regulären Postlauf unterscheiden lassen.

Nach meiner Kenntnis hat sich keiner der betroffenen Prüfer bisher zu diesem Punkt geäußert. Stattdessen beantworteten sie die "provokante Ausarbeitung" von Peter Feuser mit persönlichen Angriffen, denen sich die Führung der Arbeitsgemeinschaft Württemberg mit einer Austrittsempfehlung gegenüber Peter Feuser anschloß.

Enthält denn der genannte Anhang exakte Erläuterungen zur Frage der Unterscheidbarkeit zwischen zeitgerechten Abstempelungen aus dem regulären Postbetrieb und Nachstempelungen mit Originalgeräten?

Wenn der Autor in seinem Werk keine nennt, darf man wohl davon ausgehen, daß er keine kennt. Daraus kann und sollte jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Beste Grüße
Jürgen
 
Peter Feuser Am: 07.05.2026 16:54:17 Gelesen: 476# 3 @  
"Wenn der Autor in seinem Werk keine nennt, darf man wohl davon ausgehen, daß er keine kennt. Daraus kann und sollte jeder seine eigenen Schlüsse ziehen."

@ altsax

in der Besprechung bei KI des Buches heißt es u.a.:

"Das Buch behandelt intensiv die 1873 herausgegebene Freimarke, wobei folgende Schwerpunkte zu den Inhalten (entsprechend der Tiefe, wie sie in Kapiteln wie 12.0.0 zu erwarten sind) hervorgehoben werden."

Im Buch selber betont Thomas Heinrich im Zusammenhang mit den Nachstempelungen der 70 Kreuzer beim Stuttgarter Postamt IV. (S. 67), dass die Diskussion hierüber nicht abebbt und er darauf in Kapitel 12.0.0 zurückkommen wird.

Das Kapitel 12.0.0 findet sich aber nicht im Buch, es wurde kommentar- und ersatzlos gestrichen. Hingegen befinden sich neben den bekannten absurden Thesen von Thomas Heinrich, hunderte von 70 Kreuzermarken wären alleine in Stuttgart für die Frankaturen von überschweren Auslandsbriefen verwendet worden, jetzt die überraschende Aussage, es könne als gesichert gelten, dass mehrere hundert 70 Kreuzer auf Postanweisungskarten in die USA verwendet wurden. Vom 1.7.1873 bis 30.6.1874 wurden in ganz Württemberg 420 Postanweisungen in die USA versandt. Nur ein Teil davon kostete über 70 Kreuzer Porto.

M. E. führt die Fortsetzung einer falschen Prüfpraxis zu einem großen Reputationsschaden für den BPP. Zu leiden haben darunter nicht nur die ganz überwiegend ordentlich arbeitenden Prüfkollegen von Thomas Heinrich, sondern natürlich auch die Prüfkunden.

Die ArGe Württemberg sollte sich an der weiteren Verbreitung des Buches nicht mehr beteiligen.

Peter Feuser FRPSL, AIJP
 
Altsax Am: 08.05.2026 09:40:54 Gelesen: 289# 4 @  
@ Peter Feuser [#3]

"in der Besprechung bei KI des Buches heißt es u.a.:

"Das Buch behandelt intensiv die 1873 herausgegebene Freimarke, wobei folgende Schwerpunkte zu den Inhalten (entsprechend der Tiefe, wie sie in Kapiteln wie 12.0.0 zu erwarten sind) hervorgehoben werden."

Im Buch selber betont Thomas Heinrich im Zusammenhang mit den Nachstempelungen der 70 Kreuzer beim Stuttgarter Postamt IV. (S. 67), dass die Diskussion hierüber nicht abebbt und er darauf in Kapitel 12.0.0 zurückkommen wird."


auf Angaben der KI sollte man sich nicht unbedingt verlassen. Wichtig wäre eine Überprüfung am originalen Buch, ob tatsächlich bezüglich der rückdatierten Stempel auf ein Buchkapitel verwiesen wird, das dann im Buch selbst fehlt.

Wäre das der Fall, hätte sich der Autor vor der Frage gedrückt, wie er selbst als Prüfer originale Entwertungen aus dem Postbetrieb von späteren Nachstempelungen mit Originalgeräten unterscheiden kann. Eine solche Auslassung wäre nach meiner Überzeugung nichts anderes als das Eingeständnis, daß Unterschiede objektiv nicht feststellbar sind. Nach den üblichen Standards des Prüferbundes wäre damit ausgeschlossen, solche Marken als "echt entwertet" zu bezeichnen bzw. eine wäre Prüfung abzulehnen. So wird beispielsweise bei Nachkriegsmarken verfahren, wenn Stempelgeräte bekanntermaßen in Privathand sind und weder deren Abnutzungsgrad noch die Stempelfarbe eine sichere zeitliche Zuordnung zulassen.

Die Diskussion über die Frage, wieviele Postanweisungen und Überseewertbriefe tatsächlich mit 70 Kreuzer-Marken versehen worden sind, lenkt nur von dieser Grundproblematik ab und erübrigt sich angesichts der berechtigten Zweifel an der entsprechenden Menge.

Wir haben übrigens ein vergleichbares Problem bei der zitronengelben Sachsen Mi 15e: Seit bewiesen ist, daß und wie sich diese Farbvariante aus normalen Marken (Mi 15c) umwandeln läßt, wird sie nicht mehr geprüft. Das gilt solange, bis es gelingt, Marken mit originalem Farbton dieser Variante von solchen mit manipulierter Farbe zu unterscheiden.

In diesem Falle ging übrigens die Initiative zur Aussetzung der Prüfung von der FG Sachsen aus. Das geschah ungeachtet der Tatsache, daß nicht wenige ihrer Mitglieder in der Vergangenheit mittlere vierstellige Beträge für den Erwerb solcher Marken ausgegeben hatten. Die Aufklärungsbereitschaft sollte nicht an den eigenen finanziellen Interessen scheitern.

Beste Grüße
Altsax
 
  Antworten    zurück Suche    Druckansicht  
 
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.