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Thema: Belege aus der Geschichte der Familien Werdermann, Hentschel, Hecker usw.
Das Thema hat 338 Beiträge:
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evwezel Am: 12.10.2025 23:45:50 Gelesen: 36421# 314 @  
@ volkimal [#312]

Hallo Volkmar,

ich finde es wirklich ganz toll, dass Du Deine Familiengeschichte hier mit uns teilst. Eine Kleinigkeit noch (Karte 3):

Ich hörte heute Keßler

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 13.10.2025 08:51:48 Gelesen: 36358# 315 @  
@ chris63 [#313]
@ evwezel [#314]

Hallo zusammen,

dank Chris, Emiel und Richard konnte ich ein paar kleine Fehler korrigieren und die letzte Lücke schließen. Auf "Jer.(emia)" hätte ich auch selber kommen können. Manchmal ist man aber blind! Es geht weiter mit den drei Karten aus dem Beitrag [#311]:



11.VIII.14.
Liebe Eltern! Viel Zeit u. eigentlich viel Lust zum Schreiben
habe ich eigentlich nicht, u. doch möchte ich Euch nach dem ersten anstren-
genden Tag einen herzl. Gruß senden. Heute mußten wir um ¾ 5 auf-
stehen; ich hatte Flurdienst u. mußte den Flur fegen. Nachher haben wir
abwechselnd Instruktion, Exerzieren u. Turnen gehabt; bei der Hitze war
es nicht ganz einfac; wir haben aber einen ganz vorzüglichen, auch gu-
ten u. gutmütigen Feldwebel-Leutnant (davon sind jetzt sehr viel er-
nannt) Wir liegen im Revier der 10. Kompagnie, auf Stube 45. Auch
mit unserem Stuben-Ältesten u. Stubenkommandanten haben wir es gut
getroffen; von letzterem haben über die Hälfte das Einjährige. Nur et-
was schmutzig ist es noch, z.B. Bettwäsche, Handtücher (davon schickt uns
vielleicht einige bei Gelegenheit mit. Hans hält es ganz gut aus, es geht
ihm gut. Herzliche Grüße Euer tr. Sohn Hermann



Liebe Eltern! Mütterchens Briefsendung erfreute
uns sehr. Ihr nehmt die eingelegten Sachen wohl per-
sönlich mit. Friedel meldete sich auch gerade für Sonntag
an; das wird dann hoffentlich ein nettes Zusammen-
sein werden! Eben kam die Zeitung mit der Nach-
richt, daß die Deutschen Truppen in Brüssel eingerückt
seien; daß ist ja glänzend. Gestern Mittag besuchte uns
Theo Kamlah, gestern Abend Dittmers, Kants, Markgrafs
gemeinsam; wir haben es so gut in der Beziehung.
Auf Euch freuen wir uns besonders. Wir erwarten
Euch bei Markgrafs. Bringt doch bitte etwas Butter mit;

die Büchse ist sehr schön, doch haben wir an
einer genug. Sehr nützlich würden uns
Holzbrettchen sein; dann ist unsere Aus-
rüstung aber auch wohl vollkommen.
Leider haben wir unsern famosen Feldwe-
bel-Leutnant verloren; er ist Leutnant
geworden. Herzliche Grüße an Euch alle
Euer tr. U. dankb. Sohn Hermann
Viel Grüße u. auf frohes
Wiedersehen Euer treuer Hans



Liebe Eltern! Ehe ich eben auf Urlaub gehe, möchte ich Euch noch
einen herzlichen Gruß senden. Wie nett war es vor 8 Tagen, als wir
Euch erwarten durften. Heute geht’s zum Kaffee zu Markgrafs, abends
zu Sasses. In der letzten Woche hat sich für uns viel geändert, wie
wir Euch ja schon kurz schrieben. Das Exerzieren vollzieht sich jetzt meist
in Zug= oder Kompagnie-Formationen. Am Freitag gab es großes
Umziehen. Hans liegt auf Stube 89, ich wieder auf der alten Stube.
Es gab manche Verwirrung; so zog ich 3x um, kam schließlich auf
Stube 45 zurück; nur muß ich seither auf Strohsack schlafen. Es
geht schon ganz gut! Die großen Siege u. Erfolge haben uns den
Mut auch sehr gestärkt, bes. daß die Engländer ordentlich etwas
abgekriegt haben. Theo Kamlah ist noch ordiniert u. geht als Feldgeist-
licher am 5.IX. mit hinaus. Ich habe angefangen, etwas Russisch

zu lernen, da ich ziemlich wahrscheinlich damit
rechne, daß wir dorthin geschickt werden. Am
nächsten Sonntag will Tante Anna Zachariae
aus Halle herüberkommen. Vielleicht
könnt Ihr uns mal etwas Obst, Butter und
Schmalz schicken. Direktor Zänker hat die Ver-
tretung seiner früheren Pfarrstelle über-
nommen. Herzliche Grüße an Euch alle.
Euer getr. Sohn Hermann. Hans springt
über den Hof.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 17.10.2025 15:07:02 Gelesen: 35681# 316 @  
Hallo zusammen,

diese Ansichtskarte mit seinem Bild schickte Großvater am 30.08.1914 an seine Tante:



Großvater schreibt:
An
Frl. Anna Hecker
Anklam
Wollweberstr.

Liebe Tante! Zu langem Schreiben ist man bei
dem jetzigen Leben nicht aufgelegt; dafür sende
ich Dir mit herzlichem Gruß mein Bild. Über
unser hiesiges Leben habt Ihr wohl über Kraatz
gehört. Wir haben uns jetzt ganz daran gewöhnt
ja finden es recht nett u. interessant. Die Aus-
bildung schreitet schnell vorwärts; morgen schie-
ßen wir zum 2. Mal scharf. In ca.(?) 4 Wochen
sind wir fertig. Abends dürfen wir in die Stadt
gehen; daß ist sehr angenehm. Herzliche Grüße an
die Tante Else u. Tante Marie dein getr. U. dankb.
Neffe Hermann Werdermann


In den Lebenserinnerungen von Großvater folgt ein täglicher Bericht über die Ausbildung zum Soldaten mit Exerzieren, Sport, Instruktion, Marschieren usw. Abends war Freizeit. Häufig bekamen Großvater und sein Bruder Besuch von Verwandten oder den Eltern. Gelegentlich bekamen sie auch Urlaub und durften in die Stadt. Von jetzt an habe ich die Lebenserinnerungen nicht komplett abgeschrieben, sondern nur einige Stichpunkte notiert.

11.08.: Ersten richtigen Dienst gemacht; Instruktionsstunde, exerziert und geturnt; Nach dem Abendbrot frei, Bier mit Pauli, Annemie und Trude in der Kantine.
12.08.: Instruktionen über das Gewehr; Vor dem Abendbrot erhält jeder seine eigene „Knarre“; Erste Löhnung: ein blankes Fünfmarkstück (dies gilt für 20 Tage)
Wir hörten hier in der Militärkaserne nichts von dem Krieg da draußen. Alle anderen sind ausschließlich bei dem Kriegsgeschehen mit ihren Gedanken, nur wir Soldaten nicht.
13.08.: Regelmäßiger Tagesablauf: 5.15 Uhr aufstehen, nachher eine Stunde exerzieren, 2 Stunden Turnen, eine Stunde Instruktionen; Vorbeimarsch und Parademarsch üben.
15.08.: Sehnsüchtig erwarten wir ein Paket von zu Hause, wohin wir einen ganzen Wunschzettel geschickt haben.
16.08.: Sonntagmorgen, „ausschlafen“ bis 5.30 Uhr; Großes Reinemachen; Nach dem Mittagessen Stadturlaub; Soldaten dürfen alle Verkehrsmittel der Stadt frei benutzen. 
17.08.: Vormittags begann das Gewehr exerzieren, nachher tat einem die Hand in allen Gelenken weh.
18.08.: Am Nachmittag wurde mit dem Bajonettieren begonnen.
19.08.: Zum ersten Mal wurde ein Ausmarsch ins Gelände unternommen und zwar vom ganzen Rekrutendepot.
21.08.: Jetzt sind bereits wieder neue Freiwillige eingerückt, denen gegenüber wir uns schon ganz erfahren vorkommen; Am Nachmittag Löhnungsappell. Wir bekommen jetzt täglich 33 Pfennig.
24.08.: Im Dienst wurden wir heute mit Gewehrfechten recht heiß gemacht. Aber der Nahkampf spielt ja auch jetzt noch draußen eine große Rolle.
25.08.: Um 6 Uhr losmarschiert zu den Schießständen. Dann schoss ich selbst, und zwar zum ersten Mal in meinem Lebe: 10, 8, 9; das war ein ganz günstiges Ergebnis. Hans hatte 2 Stunden später dasselbe Ergebnis.
26.08.: Am Nachmittag Mitteilung: Wir sind ab sofort nicht mehr Gardefüsiliere sondern die 11. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 201; Gerücht: „Es soll in den Osten gehen, wo die Nachrichten nicht günstig lauten“.
27.08.: Wir mussten unsere Betten, Schränke usw. räumen; wurden nacheinander auf die Stuben 125 und 88 geschickt – es war jeweils kein Platz frei. Am Ende kamen wir wieder auf unsere alte Stube (die sie morgens geräumt hatten). Dort war aber schon eine andere Korporalschaft, so dass wir auf Strohsäcken auf der Erde schlafen mussten.
01.09. Am Nachmittag durften Hans und ich in die Stadt. So sehr sonntags- und gardemäßig sahen unsere Uniformen leider nicht aus, da man uns sparsamerweise nur fünfte Garnitur verabfolgt hatte. Die Einjährigen von früher sahen anders aus. … Vater erzählte sehr erfreut und stolz, dass in dem kleinen Kraatz mit seinen 400 Einwohnern bei einer Sammlung für das Rote Kreuz über 1000 Mark eingekommen sind.


Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 17.10.2025 16:52:53 Gelesen: 35657# 317 @  
@ volkimal [#316]

Hallo Volkmar,

eine interessante Familiengeschichte! Ich habe noch einige Fragen zum Text:

[1] Erste Löhnung: ein blankes Fünfmarkstück (dies gilt für 20 Tage)
Was bedeutet "blankes" ín diesem Zusammenhang? War das Fünfmarkstück vielleicht "brandneu"?

[2] Vorbeimarsch und Parademarsch üben.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen "Vorbeimarsch" und "Parademarsch"?

[3] Am Nachmittag Löhnungsappell. Wir bekommen jetzt täglich 33 Pfennig.
Hier verstehe ich etwas nicht. Dein Großvater hatte am 12. August 5M als Lohnung erhalten ("dies gilt für 20 Tage"). Warum hatte er dann am 21. August schon wieder Löhnung bekommen???

[4] Soldaten dürfen alle Verkehrsmittel der Stadt frei benutzen.
War das überall in Deutschland der Fall?

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 17.10.2025 20:44:31 Gelesen: 35605# 318 @  
@ evwezel [#317]

Hallo Emiel,

wir sind zur Zeit bei unserer Tochter. Daher kann ich nichts bei Großvater nachlesen. Mit dem Lohn kontrolliere ich zu Hause die Unterlagen. Ein blankes Fünfmarkstück kann wirklich blank (neu) sein. Es kann (glaube ich) umgangssprachlich auch eine allgemeine Bezeichnung für eine 5-Mark-Münze sein.

Zur Frage der Unterschiede beim Marsch. Da ich nicht beim Militär war, kann ich es nicht sagen. Ich habe einfach Google gefragt. Hier ist die Übersicht von KI. Falls jemand von euch den Unterschied besser beschreiben kann, bitte angeben.

Ein Vorbeimarsch (oder Defilee) ist das geordnete Vorbeischreiten einer Gruppe, während der Parademarsch eine spezifische, feierliche Marschform ist, die beim Vorbeimarsch oder als Teil davon angewendet wird und durch einen besonderen, synchronen Schritt gekennzeichnet ist. Der Parademarsch ist also eine Art, sich zu bewegen, die Teil eines feierlichen Vorbeimarsches sein kann, aber auch unabhängig davon stattfinden kann, wie bei traditionellen Spielmannszügen in Deutschland.

Zu Frage 4 kann ich nichts sagen.

Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 21.10.2025 19:50:23 Gelesen: 34961# 319 @  
@ volkimal [#318]

Hallo Volkmar,

ich hatte noch keine Gelegenheit, mich ganz herzlich für Deine Antwort zu bedanken!

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 30.10.2025 20:04:43 Gelesen: 33992# 320 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit Großvater Hermann Werdermann im Ersten Weltkrieg.



Die erste erhalten gebliebene Feldpostkarte ist vom 4. September 1914. Es ist die einzige Karte mit einem Stempel des Garde-Füsilier-Regiments. Die Karte hat allerdings nicht Großvater sondern sein Bruder Hans (Johannes) geschrieben. Auch das Bild zeigt dementsprechend Hans Werdermann. Er schreibt:

Fräulein
Else Hecker
Hochwohlgeboren
Anklam (Vorpommern)
Wollweberstr. 27

Berlin, den 4. IX. 14
Liebe Tante Else; Dir u. Tante Anna sende
ich zum Geburtstag die herzlichsten Glückwün-
sche von Hermann u. mir. Er erhielt eben
dankend die Karte. Heute wurden wir
vereidigt. Montag geht’s nach Döbritz.
Der Dienst ist recht interessant, besonders
Felddienstübungen u. Scharfschießen. Die
Vorgesetzten sehr nett. Sonntag kommt
vielleicht unsere Mutter wieder her.
Hoffentlich geht’s Euch u. Tante Minze
recht gut. Ich fühle mich sehr wohl.
Viele herzliche Grüße Euch beiden
Tante Minze u. Vetter Gerhard
von Deinem treuen Neffen
Hans Werdermann


Kommentar von Großmutter unter der Anschrift:
Sieht er hier nicht noch wie
ein halbes Kind aus?


In seinem Kriegstagebuch schreibt Großvater am 06.09.1914:

Am 2.9. wurde der Sedantag gefeiert, d.h. für uns bestand die Feier vor allem in der Freude über den großen Sieg im Osten, dessen Folgen sich als immer bedeutsamer herausstellten.
Dann fand unsere Vereidigung statt, die sehr feierlich war. Wir standen als ganzes Regiment auf dem Grützmacher. Die Glocken der nahen Gnadenkirche läuteten dazu. Ein Altar wurde aufgebaut. Ein Feldprediger hielt eine kurze, gute Ansprache: Habt die Brüder Lieb; fürchtet Gott; ehret den König! Nachher durften wir hinaus. Eigentlich sollten alle in Gruppen zum Schloss geführt werden, wo die ersten eroberten Geschütze aufgestellt waren, aber Hans und ich durften zu Markgrafs.
Gestern wurden wir geimpft, nicht angenehm, aber nötig. Einige wurden ohnmächtig, bei anderen schwollen die Pocken sehr an. Ich bin davongekommen.




Am 07.09.1914 schicken Großvater und sein Bruder zusammen diese Postkarte an ihre Eltern. Sie schreiben:
Liebe Eltern! An dem eben abgegessenen Abendbrottisch
sitzen wir u. denken an den schönen Tag gestern. Es war so
nett u. gemütlich. Was habt Ihr heute wohl angefangen?
Seid Ihr bei Poskes gewesen? Wir waren in Tegel u.
schossen scharf; ich traf nur 14 Ringe (15 sind Bedingung).
Das Wetter war wieder herrlich. Der gestrige Tag hat uns
für die ganze Woche erfrischt; Morgen Abend gehen wir ein
Stündchen zu Theo. Herzlichen Gruß an Euch alle. Euer Hermann

Liebe Eltern, wir haben einen ziemlich an-
strengenden Tag hinter uns. Meine Pocken sind
glücklicherweise etwas besser geworden. So daß
ich allen Dienst mitmachen konnte. Sehr
reichlich haben wir auch Staub geschluckt
Mittwoch ist Scharfschießen im Gelände.


Links auf der Vorderseite der Karte:
Herzlichen Dank nochmal für
Euren Besuch; wir dachten Ihr
würdet vielleicht heut noch kurz
heransehen(?) Viele herzliche
Grüße. Hoffentlich kommt Ihr
gut nach Hause
Euer treuer Hans


Als Ergänzung der Eintrag im Kriegstagebuch vom selben Tag:

Heute habend wir liegend freihändig auf 300 m geschossen; das war etwas schwierig, da ich etwas kurzsichtig bin. Ich will mir doch lieber eine Schießbrille verpassen lassen.
Auf dem Marsch gab es neue Zeitungen zu kaufen. Unser Kompanieführer teilte uns die gemeldeten Erfolge mit: Maubeuge gefallen, 20.000 Franzosen gefangen. Andererseits scheint in Frankreich eine Stockung eingetreten zu sein; es geht nur langsam voran. Täglich kommen Truppentransporte aus dem Westen nach dem Osten durch, wo die Österreicher leider sehr weit zurückgegangen sind.
Unsere Pocken wurden nachgesehen, und wir wurden noch mal genau auf Feldtauglichkeit untersucht.
Das Gerücht läuft um, dass wir bald nach Döberitz auf den Truppenübungsplatz des Gardekorps kommen sollen. Ob und wann? Das bleibt abzuwarten. Der Gerüchte gibt es in Kriegszeiten in der großen Welt und in den Kasernen überreichlich!


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 07.11.2025 17:32:47 Gelesen: 33211# 321 @  
Hallo zusammen,

am 16.09.1914 wurde Soldbuch von Großvater ausgestellt.









Zum Soldbuch heißt es bei Wikipedia:
Das Soldbuch war im deutschen Militärwesen der Ausweis des Soldaten und gleichzeitig der Nachweis für erhaltene Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände, Löhnung (Sold) und Verpflegung. Es galt gleichzeitig als Personalausweis gegenüber zivilen Polizeibeamten, nicht jedoch als Reisepass, und war auch der nach dem Kriegsvölkerrecht erforderliche Kombattantenausweis.
In dem Dokument wurden eingetragen
• Personendaten = Nationale auf Seite 1 und 2
• der Anspruch auf Sold auf Seiten 3–9
• Nachweisung behufs etwaiger Aufnahme in ein Lazarett einschließlich mitgegebener Waffen und Bekleidung Seiten 10–16
Der wichtigste Teil des Soldbuchs waren die im Rückdeckel eingeklebten Dekadenkupons, die nach der Zahlung der Löhnung abgeschnitten wurden.

Vom 16.09.1914 ist außerdem noch eine Postkarte von Großvater an seine Eltern vorhanden



Großvater schreibt:
Liebe Eltern! Ihr werdet Euch wohl sehr über unseren Gruß am Sonntag
gewundert haben. Wir entschlossen uns aber plötzlich ein Urlaubsgesuch zu ver-
suchen u. wir hatten Glück: wir durften Sonnabend ½ 1 nach Magdeburg fahren, wa-
ren um ½ 8 dort, wohnten bei Mertens, sahen Dora am Abend, suchten Sonntag Friedel
auf, aßen alle zusammen bei M. Mittag, blieben bis 5h 7‘ dort, waren [mit D-Zug]
um ½ 8 her, suchten schnell noch Markgrafs auf, waren um 10h zu Hause. Es war ganz
famos. Wir haben es gut getroffen; von jetzt an gibt es garkeinen Urlaub mehr. Aber da-
für kommt Ihr hoffentlich Sonntag manchmal zu uns u. zwar könnten wir uns
bei Sasses diesmal treffen, die uns sehr dringend einluden. Seit Donnerstag sind
wir mobil; unseren feldgrauen Uniformen sind auch angelangt; etwa am 26. Sollen
wir nun direkt hinausgesandt werden, worauf wir nun schon recht brennen. Gestern
sind wir unserem neuen Oberst (von Kuczkowski) vorgestellt worden. Heute
bin ich mit mehreren anderen ganz draußen in Tempelhof gewesen, wo uns
Brillen verpaßt wurden; wir sind ganz genau untersucht; nun werde ich wohl
gut sehen; neulich konnte ich die Schützen im Gelände garnicht entdecken. Wir
hörten heute in Tempelhof sehr interessante Schilderungen von in Ostpreußen ver-

wundeten Kriegern. Übrigens will Friedel ver-
suchen nächsten Sonntag hierher Urlaub zu bekom-
men. Durch Theo hörten wir, daß Kalchschmidt ge-
fallen ist. Waldemar Hecker ist auch schwer verwun-
det. An Wäsche u. Eßvorräten haben wir vorläufig
nichts nötig. Uns geht’s sehr gut, der Dienst macht
Freude u. ist nicht zu schwer. Herzliche Grüße an
Euch alle. Euer getr. Sohn Hermann
Wir gehen schon Sonnabend
nach Döberitz u. von
dort ins Feld.
Kommt doch also schon am Freitag.

Abs. Werdermann 201. Res. Inf. Reg. 11. Komp.
Chausseestr.


Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 07.11.2025 18:14:03 Gelesen: 33202# 322 @  
@ volkimal [#321]

Hallo Volkmar,

vielen Dank für diesen Einblick in Deine Familiengeschichte! Es kommt mir so vor, als ob Dein Großvater die Minuten bis zum Abschluss des Besuchs gezählt hat:

Wir (…) blieben bis 5h 7‘ dort

War er immer so auf den Punkt genau?

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 09.11.2025 09:44:02 Gelesen: 32996# 323 @  
@ evwezel [#322]

Hallo Emiel,

ob mein Großvater immer so genau war weiß ich nicht. Er ist 5 Monate nach meiner Geburt gestorben. Mein Vater hat nichts dazu erzählt.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 16.11.2025 10:31:37 Gelesen: 32070# 324 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit dem Kriegstagebuch von Großvater:

17.09.:
Hans und ich bekamen am Sonnabend Urlaub, so dass wir über Sonntag nach Magdeburg fahren durften, um Friedel dort bei seiner Fußartillerie (Schweißfußindianer) und Dora in ihrem Krankenhaus zu besuchen.
Am Montag nach Tempelhof ins Augenlazarett, um eine neue Schießbrille verpasst zu bekommen.
Unterwegs war das Hauptgesprächsthema: Döberitz und wie wir hinkämen, ob etwa in einem Gewaltmarsch und wie lange wir dort blieben, und vor allem, wohin es dann ginge: in den Westen oder den Osten?

18.09.:
Gestern konnten wir in der Stadt Abschied nehmen; wir brachten alle überflüssigen Sachen zu Markgrafs.
Heute war „Sachenempfang“. Jeder bekam funkelnagelneu einen feldgrauen Mantel (Bisher steckten wir ja immer noch in den bunten, friedensmäßigen Gardeuniformen), Rock, Hose, Mütze, Halsbinde u.a. Abends mussten wir noch mal auf Kammer, um Helmüberzug, Zelttuch, Zeltbahn zu empfangen.
Bei Dittmers noch einmal die Eltern getroffen. Wir saßen mit ihnen zusammen in dem Bewusstsein, dass es für lange Zeit zum letzten Mal in diesem trauten Kreise wäre.
Um 6 Uhr standen wir feldmarschmäßig auf dem Kasernenhofe, dann marschierten wir unter den Klängen der Regimentsmusik los, zum Glück nur bis zum Lehrter Güterbahnhof; der vollbepackte „Affe“ war doch recht ungewohnt und drückend! In Döberitz wurde uns die Baracke 7 (Wellblech) zugewiesen. Sie war geräumiger und gemütlicher, als wir gedacht hatten. 






Ansichtskarte des Truppen-Übungsplatzes Döberitz. Dort gab einen eigenen Poststempel. Von Großvater ist kein Beleg mit diesem Stempel erhalten geblieben. Daher eine zugekaufte Karte mit dem Übungsplatz-Stempel.

Auf der Karte steht:
An Familie Bielefeld
Berlin N 65
Liebenwalderstr. 44

Abs. Inf. W. Bielefeld
11 Comp. Res. Inf. Rgt. 201
z.Z. Döberitz Barack 9

Liebe Eltern es
geht mir gut und
hofe das ihr mor-
gen noch einmal
kommt. Denn wir
bekommen keine Ur-
laub mehr. Wenn
ihr könnt so bringt
mir Fußlappen mit
und 100 Ziegaretten
ich bezahle sie.
Es grüßt euch
euher Sohn


Mit der "11 Kompanie Reserve Infanterie Regiment 201" gehörte der Absender zur gleichen Kopanie wie Großvater und sein Bruder Hans. Großvater und sein Bruder waren aber in Baracke 7, W. Bielefeld in Baracke 9. Die drei haben sich aber mit Sicherheit gekannt.

Als Ergänzung noch eine Porzellan-Puppenstubenpuppe aus der Zeit des Ersten Weltkriegs:



Eine Porzellanpuppe mit einer Uniform aus dem ersten Weltkrieg. Sehr schön sind die vielen Details z.B. das Eiserne Kreuz oder die Pickelhaube mit dem abnehmbaren Helmüberzug. Diese Puppe habe ich seinerzeit von meiner Vermieterin gekauft ohne es zu wissen. Ich hatte ihr ein großes Puppenhaus für unsere Tochter abgekauft (von einem Schreiner gebaut). Als ich es später aufstellte, entdeckte ich eine Zigarrenkiste mit 10 Porzellenpuppen aus der Zeit von 1850 bis 1915.

Soviel für heute.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 22.11.2025 18:08:21 Gelesen: 31050# 325 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit dem Kriegstagebuch von Grpßvater Hermann Werdermann. Am 21.09.1914 schreibt er:

Sehr idyllisch war der erste Sonntag. Es war kein Dienst nur ein kurzer Sachenappell… Ich hatte Stubendienst, konnte aber mit Schwarze (in Zivil Forstreferendar) noch etwas durchs Lager gehen. Überall traf man Arbeitskolonnen von Kriegsgefangenen: Russen, Franzosen und Engländer, ein damals noch ungewohnter Anblick.

Ab jetzt habe ich die Lebenserinnerungen wieder vollständig abgeschrieben:

Es kam auch noch die Extranachricht, dass die auf eine Milliarde aufgelegte Kriegsanleihe mit 4 ½ Milliarden weit überzeichnet war, so gut wie eine gewonnene Schlacht, da sich darin das Vertrauen des Volkes ausdrückt! Wir hoffen immer noch auf eine baldige Entscheidung in diesem Krieg und wollen auch noch mit dabei sein, wenn es ums Ganze geht.
Im September 1914 folgte der Abschluss unserer kurzfristigen Ausbildung auf dem Truppenübungsplatz Döberitz. Vor allem wurde scharf geschossen und im Verbande manövriert. Dann erhielten wir alles, was zur Feldausrüstung gehört. Unser Interesse ging darauf: wann wir nun hinauskämen und wohin: ob nach Osten oder Westen.




Diese Erkennungsmarke von Großvater. „Res. Inf. R. 201 / 11. Komp. / No 219“ gehörte mit zu Großvaters Feldausrüstung.

Weiter schreibt er:

Eines Tages hieß es: morgen rücken wir aus. Nachts 1 Uhr mussten wir feldmarschmäßig ausgerüstet am Güterzug stehen. Zu 40 Mann kletterten wir in einen Güterwagen und waren gespannt, nach welcher Seite der Zug uns führen würde. Es ging nach Rathenow-Hannover! Langsam fuhren wir westwärts, in allen Städten durch Winken und Liebesgaben freudig begrüßt. Nachts langten wir in Hamm an, wo es Verpflegung gab. Wir erlebten das Ruhrgebiet mit seinen Hochöfen, Zechen, in der Finsternis wunderbar anzusehen. Als eben die Sonne aufging, fuhren wir über den Rhein und sangen begeistert die „Wacht am Rhein“. Alle brannten wir darauf, voll eingesetzt zu werden.
Als wir hinter Aachen in Herbesthal über die belgische Grenze kamen, sahen wir die ersten Kriegsspuren: zerstörte Häuser, zersprengte Tunnel. Diese Bilder mehrten sich, als wir durch Lüttich und Löwen fuhren. In Aalst endete unser Bahntransport, da die Brücken vernichtet waren. So marschierten wir zu Fuß weiter. Mit voller Ausrüstung fiel uns das ziemlich schwer. Oft mussten wir Umwege machen; das ganze Gebiet war noch unsicher, durch Franktireurs.
Als wir durch Gent gezogen waren, gerieten wir zum ersten Mal in das Feuer einer feindlichen Batterie. Von jetzt an gab es täglich Gefechtsberührung. Der Vormarsch stockte, da starke feindliche Truppen sich in Flandern bis an das Meer geschoben hatten. Unser Weg führte weiter über Thourout und dann nach Eessen, unweit Dixmuiden. Als unsere Kompanie durch Eessen hindurch war, gab es plötzlich hinter uns eine gewaltige Schießerei. Unsere Truppen waren aus Häusern beschossen worden, es hieß auch: vom Kirchturm herab. In den Straßenkämpfen geriet die Kirche in Brand, und in der Nacht brannte der gewaltige Turm nieder. Die Glocken begannen noch einmal zu läuten in der Hitze, ehe sie schmolzen und herabstürzten.




Für unser Bataillon war die Lage unangenehm, da wir in Schützengräben westlich der Stadt lagen, vor uns den Feind, hinter uns die brennenden Häuser, so dass jede Bewegung in den nur notdürftig ausgeworfenen Schützengräben sich abhob. Dann folgten erbitterte Kampftage in ganz Flandern von Kortryk bis Ipern, von Dixmuiden bis zur Küste. Die deutschen Armeen waren hauptsächlich von den jungen kriegsfreiwilligen Regimentern, vor allem aus akademischen Kreisen gebildet. Unser Regiment 201 stürmte im Abschnitt Dixmuiden, das am 10. November nach blutigem Ringen in deutsche Hand fiel. Ich selber wurde dabei, im Kampf gegen stark befestigte Häuser, verwundet. Aus einem Fenster heraus traf mich ein Infanteriegeschoss in die linke Schulter und fuhr als Querschläger aus dem Rücken heraus. Ich stürzte beim Vorwärtsstürmen schwer zu Boden und verlor wohl für einige Zeit das Bewusstsein.
Ein Kamerad, der an mir vorbeistürmte, half mir dann, dass ich auf den Rücken zu liegen kam. Anfangs hoffte ich, dass mich bald Sanitäter holen würden. Aber der Schwerverwundeten lagen gar zu viele herum, und schließlich mussten unsere Truppen zurück! Es fing an zu regnen, und ich konnte meine Zeltbahn über mich ziehen. Mehrmals ging der Kampf noch über mich hinweg; durch die Zeltbahn fühlte ich zahlreiche Maschinengewehrschüsse, die ganz dicht über mich hinweggingen. Ich merkte, wie stark ich blutete; aber ich konnte mit meinem Verbandpäckchen nicht zur Ausschussstelle hingelangen; so presste ich mich fest auf die Erde. Schließlich wurde es dunkel.
Lange Stunden, zehn bis zwölf, muss ich so gelegen haben. Da plötzlich kam mir der Entschluss: du musst hier fort! Ich versuchte mich umzudrehen, mich aufzurichten; schmerzhaft und vergeblich! Endlich ist es mir doch gelungen, und ich wankte los. Wir hatten uns im Kampf oft gedreht, so dass ich kaum die Richtung fand. Überall lagen Tote und Verwundete. Endlich erreichte ich eine Chaussee. Freund und Feind schoss auf mich, die einsame Gestalt. Kaum konnte ich weiter, als ich plötzlich angerufen wurde: Halt, wer da? Wie atmete ich auf! Ich war bei deutschen Kameraden! Als ich fragte: Welches Regiment? Kam die Antwort: Reste von allen! Unser Korps hatte ungeheure Verluste gehabt (43. Res. Inf. Division). Ein Kamerad stützte mich und brachte mich zu einer Wache, wo ich eine Tasse Kaffee bekam. Man wies mich weiter zu einem Landsitz, wo ein Verbandplatz war. Als ich morgens gegen 5 dort ankam, waren alle Räume, alle Korridore, alle Fußböden belegt. Ein Arzt schnitt mir die Uniform herunter und legte einen Notverband an. Dann wurde ich in der Küche auf den Fußboden gepackt!


Bei dieser Feldpostsendung von Urgroßvater an Großvater vom 13.10.1914 wurden zwei Karten mit einem Faden „aneinandergenäht“. Eine Grund dafür sehe ich nicht, denn die zweite Karte ist gänzlich unbeschrieben. Die beschriebene Karte hat einen Anschriften-Vordruck für einen Marine Soldaten mit der Angabe „an Bord S.M. Schiff:“.



Meine Urgroßeltern haben bestimmt einen großen Schreck bekommen, als sie diese Karte vom 13.10.1914 an ihren Sohn (meinen Großvater) zurückbekamen.
Über der Anschrift steht mit Bleistift "Verwundet".
In blau ist vermerkt "Abs" = "Absender". Die Karte sollte also zurück an den Absender geschickt werden.
Bei der roten Abkürzung bin ich mir nicht sicher: "Kdm" könnte "Kommandeur" oder "Kommando" bedeuten.



Da die Karten aneinandergenäht sind, kann ich sie nicht auf den Scanner legen ohne sie zu knicken. Daher diesmal ein Foto. Urgroßvater schreibt:

Kraatz, Gransee, den 13.10.14
Liebe Kinder! Also endlich seid Ihr ausgerückt. Wie freuen wir uns, daß Ihr nach
dem Westen gekommen seid. Der schnelle Fall Antwerpens hat uns entschädigt für das lange
Warten. Wir sind der festen Hoffnung, daß die Entscheidung vor Paris sowie der gemeinsame Feld-
zug an der Weichsel bald zu unseren Gunsten fallen wird. Wohin werdet Ihr denn kommen? Nach
England, denke ich, hinüber müssen wir. Ehe der alte böse ???? nicht in seinem Insel???
selber ordentlich gepackt wird, gibt es keinen Frieden. Die englische Bank zu nehmen lohnt sich schon.
Unsere Gebete begleiten unser Heer, daß so außerordentlich tapfer sich schlägt. Lieb Vater-
land magst ruhig sein singen unseren mutigen Krieger nicht umsonst. Bei solch heldenmutigen Kämpfern können
wir tatsächlich ruhig sein. Von einem Pastor Klingenberg bei Schwerin fielen kürzlich 3 Söhne stud. resp. cand.
theol., alle 3 bei einer Kompanie. Wie lange werden wir Euch noch haben? Wir bringen dies schwere
Opfer für das Vaterland willig, wenn Ihr nur selig sterbt. Er gereicht in Jesu Christo das ewige Leben.
Wer an ihn glaubt, an sein Opfer auf Golgatha, der wird leben, ob er gleich stürbe. Eben ist Johannes Hecker ab-
gereist. Am Sonntag sind wir zur gemeinsamen Abendmahlsfeier in Germendorf. Werdins Sohn, Gefangener in Brügge,
hat seit seinen 1. Lebenszeichen noch nichts wieder von sich hören lassen. Mit was für Teufeln haben wir zu kämpfen!
Wenn nur nicht so viele Offiziere fielen! Die sind nicht zu ersetzen. Die Not mag draußen noch nicht groß sein,
die jüngsten Jahrgänge das Landsturms sind hier alle noch zu Hause. Solltet Ihr in Köln zunächst bleiben, besucht Pastor
Backey, früher in Anklam, ich besuchte sie von ??? aus, grüßt ev. Solltet Ihr noch irgend etwas gebrauchen (Geld?)
schreibt umgehend. Vom 19. - 26. Oktober sind Postpakete bis 5 kg zulässig. Gott mit Euch aus unserm ganzen Herrn
Viel herzliche Grüße von Verwandten u. Bekannten. besonders von uns allen hier. In Liebe Eure Eltern.
Dank für das Bild, wir fanden Euch heraus.


Zwei Wörter fehlen mir noch bei der Abschrift und an zwei weiteren Stellen bin ich mir nicht sicher. Hier die vier Ausschnitte dazu:


Ehe der alte böse ???? nicht in seinem Inselnest


Ergreift in Jesu Christo das ewige Leben.


ich besuchte sie von ??? aus


Gott mit Euch aus unserm ganzen Herrn

Was meint ihr?

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 28.11.2025 18:27:06 Gelesen: 30289# 326 @  
Hallo zusammen,

Emiel hat bei der letzten Karte das erste fehlende Wort harusgefunden. Auf der Karte steht:
Ehe der alte böse ???? nicht in seinem Inselnest
König Georg V war ein Vetter von Kaiser Wilhelm II.

am 29.10.1914 schickt Großvater von Köln aus diese Karte an seine Eltern:



Er schreibt:
Liebe Eltern! Da ich nicht weiß, ob die Karten aus Belgien
Euch erreicht haben, sende ich Euch mit herzl. Gruß die Kunde,
daß ich am 21.X. bei einem Sturmangriff durch einen Schuß
durch die linke Schulter verwundet bin. Zuerst lag ich 5 Tage in
belgischen Feldlazaretten, jetzt befinde ich mich seit 48 Stunden in einem
Güterwagen. Eben sind wir glücklich, warm auch ziemlich kaput in
Cöln angelangt. Wohin der Transport geht, wissen wir noch nicht;
wenn nach Münster, melde ich mich vorläufig nach Soest u. komme, so-
bald es geht, zu Euch zur Erholung. Geht’s nach Berlin, so sehen wir uns
hoffentlich bald wieder. Ich schreibe, sowie ich Bestimmtes weiß.
Euer tr. U. dankb. Sohn Hermann


Ergänzend dazu die Informationen aus seinem Kriegstagebuch:
Nachträglich war es mir wie ein reines Wunder, dass ich so herausgekommen bin. Erst nach zehn Tagen wurde der Kampfplatz wieder von unseren Truppen erobert. Zahllose Kameraden hatten so lange zwischen den Fronten gelegen und waren verschmachtet.
Ich wurde weiter zurückgebracht, erst mit einem Kastenwagen. Dann mussten wir zu Fuß wandern und langten endlich wieder in Thourout an, wo wir in einem Jesuitenkloster untergebracht wurden. Das Sanitätswesen war der Masse der Verluste nicht gewachsen. In fünf Tagen hat mich nur einmal ein Unterarzt vorgehabt!
Als es hieß: es geht ein Sammeltransport in die Heimat, wer bis zum Güterbahnhof gehen kann, darf mitfahren, da ließ ich mich auch anziehen und schleppte mich dorthin. Es waren gewöhnliche Güterwagen, sogar ohne Stroh! Nach stundenlangem Warten ging es endlich los. Erst hatten wir Sorge gehabt vor dem Fahren; nachher war das Aufreibende das Warten. Bald musste ein Truppentransport vorbeigelassen werden; bald war das Gleis von Fliegern zerstört! An einem Tag kamen wir nur 25 km vorwärts! Einmal während des Haltens holten einige leichtverwundete Kameraden von einer Strohmiete aus dem Felde einige Bund Stroh, so dass wir bequemer lagen.
So ging die Fahrt weiter bis zur Grenze. Es war ein wunderbares Gefühl, als wir in Herbesthal wieder in der „Heimat“ waren und deutsche Rote Kreuz-Schwestern uns Erfrischungen brachten.
Als wir in Köln hielten, nahmen wir alle an, dass wir entweder über Münster oder Dortmund oder Soest fahren würden und dort vielleicht ins Lazarett könnten. Aber als wir nachts aufwachten, waren wir zwischen Siegburg und Gießen. Unser Wagen wurde dann in Marburg abgehängt, und wir wurden nach Laasphe in das dortige Vereinslazarett überwiesen, wo wir nach 5 ½ tägiger Fahrt anlangten.


Nur zwei Tage nachdem er die Karte aus Köln abgeschickt hat, bekam er schon die erste Karte nach Laasphe:



Die Karte kommt von Anna Zachariae ("Tante Anna"). Dank der Mithilfe von Emiel konnte ich sie inzwischen fast vollständig entziffern. Tante Anna schreibt:
Herrn
Lic. Werdermann [1]
Kriegsfreiwilliger verwun-
det
Laasphe
bei Marburg a. Lahn
Res. Inf. Reg. 201. 11. Komp.

Halle a.S. 31.10.14.
Mein geliebter alter Junge,
deine beiden Karten haben mich
sehr erfreut, ich bin glücklich, daß
Du noch lebst. Jetzt wird jeder das
Wort des alten Jakob verstehen [2]: Ich
sehe genug, daß mein Sohn Joseph
noch lebt, mir wenigstens geht
es immer durch die Seele. Du hast

gewiß sehr gelitten, mein armer
Junge, hoffentlich heilt die Wunde
gut. Bald wünsche ich ???, ich bin
froh, daß Du wieder im Lande bist.
Ich schicke Dir heute Nachmittag eine
Freßkiste; was mag wohl alles be-
kommen haben, was ich Dir geschickt
habe? 2 große Freßkisten u. 2 kleine
Pakete mit Schok.[3] u. Strümpfen, außer-
dem an Hänschen noch eine Kiste. Sogar
eine kl. Sandtorte hatte ich Dir gebacken
Dir u. Paul u. statt dessen läßt Du Dich
erschießen. Ich bekam Deine Karte aus
dem belgischen Chausseegraben am 23.
u. habe Dir sehr oft geschrieben, Du hast
aber gewiß nichts bekommen. Uli ist auch
schon verwundet, er schrieb mir am 28.
aus Düsseldorf. Am rechten Bein, leicht
u. gefahrlos. Laasphe soll reizend sein, Frau
??? Schütz kennt es, sie sendet Dir viele
Grüße u. Wünsche. Sieh zu, daß Du hierher
überführt wirst, hier ist noch viel Platz,
einige kl. Lazarette stehn noch leer.
Waldi lebt noch, in Nanzy gefangen. [4]
Tausend Grüße D. tr. A. Z. [5]


[1] Lic. = Licensiat ≙ Dr. der Theologie
[2] Schlachter Bibel: "und Israel sprach: Für mich ist es genug, dass mein Sohn Joseph noch lebt! Ich will hingehen und ihn sehen, bevor ich sterbe!" (1Mo 32,28; 1Mo 35,10; 1Mo 46,30; Lk 2,26) 
[3] Schokolade
[4] Mit Waldi ist Waldemar Hecker, der Vetter von Großvater gemeint. Als Anna Zachariae ("Tante Anna") die Karte geschrieben hat, war Waldemar Hecker schon über 2 Monate tot. Die Nachricht darüber war aber offensichtlich noch nicht angekommen:

[5] Anna Zachariae, eine entfernte Verwandte.



Das große Ölgemälde von Tante Anna hängt inzwischen bei meiner Schwester im Wohnzimmer.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 06.12.2025 21:09:46 Gelesen: 29019# 327 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit Großvater im Ersten Weltkrieg. Wie ich im letzten Beitrag schrieb, kam er in ein Lazarett in Laasphe. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er dazu:

Gemütlicher hätten wir es nicht treffen können. Wir lagen im Turnsaal der Präparande. Frauen des Ortes kochten für uns; die jungen Mädchen pflegten und verbanden. Die ländliche Umgebung sorgte für Lebensmittel. Als alleiniger Arzt waltete der alte Geheime Sanitätsrat Suder seines Amtes, unterstützt von seiner strengen Gattin. Er war ein richtiges Original, für vieles interessiert, Besitzer einer ausgezeichneten Bibliothek, aus der ich viele Bücher entlieh. Nur reichten die Kenntnisse des tüchtigen Landarztes für den Krieg nicht recht aus, woran ich bis heute laboriere.




Auf dieser Foto-Ansichtskarte sieht man die vielen Verwundeten, die in einem großen Turnsaal der Präparandenanstalt in Laasphe untergekommen waren. Eine Präparandenanstalt war vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die untere Stufe der Volksschullehrerausbildung. Leider kann ich den Text nicht lesen, da er in Stenografie geschrieben ist. Ich habe Großvater durch einen Kreis markiert. Als Ergänzung noch das Foto, das die Grundlage für die Karte war:



Weiter schreibt Großvater:

Meine Wunde wurde täglich verbunden. Da wohl Fetzen von der Uniform in die Wunde gekommen waren, eiterte sie arg. Als es allmählich aufhörte, behielt er mich einmal zurück und sagte: Sie müssen mal zu mir in mein Privatsprechzimmer in meinem Hause kommen. Wo der Schuss bei Ihnen durchgegangen ist, da sind eigentlich lauter Knochen. Das müssen wir mal feststellen. Und als ich zu ihm kam, stellte er mich neben ein Skelett, wie es zu Lehrzwecken benutzt wird, und beklopfte bald dieses Skelett, bald meine linke Schulter. Und zum Schluss sagte er: Wissen Sie, nächstens müssen Sie und einige andere mal mit meiner Frau nach Marburg fahren! Da haben sie einen sogenannten Röntgenapparat; da müssen sie durchleuchtet werden! Und als das dann geschah, sagte der Marburger Spezialist: Warum sind sie nicht früher gekommen? Der Kopf des linken Schultergelenkes ist ganz zersplittert, so dass er nicht in die Gelenkpfanne passt. Jetzt ist alles bereits total verknorpelt.
Sonst hatte ich es in Laasphe gut getroffen. Ich war öfter in der Familie des netten Superintendenten mit drei lustigen Töchtern, den „drei Fräulein Oberpfarrer“. Als ein neuer Verwundetentransport gemeldet wurde, mussten mehrere in Privatquartiere. So kam ich in das Haus des 2. Pfarrers Bauer, der jung verheiratet war. Wie genoss ich das gemütliche Zimmer und das Familienleben, wenn wir abends zusammensaßen und erzählten.




Diese Karte vom 07.11.1914 trägt den Stempel des Vereinslazaretts, Laasphe i. Westf. Großvater schreibt an seine Eltern:

Liebe Eltern! Gersten kamen die Pakete; für sie u. die Briefsachen
vielen herzlichen Dank. Es geht mit meiner Wunde etwas besser, wenn
sie auch hinten noch ziemlich eitert. Übrigens ist der Geheimrat sehr tüchtig.
Der linke Arm ist vorläufig ganz schwach und kraftlos; nur die Finger kann
ich bewegen; die 13 Stunden auf dem Schlachtfeld lag ich ganz unverbun-
den. Als ich verwundet wurde, war es schon der 3. Tag des großen Kamp-
fes um Dixmuiden. Ich freue mich sehr, durch den Brief von Hans zu
hören; ich schicke ihn morgen an Dora weiter. Habt herzl. Dank für die
Blätter u. Bücher; ich habe viele ins Lesezimmer gelegt; wir hatten
auch durch den Oberpfarrer schon ähnliche bekommen. Seit gestern Abend
bin ich nun sehr nett ganz allein bei dem 2. Pfarrer Bauer unter-
gebracht. Das ist mir sehr lieb; bes. für die Nacht; wo ich an sich schon wenig
schlief störte auch in dem großen Schlafsaal das Stöhnen u. Phantasieren
u. Keuchen; das hört nun eben auf. Heute Abend singen die Präpa
randen und einige Kinder u. 3 von uns
darunter ich; erzähle etwas vom Kriege.
Montags u. Donnerstags um 6 wird stets
eine längere Andacht gehalten. Augenblicklich
lese ich dein Buch von M. Henning. Mit Rationen
sind wir gut versehen. Für etwas Geld wäre
ich Dir dankbar ( vielleicht 10 oder 15 Mark).
Herzliche Grüße u. nochmals vielen Dank; außerdem
Alfred u. Paul für ihre Briefe
Euer tr. Sohn Hermann
6.XI.14


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 14.12.2025 11:28:00 Gelesen: 27746# 328 @  
Hallo zusammen,

In seinen Lebenserinnerungen schreibt Großvater:

Ich hatte brieflich Fühlung mit Onkel Sasse in Berlin aufgenommen, der Beziehung zum Roten Kreuz hatte, ob ich nicht in ein Berliner Lazarett verlegt werden könnte. Tatsächlich bekam ich bald zusagende Antwort. Daraufhin fuhr ich los. Rührend wurde ich aufgenommen; wie viel gab es von beiden Seiten zu erzählen.



Auf dieser Karte gibt Großvater als Absender noch an: "Abs. Werdermann 11/201 Laasphe i.W. Lazarett". Ein Kamerad von ihm hat die Karte am 28.11.1914 in Berlin aufgegeben. Großvater schreibt:

Liebe Eltern! Aus Cassel, wo ich eben auf der Heimreise über Halle,
Berlin (wann wird es heißen können: nach Kraatz) eine Stunde Auf-
enthalt habe, sende ich Euch einen herzlichen Gruß. Ich wußte in den letzten Ta-
gen selbst nicht, wann ich fahren könnte. Eigentlich sollen wir nur an Dekaden-
Ersten (also 1. XII.) entlassen werden. Nun erlaubte mir der Geheimrat plötzlich,
daß ich schon 1 ½ Tag eher reisen durfte u. muß erst Montag früh in Berlin zu-
stellen brauchte. So kann ich noch 1 Tag in Halle bleiben. Was in Berlin aus
mir wird, weiß ich noch garnicht. Ich bin an unser Ersatz-Bataillon über-
wiesen. Aber das kann ja nichts mit mir anfangen u. muß mich weiter-
„weisen“? Wohin? Weiß ich nicht; ich hoffe: nach Bethanien [1] den Schein [2], den
Väterchen mir schickte, habe ich noch. Übrigens muß da mal eine Karte von
mir verloren gegangen sein; ich habe Euch gleich dafür gedankt, aber außge-
sagt, daß ich ihn augenblicklich nicht gebrauchen könnte. Sobald ich in Berlin
etwas Genaues weiß, schreibe ich Euch natürlich. Erst hoffte ich ja, gleich etwas
„Erholungs-Urlaub“ zu Euch zu bekommen;
aber jetzt meine ich, daß der Arm wohl gleich in
Behandlung genommen wird. Auf Weihnachten
hoffe ich aber sicher! Die saubere Wäsche habe ich
mit mir genommen; alles andere schickt Frau P.
Bauer an Euch. In den letzten 2 Tagen schrieb ich noch
160 Adressen u. Begleitadressen für Weihnachtspa-
kete. Herzlich. Gruß an alle. Euer Hermann
28,XI.14

[1] Das Bethanien am Mariannenplatz im Berliner Ortsteil Kreuzberg war ein Diakonissen-Krankenhaus
[2] Um was für einen Schein kann es da gehen?



Auf dieser Karte vom 30.11.1914 gibt er als Absender an: "Werdermann 11/201. z.Z. verwundet in Berlin". Großvater schreibt an seine Eltern:

Liebe Eltern! Hoffentlich habt Ihr meine Karte vom Sonnabend
noch am Sonntag früh erhalten [1]; ein Kamerad wollte sie in Berlin
einstecken. Ich bin nun heute Vormittag hier angelangt. Die
Reise ist mir ganz gut bekommen. Zuerst musste ich zum 2. Garde-
Regiment z.F. [2], wo unser Ersatzbataillon liegt; von da wurde ich
in die Albrechtstrasse in eine Schule überwiesen wo jedoch kein
Mensch vorhanden war, der mir sagen konnte, was aus mir
würde. Ich muss nachher wieder hin, esse eben im Schultheiß.
Wie eigentümlich kommt es mir vor, daß ich wieder in Ber-
lin bin. Morgen früh soll mich ein Stabsarzt untersuchen; der
der über mein nächstes Schicksal entscheidet. Ich schreibe Euch dann
gleich u. hoffe, Ihr könnt dann bald mal herkommen.
Euer Hermann
30.XI.


[1] Damit ist die Karte vom 28.11.1914 gemeint
[2] z.F. = „zu Fuß“



Einen Tag später lautet die Absenderangabe "Werdermann 11/201 z.Z. Berlin, Lazarett". Großvater schreibt:

Liebe Eltern! Eben sitze ich im Revier-Krankenzimmer
des 3. Bataillons des 2. Garde-Reg. z.F. u. warte darauf, vom
Stabsarzt untersucht u. untergebracht zu werden, da aber ca. 50
Verwundete warten, will ich die Gelegenheit zu einem Gruß
an Euch benutzen. Ich kann dann nachher schnell noch eine
Adresse hinzufügen, damit Ihr bald wißt, wo ich stecke. Gestern
erledigte ich das Geschäftliche, besuchte unsere verwundete Kame-
raden, fuhr zu Markgrafs, wo ich die Nacht blieb, u. gegen Abend ein
Stündchen zu Sasses. Ich bin gespannt, ob ich nach Bethanien oder in
irgend ein mediko-mechanisches [1] Institut komme. Schickt oder
bringt mir doch bitte meine blaue Extra-Mütze mit. Habt
Ihr von Hans Nachricht? Ich glaube jetzt fast sicher,
daß die Post gesperrt ist aus Nordbelgien. Ich
bin so oft auf der Straße angehalten worden,
ob ich nichts weiß von unserm Regiment.
Herzliche Grüße; hoffentlich bald auf Wiedersehen.
Euer Hermann
Noch keinen Bescheid erhalten, muß nochmal
geröntgt werden, bleibe noch im Hause
bei Markgrafs

[1] Die medico-mechanische Therapie oder Mechanotherapie war die „vom Arzt geleitete, durch Apparate vermittelte Therapie“ nach Gustav Zander. Sie ist das Vorbild der heutigen apparategestützten Trainingstherapien, die seit etwa 40 Jahren boomen. Dazu gehören Fitnessstudios und die medizinische Trainingstherapie.

In seinen Lebenserinnerungen kann man aus dieser Zeit noch folgendes lesen: 

In Berlin konnte ich die ersten Nächte bei Markgrafs schlafen, wo es auch ein Wiedersehen mit den Eltern gab, die aus Kraatz herübergekommen waren. Ich meldete mich beim Ersatz-Bataillon, in der Kaserne des 2. Garderegiments in der Karlstraße. Eigenartig ging es mir, dass ich dort – auch als Verwundete und Genesende – mehrere Kompaniekameraden traf, von denen ich gehört hatte, dass sie gefallen seien; und als ich verwundert auf sie zuging, sie nun ihrerseits große Augen machten und ausriefen: Mensch, du lebst noch? Alle haben doch gesagt, dass Du in Flandern geblieben wärest! Sehr viel Formalitäten und Kleinigkeiten gab es zu erledigen, da der Amtsschimmel noch gar nicht unter dem Krieg gelitten hatte. Schließlich sollte ich sogar entgegen den Abmachungen ins Garnisonslazarett! Aber Onkel Sasse eiste mich los, und ich wurde in das Reserve-Lazarett „Gesellschaftshaus des Westens“ in Schöneberg in der Hauptstraße aufgenommen. Es war ein großer Saal mit insgesamt 145 Betten unten, auf der Bühne und auf den Emporen.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 21.12.2025 11:41:52 Gelesen: 26597# 329 @  
Hallo zusammen,

über das Lazarett in Berlin-Schöneberg schreibt Großvater in seinen Lebenserinnerungen:

Hier walteten tüchtige Ärzte ihres Amtes. Als der Chirurg mich untersuchte, war er auch sehr skeptisch: 33% Wahrscheinlichkeit, dass es so bliebe, 33%, dass es besser werde und auch 33%, dass es schlechter würde. Ich fragte ihn schließlich: Was würden Sie, Herr Professor, an meiner Stelle tun? Würden Sie sich operieren lassen? Er antwortete: Nein, nur wenn es lebenswichtig für den eigenen Beruf wäre; und das ist es bei Ihnen nicht! So wurde wochen- und monatelang Heißluft gebadet und massiert. Jeden Vormittag wanderte ich zu Fuß in die Lützowstraße, wo ich medikomechanisch behandelt wurde und üben musste. Manchmal kamen mir die Säle mit all ihren Apparaten wie mittelalterliche Folterkammern vor. Eine Besserung der Beweglichkeit schien allmählich einzutreten.

Aus dem Lazarett sind mehrere Karten an seine Eltern erhalten. Als erstes ein Weihnachtsgruß vom 23.12.1914:



Absender:
Lic. Werdermann, Berlin Schöneberg, Hauptstr. 30/31, Res. Lazarett

Liebe Eltern! Zwar habe ich Euch gestern schon schriftlich
meine Weihnachtsgrüße gesendet, aber höchst wahrscheinlich
darf ich am 25. vormittags noch selbst zu Euch kommen.
Es soll nämlich doch noch vom 25.-27. Urlaub geben;
das ist doch fein! Wie wir es nun mit Dora ma-
chen, weiß ich nicht recht; nach Kraatz kann sie ja kaum
kommen; aber ich denke, wir können ja am 27. wie-
der nach Berlin reinfahren. Heilig-Abend darf ich
nach unserer Feier zu Poskes. Auf Wiedersehen!
Euer Hermann
20.XII.14.


Karte vom 12.01.1915:


Absender:
Abs. Werdermann z.Z. Schöneberg Reservelazarett 2

Liebe Eltern! Über Friedels Besuch habt Ihr Euch gewiß sehr
gefreut; ich war auch so überrascht, als er hier plötzlich auftauchte.
Daran, daß ich von hier aus irgend welchen Urlaub bekäme
ist leider gar nicht zu denken. Mütterchen danke ich vielmals für
ihre große Mühe, die sie sich mit dem Suchen in meinen Kisten
gemacht hat. Das Konzept für meinen Weber Aufsatz lag in
Soest zwischen zwei größeren Löschblättern auf meinem Schreib-
tisch. Es war sehr nett, daß Ihr es mir schicken wolltet; aber
ich würde jetzt nicht im stande sein, daran weiter zu arbeiten.
Ich bin ja so ganz herausgekommen u. finde auch so schnell
nicht in die schwierige theologische Welt zurück; soviel wissenschaftli-

che Konzentration könnte ich noch nicht
aufbieten. Ich sitze augenblicklich an einem
kleinen Artikel, lese auch ziemlich viel
u. langweile mich garnicht so sehr. Wann
fährst Du denn mal wieder zum Arzt? Ich
bin gestern geröntgt worden bin sehr ge-
spannt auf das Bild. Herzliche Grüße an Euch
alle. Euer getr. u. dankb. Sohn Hermann


Die dritte Karte vom 22.01.1915 geht an den leicht behinderten Paul Mohrmann, der bei seinen Eltern wohnte. Auf dem Foto ist Großvater sitzend der zweite von links:



Lieber Paul! Diesmal will ich den Sonntagsgruß
für Euch alle an Dich schicken, damit Du eine Karte
für Dein Album bekommst. Ich wünsche vor allem
den Patienten gute Besserung. Mir geht es gut; ich
wandere jeden Tag ins mediko-mechanische Insti-
tut in der Lützowstr, wo ich an 5 Maschinen üben
muß. Gestern war ich bei Markgrafs; Walter ist zur
Infanterie versetzt u. geht bald ins Feld. Von Hans
bekam ich eine Karte. Herzl. Grüße an Dich und
alle Dein getr. Freund Hermann W.
20.I.15

Bildseite:
Schw. Doris Kuligk
Rösel Klockenhoff Kröner Konzack Schulz Mietusch


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 29.12.2025 11:03:52 Gelesen: 25432# 330 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit den Karten von Großvater im Ersten Weltkrieg. Am 27.01.1915 schickte er diese Karte an seinen Vater:



Großvater schreibt:

Liebes Väterchen! Auf Dein Kommen freue ich mich
schon sehr. Vielleicht können wir am Sonnabend mal nach
Potsdam hinausfahren oder sonst etwas unternehmen.
Ev. Besuchen wir dann am Sonntag Iohannesohns;
Sonnabend bin ich von ½ 1 – 9 u. Sonntag von ½ 1 – 6
oder hoffentlich auch bis 9 frei.
Auf Wiedersehen! Es freut mich, daß es Mütterchen
etwas besser geht; ich danke ihr sehr für ihren lieben Brief
Dein getr. u. dankb. Sohn
Hermann


Etwa eine Woche später schickt er diese Karte an seine Eltern:



Auf der Karte teilt er ihnen mit:
Liebe Eltern! Ich danke vielmals für die inhaltsreiche Briefsendung.
Daß Väterchen erkältet ankam, tut mir sehr leid; aber der Grund ist hof-
fentlich weniger unserer Grunewaldpartie, als der Schmutz u. die Nässe am
Sonntag. Ist er denn noch bei Frau Winter gewesen? Ich habe am Mittwoch
diesmal unsere Kriegs-Andacht gehalten; ich habe mich sehr gefreut, daß ich
meinen Beruf mal wieder direkthabe ausüben können; viel-
leicht läßt es sich öfter machen. Sonst bin ich täglich ins Institut gewandert,
habe wieder eine Übung an einem neuen Apparat dazu bekommen;
die noch sehr schmerzhaft u. ungewohnt ist. Aber ich bin doch sehr froh u. dankbar,
daß es so vorwärts geht. Wenn nur nachher die Kur, die Mütterchen nun
hoffentlich bald macht, ebenso erfolgreich ist. Es ist fein, daß das Fräulein wie-
derkommt. Ich kann jetzt sehr wenig Besuche machen, da ich durch die Massage
u. das Institut sehr besetzt bin; aber ich bin ja nun auch „Verwundeter“. Gar
zu gern wäre ich nur morgen u. übermorgen nach Magdeburg gefahren; ich

habe alles versucht, aber eben ist mir gesagt worden,
daß es ein für alle Mal keinen Urlaub nach auswärts
für Verwundete gibt. Na, dann hilft’s nichts. Ein Buch
aus Hamburg habe ich nicht bekommen. Für das Sonn-
tagsblatt vom nächsten Sonntag habe ich einen kleinen
Beitrag geschrieben. Der größere Aufsatz für die „Kirchl.
Rundschau“ erscheint am 1. März. So habe ich ein wenig
Beschäftigung. Herzliche Grüße an Euch alle. Euer
getr. u. dankb. Sohn Hermann
5.II.15.


Als Ergänzung zu dieser Karte ein Auszug aus den Lebenserinnerungen (S. 158):
Wöchentlich einmal sollte im Lazarett auch ein Gottesdienst gehalten werden und zwar von dem zuständigen Gemeindepfarrer R. von der Apostel-Paulus-Kirche. Er war zu alt und zu ungeschickt. … Pfarrer R. hielt Lazarett-Andachten, an denen anfangs alle teilnahmen. Da er wenig den richtigen Ton traf, verschwanden immer mehr Soldaten vorher. Daraufhin brachte er Pflaumenkuchen mit, der verteilt wurde; aber auch dies Lockmittel wirkte nicht lange! Schließlich fragte er mich, ob ich die Andachten nicht übernehmen wollte. Leicht war es für mich nicht, ohne jede Charge, wie man ja überhaupt in diesem ganzen Kreis nur einer unter den Vielen, ohne Titel und Beruf und Grad war. Aber das war auch wieder das Gute und Heilsame. Man stand mit allen auf Du und Du, und jeder gab sich unbefangen. Viel habe ich mich mit Kameraden, vor allem auch „Dissidenten“, d.h. aus der Kirche ausgetretenen unterhalten und gestritten. Ohne diese Erfahrungen hätte ich später meine Schrift: Ich weiß Bescheid! Ein Kampfbüchlein gegen die Freidenker nicht schreiben können! So wagte ich es mit den Lazarett-Andachten, obgleich es mir anfangs recht sauer wurde. Für die erste hatte ich den Text genommen: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, für die zweite: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns betroffen haben“.
Sehr wertvoll war mir dabei, daß mir unsere Schwester Doris mit Rat und Kritik dabei zur Seite stand. Allmählich erwachten auch meine wissenschaftlichen und literarischen Interessen wieder. Ich schrieb einen Aufsatz: Das Problem der Langeweile in den Lazaretten, den der Reichsbote aufnahm, sogar als Leitartikel. Dann verfasste ich eine Abhandlung mit dem etwas langatmigen, aber charakteristischen Titel: Die religiöse Wiedergeburt unseres Volkes, nicht eine Gabe des Krieges, sondern eine Aufgabe in und nach demselben“. Sie erschien 1915 in der „Kirchlichen Rundschau für Rheinland und Westfalen“. Viele Pfarrer täuschten sich damals, als der Kriegsanfang eine scheinbare Wiederbelebung des religiösen und kirchlichen Lebens brachte; es war vieles nur oberflächlich und vieles nur ein Strohfeuer; der herabziehenden und zerstörenden Kräfte wurden immer mehr, je länger der Krieg dauerte. Auch gute Bücher konnte ich damals lesen, besonders in Erinnerung geblieben sind mir Anselms Feuerbachs Briefe.


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 10.01.2026 21:27:28 Gelesen: 23856# 331 @  
Hallo zusammen,

am 07.02.1915 schickte Großvater diese Karte an seine Mutter.



Er schreibt:
Liebes Mütterchen! Habe herzl. Dank für das Paket u. heute
kam auch noch Väterchens Gruß nebst Drucksachen. Ich schicke
morgen meine schmutzige Wäsche ab, habe bis Ende nächster
Woche noch genügend saubere. Es geht mir weiter gut,
besondere Wünsche habe ich wirklich nicht Eben besuchte ich einen
Kameraden, der im Krankenhaus „Am Urban“ [1] operiert
ist, gestern war ich bei einem Leutnant d. R. Hermann u.
seiner jungen Frau zum Kaffee. Letzerer habe ich versprochen,
Dich zu fragen, ob es in Gransee ungeräucherten Speck(zum
Schmalz-Auslassen) gibt u. wie teuer er ist (hier 1,20 ℔); fer-
ner ob es irgend welches Dauerfleisch gibt; (ev. geräuchert); sie

möchte sich dann ev. ein 10 ℔
Paket schicken lassen. Erkundi-
ge Dich doch bitte u. schreibe
es mir dann.
Herzl. Grüße
Euer Hermann
7.II.15.


[1] Kreuzberg, Klinikum Am Urban



Diese Karte aus Berlin-Schöneberg vom 14.02.1915 konnte nicht zugestellt werden und ging an Großvater zurück. Die Ansichtskarte zeigt noch das Vereinslazarett in Laasphe. Sie geht an Herrn ??? ??? Dapprich, 39. Res. Armeekorps Res. Inf. Reg. 255, 77. Res. Division 2 Komp.

Die handschriftlichen Vermerke im Adressfeld sind:
Bleistift (unten): erkrankt
Blau (senkrecht): Lazarett Hauptstr. 30/31
Blau (waagerecht): Abs. Hauptstr. 30/31
Bleistift. Rot unterstrichen: Laasphe (Anmerkung von Großmutter, da das Bild noch aus Laasphe stammt)

Großvater schreibt auf der Karte:
Lieber Lbhr/Lbfr/Llfr! [1] Schade, daß meine Postsachen Dich nicht
erreicht haben, ich schrieb 2x nach Münster u. 1x, als ich
von Deiner Mutter die Adresse bekam, nach dem Reg.
Nun bist Du wieder im Feld, hast wohl gar an den
letzten Kämpfen u. Siegen teilgenommen? Hoffent-
lich bist Du bewahrt geblieben! Mir geht es langsam
besser; ich muß aber noch Wochen oder gar Monate
in Behandlung bleiben; vielleicht werde ich aber we-
nistens garnison-dienstfähig. Habe noch vielen Dank
für Dein Bild; diese Karte stammt noch aus Laaspe.
Meinen Brüdern geht’s noch gut. Gott behüte Dich
Dein getr. Lbb [2] Herm. Werdermann
14.II: 15.


Die beiden Abkürzungen beziehen sich sehr wahrscheinlich auf eine Studentenverbindung:
[1] Lbhr = evtl. Leibherr
[2] Lbb = Leibbursche

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 17.01.2026 10:36:26 Gelesen: 23042# 332 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit Großvater im Ersten Weltkrieg. Zunächst eine Karte von ihm an an seine Eltern vom 06.03.1915:



Großvater schreibt:
Liebe Eltern! Zwar gibt es seit vorgestern, wo ich Mütterchen
zuletzt sah, noch nicht viel zu erzählen, aber einen kurzen Sonn-
tagsgruß möchte ich Euch doch schicken. Am Donnerstag bin ich
wieder geritten; es macht mir viel Freude u. geht schon ganz
gut. Gestern besuchte ich Walter M.; er war recht lebhaft; man
hatte ihm schon Hoffnung auf baldiges, kurzes Aufstehen gemacht.
Zu Sonntag habe ich mich bei Poskes angemeldet; Neukrantz
besuchen mich dann 8 Tage später. Väterchen danke ich viel-
mals für seine vielerlei Sendungen; an die Diskontobank
habe ich wegen der 20,00 geschrieben; ich habe keine Ahnung,
worum es sich handeln kann. Das Hauptstr. 30/31 muß zu mei-
ner Adresse hinzugefügt werden. Nun viel herzl Grüße
Euer treuer u. dankb. Sohn Hermann
6.III.15.


Wie man lesen kann, hat Großvater verschiedene Bekannte bzw. Verwandte besucht. Passend hierzu ein Abschnitt aus seinen Lebenserinnerungen (S. 159):
Im Lazarett hatten wir verhältnismäßig viel Freiheit. Dazu stellte Berlin für alle Verwundeten großzügig alle Verkehrsmittel unentgeltlich zur Verfügung. Man konnte mit der Elektrischen, U-Bahn, den Autobussen fahren, so oft und so weit man wollte. Da bin ich oft in den Museen gewesen. Abends hatten wir öfter Gelegenheit, ins Theater zu kommen. Eine unserer Hilfsschwestern, Mary Dietrich, war damals eine der bekannteren Schauspielrinnen des Deutschen Theaters. So sah ich durch sie dort den Wallenstein, den Faust in vorzüglichen Aufführungen (Das Kino spielte noch gar keine Rolle; ich war nicht ein einziges Mal dort).
Gut hatte ich es dadurch, daß wir so viele Verwandte und Bekannte in Berlin hatten; die konnte ich besuchen und hatte dadurch ein Gegengewicht gegen das mitunter etwas „kommissige“ Lazarettleben! Oft war ich gemütlich bei Markgrafs, bei denen fast immer einige der zehn Kinder anwesend waren. Walter wurde verwundet; Hanni und Reini fielen leider später. Häufig besuchte ich Sasses in der Derfflingerstraße 25. Gastfrei wurde ich aufgenommen, und es gab interessante militärische und politische Gespräche, da Onkel Paul im Reichsversicherungsamt und durch private Beziehungen mancherlei erfuhr, was nicht in die Öffentlichkeit kam. Mehrmals war ich auch bei Poskes in Dahlem eingeladen, bei Dittmers in der Großen Hamburgerstraße. Ich besuchte Steinerts, Neukranz‘, Friedchen Werdermann (später: Meister) u.a.




Am 24.03.1915 schickt Großvater diesen Geburtstagsgruß an seinen Vater:
Liebes Väterchen! Viel zu schreiben habe ich ja noch nicht
wieder, aber meine recht herzlichen Geburtstagsglückwünsche
möchte ich Dir doch senden. Möchte Gott Dir ein gesegnetes
Jahr u. uns allen einen ehrenvollen Frieden schenken!
In Richard u. Pauls Auftrag habe ich Dir Wursters [1] „Abendsegen“
bestellt, hoffentlich kommt das Buch zur Zeit an. Hat Hans denn
was von sich hören lassen? Ist Mütterchen glücklich zurück-
gekehrt?
Herzl. Grüßt u. küßt Dich Dein dankb. u. gehorsamer
Sohn Hermann
24.III.15.


Der nächste Abschnitt aus den Lebrenserinnerungen hat zwar keinen Bezug zu dieser Karte, ich finde ihn aber dennoch sehr interessant (S. 159):
Natürlich wurde eifrig Zeitung gelesen. Aber nachträglich ist mir erst bewußt geworden, wie wenig wir das Wesentliche durchschauten, wohl auch: durchschauen konnten. Eine Krisis entstand, weil unsere Salpeter-Vorräte zu Ende gingen; glücklicherweise wurde das synthetische Verfahren erfunden und in den Leuna-Werken großartig praktisch verwirklicht. Im Westen war alles erstarrt; im Osten rollte die gewaltige russische Masse gegen uns und Österreich heran; und die Österreicher versagten weitgehend. Desto mehr erfreuten wir uns der Erfolge von Mackensen und Hindenburg, der in mehreren Winterschlachten die Russen zurückwarf und Ostpreußen endgültig befreite. Auch zahlreiche einzelne Heldentaten in der Luft (Immelmann und Bölke) und auf dem Wasser begeisterten uns.

Da wir am Dienstag für 14 Tage verreisen, gibt es jetzt eine kleine Pause bei meinen Beiträgen.

Viele Grüße
Volkmar

[1] Paul von Wurster (1860-1923), Ev. Theologe, Stiftsrepetent, Pfarrer in Heilbronn, Direktor des Predigerseminars Friedberg usw
https://www.leo-bw.de/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/ubt_portraits/30552/Wurster+Paul
 
volkimal Am: 10.02.2026 20:14:23 Gelesen: 11893# 333 @  
Hallo zusammen,

letzte Woche sind wir von einer sehr interessanten zweiwöchigen Rundreise durch Indien zurückgekommen. Jetzt habe ich endlich Zeit, den Bericht über Großvater im Ersten Weltkrieg fortzusetzen.



Am Freitag, den 26.03.1915 schickt Großvater diese Karte an seine Mutter. Er schreibt:

Liebes Mütterchen! Zwar habe ich im allgemeinen ja nicht bes. viel
zu tun, aber in den letzten Tagen häufte es sich, so daß ich es tatsächlich
fertig gebracht habe, das Wäschepaket ganz zu vergessen. Am Diens-
tag gab es mit dem Vortrag allerlei Schwierigkeiten; dann hatte ich
zweimal Reiten, war gestern den ganzen Nachmittag bei Markgrafs.
Dazu die Übungen im Institut u. die Massage. Auch im Lazarett
hatte ich mancherlei zu arrangieren u. zu helfen. Unsere Körb-
chen haben wir bald fertig. Die Eier erregten große Freude. Ich
holte gestern die letzten; ausgepackt haben wir sie noch nicht. 20 ℔
Buchsbaum sind etwas reichlich viel; hast Du sie noch nicht abgeschickt,
dann genügt ein 10 ℔ Paket. Hans ist nun also in Posen; hoffentlich

haben sie es dort besser! Sonntag gehe ich
zu Poskes.
Herzl. Grüße an Euch alle
Euer Hermann
26.II.15.
In der Untergrundbahn


Als Großvater diese Karte schrieb, wusste er noch nicht, dass er die Eltern eine Woche später besuchen durfte. In den Lebenserinnerungen heißt es (Seite 159):
Da Kraatz nicht allzu fern war, bekam ich zweimal einige Tage Urlaub dorthin, so auch Karfreitag. Ich wollte mit dem Personenzug 5,40 Uhr ab Stettiner Bahnhof fahren. Da die Verkehrsmittel noch ruhten, wanderte ich quer durch die Hauptstadt zu Fuß, über 1 1/2 Stunden. Vorher war ich schon mal bei den Eltern gewesen und hatte 100 Eier geholt, die sie als Ostereier für unser Lazarett gemalt hatten. Als Dank war mir jetzt ein großer Blumenstrauß vom Lazarett mitgegeben. Das Ende meiner Wanderung war, daß ich, als ich auf den Bahnhof kam, gerade noch die Schlußlichter des eben ausfahrenden Zuges sah! Dafür war es zu Haus desto schöner. Hier hörte ich immer von den Geschwistern. Friedel war Fußartillerist, Dora pflegte als Hilfsschwester im Lazarett, Hans war zu einem Offizierskursus nach dem Warthelager kommandiert. Wir hatten uns auf der Durchreise auch kurz in Berlin gesehen.



Diese Postkarte schickte Paul Sasse am 04.04.1915 an Großvater während er bei den Eltern in Kraatz war. Er schreibt:
An
den Herrn Kriegsfreiwilligen
Herm. Werdermann
Kraatz
bei Gransee
(Nordbahn)

Berlin W 35 4/4 15
Derfflingerstraße 25 I
L.H. Vielen Dank für deine Osterkarte.
Auch wir wünschen Euch Allen ein ge-
segnetes Osterfest. Gott schütze unsere
Lieben draußen auch fernerhin und führe
alles zu einem guten Ende. Von
Friedel heute eine lange Karte. Er schreibt
sehr tapfer u. vertrauensvoll. An ihn von
Hans gestern geschrieben. Ich hoffe, daß Du
Dich dort etwas erholst; Du hast es richtig
nötig. Wir sehen Dich wohl bald nach d. Rück-
kehr hier alles beim Alten. Ich bin gespannt, ob
der Chefarzt noch belohnt wird. ein zu unberechen-
barer Heiliger! Viele Grüße v. Haus zu Haus. Dein Onkel
P. Sasse


Soviel für heute.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 22.02.2026 11:28:04 Gelesen: 9574# 334 @  
Hallo zusammen,

am 14.04.1915 schickt Großvater diese Postkarte an seine Eltern:



Er schreibt:
Abs. Werdermann z.Z. Schöneberg, Hauptstr. 30, Res. Lazarett 2

Liebe Eltern! Noch immer kann ich Euch aus dem La-
zarett einen Gruß senden, da vom Sanitärsamt noch
keine Antwort eingetroffen ist; eingegeben bin ich schon
vor über 8 Tagen; hoffentlich wird’s was. Vorläufig
übe ich eifrig weiter. Meinen kl. Aufsatz im „Reichs-
boten“ (Sonntag – Montag) habt ihr wohl gefunden.
Heute habe ich die Andacht nochmal übernommen,
gestern haben wir einen Vortrag über den U-
bootskrieg. Nachher treffe ich mich mit Theo.
Wie ist Mütterchen diesmal die Kur bekommen?
Herzliche Grüße an Euch alle. Euer tr. Sohn
Hermann
14.IV.15


Als Ergänzung wieder einiges aus dem Kriegstagebuch von Großvater (Seite 160):
Mich beschäftigte die Frage: Was in Zukunft aus mir werden sollte. Als ich 10 Wochen Lazarettzeit hinter mir hatte, fragte ich mal den Arzt: ob ich nicht bald entlassen werden könnte; ich könnte es so nicht mehr lange aushalten. Darauf antwortete er: Sie werden genau so lange behandelt und Geduld haben, wie es nötig ist. Und das sind nachher im Ganzen zehn Monate geworden. Es kam bald heraus, daß ich als Soldat nicht wieder verwendet werden könnte. Da plante ich, mich als Theologe noch einmal zur Verfügung zu stellen, als Heerespfarrer, wenn möglich im Felde. Daraufhin erhielt ich vom Lazarett die Erlaubnis, einen Reitkursus am Kurfürstendamm zu nehmen, der mir große Freude machte. Ich nahm auch die Fühlung mit der Feldprobstei, bes. Div. Pfarrer Wallis, auf und wanderte öfter zu Besprechungen zur Alten Garnisonskirche. Dabei war mir nützlich, daß ich wöchentlich bei uns die Lazarettandachten übernommen hatte.
Vorläufig wanderte ich noch täglich ins Immelmannsche Institut zu mediko-mechanischen Übungen. Chefarzt in unserem Lazarett war ein Geheimrat Landau, insofern ein Kuriosum, als er 1) ein Berliner Frauenarzt und 2) ein Jude war. Er wußte, daß ich Theologe war und sein Witz mir gegenüber war der, daß er mich jedesmal mit einem höheren Titel belegte: Herr Oberpfarrer, Herr Superintendent, Herr Konsistorialrat usw. Und die Kameraden ulkten mich schon und sagten: Paß mal auf, wenn die Titel zu Ende sind, dann wird er dich entlassen; denn dann ist sein Witz ja auch zu Ende! Als ich nun eines Morgens vom Üben zurückkomme, treffe ich ihn im Korridor, gefolgt von Schwestern, Sanitätsfeldwebel usw. Er kommt auf mich zu und ruft: Nun Herr Generalsuperintendet, was macht denn Ihre Schulter? Ich antwortete: Danke, Herr Geheimrat, es ist besser, aber leider noch nicht gut! Da faßt er meinen rechten Arm, hebt ihn hoch und sagt: Das geht ja ausgezeichnet. Ich mußte ihm jedoch sagen: Ja Herr Geheimrat: verwundet bin ich auch am linken! Im selben Augenblick wurde er gerufen: Eilig ans Telefon! Und – am nächsten Morgen wurde ich entlassen! Wahrscheinlich war ihm aufgetragen worden, 50 Plätze für einen neuen Transport freizumachen. Da ich noch nicht zum Truppenteil konnte, wurde ich dem Genesungsheim des Gardekorps in Biesenthal überwiesen.




Dieser Gruß an Großvater nach Biesenthal kommt von den Kameraden des Reserve-Lazaretts in Schöneberg. Geschrieben hat die Karte Schwester Doris. Sie schreibt:
An
den Kriegsfreiwilligen
H. Werdermann
Biesenthal Mark
Genesungsheim

4.VI.15.
Lieber Werdermann
In Erinnerung an
unsere gemütliche Korb-
flecht??? senden wir
Ihnen die herzlichsten
Grüße. Vielen Dank für
Ihren Brief, dessen Beant-
wort. nun bald vor sich
gehen soll. Schwester Doris.
F. Klockenhoff. Röhm
Albert Tix(?) Schönen Gruß A. Kopahl
Herzlichsten Gruß
von W. Reichert


Auch hierzu noch eine Ergänzung aus den Lebenserinnerungen (Seite 157):
Nett war im Lazarett die Kameradschaft. … Ganz besonders nett waren die Schwestern in unserem Lazarett. Einige stammten aus der Schweiz, so die tüchtige, nüchterne Oberschwester Luise Probst, die mit einer Roten Kreuz-Delegation gekommen war. Am beliebtesten war Schwester Doris (von Horn), die Tochter eines Obersten, Nichte von Mackensen. Sie hatte gerade unsere Gruppe zu betreuen, der es gelang, in sieben Betten auf der Bühne unterzukommen und dadurch der „Masse“ etwas zu entrinnen. Schw. Doris hatte immer alles in bester Ordnung, verstand es, sich um jeden einzelnen zu kümmern, gerade auch um die schwierigeren. Sie bemühte sich auch für das ganze Lazarett, die Langeweile durch allerlei Beschäftigung zu vertreiben durch gemeinsames Arbeiten, vor Weihnachten und Ostern, vor Kaisergeburtstag und sonst. Ich verdankte ihr auch sehr, daß ich mich bald einlebte und wohl fühlte. Einmal wurden wir auch von ihr zu ihren Eltern eingeladen.



Dieses ist die einzige Karte, die den Stempel des Reservelazaretts trägt. Ich lese dort:
"Königlich Preußisches Reservelazarett / Gesellschaftshaus des ??? / Berlin-Schöneberg".
Wer kann das fehlende Wort ergänzen?

Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 22.02.2026 12:11:26 Gelesen: 9557# 335 @  
@ volkimal [#334]

Hallo Volkmar,

ich vermute, das fehlende Wort ist “Westens”. Siehe

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Sch%C3%B6neberg_Gesellschaftshaus_des_Westens_1914.jpg

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 22.02.2026 12:42:34 Gelesen: 9542# 336 @  
@ evwezel [#335]

Hallo Emiel,

vielen Dank! Jetzt wo du das Wort gefunden hast, erkenne ich es auch.



Das Bild ist eine schöne Ergänzung zu der Karte und den Lebenserinnerungen. Dort heißt es ja zu Schwester Doris: "Sie hatte gerade unsere Gruppe zu betreuen, der es gelang, in sieben Betten auf der Bühne unterzukommen und dadurch der „Masse“ etwas zu entrinnen."

Auf dem Bild ist wahrscheinlich die Bühne zu sehen, auf der Großvater mit seiner Gruppe untergekommen ist. Ich fand schon das Foto vom Beitrag [#327] und die Anzahl der dort liegenden enorm groß. Auf dem Foto aus Laasphe habe ich in 58 Verwundete und 32 Schwestern gezählt.

Wie muss es aber erst in Schöneberg gewesen sein, wenn der große Festsaal im Gesellschaftshaus des Westens 1400 Personen fasste.

Viele Grüße
Volkmar

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Sch%C3%B6neberg_Gesellschaftshaus_des_Westens_1914.jpg
 
volkimal Am: 01.03.2026 10:26:35 Gelesen: 8677# 337 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit der Zeit, die Großvater im Genesungsheim in Biesenthal war. Zuerst ein paar Zeilen aus den Lebenserinnerungen von Großvater Seite (160):

Mit der Bahn ging es über Bernau dorthin. Der Bahnhof liegt drei Kilometer von dem Städtchen entfernt, da einst die weisen Stadtväter der Eisenbahnverwaltung keinen Grund und Boden zur Verfügung gestellt hatten! Ein Omnibus brachte uns zum Markt und dann an den See zu dem Genesungsheim, das mitten im Walde liegt. Ich kam auf eine Stube mit drei Kameraden, von denen zwei „Schneider“ hießen. Einer davon war ein Sinnierer. Er las gern gute Bücher, hatte sich zuletzt an Kants „Kritik der reinen Vernunft“ vergriffen! Von Beruf war er Friseur. Er riet mir dringend, ein richtiges Rasierwasser anzuschaffen und zu gebrauchen; das sei das allein Richtige! Er besorgte mir auch eins, das ich bis 1927 benutzte. Ich habe solch Wasser bis heute beibehalten!



Eine Karte vom 01.06.1915 von Großvater an seine Eltern. Stempel: "BIESENTHAL / 2 / * (BHF.) *"

Liebe Eltern! Ihr habt mir alle beide in letzter Zeit so fleißig geschrieben, dazu mir
noch die Briefe der Brüder, das Heft u. Wäsche geschickt, u. ich habe lange nichts Ausführliches
von mir hören lassen. Habt herzl. Dank für alles! Ich wollte gestern einen längeren Brief
an Euch aufsetzen, vorher jedoch zu Zechlins zum Kaffee gehen. Dort blieb ich aber bis ½ 11h
spät(?) da plötzlich ihr 2. Sohn, der Leutnant auf der Hessen ist, für 3 Tage auf Urlaub kam.
Er erzählte vielerlei Interessantes. Und heute schreibe ich Euch nun – vom Stettiner Bahnhof.
Ich bekam gestern vom Feldprobst eine Aufforderung heute oder morgen zu einer Besprech-
ung zu ihm zu kommen. Da ich nun morgen zur Kreissynode in Biesenthal geladen bin,
habe ich mich gleich aufgemacht, bin von 10 – ½ 12 in der Feldprobstei gewesen, habe bei Mark-
grafs Mittag gegessen u. bis 4 h gesessen u. bin dann zu Sasses gefahren. Ich habe also
ziemlich bestimmte Aussicht, etwa zum 1. Juli als Garnisonspfarrer nach Allenstein zu
kommen. Der Feldprobst will die Sache von sich aus in die Hand nehmen. Natürlich
sind erst noch Klippen zu überwinden. Entlassung durch den Chefarzt; Ordination u.s.w.
Ich wäre ja sehr froh und dankbar, wenn tatsächlich etwas daraus würde. Dann
dürfte ich vorher auch wohl nochmal auf Urlaub nach Kraatz kommen. Darauf freue

ich mich schon, bes. da nun leider aus einer Zusammen-
kunft am 11. Od. 12. Kaum etwas werden kann. Ich wer-
de nämlich nicht schon wieder Urlaub erhalten, da ich heute
u. morgen schon beurlaubt bin. Es ist zu schade, da der
Plan von Mütterchen so nett war. Zum Geburtstag muß
ich um etwas Geld bitten, da ich ziemlich abgebrannt
bin. Hoffentlich geht es Hans u. Friedel noch gut. Auf die
Briefe bin ich schon gespannt. Ich habe in B. jetzt ziem-
lich gearbeitet, viel in der Sonne u. im See geba-
det. Herzl. Grüße an Euch alle. Euer tr. Sohn
Hermann
7.II.15. 8h ab.




Die Karte vom 12.06.1915 kommt von den Patienten und Schwestern vom Lazarett in Berlin-Schöneberg. Einige von ihnen haben den Geburtstagsgruß unterschrieben. Ich lese:

12.VI.15
Zu ihrem Ge-
burtstage senden die
herzlichsten Glückwünsche
K. Böhm Schw. Louise
Schw. Lucie
Schw. Anna ??? (Das ist Schw. Eva!!!)
F. Klockenhoff
P. Socke Bressern
Ottowitz Reichart
Herzl. Glückwunsch als
ehemaliger Kaffeetisch
genosse I. Kuckenb??


Noch ein paar Anmerkungen aus den Lebenserinnerungen (Seite 161):
Im Genesungsheim hatten wir einen netten Tagesraum, 2 Treppen hoch. Dort saß sonst kaum jemand. So sah ich ihn fast wie „mein“ Arbeitszimmer an. Ich war täglich mehrere Stunden da und fing an, wieder richtig wissenschaftlich zu arbeiten. … Dann Griff ich einen Plan aus Soest auf: möglichst noch den Dr. Phil. zu machen und zwar in Pädagogik. … Ich hatte nämlich aus Biesenthal an Prof. Leser in Erlangen geschrieben, der sehr feine Bücher über Pestalozzi veröffentlicht hatte. Er erklärte sich bereit, eine Dissertation über die Religionspädagogik August Hermann Franckes annehmen zu wollen. So begann ich langsam mit den Vorarbeiten dazu.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 09.04.2026 11:24:37 Gelesen: 2474# 338 @  
Hallo zusammen,

ich musste eine längere Pause machen, aber jetzt geht es mit Großvater im Ersten Weltkrieg wieder weiter.



Diese Karte vom 12.07.1915 hat er in Wandlitz (Mark) aufgegeben. Er schreibt:
Abs. Werdermann 11/201, Biesenthal i.M., Genesungsheim
Liebe Eltern! Einen herzl. Gruß sende ich Euch von
einem Wagen-Ausflug, den unser ganzes Heim
hierher gemacht hat. Die Biesenthaler haben uns dazu
eingeladen. Das Wetter ist zwar etwas trübe u. naß,
aber das schadet weiter nichts. Ich fahre nun nach Berlin,
statt nach Stettin. Herzliche Grüße von Euerm treuen
Sohn Hermann
14. Juli 1915


Zusätzlich haben auf der Karte mehrere Personen unterschrieben. Es sind:
Herzlichen Gruß Elisabeth Zechlin
Viele Grüße Ruth Zechlin
Viele Grüße Gertraud Zechlin
Karl Roßbach
Ernst Bornemban(?)

Als Ergänzung wieder einiges aus den Lebenserinnerungen (Seite 161/162):
Im Genesungsheim hatten wir einen netten Tagesraum, 2 Treppen hoch. Dort saß sonst kaum jemand. So sah ich ihn fast wie „mein“ Arbeitszimmer an. Ich war täglich mehrere Stunden da und fing an, wieder richtig wissenschaftlich zu arbeiten. ... Dann Griff ich einen Plan aus Soest auf: möglichst noch den Dr. Phil. zu machen und zwar in Pädagogik. ... Ich hatte nämlich aus Biesenthal an Prof. Leser in Erlangen geschrieben, der sehr feine Bücher über Pestalozzi veröffentlicht hatte. Er erklärte sich bereit, eine Dissertation über die Religionspädagogik August Hermann Franckes annehmen zu wollen. So begann ich langsam mit den Vorarbeiten dazu.
Eine wesentliche Hilfe war mir die Bücherei des Biesenthaler Konsistorialrates Zechlin. Ich war gleich am ersten Sonntag in den Gottesdienst gegangen und hatte ihn predigen hören, ihn dann auch bald persönlich aufgesucht. Von ihm und seiner Familie wurde ich sehr freundlich aufgenommen. Ich wurde öfter zum Kaffee oder Abendbrot eingeladen. Es war eine rechte deutsche und erbgesunde Vollfamilie mit acht Kindern. Herr K.R. Zechlin war als Militäroberpfarrer in Wiesbaden, Danzig und Magdeburg gewesen. In den beiden letzten Garnisonen war er zusammen mit Mackensen und Hindenburg gewesen und wußte von diesen persönlich viel Unterhaltendes zu erzählen.
Am liebsten war es mir, daß ich bei K.R. Zechlin bald eine mir interessante Arbeit fand. Er war zwar schon fast drei Jahre in Biesenthal; aber seine Bücherkisten hatte er erst zum kleineren Teil ausgepackt. So übernahm ich das Auspacken, Aufstellen und Einordnen in einem besonders kleinen Bibliothekszimmer neben seinem Arbeitszimmer. ...
Bald trat er mit einer neuen Bitte an mich heran. Die 2. Pfarrstelle im Ort, wozu auch die Betreuung von Daneberg und Rüdnitz gehörte, war unbesetzt. Nun sollte ich aushelfen, bzw. diese Stelle verwalten! Dr. Hirsch gab die Erlaubnis. So sagte ich zu. Von da an predigte ich sonntäglich in diesen beiden Orten… Nach einiger Zeit wurde Konsistorialrat Zechlin krank und musste vier Wochen nach Wiesbaden zur Kur. Da verwaltete ich, als verwundeter Kriegsfreiwilliger, die beiden Pfarrstellen, auch mit den vorfallenden Trauungen und Beerdigungen.


Es war gut, dass Großvater die Arbeit bezahlt bekam. Der Sold von 10 Reichspfennig war sehr wenig.



Im August 1915 ist Großvater in Wünsdorf b/ Zossen. Am 14.08.1915 schreibt er diese Karte an seine Eltern, die er in Berlin aufgibt.
Liebe Eltern! Recht bunt u. ungemütlich sind hier unsere Tage; aber
das hilft nichts, wenn man es nach dem stillen u. gemütlichen Bie-
senthal auch stark empfindet. Vielleicht oder hoffentlich werde ich jedoch bald
aus dem jetzigen Zustand befreit. Gestern kam nämlich von der Feld-
probstei der telegraphische Wunsch, mich für eine Lazarettpfarrstelle frei-
zu lassen. Potsdamer Bahnhof. Nach endlosem Umherlun-
gern u. Erledigen von Formalitäten bin ich glücklich zum Ersatz-
Bataillon überwiesen worden, das nun weiterhin über mich
entscheidet. Hoffentlich gelingt ein Los-gelassen-werden u. zwar
noch bald! Wenn ich etwas Genaueres weiß, schreibe ich Euch.
Herzl. Sonntagsgruß Euer Hermann


Demnächst erfahrt ihr, wie es mit Großvater weitergeht.

Viele Grüße
Volkmar
 

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