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Thema: Definition des Begriffs 'Qualität' bei Briefmarken
Richard Am: 06.04.2008 14:29:23 Gelesen: 11216# 1 @  
Altsax hat gestern im BDPh Forum geschrieben. Besonders der vorletzte Absatz gefällt mir sehr gut. Hier seine Ausführungen:

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Wer den Versuch unternimmt, den Begriff "Qualität" in Bezug auf Briefmarken eindeutig zu definieren, wird scheitern.

Eine Problematik ist dadurch entstanden, daß ein Interesse daran besteht, Briefmarken als Handelsobjekte in "Klassen" einzuteilen, um auf diese Weise Vergleichbarkeit in Bezug auf die Preisbemessung herzustellen.

Das führt dann zwangsläufig zu Abgrenzungsproblemen beispielsweise zwischen "kurzen Zähnen", "üblicher Zähnung", "einwandfreier Zähnung" etc.

Über die Frage, ob Briefmarken mit Prüfzeichen noch "postfrisch" sein können, ließe sich promovieren.

Grundsätzlich ist ein "angemessener Preis" exakt der, auf den sich Käufer und Verkäufer einigen können. Dazu gehört, daß der Zustand des Kaufobjektes geklärt ist. Es müssen folglich die nicht mit bloßem Auge erkennbaren Eigenschaften ermittelt worden sein. Wenn Käufer und/oder Verkäufer dazu nicht selbst in der Lage sind, müssen sie sich auf einen neutralen Fachmann einigen. Üblicherweise wird das bei höherwertigen Briefmarken ein Verbandsprüfer sein, was aber natürlich nicht zwingend ist.

Die Einordnung in die üblichen Kategorien "Pracht", "Kabinett", "Luxus" ist dazu denkbar ungeeignet, weil erstens zu grob und zweitens individuellen Ansichten unterliegend.

Selbstverständlich gibt es auch oberhalb der Kategorie "einwandfrei" noch Qualitätsabstufungen, die sich auf die Wertschätzung des Objektes und damit auf den Preis auswirken.

Ich bin einmal auf Unverständnis bei Sammlerkollegen gestoßen, weil ich bereit war, für eine in jeder Hinsicht perfekte, gestempelte Sachsen Mi 4 über 200% des Michelwertes zu zahlen (eine "nur einwandfreie" ist auch für 10% des Michelwertes nahezu unverkäuflich). Ich habe mit dem Rat geantwortet, man möge doch in den eigenen Beständen nach einem gleichwertigen Exemplar suchen, ich sei bereit, diesen Preis für jedes Fundstück zu entrichten. Auf entsprechende Meldungen warte ich bis heute.

Man kann je nach Anspruch und Ausgabebereitschaft mit jeder Qualitätsstufe Freude haben. Wichtig ist lediglich, daß man sich über die jeweilige Beschaffenheit und deren Marktwert im Klaren ist.
 
Georgius Am: 06.04.2008 16:52:52 Gelesen: 11203# 2 @  
@ Richard [#1]

Hallo Richard,

mir gefällt die Beurteilung des Qualitätsbegriffes durch den Verfasser wirklich gut. Er trifft den Nerv der Sache.

In Norddeutschland sagt man dazu zwar auf plattdeutsch: "Wat den en sin Ul, is den annern sin Nachtigall !"

Schöne Grüße zum Sonntag
Georgius
 
Günther Am: 28.03.2010 12:20:23 Gelesen: 10448# 3 @  
Ich bin auf die Diskussion „Definition des Begriffs Qualität bei Briefmarken“ gestoßen und frage mich, ob diese EINE Antwort die Einstellung aller Teilnehmer des Forums widerspiegelt.

Richard hat in seinem konzentrierten „Aufmacher“ schon unheimlich viel Wissen um dieses Thema verpackt. Die einzige Antwort war, jeder soll sammeln was er will.

Ich denke, das war gar nicht die Frage, das wurde sogar ausdrücklich bestätigt.

In einer ganzen Reihe von sonstigen Diskussionen wird jedoch immer wieder vom „Wert“ des Gesammelten gesprochen. Das sind, so meine ich, Sammler, die erst mal von ihrem Hobby, wie alle anderen auch, begeistert sind, die jedoch etwas mehr erwarten. Sie sammeln auch, weil sie eine positive Wertentwicklung nicht unbedingt ausschließen wollen. Sie wollen nicht wertloses teuer einkaufen, nicht Opfer billiger Geschäftemacherei werden, suchen einfach Wege.

Ein Mineraloge schippt in seine Sammelvitrinen kaum eimerweise Steine aus seinem Vorgarten, Münzsammler haben klare Qualitätsbeschreibungen und -unterschiede und Sammler von Oldtimern haben sicher keine durchrostete 51er VWs in ihren Remisen stehen.

Qualität ist meiner Meinung nach das Geheimnis allen erfolgreichen Sammelns. Nur, wie definiert man beim Briefmarkensammeln „Qualität“? Gibt es eine grundsätzliche Qualitätsbasis, auf der dann alles Sammeln aufbaut?

Ich behaupte einfach mal, daß Neuheiten-Abonnements zu 99 % Verlustgeschäfte sind. Standardmarken der vergangenen 55 Jahre sind heute bis zu 95 % unter ihrem ehemaligen Postpreis zu bekommen (x-fach höheres Angebot als Nachfrage), für noch gültige erhält man 90 bis 95 %, daß unprüfbar gestempelte Briefmarken wertloser Massenschrott sind und alle Produkte, die speziell für Sammler hergestellt werden (FDC, ETB, Jahrbücher usw.) nie einen Verkaufswert erreichen werden. Katalogpreise sind „HändlerVERkaufspreise“, wären dort „HändlerEINkaufspreise“ vermerkt, würde man überwiegend € 0,00 lesen können.

Gründe für das alles? Es fehlen einfach(ste) Qualitätsmerkmale!

Nachdem ich gerade die aktuelle Diskussion „Dänemark“ gelesen habe, möchte ich lieber noch einmal darauf hinweisen, daß ich nur die anspreche, die sich Gedanken um diese Thema machen (wollen). Ansonsten gilt wirklich: jeder soll so sammeln wie er es für richtig hält. Keine Kritik, nur der egoistische Versuch, selbst einen guten Weg zu gehen.

Ich wünsche einen schönen Restsonntag

Günther
 
Jahnnusch Am: 28.03.2010 14:19:28 Gelesen: 10433# 4 @  
Hallo Günter,

wir schauen uns jetzt einen Diavortrag über China an den der Rhönklub veranstaltet. Und dann werden wieder Briefmarken sortiert. Von 10 Stück wird die Beste mit schönem Rundstempel, ob noch alle Zacken dran sind und ob sie auch von hinten sauber sind, gesammelt. Der Rest wird in 100 Bündel gewickelt und brachte früher mal 1 - 2 Mark (Paketemacher) heute auch unverkäuflich. Nur damit einem die Zeit nicht langweilig wird. zicke zacke - ist das nicht ein schöner Briefmarkensammlergruß ?

Jürgen
 
wiener Am: 28.03.2010 14:48:34 Gelesen: 10422# 5 @  
@ Günther [#3]

Hallo zusammen,

ich bin auf dieses Thema eher zufällig gestoßen, ist doch sehr interessant ! Die Qualitätsmerkmale sind ein riesiges Gebiet und die Meinungen sind vielfältig. Ich verweise auf die Tatsache das der "österr. Prüferpapst" Dr. Ferchenbauer einen ganzen Vortrag zum Thema Klassik und postfrisch gehalten hat !

Wie schon Richard ausführt kommen zu allen objektiven Kriterien wie z.B.Zähnung, Stempelabschlag etc. noch die Tatsache hinzu um was es sich konkret handelt. Eine Marke welche es echt gestempelt so gut wie nie gibt muß ich, nur als Beispiel, anders bewerten wie eine Standartware wo ich unter 100 die Schönste wähle.

So komme ich am Ende auch wieder dort hin: Je mehr man an Fachwissen hat, umso eher die richtige Einschätzung, sonst eben jeder wie er will !

Grüße
wiener
 
Lars Boettger Am: 28.03.2010 18:37:57 Gelesen: 10389# 6 @  
@ Günther [#3]

Hallo Günther,

in den USA wird das Thema Qualität fast wissenschaftlich behandelt (Stichwort "Grading"). Informationen dazu erhälst Du auf den Seite der Professional Stamp Experts und der Philatelic Foundation. Qualitätsbegriffe werden auch im Michel und in anderen Handbüchern festgelegt (hat nur wieder keiner gelesen. =)

Ich sehe eher ein anderes Problem: Wer von uns kann sich einen kompromisslosen Qualitätsbegriff leisten? Wenn ich nicht beliebig viel Geld habe, dann muss ich - insbesondere wenn ich Stempelsammler und/oder Postgeschichtler bin (bitte keinen Streit um die Definition) oft ein Auge zudrücken. Wenn nur eine handvoll Stempelabschläge bekannt sind, ist mir die Markenqualität egal. Wenn es sehr seltene und teure Marken sind, die ich zur Vervollständigung benötige, dann bin ich bereit, Abstriche zu machen.

Das heisst nicht, dass ich die Markenqualität ignoriere. Schlechtere Stücke werden konsequent ausgetauscht. Aber bei Unikaten bzw. Raritäten wird es halt schwierig. Oder ich lasse zu, dass meine Sammlung nicht vollständig ist - und als Aussteller kann ich so was nicht akzeptieren.

Beste Sammlergrüsse!

Lars
 
10Parale Am: 25.01.2015 14:12:26 Gelesen: 6919# 7 @  
@ Richard [#1]

ist dieses Thema tatsächlich schon ausdiskutiert?

Unten abgebildete Briefmarken (United States / Issue of 1861-1866, perforated 12, Printed by the National Bank Note Co.) sehen übel aus, keine Frage. Sie zeigen Thomas Jefferson, George Washington und Abraham Lincoln.

Hintergrund dieser Marken ist der tobende amerikanische Bürgerkrieg, der von 1861 - 1865 dauerte und mit der Niederlage des Südens endete.

Mangels Münzen wurden diese Marken auch teilweise als Wechselgeld eingesetzt. Abraham Lincoln war Präsident in jenen Jahren, er wollte die Sklaverei abschaffen und eine Spaltung der Staaten verhindern, die wirtschaftlichen Interessen des Südens standen dem jedoch entgegen. 600.000 Soldaten verloren ihr Leben.

Nun erhalten meiner Ansicht nach diese Marken durch diese Ereignisse historische Qualität, deshalb werde ich sie vor der Schrottpresse bewahren, auch wenn sie sich mit einem "kompromisslosen Qualitätsbegriff (#6)" nicht messen können.

Ich habe großes Verständnis für Qualitätsmerkmale und deren strenge Einhaltung zur Klassifizierung und Preisfindung. Wir haben alle nicht beliebig viel Geld (wir sind alle nicht EZB und können kein Geld drucken - das ist strafbar), wie Lars Boettger sehr gut ausführt. Ich bin froh, wenn ich diese Briefmarken zeigen kann, um die historische Authentizität als ein Mittel zu nutzen, Geschichte lebendig weiterzugeben.

Den Wert kann ich vernachlässigen. Philatelie ist nicht immer "Geldanlage" in Zeiten niedrigster Zinsen.

Liebe Grüße

10Parale


 
Holzinger Am: 25.01.2015 14:54:08 Gelesen: 6899# 8 @  
@ 10Parale [#7]

Genau, so sehe ich das auch.

Noch ein Gedanke dazu:

Wenn einige Sammler der Meinung sind das derartige Erhaltungszustände nicht sammelwürdig sind - ihre Meinung. Ich gebe aber zu bedenken, das jede im Papierkorb gelandete Marke unwiderruflich weg ist. Jeder, der in den Kinderjahren angefangen hat zu sammeln, wollte doch eine möglichst "alte" oder besonders "schöne Marke mit Motiv" haben. Alles andere hat sich doch erst im Laufe der Jahre/des "Sammlerlebens" entwickelt.

Leider fehlt in unserem Hobby diese breite/untere Basis fast völlig. Sollte sich da noch einmal etwas ergeben, dann ist das billige Material weg. :-(

Für Farbvergleiche usw. ist der Zustand eigentlich auch unerheblich. Gerade bei solch alten Marken der USA macht es Spaß nach Abweichungen in Druck und Farbe zu suchen. Nicht alles steht im Michel. :-)

Ich habe auch noch Marken mit schlechterem Zustand im Bestand.

In den unterschiedlichen Ländern - und auch Zeiten! - gibt es unterschiedliche Proritäten:

Sauber zentrierter Druck / sauber gezähnt / sauber voll gestempelt / nur Viertelstempel / ... usw. Und jede dieser Richtungen hat andere Ansprüche an die Qualität. Nur wer auf den "Geldwert" schaut, hätte gerne alles - muß sich dies aber auch leisten können !
 
Heinz 7 Am: 25.01.2015 15:20:11 Gelesen: 6877# 9 @  
@ 10Parale [#7]

Hallo 10 Parale,

die Qualitätsfrage ist für die Preisfindung sehr wichtig! Marken mit Mängel erfahren in der Regel starke Preisabschläge. Bei Marken/Belegen/Stempeln ohne besonderen Wert ist dann eine Marke/Beleg/Stempel mit Mängeln in der Regel wertlos (Verkaufswert aus der Sicht des Besitzers: Null).

Natürlich sieht für den Sammler das ganz anders aus. Viele beschädigte Marken geben uns beim Studium der Ausgabe wertvolle Hinweise, denn beschädigte Marken haben einen grossen Vorteil; sie sind in der Regel echt! Papier, Wasserzeichen, Druckbesonderheiten, Farbnuancen können so gut studiert werden. Der zweite Vorteil ist: Sie sind in der Regel sehr preisgünstig zu bekommen.

Da liegt dann aber auch das Problem. Viele Marken/Belege/Stempel sind zwar selten und haben einen hohen Katalogwert. Werden sie mit Mängel angeboten, sind sie oft sehr "billig" und viele Sammler meinen dann, sie hätten jetzt ein "Schnäppchen" gemacht (sie "rechnen sich reich"). Das ist aber ein grosser Trugschluss. Marken mit Mängeln habe oft einen Verkaufswert von nahe oder gleich Null.

Darum: falls man wirklich eine hochpreisige Marke/Beleg/Stempel will, soll man grundsätzlich die qualitativ beste nehmen, die man bekommen kann. Auch wenn das "teuer" aussieht - meist haben GENAU DIESE "teuren" Marke/Beleg/Stempel dann nachhaltig einen Wert, der sich bei einem späteren Verkauf sogar wieder realisieren lässt, zumindest zum Teil.

Die Preisfindung ist etwas vom Schwierigsten für uns Philatelisten. Aber es ist auch spannend.

Heinz
 
Vernian Am: 25.01.2015 15:45:07 Gelesen: 6861# 10 @  
Wie schon ausgeführt:

Zum einen ist eine gewisse Definitionsbreite über "Qualität" nötig. Zum anderen muß jeder für sich selber definieren WAS er in seine Sammlung aufnimmt oder wie viel er bereit ist für etwas zu zahlen. Letztlich hängen diese beiden Kriterien davon ab, in welchen Mengen etwas verfügbar ist. Jede in breiter Masse erhältliche Marke sollte natürlich höchsten Ansprüchen an die Qualität genügen um gekauft oder / und in eine Sammlung aufgenommen zu werden. Je schwieriger es jedoch wird eine bestimmte Marke / Stempelung / ... überhaupt zu finden, je seltener also nach bestimmten Kriterien etwas ist, desto höher sollte die Bereitschaft sein dann auch Abstriche bei Qualitätskriterien (und Preis) zu sein.

Während ich im Allgemeinen mich bemühe nur "beste Qualität" in meine Sammlungen aufzunehmen, bin ich in gezwungen bei einem meiner Sammelgebiete einfach Abstriche zu machen. So manche Marke ist in diesem Sammelgebiet so selten zu finden, daß jegliche Erhaltungsform akzeptiert ist, bei anderen gibt es einfach "übliche" Erhaltungszustände, die in anderen Sammelgebieten als "Knochen" in die Tonne wandern würden.

Und im Laufe der Jahre habe ich so einige Marken meines Gebietes gefunden, die noch nicht einmal im Katalog erfasst sind, also a priori von deren Existenz noch nicht einmal etwas bekannt war, und welche somit (fast) schon Unikate sind, zumindest so lange bis eine gleiche Marke auftaucht. Was in einigen, aber nicht allen Fällen tatsächlich irgendwann der Fall war. Entspricht nun aber ein solches Unikat in seiner Erhaltung nicht irgendwelchen sonst üblichen Qualitätsansprüchen und würde ich es daher entsorgen, dann würde ich ein Zeitdokument spurlos beseitigen... Sobald ein gleiches, aber besser erhaltenes Stück auftaucht, wäre das möglicherweise eine Überlegung, falls man dem nun nicht mehr Unikat im schlechteren Zustand nicht einen besonderen monetären Wert beimisst oder wüsste, das andere Sammler daran Interesse haben könnten.

Qualitätskriterien zu definieren ist eine Sache. Die Art und Weise der Anwendung dieser Kriterien darf aber nicht über einem dokumentarischen Wert gestellt werden. Wäre dem so, dann würde die rote British Guyana und auch so manch andere Rarität nicht mehr existieren, weil sie schon lange wegen Qualitätsmängeln entsorgt worden wären.

Vernian
 
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