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Thema: Luftpostaustausch England - Schweiz im 2. Weltkrieg ?
Bodo35 Am: 26.06.2008 15:15:57 Gelesen: 12466# 1 @  
Ich hatte gestern einen Luftpostbrief aus England in der Hand der mit 6 Schilling frankiert war. Gelaufen als Luftpost/Express/Einschreiben in die Schweiz. Mit schweizer Ankunftstempel Juli 1942, Gesamtlaufzeit 16 Tage.

Jetzt frage ich mich wie ist der Brief befördert worden? Gab es ein Abkommen mit der Schweiz? Hatte die Schweiz ein Postflugzeug was die Post aus England abholte? Wer kann mir weiterhelfen?

Bodo35
 
doktorstamp Am: 26.06.2008 20:39:22 Gelesen: 12451# 2 @  
@ Bodo35 [#1]

Während des Krieges, die Aufrichtung erfolgte kurz zuvor, gab es Ämter deren Aufgabe es war Post an Kriegs- bzw. Neutralstaaten zu leiten.

Möglich war Neutral an Neutral, lief aber durch einen an dem Krieg beteiligten Staat.

Kriegsstaat an Neutralstaat und umgekehrt.

Kriegsstaat an Kriegsstaat, und lief durch ein oder mehrere Neutralstaaten.

Die mir bekannte Ämter waren in London, Haarlem, Ebsbjerg, und Göteborg, auch in Berlin hat es ein ähnliches Amt gegeben.

Austauschstädte waren Lissabon und Göteborg u.a.

Viel hierüber steht unter Schloss und Riegel, zumindest was England betrifft. Zufällig habe ich einen Kumpel, dessen Vater in dem Londoner Amt gearbeitet hat.

Zu Kriegszeiten unterstand das Amt in England der Abwehr, nach dem Kriege ging es unter der Obhut des Auswärtigen Amtes über. Das Amt in Berlin unterstand auch der Abwehr.

Die in Haarlem und Ebsbjerg waren natürlich unter Deutscher Aufsicht.

Alles was durch diese Ämter lief wurde gelesen, es folgten aber keinerlei Zensurvermerke. Der Grund warum diese Ämter nicht so verbreitet sind liegt daran, das jeder gegen das Gesetz verstiess, einem feindlichen Land Hilfe zu leisten, was zu der Zeit die Todesstrafe mit sich brachte.

Bloss die Leitvermerke (Transitstempel) und ähnliches beweist die Existenz dieser Ämter.

Allzuviel ist hierzu nicht geschrieben worden. Ich kenne ausser meinem Kumpel noch zwei Herren hierzulande die in Geschichte Klarheit zu bringen versuchen.

Wohl hat es noch andere gegeben. Die aber hier zu nennen wäre reine Vermutung.

mfG

Nigel
 
Bodo35 Am: 27.06.2008 09:18:16 Gelesen: 12436# 3 @  
Hallo,

danke ersteinmal für die Erklärung, ist echt interessant. Leider weiß ich immer noch nicht wie nun der Brief mit Luftpost befördert wurde, denn ich denke mir das ein Flugzeug welches aus Richtung England kam, von der deutschen Luftabwehr gesehen wurde und daraufhin ja sicher auch beschossen.

Wie kann ich mir das mit dem Beförderungsmittel vorstellen?

Bodo35
 
Bodo35 Am: 30.06.2008 21:11:43 Gelesen: 12398# 4 @  
Hat denn keiner genauere Angaben darüber oder zumindest eine gute Vermutung, die man hier eventuell diskutieren kann?

Bodo35
 
duphil Am: 30.06.2008 21:44:48 Gelesen: 12393# 5 @  
@ Bodo35 [#4]

Hallo, Bodo35!

Na gut. Ist es möglich, eine Abbildung des Belegs zu bekommen? Oder zumindest zu erfahren, wer der Empfänger in der Schweiz war? Ist es ein Privatbrief, ein Geschäftsbrief oder vielleicht ein Brief an das Rote Kreuz? Vielleicht Kriegsgefangenenpost?

Mit ein paar Informationen mehr ließe sich sicher trefflich spekulieren!

Mit freundlichen Gruß
Peter
 
Jürgen Witkowski Am: 30.06.2008 21:47:42 Gelesen: 12391# 6 @  
@ Bodo35 [#4]

Ein Bild des Beleges mit allen Einzelheiten wäre bestimmt hilfreich. Möglicherweise kommt dem einen oder anderen dann doch noch eine Idee. Wenn doctorstamp schon nicht so recht weiter helfen kann, wird es schwierig.

Bis 1942 könnte der Verkehr über unbesetzte Teile von Frankreich gelaufen sein. Vielleicht ist der Beleg, der ja in 1942 gelaufen ist, durch Kriegsaktivitäten nur verzögert weiter geleitet worden.

Auf dieser Seite findest Du Informationen zur Schweizer Feldpost im 2. Weltkrieg. Sie befasste sich auch mit dem Postaustausch ziviler Post aus den kriegsführenden gegnerischen Ländern, die über das Rote Kreuz in Genf kam.

http://www.gebrueder-duerst.ch/feldpost/geschichte/6_feldpostdienst_aktivdienst_1939_1945.htm

Mit besten Sammlergrüßen
Jürgen
 
Schmuggler Am: 09.07.2008 12:46:29 Gelesen: 12333# 7 @  
@ Bodo35 [#3]

Durch Deine Bitte nach einer "Vermutung" fühle ich mich (philatelistisch) entkrampft und kann wie folgt beitragen:

Es gab einen Spezialsammler auf diesem Gebiet aus Frankfurt/M., welcher zwischenzeitlich aber verstorben ist (Herr F. Muche). Er arbeitete zusammen mit Herrn Schneider ("Philabooks"), auch Ffm, das Thema "Transatlantik" auf, möglicherweise haben die beiden auch ein Buch darüber veröffentlicht.

Daher weiß ich vom hörensagen und miterleben, dass Briefpostsendungen aus dem Deutschen Reich nach USA und GB ab einer bestimmten Zeit (welche?) via der Schweiz nach Spanien gingen. Dort erfolgte die englische Zensur, meist ohne Zensurmerkmale - Spanien war ja "neutral", die Zensur jedoch durchaus möglich: Beide Länder könnten davon profitiert haben.

Von Spanien soll die Post via Island (oder war es Neufundland?) per Flugzeug nach USA bzw. GB gegangen sein, was z.B. zu der skurrilen Situation führte, dass Sendungen aus Dänemark nach GB über Berlin und Wien in die Schweiz (Zürich) gingen und dort über den Postweg "neutrales Ausland" wie beschrieben "hintenrum" nach GB transportiert wurden.

Dieser scheinbar 6eckige Weg hatte um 1940 einen besonderen Sinn: Die Post von deutschen Banken mit Vermögen in der USA sollten zensurfrei in die USA an die dortigen Geschäftspartner kommen. Um 1940 war der Weg z. B. von Berlin nach Prag per Luftpost. Von Prag per Luftpost nach Moskau (es war noch kein Krieg zwischen diesen, dem Deutschen Reich und der UdSSR). Von Moskau via der Transsibirischen Eisenbahn über Wladiwostock nach Japan und von dort (teilweise über Hawaii) in die USA per neutralen Schiffen, ohne britische Posten berührt zu haben.

Kurz: Trotz aller kriegerischen Gegebenheiten gab es immer und zu jeder Zeit einen Weg zu dem Empfänger, ohne irgendwie und -wo beschossen zu werden. Letztendlich profitierte ja auch das Reich selbst von dieser Kommunikation auf verschlungenen Wegen, denn wie sollten sonst die Rohstoffe oder Fertigprodukte im Ausland bestellt werden?

Vielleicht noch eine Information: Die schweizer "Schaltstelle" für Bahnpostsendungen in das neutrale Ausland soll sich in Besancourt, einem Eisenbahn-Schnittpunkt nahe der schweizer Grenze, befunden haben.

Alles ohne Obligo, da nicht mein Sammelgebiet.
 
Schmuggler Am: 10.07.2008 12:33:29 Gelesen: 12309# 8 @  
Der im Posting [#7] von mir verwendete Ausdruck "Zensur" dürfte nicht den Regularien entsprechen; setzt bitte statt dessen das neutrale Wort "Beobachten" - das wird auch der politisch-britischen Position in Spanien gerechter, da bisher keine zurückgewiesene bzw. zurückgesendete Briefpostsendung bekannt geworden sind.

Im Posting [#6] hat Concordia den Link zur Schweizer Feldpost gesetzt, ein ohne Zweifel sehr interessanter und grundsätzlicher Beitrag zu dem Thema. Was aber nicht in dem Beitrag steht, da es möglicherweise nicht unter das Thema "Feldpost" fällt: Die Schweiz unterhielt gegen Absprache mit dem Deutschen Reich im Russland-Feldzug ein Lazarett unter der Fahne des Roten Kreuz, aber verwendet wurde es entgegen den Absprachen für verletzte SS-Dienstgrade, statt Wehrmachtsangehörige.

Hintergrund dieser schweizer Maßnahme war die (verständliche) mangelnde Erfahrung schweizer Militärärzte mit Verletzungen aus der "modernen Kriegsführung".

Zu diesem Komplex gab es bereits in der Vergangenheit ausführliche Artikel (Wer?, Wo, Was?, Wann?) - diese von mir allgemein genannten Fakten wurden bereits ebenfalls von Herrn Fred Muche (siehe Posting [#7] erarbeitet. Wie die Postsendungen der schweizer Sanitäter von Russland in die Schweiz kamen, ist mir nicht bekannt, auch nicht ob sie eventuell auch unter die Rubrik "Portofreiheit = Feldpost" fallen. Analog zur Frage von Bodo35: Postsendungen sind auch während eines Krieges grundsätzlich und immer überall hin möglich - aber nicht für Jeden überall hin. Der gewöhnliche Sammler legt solche Belege unbeachtet zur Seite/Wühlkiste - der Spezialist freut sich!

Noch eine kleine Ergänzung: Gegen Mitte/Ende des Krieges muß es einen schweizer (diplomatischen?) Kurierdienst für Post aus Berlin gegeben haben, welcher bis in den Mai 1945 noch "funktioniert" haben soll.

Jetzt habe ich fast einen Roman geschrieben. Jetzt bin ich wirklich sehr gespannt, wie sich der "rote Faden" zu einer allgemeinen Frage fort entwickelt - und wer zu meinen Beiträgen fundierte Ergänzungen, Fragen und Belegabbildungen (?) liefert. :-))

Salute!

Und wieder ab zur "Rohrpost in Berlin", auf bekannteres Terrain ...
 
Lacplesis Am: 21.07.2008 13:46:07 Gelesen: 12225# 9 @  
Die Post England-Schweiz lief in der Tat über Vichy Frankreich und Spanien.

Sehr zum Ärger der Deutschen, die immer wieder gegen die lasche Zoll-Überprüfung in Vichy-Frankreich Protest einlegten. Per Brief wurden seiner Zeit auch große Mengen (wenn auch winzig kleines) kriegswichtiges Material nach England verschickt. Z.B. Uhrwerk-Schräubchen, die in dieser Qualität nur in der Schweiz hergestellt wurden und von allen Kriegsteilnehmern z.B. für Zünder gebraucht wurden.
 
doktorstamp Am: 22.08.2008 16:11:05 Gelesen: 12086# 10 @  
@ Bodo35 [#1]

Neulich bei einem Treffen des RPSL habe ich einen nach dieser Beförderungsart gefragt.

Es gibt hierzu ein Buch:

WWII Mail from Switzerland to GB, Canada & USA, Charles le Blande

Seine Adresse

15091 Ridgefield Lane
Colorado Springs
CO 80921
USA

Das Buch soll im Eigenverlag erschienen sein, und vom Autor direkt zu beziehen. Es hat £ 20 gekostet was um die € 30 ist.

mfG

Nigel
 
ligneN Am: 15.08.2009 16:25:15 Gelesen: 11706# 11 @  
Hallo,

die Auslandsluftpost wurde über das neutrale Lissabon geleitet. Landweg wurde über die neutralen Schweiz/Spanien geleitet.

Literatur:

Proud, The Postal History of British Airmails. Alle Lauf/Leitwege und Tarife.

Und jetzt neu:

Proud: Intercontinental Airmails Volume I bis Volume III., 2008/2009

Die Proud-Bände kann man neuerdings auch in Deutschland bei Gärtner-Auktionen beziehen (siehe Website). Bei Bestellung aus dem Ausland kann das Porto bei den Schwergewichten nämlich heftig sein.

Gruß
LigneN
 
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