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Thema: Postagenturen: Der verzweifelte Kampf gegen die Post
Richard Am: 08.07.2008 23:04:09 Gelesen: 12208# 1 @  
David gegen Goliath: Der verzweifelte Kampf der Briefmarkenverkäufer gegen die Post

Report (07.07.08) - Es gehört wohl bald der Vergangenheit an - das gute alte Postamt. Immer mehr verlagert die Post Dienstleistungen wie Briefmarken verkaufen oder Päckchen annehmen in sogenannte Agenturen. Die gibt es dann im Schreibwarenladen oder auch mal in einem Blumengeschäft.

Nach REPORT MAINZ- Recherchen hatten viele dieser Agenturen in der Vergangenheit Probleme mit dem Postkonzern, wenn es um die Abrechnungen geht. Und diese Probleme werden jetzt für viele kleine Agenturbetreiber zur Existenzfrage. So ist es zum Beispiel bei Amalie Stahlberger, die hat unser Reporter Ulrich Neumann getroffen.

Bericht:

Zum letzten mal öffnet Amalie Stahlberger die Ladentür ihres Blumengeschäftes. Die 59-jährige Floristin gibt nach 35 Jahren auf.

O-Ton, Amalie Stahlberger, ehem. Postagenturunternehmerin:

»Mein Blumenladen war mein Lebensmittelpunkt. Und wenn ich ihn heute schließe, geht es mir natürlich nicht gut. Aber ich bin gezwungen meinen Blumenladen zu verkaufen, um die Schulden bei der Post zu begleichen.«

Von 1996 bis 2002 betrieb sie hier auch eine kleine Postagentur - so wie 7.500 Tante-Emma-Läden damals in ganz Deutschland. Probleme in diesem Zeitraum bei vielen Agenturen: Die Kasse stimmt nicht. Unerklärliche Minusbeträge treten auf.

Auch sie ist davon betroffen. Über 45.000 Euro will die Post von ihr. Ihren Blumenladen hat sie inzwischen schon verkauft. Ihr Haus verliert sie vielleicht auch. Amalie Stahlberger ringt inzwischen mehr als zehn Jahre mit dem Weltkonzern... In erster Instanz hat die Floristin verloren.

O-Ton, Amalie Stahlberger, ehem. Postagenturunternehmerin:

»Und heute da stehe ich vor dem Ende. Ja. Zehn Jahre danach. Zehn Jahre haben mein Mann und ich gekämpft, die Kinder gekämpft. Zahlen gewälzt, Computer, Excel-Tabelle erstellt, um dem Fehler auf die Spur zu kommen. Nichts!«

Woher kommen die Differenzen bei den betroffenen Kleinagenturen zwischen 1996 bis 2004? Die Agenturen haben sich immer wieder beklagt über die fehlerhafte Postsoftware EPOS.

In Gerichtsverfahren ist EPOS begutachtet worden, getestet allerdings nur an einigen wenigen Modellbuchungen. Ergebnis: EPOS arbeite fehlerfrei. Andere Gutachten dagegen, von den Gerichten nicht beachtet, stellen erhebliche Mängel bei EPOS fest.

Und dieses Software-System EPOS war zudem im täglichen Betrieb nachweislich mit Riesenproblemen behaftet. REPORT MAINZ liegen weit über hundert postinterne Dokumente vor. Nur einige wenige Zitate daraus: „Fehlerhafte EPOS-Version“, „bundesweites Programmchaos“, „Systemfehler“, „fehlerhafte Datensätze“, „Fehlbuchungen“.

Wir legen der ehemaligen Bundesjustizministerin diese postinternen Dokumente über EPOS vor. Ihre Einschätzung:

O-Ton, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, ehem. Bundesjustizministerin:

»Es ist in meinen Augen wohl offensichtlich, dass dies System damals eben absolute Funktionsdefizite hatte. Und Chaos da war.«

Die Post war selbst offenbar nicht in der Lage, simple Berechnungen ordentlich zu leisten. Ein Beispiel: Der Bonus der Blumenhändlerin, also die Erfolgsprämie, errechnet aus den erbrachten Dienstleistungen, wurden für ein und dasselbe Jahr vom Postkonzern dreimal korrigiert. Von anfangs fast 24.000 Mark schrumpft der Bonus auf schließlich 9.500 Mark.

Intensiv mit dem Thema Postagenturen befasst hat sich Professor Schwintowski. Der anerkannte Bankenrechtler über die Bonusberechnung:

O-Ton, Prof. Hans-Peter Schwintowski, Bankenrechtler:

»Dann fragt man sich natürlich schon, wie kann ein Zahlungs- und Abrechnungssystem solche unterschiedlichen Beträge auswerfen und ausweisen. Der einzige Grund, der mir dazu einfällt, ist, dass hier in der Software des Systems irgendetwas nicht stimmen kann.«

Trotzdem hat Amalie Stahlberger vor kurzem vor dem Landgericht Baden-Baden verloren - so wie viele andere Agenturnehmer auch. Warum? Die Agenturnehmer müssen beweisen, dass die Forderungen der Post falsch sind. Der Bankenrechtler Schwintowski hält das für unmöglich.

O-Ton, Prof. Hans-Peter Schwintowski, Bankenrechtler:

»Also ein Agenturnehmer, der beweisen muss, dass hier Fehlbuchungen vorgekommen sind, kann das nicht. Das kann er deshalb nicht, weil das System ja gegen ihn arbeitet und er das System nicht entwickelt und erfunden hat. Das heißt: Er ist praktisch chancenlos gegenüber der Post.«

Die Post behauptet seit Jahren stereotyp: Riesige Minusbeträge bei kleinen Agenturen seien nur Einzelfälle. Stimmt das? Wir stoßen auf interne Listen der Post und der damaligen Deutschen Postgewerkschaft. Darauf finden sich Dutzende Agenturen mit Differenzen bis zu 400.000 Euro. Einzelfälle?

Nein, sagt die Deutsche Postgewerkschaft 2001, wie erst jetzt bekannt wird, nach einer repräsentativen Umfrage unter Agenturen. 74 Prozent haben Kassenfehlbeträge, also Schulden. Haben etwa Tausende in die Kasse gegriffen?

Herbert Millmann vertritt die Interessengemeinschaft kleiner Agenturen. Die hat 2004 auch eine Umfrage gemacht, Ergebnis:

O-Ton, Herbert Millmann, Postagenturnehmerverband:

»Das Erschreckende an der Umfrage war, dass also weniger als zehn Prozent die Angabe gemacht haben, sie hätten keine Differenzen.«

Frage: Also die Mehrzahl hat offensichtlich Differenzen?

O-Ton, Herbert Millmann, Postagenturnehmerverband:

»So ist es.«

Hier in der Konzernzentrale wollte niemand mit REPORT MAINZ reden. Schriftlich heißt es erneut: Es handele sich um wenige Fälle. Das ist, wie gezeigt, nachweisbar falsch.

O-Ton, Herbert Millmann, Postagenturnehmerverband:

»Da von Einzelfällen zu sprechen, wenn quasi die Zahl in die Tausende geht, dass finde ich einfach nur dreist.«

Ein Riese gegen viele kleine Agenturnehmer. Rigoros besteht die Post auf ihren Forderungen und klagt diese vor Gericht ein.

O-Ton, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, ehem. Bundesjustizministerin:

»Ich appelliere an die Post und erwarte von ihr, dass sie diese Gerichtsstreitigkeiten nicht weiter treibt und die Postagenturinhaber ja in die Insolvenz und teilweise in den Ruin treibt.

(Quelle: http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=3563872/l48wu2/index.html)
 
Stempelwolf Am: 09.07.2008 21:08:18 Gelesen: 12183# 2 @  
Und jetzt bietet die Deutsche Post das kostenlose "stampit-Frankieren" an Private an. Abgebucht wird nur der Portobetrag. Nach dem Lesen dieses Artikels überlege ich mir das noch mal sehr gründlich.
 
wulbri99 Am: 09.07.2008 21:46:46 Gelesen: 12174# 3 @  
Es ist eine riesengroße Schweinerei das dieser Konzern sich gegenüber seinen Dienstleistern erlaubt. Man könnte ihm ja unterstellen, bewusst gehandelt zu haben um den Maximal-Profit zu erwirtschaften (erschleichen). Koste es auch die Existenz seiner "Partner".

Denn, wenn ich ein fehlerhaftes System, sei es auch nur leihweise, einem "Partner" überlasse um ihm die Abrechnung seiner Leistungen für mich zu ermöglichen, mache ich mich damit nicht strafbar?
 
Richard Am: 09.07.2008 23:28:40 Gelesen: 12162# 4 @  
Postagenturen: "Wir werden wie Betrüger behandelt"

Von Rainer Nübel und Joachim Reuter

Der Stern (07.07.08) - Bis 2011 will die Post weitere 700 Filialen durch private Agenturen ersetzen. Potenzielle Bewerber sollten jedoch beachten: Der Konzern geht gegen Agenturbetreiber vor, bei denen das posteigene Abrechnungssystem in der Vergangenheit hohe Fehlbeträge festgestellt hat.

Seit Jahren dünnt die Post AG kontinuierlich ihr Filialnetz aus und setzt beim Verkauf von Briefmarken und bei der Paketannahme auf die Kooperation mit Kleinhändlern und Lebensmittelläden. Derzeit gibt es bundesweit rund 8000 solcher Postagenturen. Sehr viele wickeln auch Bankgeschäfte für die Postbank ab. Doch viele der kleinen Händler, die zwischen 1996 und 2003 einen Vertrag mit der Post eingegangen sind, machten verheerende Erfahrungen, die sie nicht selten in den finanziellen und psychischen Ruin trieben: Obwohl sie häufig gute Umsätze machten, fehlte plötzlich Geld in der Kasse.

Das posteigene Abrechnungssystem "Epos", das den Agenturbetreibern zur Verfügung gestellt wurde, wies häufig Fehlbeträge in fünfstelliger Höhe aus - in Einzelfällen sogar bis zu 400.000 Euro. Die schockierten Agenturbetreiber sahen im posteigenen Computersystem "Epos" den Grund für die unerklärlichen Fehlbestände.

Doch die Post machte die Agenturbetreiber für die jeweilige Kassendifferenz verantwortlich, forderte die Fehlbeträge von ihnen zurück - und überzog viele mit Schadensersatzklagen. "Wir werden von der Post wie Betrüger behandelt, obwohl der Fehler nicht bei uns liegt", klagen Agenturbetreiber wie die badische Floristin Amalie Stahlberger, bei der die Post AG ein Minus von 45.214 Euro zuzüglich Zinsen per Gericht einklagt. Im Februar dieses Jahres musste sie nach 35 Jahren ihren Laden schließen.

Umfrage: Drei Viertel von Fehlbeständen betroffen

Stereotyp behauptete die Post AG lange Zeit, es handele sich bei den Fehlbeständen nur um "Einzelfälle". Eine Umfrage der Deutschen Postgewerkschaft im Jahre 2001 ergab jedoch: Von 742 befragten Agenturnehmern waren nur rund ein Viertel nicht von Kassendifferenzen betroffen. Insider gehen heute davon aus, dass mehrere hundert Agenturbetreiber ein massives Minus angehäuft haben. Alles Eigenverschulden von Kleinhändlern, die nicht richtig rechnen konnten?

Ihr Computersystem arbeite einwandfrei, es habe keinerlei Probleme oder Strukturfehler bei "Epos" gegeben, betont die Post hartnäckig. Und verweist dabei auf mehrere Gutachten der Post und Gerichte, die dies belegten. Tatsächlich attestieren Expertisen "Epos" eine fehlerfreie Arbeitsweise - allerdings nur bei Modellbuchungen von 20 bis 30 Aktionen und nicht im Volllastbetrieb. Der Stuttgarter Anwalt Ulrich Emmert, der zahlreiche Agenturnehmer vertritt, sagt: "Man kann bei einzelnen Buchungen nicht herausbekommen, ob sich bei einer Masse von mehreren hunderttausend Buchungen, wie sie faktisch bei Postagenturen der Fall sind, Fehler ergeben haben."

Noch gravierender sei der Widerspruch in der Argumentation der Post vor Gericht: "Sie räumt ein, dass Epos kein Buchungs-, sondern ein Erfassungssystem sei und dass die eigentliche Buchung bei der Post selbst erfolgt sei. Dennoch behauptet sie, der Buchungsfehler könne nur bei den Agenturnehmern liegen."

300 Mark als Ausgleich für “Unannehmlichkeiten”

Die Post erklärte gegenüber stern.de, die Ursachen für die Kassendifferenzen "liegen meist in unabsichtlichem Fehlverhalten wie beispielsweise Wechsel- und Herausgabefehlern sowie vergessenen oder fehlerhaften Buchungen." In Ausnahmefällen lägen die Ursachen "aber auch in vorsätzlichen Handlungen von Verkaufsmitarbeitern oder Kunden (Griff in die Kasse)".

Zahlreiche postinterne Dokumente, die stern.de vorliegen, zeigen derweil, dass es zwischen 1996 und 2003 immer wieder Probleme bei "Epos" gegeben hat, teilweise in erheblicher Form. So unterrichtete die Post etwa im November 1999 Filialen und Postagenturen darüber, dass "Soll-Ist-Vergleiche weiterhin nicht durchzuführen sind". Im Oktober 1999 bedauerte die Post-Zentrale gegenüber Agenturnehmern, dass eine "notwendige Software-Aktualisierung nicht vollständig und reibungslos vollzogen werden konnte". Man entschuldigte sich für "diese technischen Probleme und einige uns unangenehme Pannen in der Vergangenheit".

Als Ausgleich für die "Unannehmlichkeiten" wurden 300 Mark bezahlt. Auch im Jahr 2002, im Rahmen der Euro-Einführung, stellte man bei der Post fest, dass Agenturen "durch zusätzliche - eigentlich vermeidbare - Kassendifferenzen belastet werden". Außerdem sei es "zunehmend unmöglich, Kassendifferenzen aufzuklären".

CDU/CSU-Fraktion griff Beschwerden auf

Wie auch Recherchen des ARD-Politikmagazin "Report Mainz" ergaben, ist in postinternen Dokumenten wiederholt von "Systemfehlern", "systemtechnischen Unstimmigkeiten" und "Programmfehlern" die Rede. Im Jahr 2000 griff die CDU/CSU-Bundestagsfraktion das Problem der Abrechnung und Verbuchung bei der Deutschen Post AG sowie die Beschwerden der Postagenturen auf.

Der CDU-Politiker Elmar Müller, damals Vorsitzender des Beirates bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, erinnert sich noch gut daran, wie Post-Verantwortliche damals in der Sitzung nachdrücklich betonten: "Epos" arbeite völlig fehlerfrei. Was Müller bis heute wundert: "Kurz danach gab es aber eine weitere Version von Epos und wenig später noch eine."

Wie aus Post-Unterlagen hervorgeht, gab es keineswegs nur bei Betreibern von Postagenturen erhebliche Kassendifferenzen - sondern auch bei posteigenen Filialen. Mitarbeiter der Niederlassung Filialen Stuttgart wurden am 22. Januar 2003 darüber informiert, dass "die Kassenunterschiede sich im Jahr 2002 in unserer Niederlassung auch nach Beendigung der Euro-Umstellung nicht befriedigend entwickelt haben". Mit Stand vom 30. November 2002 habe man Kassenminderbeträge in Höhe von 761.147 Euro saldiert. Dadurch habe sich die Erlössituation des Unternehmens "erheblich verschlechtert".

Freiburger Gericht moniert mangelnde Fairness

In den gerichtlichen Schadensersatz-Verfahren gegen Agenturnehmer hat die Post bisher in fast allen Fällen obsiegt. Schmerzhaft für den "gelben Riesen" dürfte jedoch die jüngste Entscheidung in Freiburg sein: Das dortige Landgericht wies im Juni die Klage der Post gegen einen Agenturbetreiber zurück, von dem sie 11.932 Euro zurückfordert. Er war im Jahr 2001 die Kooperation mit der Post eingegangen. "Fairerweise", so das Gericht unter anderem in der Urteilsbegründung, hätte die Post den Agenturnehmer auf die zahlreichen juristischen Auseinandersetzungen hinweisen müssen, in die sie verstrickt gewesen sei, als dieser Interesse am Betreiben einer Agentur gezeigt habe.

Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte jetzt gegenüber "Report Mainz", es sei wohl offensichtlich, dass das posteigene Computersystem zur fraglichen Zeit "absolute Funktionsdefizite" gehabt habe und "Chaos" bestanden habe. Sie erwartet von der Deutschen Post AG, dass sie diese Gerichtsstreitigkeiten nicht weiter treibe und die Agenturinhaber nicht in die Insolvenz und teilweise in den Ruin treibe.

(Quelle: http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/unternehmen/:Postagenturen-Wir-Betr%FCger/626329.html)
 
Richard Am: 25.11.2008 11:18:13 Gelesen: 11965# 5 @  
Die Post bedrängt ihre privaten Verkaufsstellen

Von Birger Nicolai

Die Welt (23.11.08) - Betreiber von Post-Agenturen verdienen mit ihrem Geschäft nicht viel Geld. Mit neuen Verträgen sorgt die Post dafür, dass es bei etlichen noch weniger wird.

Ängstliche Typen sollten den Job nicht machen. Vergangene Woche wurde im bayerischen Utting mitten am Vormittag eine Postagentur überfallen. Ein maskierter Mann drohte mit einer Waffe, verlangte Bares und verschwand später mit mehreren Tausend Euro in einer Plastiktüte. Besonders dreist war ein Räuber in Taunusstein: Er kam im schwarzen Kostüm mit weißem Skelettaufdruck in einen Postladen, zückte eine Pistole und konnte mit 20 000 Euro türmen. Den Ladenbesitzer sperrte er in der Toilette ein. Das war an Halloween.

Wer für die Post arbeitet, muss mit Raubüberfällen rechnen. Jetzt kommt es etlichen Agenturbetreibern aber so vor, als sei die Post selbst der Räuber. Unter dem Titel "7.0 Vertriebskooperationsvertrag" stellt der Bonner Konzern gerade die Agenturverträge von bundesweit 7000 Verkaufsstellen um. Kernpunkt dabei: Es gibt fortan viel mehr variable und deutlich weniger pauschale Bezahlung.

Dadurch trägt in Zukunft jeder Betreiber selbst das Risiko, wie das Geschäft gerade läuft. Aus den eigenen Filialen aber weiß die Post längst, dass der Verkauf von Briefmarken, Paketen oder anderen Postangeboten seit Jahren rückläufig ist. Angebote über das Internet oder den Packautomaten sind weitaus erfolgreicher, und sie werden diesen Trend verschärfen. Genau deswegen gibt die Post jedes Jahr einige Hundert Eigenbetriebe auf und an Agenturpartner ab.

Die Post behauptet zwar, die neuen Verträge seien für die Mehrheit der Agenturbetreiber neutral oder sogar besser. "Wir erwarten, dass sich 90 Prozent der Agenturen besser stellen", sagt Post-Sprecher Dirk Klasen. Daran mögen die Ladenbesitzer vor Ort aber nicht glauben. Ihr Lobbyverband erwartet, dass mindestens jede fünfte Agentur hohe Einbußen hinnehmen muss. Einzelne Geschäftsinhaber sehen das noch viel düsterer. "Umgekehrt wird es sein: 90 Prozent der Geschäfte werden weniger Geld bekommen und vielleicht zehn Prozent mehr", ärgert sich ein Agenturbetreiber aus Rheinland-Pfalz über die neuen Konditionen. Ebenso wie seine Kollegen möchte er den Namen nicht öffentlich preisgeben. Sie fürchten Repressalien der Post. (Der Redaktion sind alle erwähnten Agenturbetreiber bekannt.)

Dabei ist die Post auf ein gutes Verhältnis zu den Agenturpartnern angewiesen. Ohne sie kann der Konzern mit hohem Staatsanteil den Gesetzesauftrag, 12 000 Verkaufsstellen in Deutschland vorzuhalten, gar nicht erfüllen. Der Ärger aber kann schnell zum Flächenbrand werden und die Politik auf den Plan rufen. Als die Post das letzte Mal die sogenannten Partnerschaftsverträge änderte und die Bezahlung im Durchschnitt um rund ein Fünftel kürzte, gab es laute Proteste aus der Öffentlichkeit.

"Die Post hat sich jetzt wieder das Gröbste bis zum Schluss aufgespart. In diesen Tagen sind ganz die kleinen oder ganz großen Agenturen mit der Vertragsumstellung dran. Und die werden die größten Nachteile haben", sagt Torsten Modery, Chef des Postagenturnehmerverbandes. Zwar bietet die Post auch einen sogenannten Fallschirm-Vertrag an, mit dem sich die Agenturbesitzer für ein halbes Jahr die alten Zahlungen sichern können. Kündigt der Ladenbesitzer später aber doch den Vertrag, muss er das Geld zurückzahlen.

Die Details lassen nichts Gutes ahnen. Die Post hat die Grundvergütung für einzelne Agenturen von 800 Euro auf symbolische zehn Euro verringert. Das muss der Betreiber nun durch umsatzbezogene Einnahmen ausgleichen. Etliche Agenturen haben ausgerechnet, dass sie mindestens 20 Prozent weniger einnehmen werden. "Mir fehlen 100 Euro im Monat", sagt einer. Ein Jahr nach seinem Start sei dies ein herber Rückschlag.

Viele Agenturen sind Teil von Lotto-Läden, DVD-Verleihgeschäften, Copyshops oder Tankstellen. Rund 8000 solche Verkaufsstellen hat die Post, manchmal betreibt ein Partner mehrere davon. Im Durchschnitt bekommen die Ladenbesitzer in Westdeutschland 1500 Euro von der Post - das sind rund 300 Euro weniger als noch vor sechs Jahren. In Ostdeutschland liegt die durchschnittliche Einnahme bei etwa 1000 Euro. "Davon können Sie Ihren Mitarbeitern nicht den von der Post für Briefträger durchgesetzten Mindestlohn zahlen", klagt ein Agenturbetreiber. Der beträgt im Osten neun Euro.

Generell ist das Verhältnis zwischen Konzernen und Verkaufsstellen sensibel. "Es darf dabei nicht zu einem Lopez-Effekt kommen. Das Knebeln von Personen im Vertrieb ist sehr riskant", sagt Elmar Bröker, Chef einer Hamburger Unternehmensberatung, die sich auf derartige Organisationsformen spezialisiert hat. Die Post versuche, ein sterbendes Geschäft an andere weiterzureichen. Für die Agenturbetreiber werde das Überleben nun noch schwieriger.

Die Post zieht die Daumenschrauben nicht nur beim Geld weiter an. In Zukunft müssen viele Agenturbetreiber sicherstellen, dass sie genauso lange geöffnet haben wie der umliegende Einzelhandel. Haben Penny oder Lidl bis 22 Uhr offen, gilt das auch für die Agentur nebenan im Lotto-Laden. Das wird für den Betreiber teuer - es sei denn, er selbst steht hinter dem Post-Tresen und rechnet seine Arbeitszeit nicht.

Und dann fehlt oft auch noch die Ware. "Was nützt es mir, wenn ich in Zukunft je Paketmarke mehr Geld von der Post bekomme, ich aber gar nicht ausreichend Vorrat im Laden habe?", beschwert sich ein nordrhein-westfälischer Agenturbetreiber. Zuletzt musste er einen lukrativen Kunden fortschicken, der 100 Paketmarken kaufen wollte. Beschafft hat sich der Käufer die Marken dann über das Internetangebot der Post. Dieser Vertriebsweg kommt den Konzern günstiger als die Agentur. Auch das Bargeld für die Postbank-Schalter ist in den Agenturen oftmals knapp. "Das Geld, das mir die Post im Monat zur Verfügung stellt, reicht meist nur bis zur dritten Woche. Danach muss ich Kunden wegschicken und Ausreden benutzen", klagt ein Agenturnehmer aus Nordwestdeutschland.

"Ich wusste, dass ich mit einem Haifisch verhandele, der mir die Ohren abbeißen will. Aber dass er so radikal ist, habe ich nicht geahnt", sagt ein anderer Betreiber. Er hat, wie viele Kollegen, eine fünfstellige Summe für die Post investiert. Vier Mitarbeiter braucht er im Tagesbetrieb. Jetzt will er Druck machen: "Wir schließen uns zusammen. Wenn die Post in meiner Region einen von uns verliert, dann sind es gleich 50 Agenturen."

Einige unterschreiben den neuen Vertrag nur, weil sie ohnehin im nächsten Jahr aufgeben werden. "Was die Post seit der letzten Umstellung zahlt, war schon eine Frechheit. Das deckt nicht meine Betriebskosten", sagt eine Ladenbesitzerin. Sie hat die Nase voll. Für ein "besseres Hartz IV" will sie ihr Geschäft nicht weiterführen.

(Quelle: http://www.welt.de/wams_print/article2767809/Die-Post-bedraengt-ihre-privaten-Verkaufsstellen.html)
 
wulbri99 Am: 26.11.2008 10:47:27 Gelesen: 11937# 6 @  
Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.
 
privatpostsammler Am: 26.11.2008 14:09:30 Gelesen: 11922# 7 @  
@ wulbri99 [#6]

Das trifft auch meines Erachtens den Kern.

Da wohl die wenigsten die vielen Bände dieser Ausgabe in ihrer "Bibliothek" haben hier die passende Quellenangabe zu Deinem Zitat:

(K. Marx, Das Kapital, MEW 23, 801)
 
germaniafreund Am: 26.11.2008 18:10:40 Gelesen: 11907# 8 @  
@ privatpostsammler [#7]

Hallo Privatpostsammler,

Das Kapital von Karl Marx besteht nur aus 3 Bänden, also nicht so platzzehrend. Wobei nur der erste Band ihm zu zuordnen ist, da Band 2 und 3 nach seinem Tod verlegt worden und zum sehr überwiegendem Teil editorisch und damit sinninhaltlich durch Herrn Friedrich Engels beeinflusst (verfälscht) sind.

Es gibt Forscher welche den Band "Über die Entstehung des Privateigentums" je nach Ausgabe mit unterschiedlicher Nummer, als Band 4 des Kapitals verstanden wissen wollen. Aber da gehen die Meinungen auseinander.

liebe Grüße Klaus
 
privatpostsammler Am: 26.11.2008 18:32:40 Gelesen: 11902# 9 @  
@ germaniafreund [#8]

Danke für Deine Ergänzungen !

Aus meiner Sicht habe ich es auf eine geerbte Gesamtausgabe der Werke beider Herren bezogen (MEW) und diese ist (leider) recht platzintensiv.

Schöne Grüße Hans-Jürgen
 
mumpipuck Am: 22.11.2016 00:47:34 Gelesen: 4709# 10 @  
Der "verzweifelte Kampf" dauert nun schon lange und seit fast genau 8 Jahren ruht dieses Thema. Häufig wechseln die Betreiber der "Postfilialen im Einzelhandel", wie sie heute heißen. Aber einige Postagenturen sind inzwischen schon "Traditionseinrichtungen". So besteht die Postagentur im Service Center Luhmann von Jürgen Luhmann im Dorf Krummesse (Lange Reihe 10) nun schon 20 Jahre lang. Sie wurde am 16.09.1996 eingerichtet, nachdem zwei Tage vorher die Poststelle I im Ort geschlossen hatte. Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens erhielt der Betreiber von der Post unter anderem einen gerahmten Bogen mit 20 "Briefmarken individuell" mit dem Dank der Post - individuell für diese Postagentur, von denen ich hier eine zeige. Eine, wie ich finde, nette Geste im zitierten Kampf.



Das besondere an Krummesse ist die Zugehörigkeit eines Teils zur Hansestadt Lübeck und eines Teils zum Kreis Herzogtum Lauenburg. Die Grenze zieht sich im Zickzack mitten durch den Ort. Die Postagentur stand ca. 2005 vor der Schließung, da der lauenburgische Teil von Krummesse mit ca. 1.600 Einwohnern zu klein für eine Postagentur war. Man konnte aber belegen, dass man mit den ca. 1.000 Lübecker Krummessern als geschlossene Siedlung groß genug für eine Postagentur war. Die Aufteilung der Gemeinde in einen lauenburgischen und einen lübeckschen Teil mit einer kuriosen Grenzlinie stellt eine Besonderheit dar. So liegt die Postagentur im Lauenburgischen, während nach Aussage von Frau Luhmann beide Nachbarhäuser zu Lübeck gehören.

Die Postagentur führt seit ihrer Einrichtung den Stempel "23628 KRUMMESSE yz":



Die erste Postagentur wurde in "CRUMMESSE" 1886 eingerichtet.


 
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