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Thema: Altdeutschland Bayern: Briefe erklären
Das Thema hat 434 Beiträge:
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bayern klassisch Am: 22.04.2019 09:11:32 Gelesen: 3981# 410 @  
Liebe Freunde,



eine Retour - Recepisse (RR) der Briefpost aus Würzburg vom 11.4.1864 des Reichsrathes von Würzburg zu Würzburg nach Öttershausen bei Volkach an Verwalter Eberhardt lief unter Reco - Nr. 418 für 6 Kreuzer mit einem recommandirten Brief (leider hier nicht vorhanden) ab und traf am Folgetag in Volkach ein. Der dortige Landpostbote gab ihn mit dem Brief dem Empfänger zur Unterschrift ab und nahm in auch gleich quittiert wieder mit auf seine Tour.

Am 13.4. ging die RR wieder auf ihre Rückreise, wo sie am Folgetag in Würzburg eintraf und unserem Herrn Reichsrath zugestellt wurde.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 22.04.2019 09:19:14 Gelesen: 3979# 411 @  
Liebe Freunde,

heute zeige ich einen Teilfrankobrief aus München vom 8.4.1835 an:

Monsieur Monsieur le Chevalier J. G. Eynard aus soues de Monsieur Snell, Consul Suisse Rome



Nach dem Postvertrag Bayerns mit Österreich vom 1.5.1819 waren Briefe in den Kirchenstaat mit Leitung über Österreich bis zur bayer-österreichischen Grenze zu frankieren. Hier zahlte man 6 Kreuzer, die siegelseitig notiert wurden (bis Salzburg).

Österreich rechnete im Paket mit dem Kirchenstaat ab, weswegen öster. Taxen für dergleichen Briefe eigentlich obsolet waren (Österreich bekam je Unze = 30g 100 Bajocchi vom Kirchenstaat vergütet). Dennoch finden wir hier eine 13 Kreuzer Conventionsmünze in Rötel, die nirgendwo sonst auf den Brief gekommen sein kann.

Über Bologna (Grenzeingangspostamt des Kirchenstaats zu Österreich) lief er nach Rom, wo er am 16.4.1835 ankam und für 27 Bajocchi dem Empfänger ausgehändigt wurde.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 04.05.2019 10:02:47 Gelesen: 3208# 412 @  
Liebe Freunde,

üblicherweise wurden Armensachen mit A.S., oder mit Armen - Sache verschickt. Causa paupera ist da schon sehr selten und auch Arm: S. kenne ich kaum, daher war mir dieser Brief aus Lauf vom 8.9.1864 recht, der nämlich erst am 13.9.1864 zur Post gebracht und am Folgetag in Schweinfurt ausgetragen wurde.



Gerade bei Armensachen ist oft eine hohe zeitliche Diskrepanz vom Schreiben des Briefes bis zu seiner Postaufgabe zu erkennen - hier 5 Tage, die für mich nicht (immer) erklärlich ist. Den Inhalt habe ich beigefügt.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 24.05.2019 10:31:19 Gelesen: 2007# 413 @  
Liebe Freunde,

die kgl. Staats - Schuldentilgungs - Haupt Cassa in München schrieb am 15.11.1852 an die Kirchenverwaltung in Reuth eine portopflichtige Partei Sache, die man mit 9 Kreuzern taxierte (über 12 Meilen bis 1 Loth). Aber Reuth war das Problem, denn dieses gab es in Bayern mehrfach. Manuell fügte man "bei Weißenburg" und darunter "Landgerichts Hilpoltstein" bei, unterstrich die 9 und verfügte darunter "9 Xr Porto", als ob man das überlesen könnte.



Siegelseitig sehen wir einen Fingerhutstempel von Roth vom Folgetag und den Halbkreiser von Hilpoltstein. Und tatsächlich gab es in Bayern ein Reuth in der Oberpfalz (Postexpedition ab 1864) und die beiden Reuth bei Weißenburg und Hilpoltstein, denen beide (was für ein Zufall!) erst ab 1900 eine Posthilfsstelle zuteil wurde, die aber beide zum Oberpostamt Nürnberg gehörten und das hätte man in München auch wissen können.

Gab es mehrere Orte gleichen Namens, hatte der Absender dafür Sorge zu tragen, dass mit näherer Bezeichnung die Post keine Fehlversuche zu gewärtigen hatte, also eine klare Contravention in diesem Falle, auch wenn die schnelle bayerische Post noch die Zustellung am 16.11. bewirken konnte.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 25.05.2019 10:48:10 Gelesen: 1898# 414 @  
Liebe Freunde,

heute zeige ich eine kleine Besonderheit - Brief aus dem badischen Lahr vom 18.5.1867 nach Thann bei Simbach in Bayern, wobei die Postaufgabe erst in München am 21.5.1867 erfolgte. Die 3 Kreuzer reichten bis 1 Loth ohne Entfernungsbeschränkung innerhalb Bayerns - von Lahr aus hätten aber sowohl bis München, als auch bis Thann immer 9 Kreuzer frankiert werden müssen, so dass sich der Absender 6 Kreuzer gespart hat.







Inseitig sehen wir 2 Seiten mit vielen Angaben - und den Original - Postschein von Thann vom 13.9.1867 an unseren Absender in Lahr, der den Versand eines Wertbriefes mit 9/10 Loth Gewicht über 27 Gulden belegt.

Dergleichen findet man heute nur noch alle paar Jahre einmal und ich bin sehr froh und stolz, das hier präsentieren zu dürfen.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 25.05.2019 10:55:48 Gelesen: 1896# 415 @  
Liebe Freunde,

erneut fand sich in einem Konvolut eine nette Armensache, diesmal aus Bayreuth vom 30.1.1866, an das Bezirksgericht in Hof mit Ankunft am selben Tag.



Links lesen wir: "Armensache des k. Advokaten Herding bestätigt das k. Bezirksgericht Voigt" und daneben, ganz nach Vorschrift, das Dienstsiegel des Gerichts.

Interessant ist noch, dass beim Bayreuther Stempel der Einsatz des Monats wohl vergessen wurde.

In letzter Zeit kaufe ich so viele Armensachen, dass ich selbst davon fast arm werde.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 28.05.2019 16:41:35 Gelesen: 1628# 416 @  
Liebe Freunde,

für meine Sammlung 1851 und Muster ohne Wert gleichermaßen war dieser ein Kauf - Schweinfurt 10.10.1851 an Herrn Jacob Degerl in Sulzbach mit inliegendem Muster. Für einfache Briefe bis 1 Loth inkl. waren 6 Kreuzer treffend frankiert worden - eine Moderation gab es nicht.



Ganz nett, wie ich finde.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 30.05.2019 09:50:52 Gelesen: 1462# 417 @  
Liebe Freunde,

zu den absoluten Seltenheiten gehören Muster ohne Wert - Briefe innerhalb der Pfalz, von denen ich kaum eine Handvoll kenne. Heute darf ich einen Teilbrief aus Rülzheim vom 21.12.1852 von Julius Hans an Friedrich Georg Zumstein, Ölmühle in Bad Dürkheim "Ein(liegend) Muster ohne Werth" vorstellen. Am 22.12. war er in Speyer und am Folgetag wurde er seinem Empfänger in Bad Dürkheim zugestellt.



Da es nie eine Vergünstigung bei einliegenden Mustern gab, war der Brief wie ein gewöhnlicher Brief innerhalb der Pfalz über 1 bis 4 Loth zu frankieren, also mit 6 Kreuzern (Tarif 1.7.1850).

Der Absender war Mitglied der mosaischen Gemeinde von Rülzheim und die Familie Haas erlebte das gleiche traurige Schicksal, wie viele andere Familien auch im 20. Jahrhundert.

Frankiert wurden 2 unterschiedliche Farbnuancen der Nr. 2 Platte 2a. Sehr selten ist jedoch auch der Mühlradstempel 443 in der 1. Verteilung von Rheinzabern, eine Expedition, die erst im Juli 1851 eingerichtet wurde und von der mir kaum einmal Briefe bekannt sind, schon gar keine mit Musterbriefen.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 30.05.2019 10:07:04 Gelesen: 1456# 418 @  
Liebe Freunde,

bei Dienstbriefen waren die Vorschriften multipel, jedoch galt es immer für die Absenderbehörde diese als solche zu kennzeichnen, weil sie, tat sie das nicht, von der Aufgabepost zu taxieren waren.



Für meine Contraventions - Sammlung ist dieser Dienstbrief am Ort (!) von Bad Kissingen vom 7.11.1869 sehr geeignet, denn man vergaß die Franchise und die Aufgabe- und Abgabepost dort stempelte ihn und stellte ihn stracks zu, ohne eine 3 Kreuzer Portomarke in Anwendung zu bringen, wie es richtig gewesen wäre.

Hätte ein Fälscher Fachwissen, so könnte er eine gummierte Porto Nr. 1 aufkleben (und diese gfs. mit alter Tinte oder Federzug entwerten) und man hätte keine Möglichkeit, gegen diese Fälschung anzugehen. Gottlob wird das nie passieren, aber gefährlich können solche falsch behandelten Briefe schon sein.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 30.05.2019 10:12:58 Gelesen: 1454# 419 @  
Liebe Freunde,

selten findet man Briefe mit Farbfrankaturen, deren Marken nicht entwertet wurden. Einen solchen aber kann ich hier zeigen, lief er doch am 4.11.1864 von Bamberg aus nicht via Lichtenfels und Kassel, wie es der Absender wünschte, sondern via Frankfurt am Main und Köln nach Paderborn.



Dass niemand die Marken entwertete, mag daran liegen, dass man das Briefepaket nach Preussen in Bayern verschloß, ohne ihn genauer unter die Lupe genommen zu haben und die transitierenden Poststellen sahen auch keinen Anlaß, die Marken zu entwerten, weil dafür allein die Aufgabeposten zuständig waren im Postverein und schon gar nicht Preussen.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 01.06.2019 08:25:37 Gelesen: 1291# 420 @  
Liebe Freunde,

einen veritablen Postbetrug aus Nannhofen (hat auch vorausgestempelt, dieser Expeditor!) kann ich zeigen mit einer 4II nach Neu-Ötting vom 1.9.1860. Leider kann ich den darunter liegenden 1. Abschlag nicht erkennen und hoffe angesichts eines 1200 dpi - Scans auf bessere Augen von euch, als ich sie habe.



Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 01.06.2019 08:50:02 Gelesen: 1282# 421 @  
Liebe Freunde,

ein "typischer" Brief eines Postexpeditors mit angefragter Post - Portofreiheit aus Lichtenberg vom 25.11.1859 an Conrad Westphal in Viehberg bei Hersbruck kann ich zeigen. Unten links lesen wir: Franco ersucht - Unterschrift Einsiedel.



Und, wie alle mir bekannten Briefe dieser Gattung, wurde der Brief auch portofrei belassen zugestellt. Trotzdem - häufig sind sie nicht und nehmen kann man sie immer.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bignell Am: 01.06.2019 10:52:40 Gelesen: 1271# 422 @  
@ bayern klassisch [#420]

Hallo Ralph,

habe das Bild umgearbeitet, und der oberliegende Stempel ist nun deutlich erkennbar, aber den unteren kann ich nicht erkennen, aber vielleicht hilft Dir das Bild was.



Lg, harald
 
bayern klassisch Am: 01.06.2019 11:06:01 Gelesen: 1265# 423 @  
@ bignell [#422]

Hallo Harald,

sensationell, was du alles damit anstellen kannst (ich gar nichts zum Beispiel) - leider kann ich nicht viel erkennen, außer dass es wohl auch ein anderer offener Mühlradstempel sein müsste.

Was einem Postexpeditor passierte, wenn er gebrauchte Marken aufpappte und sich dafür von der Kundschaft bezahlen ließ, kann man sich vorstellen: Strafanzeige wegen Betrug, Einfahren ins Kaffee Viereck und Verlust seiner Kaution und bürgerlichen Rechte. Und das alles für bescheidene 6 Kreuzer.

Vielen Dank für deine wertvolle Hilfe und liebe Grüsse,
Ralph
 
bignell Am: 01.06.2019 11:51:25 Gelesen: 1258# 424 @  
@ bayern klassisch [#423]

Hallo Ralph,

bescheidene 6 Kreuzer? Man sollte nicht unterschätzen was dabei zusammenkommt. Denk nur an den Herrn Kalab [1].

Lg, harald

[1] https://www.bmi.gv.at/magazinfiles/2012/05_06/files/kriminalgeschichte.pdf
 
bayern klassisch Am: 01.06.2019 11:56:25 Gelesen: 1255# 425 @  
@ bignell [#424]

Hallo Harald,

ja, 6 Kreuzer waren ein Mittagessen, aber riskant war das schon.

Der Link funktioniert leider nicht bei mir.

Liebe Grüsse,
Ralph
 
Richard Am: 01.06.2019 22:12:35 Gelesen: 1189# 426 @  
@ bayern klassisch [#425]

Hallo Ralph,

bei mir funktioniert der PDF Link. Hier noch eine Alternative [1].

Schöne Grüsse, Richard

[1] https://www.bmi.gv.at/magazinfiles/2012/05_06/files/kriminalgeschichte.pdf
 
bayern klassisch Am: 01.06.2019 23:01:19 Gelesen: 1178# 427 @  
@ Richard [#426]

Hallo Richard,

vielen Dank - jetzt klappts! Sensationelle Geschichte.

Liebe Grüsse,
Ralph
 
bayern klassisch Am: 02.06.2019 08:10:38 Gelesen: 1144# 428 @  
Liebe Freunde,

Mühlradstempel hatten 2 Aufgaben zu erfüllen:

1. Die Entwertung der Marke(n) und

2. Die Stempelung der Briefkarten.

In beiden Fällen war evident, dass man anhand der Nummer des Stempels ersehen konnte, woher a) die Briefpost und b) die Briefkarte kam.

Aber es sind mehrere Fälle bekannt, in denen der Abschlag dieser Stempel keinem dieser Kriterien entsprach und i. d. R. waren es Dienstbriefe, die dieses Phänomen zeigen.



Hier zeige ich einen Dienstbrief aus Cham, der mit dem geschlossenen Mühlradstempel 72 versehen wurde und der vom dortigen an die Oberbehörde in Regensburg lief. Der 1.10.1859 schien nicht so gut für den Chamer Postler zu verlaufen, weil er auch noch seinen Halbkreisstempel vergaß - oder war der gerade zur Reparatur?

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 08.06.2019 18:20:24 Gelesen: 736# 429 @  
Liebe Freunde,

Ganzsachenkuvert von F. Paumscheerer (habe zu der Firma nichts gefunden) aus Ulm, der später nach Neu-Ulm gezogen sein muss, vom 28.5.1873 mit Postaufgabe in Neu-Ulm am Folgetag an die Gebrüder Kienle in Horb in Württemberg. Siegelseitig ist alles da, was man braucht, wenngleich nicht sehr schön.



Interessanterweise, und das war mein alleiniger Kaufgrund, fügte der Absender bei seinem Absenderstempels unten links ein "N" vor Ulm ein, womit er seinen neuen Wohnsitz Neu-Ulm zu dokumentieren suchte. So habe ich das bisher noch nie gesehen.

Schön auch zu sehen, dass die Privaten auf dem Weg zum dokumentarischen Stempel oft weiter waren, als die Post, denn aus dem Halbkreisstempel von Neu-Ulm geht außer der Farbe und dem Wochentag und Monat nichts hervor.

Den Zustand des Kuverts bitte ich zu entschuldigen.

Wer etwas zu dem Absender (ich hoffe, ich habe die fehlende Stelle richtig interpretiert!) aus Ulm bzw. Neu-Ulm sagen kann, ist gern gesehen.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 15.06.2019 22:53:49 Gelesen: 388# 430 @  
Liebe Freunde,

ein Brief vom 16.8.1834 aus Kempten an das Landgericht zu Obergünzburg (Schwaben) wurde "frei gegen Schein" aufgegeben. Unter der Reco - Nr. 404 wurde ein Postschein gezogen, der 4 Kreuzer kostete und für den Brief selbst waren 6 Kreuzer fällig (Entfernung 15 km, demnach in der 3. Gewichtsstufe über 1 - 1,5 Loth schwer).



2 Besonderheiten weist der Brief auf, bei denen schon deren eine für sich nicht häufig wäre:

1. Sollte ein Chargé - Stempel vorderseitig abgeschlagen werden - hier hatte man gleich 2 sehr klare Abschläge vorn und einen weiteren klaren Abschlag hinten angebracht, was zu keiner Zeit von einer Vorschrift gedeckt war, und

2. sehen wir den Fingerhutstempel von Kempten mal in roter, mal in schwarzer Ausführung. Es ist überhaupt fast ein Wunder, dass Orte ohne dies haben zu müssen 2 Farben führten, war doch allein schon schwarze Stempelfarbe (sog. Druckerschwärze) nicht billig und rote Farbe erst Recht nicht - offenbar ein Luxus, den man sich in Kempten leisten konnte bzw. wollte.

Den Luxus, diesen Brief zu besitzen, leistete ich mir, weil er für 3 Pizzen nicht zu teuer war und ich auf einen weiteren, vergleichbaren, aus Kempten, oder von anderswo, vermutlich etwas länger werde warten müssen.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
Stamps99 Am: 18.06.2019 13:39:45 Gelesen: 272# 431 @  
Hallo,

bei Postvereinsbriefen aus dem in Guldenwährung rechnendem Süden in die Thalerbezirke im Norden fielen Währungsgewinne an:

Ein einfacher Portobrief über mehr als 20 Meilen wurde bei der Aufgabe mit 12 Kr taxiert, kassiert wurden aber bei der Zustellung 4 Gr, die währungsparitätisch 14 Kr entsprachen. Der Aufgabepost standen aber nur die taxierten 12 Kr zu, so dass ein Gewinn von 2 Kr entstand. In Gegenrichtung war es genau andersherum, so dass sich Gewinne und Verluste ausgeglichen haben dürften.

Bei den nachfolgenden Briefen ist mir aufgefallen, dass dort in den Taxierungen auch die währungspartätische Umrechnung notiert ist - bewußt habe ich so etwas noch nicht gesehen.



M.E. sind die notierten 10 1/2 Kr dort fehl am Platze, es hätten 9 Kr notiert werden müssen, oder kennt jemand eine sinnvolle Erklärung?

Um ein einmaliges Versehen kann es sich bei zwei Briefen mit 5 Jahren Abstand ja nicht handeln.



Beide Briefe sind über Bamberg und Coburg spediert, von wo könnte die Notierung stammen?

Bei dem Brief aus Lohr ist der Empfänger übrigens günstig davongekommen - nach meinem Entfernungrechner beträgt die Entfernung deutlich über 20 Meilen,

Gruß Ralf
 
bayern klassisch Am: 18.06.2019 15:51:20 Gelesen: 262# 432 @  
@ Stamps99 [#431]

Hallo Ralf,

da zeigst du 2 tolle Briefe, die jeder, der Ahnung hat, auch gerne in seiner Sammlung hätte.

Das Problem mit verschiedenen Währungen kannte nur Thurn und Taxis. Der Stammsitz von TT war Regensburg, die postalische Verwaltung war in Frankfurt am Main, so dass wir es hier mit einer Lehenspost zu tun hatten, die generell in rheinischen Kreuzern (rh. Kr.) taxierte und intern auch verrechnete.

Die Aufgabepost im DÖPV hatte die Pflicht bei Portobriefen in der Währung der Abgabepost zu taxieren. Oft wussten die bayer. Postler aber gar nicht, ob eine Zielpost im Kreuzer-, oder im Groschengebiet ansässig war und in aller Regel folgte diesem Unwissen die Taxierung in rh. Kr., weil es auch so für Bayern (und Baden und Württemberg) am einfachsten war.

Die Abgabepost (hier: TT) musste aber immer in gangbarer Währung kassieren, jedoch entsprach die postalische Reduktion nicht der paritätischen (also tatsächlichen) Reduktion der Währungen, denn hinter ihnen standen andere Systeme, Wirtschaften usw..

Postalisch waren 3 Kr. immer 1 Silbergroschen (Sgr.), 6 Kr. also 2 Sgr., 9 Kr. also 3 Sgr. und 12 Kr. also 4 Sgr..

Paritätisch jedoch war 1 Sgr. = 3,5 Kr., 2 Sgr. also 7 Kr., 3 Sgr. also 10,5 Kr. und 4 Sgr. also 14 Kr., wie du schon völlig korrekt bemerkt hast.

Im Postverein galten die postalischen Verrechnungen, was sich ja von selbst versteht, weil niemand gerne in Brüchen und krummen Zahlen rechnete.

Bei beiden Briefe rechnete die bayer. Aufgabepost mit 9 Kreuzern, die aber nur 2 1/2 Sgr. entsprochen hätten, wenn man paritätisch rechnete. TT wollte aber bei Briefen ins Groschengebiet natürlich 3 Sgr. haben und nicht weniger! Hier wurden also 3 Sgr. Porto in 10 1/2 Kreuzer paritätisch reduziert, Bayern aber mit 9 Kr. abgefunden, was ein schöner Gewinn war.

Der Brief aus Lohr hätte wegen einer Entfernung zu Neustadt an der Orla von 174 km tatsächlich ein Porto von 3 + 1 = 4 Sgr. erfordert. Da aber im DÖPV die Abgabepost nur dann ein notiertes Porto korrigieren durfte, wenn eine bedeutende Fehltaxierung vorlag (Beispiel: Statt 45 Kr. für einen schweren Brief nur 1 Kr. für eine leichte Drucksache frankiert), und diese Fehltaxierung war nicht bedeutend, beließ sie es bei der zu geringen Taxe und kassierte von ihrem Postkunden (Empfänger) weniger, als es richtig gewesen wäre, wohl auch deshalb, weil ja Bayern das Porto zustand und TT nur viel Arbeit und Ärger gehabt hätte, sonst nichts.

Liebe Grüsse,
Ralph
 
bayern klassisch Am: 19.06.2019 07:48:46 Gelesen: 239# 433 @  
Liebe Freunde,

lange danach gesucht und schon nach wenigen Jahren fündig geworden:



U1 Chargé kopfstehend beschrieben. Sind schon recommandirte Ganzsachen nicht häufig und falsch adressierte (kopfstehende) noch weitaus seltnener (ich kenne keine Handvoll), galt es im Rahmen des Aufbaus einer kleinen Spezialsammlung ein Exemplar zu finden, dass beides auf sich vereinigte - schwupps und schon war eines in der Bucht und wurde mir zugeschlagen.

In Lindau im Bodensee wurde am 4.10.1870 ein solches unter der Reco-Nr. 780 nach Kempten aufgegeben, wofür 10 Kreuzer in toto zu berappen waren. Am Folgetag traf es ein. Warum man ein Kuvert kopfstehend verwendete, erschließt sich mir aber nicht, da Marken bzw. Werteindrucke niemals unten zu sein hatten in der Kreuzerzeit (und in der Pfennigzeit auch).

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 19.06.2019 08:04:03 Gelesen: 237# 434 @  
Liebe Freunde,

der folgende Brief hätte in meherere Threads gepasst, aber ich zeige ihn mal hier:



Die 1. Versendung des Bezirksgerichts Straubing an das Landgericht in Mallersdorf (Entfernung ca. 56 km Luftlinie) fand als portopflichtige P(artei) - S(ache) am 22.12.1865 statt. Weil man in Straubing nicht frankierte bzw. die "Partei", also der Private, um dessen Angelegenheiten es ging, kein oder ein zu geringes Depositum hinterlassen hatte, wurde unfrei verschickt, was die Empfängerbehörde mi 12 Kreuzern Porto büßen musste. 12 Kr. trotz der Nähe der Postorte, weil "mit Inlage" verschickt worden war und der Brief damit über 1 bis 15 Loth schwer gewesen war. Bis 1 Loth wären 6 Kr. zu zahlen gewesen, nun (es gab ab dem 1.8.1865 nur noch 2 Gewichtsstufen in Bayern) das Doppelte.

Das Landgericht in Mallersdorf zahlte artig die 12 Kr. und hatte damit einen Job am Hals, den man erst am 7.1.1866 hatte erledigen können (üblicherweise das Herbeibringen benötigter Unterlagen, Unterschriften usw.). Da man frankiert retournieren wollte oder sollte, verklebte man eine 6 Kr. Marke für den wiederum schweren Brief, die jetzt ausreichte.

Interessant ist der Probeabschlag des Mallersdorfer Expeditors, der sachte frontseitig testete, ob sein Halbkreisstempel schon umgestellt worden war, oder nicht - und siehe da, er war es nicht, denn wir lesen dort den 6.1.1866. Also flugs auf den richtigen Tag umgestellt und klar abgeschlagen, damit alles paletti war.

Es gibt einige Briefe, die diesen Modus zeigen, obwohl das so nicht in Einklang mit der Vorschrift zu bringen ist, wonach bei Dienstbeginn sofort alle Stempel auf den neuen Tag umzustellen waren und die Qualität der Abschläge jeden Morgen durch einen Probeabschlag (natürlich nicht auf Poststücken!) zu prüfen war. Aber wer hielt sich schon im harten Geschäft der Post an Vorschriften, deren Einhaltung kaum einen interessierte?

Hin und wieder finden sich Briefe, bei denen die Aufgabepost siegelseitig einen Testabschlag vorgenommen hatte, aber auch die sind keine Massenware und illustrieren die dienstlichen Usancen dieser Zeit hervorragend.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 

Das Thema hat 434 Beiträge:
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