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Thema: Altdeutschland Bayern: Briefe erklären
Das Thema hat 954 Beiträge:
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bayern klassisch Am: 31.07.2023 16:37:36 Gelesen: 34430# 930 @  
Liebe Freunde,

als ausgewiesener Liebhaber der Bayern Porto Nr. 1 konnte ich diesen Brief erwerben, den ich für einen der Schönsten halte, die ich kenne.

Der Brief datiert innen vom 15.7.1868 und wurde am 22.7.1868 bei der Post eingeworfen in Hersbruck. Gerichtet war er an das Pfarramt Happurg, 4 km entfernt, also ein klassischer Lokalbrief.



Da der Brief als P.S. = Partei-Sache unfrankiert aufgegeben wurde, wurde er mit der Postaufgabe portopflichtig.

Wer auch immer taxierte ihn mit 7 Kreuzer in blauer Kreide als unfreien Brief im Fernverkehr. Dann aber kam das Korrektiv und man strich die falsche, blaue 7 ab mit Rötelstift. Danach klebte man die Portomarke auf und entwertete sie perfekt mit dem geschlossenen Mühlradstempel 199 von Hersbruck.

Was mich umtreibt: Warum waren hier bei der postalischen Behandlung 2 Hände im Spiel, evtl. sogar drei?

Ich hätte erwartet, dass der, der den Briefkasten leert morgens den Brief taxiert und im Falle eines Fehlers die falsche Taxe auch wieder mit seinem blauen Stift annulliert. Aber dem war wohl nicht so ...

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 12.11.2023 21:12:03 Gelesen: 11832# 931 @  
Liebe Freunde,

heute habe ich einen Brief aus Ansbach vom 12.12.1854 geschnappt, der hinsichtlich seiner Adresse unüblich ist (auch beachtlich der überaus klare Abschlag des Ansbacher Halbkreisers):



"Herrn Herrn Rechtspraktikant Bernhard Sonntag in München Landwehrstr. N. 16/3

nach erfolgter Abreise in Pilgramsreuth bei Hof"

Nach dem Motto: Wenn er nicht hier ist, dann ist er sicher dort. Lt. Ankunftsstempel von München hat ihn der Stadtbriefträger dort aber noch erreicht, was schade ist, denn ich hätte ihn lieber als Abzugsbrief in der Sammlung, aber ich meckere hier auf hohem Niveau.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 15.11.2023 11:17:39 Gelesen: 11183# 932 @  
Liebe Freunde,

ein eingeschriebener Frankobrief aus Arnstorf vom 31.03.1869 lief an Herrn Michael Unutl in Simbach bei Landau an der Isar. Er erhielt die Reco-Nr. 31 und war schon am selben Tag dort, um ausgetragen zu werden.



Allerdings sträubte sich der Empfänger, die Annahme gegen Unterschriftsleistung im Botenbuch zu quittieren.

So notierte der Postbote Ramsteiner noch am selben Tag siegelseitig Folgendes: "wird nicht unfrankiert angenommen, Ramsteiner, Postbote".

Sehr gut gemacht und hier sieht man wieder, wie die Routine zuschlug, denn die Masse der Briefe wurden vor allem deshalb nicht angenommen, weil sie mit Porto belastet waren, weswegen sich unser wackerer Postbote den Satz eingeprägt hatte: Wird unfrankiert nicht angenommen.

Er strich das falsch Wort "unfrankiert" und notierte "Vert." für "vertatur" = bitte wenden und gab ihn seinem Expeditor zurück (Vermerk: "Retour").

Auf einen Ankunftsstempel bei der Rücksendung verzichtete der Postexpeditor in Arnstorf großzügig.

Um ihn zurückgeben zu können, musste man aber zuvor den Postschein Nr. 31 wieder vom Absender, der in Arnstorf offenbar durch Siegel oder Handschrift bekannt war, zurückfordern. Viel, viel Arbeit für gar nichts und 3 Kr. Franko mit 7 Kr. Reco waren auch noch perdue!

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 15.11.2023 11:32:21 Gelesen: 11180# 933 @  
Liebe Freunde,

Vermittlungsbriefe aus Braunschweig mit Postaufgabe in Bayern findet man nicht jedes Jahr, schon gar keine mit 6 Kreuzer Frankaturen, die eigentlich von Braunschweig aus hätten 3 Groschen kosten sollen (= 10,5 Kreuzer).



Die Firma F. B. Denike & Co. in Braunschweig schrieb am 25.05.1864 einen einfachen Brief an ihren Kunden A. Leidescher in Landsberg am Lech. Hinten nur ein mies abgeschlagener Halbkreiser von Buchloe, sonst nichts.

Alle mir bisher bekannten Vermittlungsbriefe aus Braunschweig stammen von der Firma Denike - ob es noch mehr gab, die sich dieser kostensparenden Maßnahmen unterzogen?

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 15.11.2023 11:49:40 Gelesen: 11166# 934 @  
Liebe Freunde,

wollte ein Absender im 19: Jahrhundert seinen Brief frankieren, ob mit, oder ohne Marke(n), hatte er als Zeichen dieses Wunsches das Wort Franko, Franco, Frey, Frei usw. frontseitig unten links zu notieren, damit alle auf der Post wußten, worum es sich bei jenem Brief handelte.



Seit Anbeginn des DÖPV zogen un- und unterfrankierte Briefe deutlich höhere Kosten nach sich, weswegen es sinnvoll war, gänzlich frankierte Briefe zu verschicken, wobei man natürlich bei jedem Einzelnen von ihnen das Wort "Franco" usw. hätte manuell hinzufügen müssen.



Es gab nur ganz wenige Absender, denen diese Mühewaltung zuviel war - und so schafften sie sich Franco-Stempel an, die sie links unten anstelle des manuellen Vermerks abschlugen.

Da auch die Firmenstempel in den 1850er und 1860er Jahren immer mehr zunahmen, konnte man nun mit einem Stempelkissen und 2 Stempeln sowohl die gewählte Versendungsform, als auch den Absender vorderseitlich kenntlich machen, am besten natürlich damit, dass man eine Farbe wählte, die auffällig war, hier also ein schönes Blau. Die Firma J. Schneider & Diss in München verfuhr so, wie man an der exakt gleichen Farbgebung dieser 2 Stempel sehen kann.

Leider sind nur ganz wenige Briefe erhalten geblieben, die dieses Verfahren zeigen können - umso mehr freue ich mich, einen aus München vom 16.03.1863 nach Gera zeigen zu können, der 2 Tage später (kopfstehende 3 in Ankunftsstempel von Greiz als Bonus) dort ankam.

Und um die Sache komplett zur eierlegenden Wollmilchsau zu machen, lesen wir im Inneren noch: "P.S. 1 Muster von der obigen Thibet Qualität II liegt bei".

Geht noch mehr?

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 15.11.2023 12:03:50 Gelesen: 11142# 935 @  
Liebe Freunde,

in Weiler im schönen Allgäu schrieb man, die Unterschrift vermag ich nicht zu lesen, einen Brief am 22.04.1836 an Herrn Doktor Vogl, einen Advokaten in Lindau im Bodensee, den man siegelte und mit "frei" bezeichnete, damit Herr Dr. Vogl wusste, dass er dem privaten Überbringer nichts schuldete.



Im Inhalt ging es um eine beiliegende Anzeige um den Unfug des Kieswerfens ein für alle Mal abzustellen.



Erinnert mich irgendwie an Wilhelm Busch und Max und Moritz, diese beiden ...

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 15.11.2023 12:12:45 Gelesen: 11132# 936 @  
Liebe Freunde,

eine kleine Contravention darf ich heute zeigen - in Straubing wurde am 06.05.1874 ein sehr französisch gehaltener, einfacher Frankobrief mit 3 Kr. beklebt und an Herrn Carl Nüssler Sekondlieutenant im k. 14 Infanterie Regiment in Nürnberg Goßenhof Hauptstr. 37/44 bei Pfragner Stöcker residierend auf die Reise geschickt.



Elegant wurde "marqué" für "markirt" vermerkt, statt des schnöden, deutschen "frei".

Aber darunter schrieb er auch noch "Je Te Salu!" für "Ich grüße Dich!" und das hätte er, streng genommen, nicht gedurft, jedenfalls nicht auf der Außenseite des Briefes, denn wer wen grüßte, war nicht Teil der Adresse, sondern Teil des brieflichen Inhalts. Aber die Straubinger waren schon damals sehr herzliche und ganz liebe Menschen, was sich ja nicht im Geringsten geändert hat.

Aber damals wie heute sah man das nicht so streng, vor allem in so kleiner Schriftgröße, und so wurde er am Folgetag durch Nürnbergs Stadtbriefträger Numero 7 anstandslos zugestellt.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
10Parale Am: 15.11.2023 15:43:37 Gelesen: 10993# 937 @  
@ bayern klassisch [#932]

obwohl du den Brief sehr gut erklärst, verstehe ich doch 2 Dinge nicht:

Weshalb hat der Empfänger die Annahme verweigert? War das Einschreiben mit 3 Kreuzer unterfrankiert? Du schreibst ja das Wort "unfrankiert" war falsch. Warum war das Geld "perdue"? also verloren? Gab es keine Durchsetzung der gesetzlichen Vorgaben?

Sorry, vielleicht klingt die Frage für Dich als Routinier etwas simpel, aber ich wage sie trotzdem zu stellen.

Gruß

10Parale
Stephan
 
bayern klassisch Am: 15.11.2023 15:58:03 Gelesen: 10990# 938 @  
@ 10Parale [#937]

Hallo Stephan,

sind doch gute Fragen.

weshalb hat der Empfänger die Annahme verweigert?

Das hat er nicht angegeben und musste auch nicht angegeben werden. Wie ich mittlerweile weiß, wurde er kurze Zeit später inhaftiert und evtl. hatte der Brief etwas mit dieser Sache zu tun.

War das Einschreiben mit 3 Kreuzer unterfrankiert?

Nein, sonst hätte vorne ein Nachporto von 8 Kreuzern notiert werden müssen, was nicht der Fall war.

Du schreibst ja das Wort "unfrankiert" war falsch. Warum war das Geld "perdue"?

Ja, denn der Brief war ja voll frankiert. Perdue war das Geld, weil der Absender total 10 Kr. ausgegeben hat, ohne einen Effekt dafür zu bekommen, weil der Empfänger ihn ja nicht entgegengenommen hatte.

Gab es keine Durchsetzung der gesetzlichen Vorgaben?

Die gesetzliche Vorgabe war die der Post, ihn zuzustellen. Gegen den Willen eines Empfängers konnte man ihn aber nicht zustellen damals. Danach war die ges. Vorgabe ihn wieder an den Absender kostenlos zu retournieren. Das hat man offensichtlich getan, auch wenn es keinen stempelmäßigen Beweis dafür gibt.

Liebe Grüsse,
Ralph
 
bayern klassisch Am: 17.11.2023 11:38:04 Gelesen: 10712# 939 @  
Liebe Freunde,

einer der ganz wenigen Funde in Ulm war dieser hier: Reco-Brief aus Öttingen vom 29.03.1871 nach Ichenhausen bei Günzburg an Herrn Isr(ael) Roschland. Pflichtgemäß wurde unten links neben dem Franko-Vermerk "7X rec(ommandirt)" vermerkt.



Schön zu sehen die Arbeitsweise bei Reco-Briefen auf dem flachen Lande:

Zuerst wurde der Postschein ausgefertigt, dann auf dem Brief die frisch gezogene Reco-Nummer notiert (rechts neben der Marke die 52), dann die Marke appliziert, dieselbe entwertet und der Aufgabestempel beigesetzt, ehe man bemerkte, dass die Entwertung der Marke dafür gesorgt hatte, dass die Reco-Nr. 52 nicht mehr gut zu lesen war und man sie oben mittig der Deutlichkeit halber wiederholte.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 21.11.2023 10:03:40 Gelesen: 10349# 940 @  
Liebe Freunde,

der Begriff "hässliches Entlein" wäre wohl noch eher ein Euphemismus bei dieser Vorderseite aus München vom 06.03.1855 an Herrn Herrn Carl Berchem k. b. Appel- Gerichts Rathe wohlgeboren in Neuburg an der Donau. Der Absender notierte "Gegen Aufgab und Retour Recepisse", also gegen Postschein = Chargé und Rückschein.



Dafür waren zu zahlen: 3 Kr. Franko bis 12 Meilen und 1 Loth inklusive, 6 Kr. Chargé und 6 Kr. für den Rückschein = 15 Kr. in toto.

Was man Mitte der 1850er Jahre allerdings kaum noch bei Privatbriefen sieht, ist ein Präsentationsvermerk (oben mittig: "Praes. 08.03.1855") und das war auch ein Grund, sich dieses Entleins zu erbarmen.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 21.11.2023 10:13:00 Gelesen: 10347# 941 @  
Liebe Freunde,

seit altersher waren verstellbare Stempel, also Datumsstempel, vor Beginn der Aufnahme postalischer Tätigkeiten auf ihre korrekte, aktuelle Einstellung hin zu prüfen und gfs. zu aktualisieren.

Hierbei sollte ein Probeabschlag des Morgens dienen, an dessen Abdruck man ersehen sollte, ob das Datum und gfs. die Uhrzeit korrekt eingestellt worden waren.



Hin und wieder finden wir solche Abschläge auf den Siegelseiten durch die Aufgabepost und nicht etwa durch die Abgabeposten, die dieses Verfahren erst ab dem 31.01.1843 auszuführen hatten.

Ganz wenige Briefe, vor allem ohne Sonderdienste wie Chargé, Express, poste restante usw., kenne ich aus der Vormarkenzeit, die dieses Procedere aufweisen.

Hier einer davon aus Bayreuth mit dem grünen Zweizeiler BAIREUTH 26. JUL 1819 der Königlichen Regierung des Obermainkreises, Kammer des Inneren, an das kgl. Rentamt Lichtenberg, als K.D.S. natürlich portofrei zu befördern.

Siegelseitig wurde genau diese "Probeabschlag" ausgeführt und als gut empfunden, wiewohl Rayon-Stempel damals schon lange keinen Sinn mehr machten. In Grün ist es der erste Testabschlag, den ich kenne.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 21.11.2023 10:46:37 Gelesen: 10339# 942 @  
Liebe Freunde,

was es nicht alles gab ...

Am 20.12.1852 fertigte die Redaction des kgl. Intelligenzlbattes von Unterfranken und Aschaffenburg mit Sitz in Würzburg eine "Liquidation" aus für die Gemeindeverwaltung in Nordheim, für die 35 Kreuzer zu zahlen war.



Am Folgetag kam der Brief als R. S. kostenlos zur Aufgabe. Doch irgendetwas links in sepia Tinte Geschriebenes, das ich nicht lesen kann, änderte wohl das Ganze und man frankierte 6 Kr.

Unten lesen wir dann aber: "Gehört nicht nach Nordheim v. d. Rhön, sonddern a. Main".

Als Zeichen einer neuen Postaufgabe fügte man in Fladungen am 25.12.1852 (ja, damals wurde auch dann noch gearbeitet) einen Halbkreise bei und ließ den Brief über Mellrichstadt und Volkach nach Nordheim am Main retour laufen.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 24.11.2023 18:30:17 Gelesen: 10013# 943 @  
Liebe Freunde,




ich möchte diesen portofreien Dienstbrief aus Neu-Ulm nach Deidesheim in der Pfalz hier zeigen, weil er uns ein wenig schlauer macht.

Verfasst am 01.12.1864 wurde er am 04.12. erst vom Bezirks-Amt zur Post gegeben. Offenbar gab es einen direkten Kartenschluß in die Pfalz nach Ludwigshafen (also über Württemberg und Baden), denn einen Tag später war der Brief bereits dort.

Am Folgetag lief er mit der Pfälzer Bahnpost nach Neustadt an der Weinstraße und von dort ins nahe Deidesheim, wo er noch am selben Tag ausgetragen wurde.



Im Inhalt bestätigte das Bezirksamt den Erhalt von 2 Gulden als Reisegeld für einen Neu-Ulmer.

Bisher kannte ich 2 Neu-Ulmer bzw. Ulmer Briefe in die Pfalz, die nicht direkt kartiert worden waren. Jetzt fehlt noch ein Ulmer Brief mit Postaufgabe in Neu-Ulm mit direkter Kartierung zu 3 oder 6 Kreuzer in die Pfalz. Aber so einer kommt auch noch.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 28.11.2023 19:07:55 Gelesen: 9019# 944 @  
Liebe Freunde,

heute darf ich eine Vorderseite zeigen, die es in sich hat: 2I vom 29.05.1858 aus Rosenheim mit gM 437 der 2. Verteilung nach München, wo am Folgetag hinten (und nicht im Attest beschrieben) Eingang gestempelt wurde.



Die Erstausgabe wie hier war in der Regel 1851 aufgebraucht und wurde schon im Spätsommer 1850 sukzessive durch spätere Ausgaben ersetzt. Ab 1852 spricht man von seltenen Spätverwendungen.



Belege aus der 2. Verteilung kenne ich keine Handvoll und Mitte 1858 ist schon ganz extrem spät für die 2I.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 11.12.2023 11:32:42 Gelesen: 6627# 945 @  
Liebe Freunde,

ein Portobrief aus dem schönen Würzburg wurde am 29.3.1855 bei der dortigen Hauptbriefpostexpedition aufgegeben mit der Anschrift: S. Wohlgeboren Herrn A. von Lipsky, Rittergutsbesitzer auf Lewkowo bei Ostrowo R. Posen.



Absender war ein N. Neumann in Würzburg, der sich segensreicherweise mit einem ungummierten Wapperl links oben verewigte und es mit Gummi arabicum auf der Adresseite anheftete (die teuereren Wapperl waren damals schon vorgummiert!). Siegelseitig sehen wir den Ausgabestempel (von wo?) vom 1.4.1855.

Da ich ja diese privaten Wapperl über die Maßen liebe, war das für den Kauf ausschlaggebend - aber nachdem ich ihn vor mir liegen habe, weiß ich die Chronologie der Taxierungen nicht recht einzuordnen:

Bayern notierte üblicherweise in schwarzer Tinte, blau kam erst später (von Ausnahmen abgesehen). Man könnte nun links eine 4 und eine 3 lesen, oder die "3" als Streichung der 4, warum auch immer. Mittig ist die 4 von preussischer Hand, aber sie wurde mit dünnem Tintenstrich, obwohl richtig, gestrichen, ohne ersetzt zu werden. Hinten gibt es keine Taxen. Erklärungen von preussischer Seite werden gerne zur Kenntnis genommen und 4 Sgr. für die bayerischen Post waren natürlich korrekt.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 12.12.2023 22:17:27 Gelesen: 6447# 946 @  
Liebe Freunde,

von einem lieben Sammlerfreund aus dem Ländle gerade bekommen, darf ich dieses p.r. gestelltes Kuvert vom 23.3.1871 aus Regensburg an Fräulein Anna Stuckenberger in Landshut zeigen.



Ein Schriftpsychologe würde sagen, dass die dem Absender wichtigen Teile der Adresse besonders groß, deutlich, oder unterstrichen verfasst werden - und hier wurde nebem den Zielort und poste restante noch Anna und nicht der Nachname unterstrichen.

Nun kann man spekulieren, ob es noch mehrere Damen der Familie Stuckenberger in Landshut gab, wobei vlt. die ein oder andere mal ein Briefchen ausgehändigt bekommen hatte, das gar nicht für sie bestimmt war?

Jedenfalls sind private p.r. gestellte Briefe nicht häufig, auch wenn mangels Inhalt hier keine Antwort auf dieses kleine Rätsel wird gegeben werden kann.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 14.12.2023 15:30:14 Gelesen: 6124# 947 @  
Liebe Freunde,

eine eierlegende Wollmilchsau darf ich heute präsentieren, die bei mir in gleich 3 Sammlungen passt:



1. Trauerbrief ("mourning cover") aus München vom 23.11.1865 nach Wesel.

2. Adresse: "Herrn E. Bettger mit Briefen der Herren Chr. Bettger & Co in Wesel". Man hat also Geschäftsbriefe in dieses Trauerkuvert (!) eingetütet und verschickt. Dennoch hat alles zusammen unter 16,66g = ein neues Loth gewogen, da sonst 9 Kr. nicht ausgereicht hätten.

3. Und es war eine Contravention, weil München seinen offenen Mühlradstempel 325 gleich 2 mal abgeschlagen hatte. Das schwarze Siegel mit dem Monogramm P.D. kann ich natürlich nicht entschlüsseln, aber 3 Besonderheiten reichen wohl auch so.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 14.12.2023 15:56:08 Gelesen: 6115# 948 @  
Liebe Freunde,

eine 2. eierlegende Wollmilchsau darf ich heute noch vorstellen; da ich den unattraktiven Brief nur von außen sehen konnte, wagte ich ein Abstauber-Limit zu geben und hatte Glück, wie ich jetzt weiß.







In einer Erbschaftsangelegenheit (der Vater war verstorben) schrieb der Oberamtsschreiber Spanzeder in Neu-Ulm am 26.01.1851 einen Brief an die bucklige Verwandschaft, hier namentlich Franz Rausch, k. Salzamtsschreiber in Rosenheim", der aber erst am 30.01.1851 in Augsburg zur Post gegeben wurde. Die Entfernung Augsburg-Rosenheim betrug über 12 Meilen = 6 Kr. Franko für einfache Briefe bis 1 Loth inkl..

Aus dem Inhalt kann man ersehen, dass ihm ein Protokoll beigegeben worden war, was ihn sicher über 1-4 Loth schwer hat werden lassen, aber das wurde wohl in Augsburg entnommen. Auf eine schwarze Siegelung verzichtete man aber ... und ein Trauerkuvert war wohl auch nicht bei der Hand.

Am 01.02.1851 kam er in Rosenheim an. Entfernungsmäßig war es egal, ob man ihn von Neu-Ulm, oder Augsburg aus verschickt hätte, aber wenn man in Augsburg einen Teil des Inhalts entfernte, sparte man sich viel Geld, nämlich 6 Kreuzer Franko!

Auf der letzten Seite des Textes sehen wir daher auch, dass ein "Schwager Max" dem Brief noch etwas Schriftliches beifügte, womit es ein Brief mit Briefen war.

Darüber hinaus sehen wir auf der Anschriftsseite unten links den Vermerk "per Einschluss", welcher gestrichen wurde und "franco" überschrieben wurde.

Daher passt der Brief in a) meine Mini-Sammlung "1851", b) meine Mini-Sammlung "Einschlußbriefe", c) Contraventionen und d) Siegelungen in Bayern. Was will man mehr?

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 04.01.2024 13:43:41 Gelesen: 4267# 949 @  
Liebe Freunde,

heute zeige ich eine undatierte Briefhülle (mit Bleistift ist 1827 hinten mühsam zu lesen, aber ob das stimmt?) mit dem großen Einzeiler von Amberg, der aussieht, als hätte ihn ein Grobmotoriker geschnitzt, und CHARGÉ-Stempel "An die Königliche General-Post-Administration München".



Die Besonderheit liegt in der NULL-Paraphe und darunter noch ordentlich "Chargé" vermerkt.

Allerdings weist der Brief kein Franko, kein Porto und auch keine Chargé-Nummer auf, weshalb ich denke, dass er von der Amberger Post selbst stammt und der dortige Postbedienstete für sich natürlich keinen Schein zog.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
Gernesammler Am: 04.01.2024 19:18:56 Gelesen: 4248# 950 @  
@ bayern klassisch [#949]

Hallo Ralph,

der L1 Einzeiler Amberg, Winkler Nr.7 war von 1825-34 in Gebrauch, ich weiß ja nicht wie hoch das Postaufkommen von Amberg war, aber 1827 könnte vielleicht stimmen. Der Stempel selbst sieht in seiner Gestalt gut aus auch wenn der Beamte mit Farbe gespart hat, die Serifen und der Punkt hinter Amberg sind gut zu erkennen und zeigen keine Abnutzung auf.

Meine Frage zum Brief, die Charge Gebühr musste der Postbeamte aber selber zahlen da eine Rekommandation doch in einem Büchlein eingeschrieben werden musste, oder hat er diese vielleicht auch noch veruntreut?

Gruß Rainer
 
bayern klassisch Am: 04.01.2024 20:03:15 Gelesen: 4241# 951 @  
@ Gernesammler [#950]

Hallo Rainer,

danke für die Angaben - 1827 könnte demnach schon stimmen und warum sollte jemand eine falsche Jahreszahl notieren? Davon hat er ja nichts. Ich übernehme das also wie von dir geschrieben.

Die Post musste die Postscheine für Einschreiben ja selbst von der Materialverwaltung kaufen, um sie dann für 4 Kreuzer damals den Kunden zu verkaufen, wenn die Einschreibungen wünschten.

Wenn der Absender, den ich nicht kenne, offenbar portobefreit war, wie die NULL - Paraphe demonstriert, wäre für einen regulär Portobefreiten tatsächlich die Gebühr angefallen, man hätte ihm einen Schein gezogen und die Nummer des Scheins auf dem Brief vermerkt.

Aber genau das glaube ich nicht - ich vermute, dass ein Postler dort einfach nur den Chargé-Stempel auf dem Brief abgeschlagen hat, ohne einen Schein zu ziehen, aber um zu dokumentieren, dass es ein wichtiger Brief war. Ungeachtet dessen war er im Recommandations-Rapular der Amberger Aufgabepost zu erfassen und in der Briefkarte nach München aufzuführen. Es gab auch einen Versicherungsschutz von 25 Gulden, denn im Falle eines Verschwindens hätte sich der Postler ja einen Blanko-Postschein genommen, ihm ausgefüllt und dem Oberpostamt eingereicht zur Erstattung.

Liebe Grüsse,
Ralph
 
bayern klassisch Am: 27.01.2024 11:33:12 Gelesen: 2850# 952 @  
Liebe Freunde,

heute zeige ich einen Brief aus Vilshofen mit sehr schön abgeschlagenem Fingerhut vom 26.07.1840 an Firma Venino in Würzburg, wo er am 30. des laufenden Monats noch eintraf.



Absender war Christian Niedermayer in "Heimberg nebst Orttenburg", damals ohne eigene Post.

Der Brief war über 36-42 Meilen unterwegs und kostete daher 14 Kreuzer bis 1/2 Münchener Loth.

Innen sehen wir noch das Muster unseres Garnbleichers C. Niedermayer, sehr adrett.

Links unten steht jedoch (und das darf sich jeder merken, der der Ansicht ist, dass Portobriefe nur deshalb abgesandt wurden, um nicht zu glauben, dass der Empfänger mittellos wäre):

wegen dem Briefporto werdens Sie nicht ungütig nehmen, das ich es nicht bezahlt habe, es ist mir nur un sicherer zu bekommen. ich hoffe bey einer Sendung es in Abzug zu bringen.

Man hat also aus Sicherheitsgründen unfrankiert versendet und versprach, die Kosten bei einem Auftrag zu entrichten. So war das!

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 14.02.2024 09:46:35 Gelesen: 1254# 953 @  
Liebe Freunde,

wurde ein unfrankierter, bzw. unterfrankierter Brief mit Frankovermerk im Briefkasten, damals "Boite" = Schachtel bezeichnet, aufgefunden, durfte die Post den offensichtlich falschen Frankovermerk NICHT streichen, da er Teil der Adresse war und als solcher nur vom Absender aus zu berichtigen war.



Am 7.5.1860 wurde ein mit 3 Kr. frankierter Brief im Filialbüro Augsburg aufgegeben, der nach Ellhofen bei Röthenbach im Allgäu adressiert worden war. Die Entfernung von Augsburg nach Röthenbach betrug aber 108 km und somit klar über 12 Meilen innerbayerisch, weswegen 6 Kr. hätten frankiert werden müssen.



Um sich zu exkulpieren (Fehler nicht vom Annahmebeamten am Schalter der Briefpost), notierte man "Boite 6" Kreuzer und fuhr ihn später, mit der anderen Brief- und Fahrpost, per Schubkarre zum Augsburger Bahnhof, wo er mit dem Zug gen Süden lief. Am Folgetag kam er in Röthenbach-Bahnhof an und wurde in das ca. 3 km südlich gelegene Ellhofen durch den Landbriefträger zugestellt.

Briefe einer Filialexpediton über eine Hauptbriefpostexpedition an eine Postexpedition im Bahnhof mit Zustellung durch dem Landbriefträger sind schon nicht so häufig, unterfrankiert werden es nicht mehr sein.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 
bayern klassisch Am: 14.02.2024 10:13:20 Gelesen: 1248# 954 @  
Liebe Freunde,

ein Brief ohne Inhalt und Datierung, der viele Fragen aufwirft, auf die ich leider nur wenige Antworten habe. Aber mit eurer Hilfe klappt das schon!

Stempelung: Rayon 2 Aschaffenburg "A Ihro Excelence Herrn Graf von Bassenheim - gestrichener Ortsname - ".

Später ergänzt "á présant à Buxheim près Memmingen", also derzeit in Buxheim bei Memmingen.

Die Siegelseite ist völlig blank.



Links von dem Aschaffenburger Stempel könnte R.1. Thal (für Ehrenbreitstein bei Koblenz) stehen, auch ein Stempel um 1810, der aber gestrichen wurde.

Taxen: Mit Rötel 1- = 1 1/2 Batzen = 6 Kreuzer, später gestrichen und mit Rötel 2- = 2 1/2 Batzen = 10 Kreuzer notiert. Diese auch gestrichen und oben 10 Kreuzer / 10 Kreuzer = 20 Kreuzer notiert.

Was ich mir vorstellen könnte: Aschaffenburg-Thal 2 1/2 Batzen = 10 Kreuzer, dann retour nach Aschaffenburg, diese nicht bezahlt, sondern den Brief sofort umadressiert und für weitere 10 Kr. nach Buxheim bei Memmingen geleitet, dafür 10 plus 10 = 20 Kr. von seiner Erlaucht dort.

Zu den Grafen von Bassenheim:

https://de.wikipedia.org/wiki/Waldbott_von_Bassenheim

Interessant, dass die Grafen 1925 auch das Archiv verkauften, woher dieser Brief wohl stammen dürfte. Daher mal kein gestohlener Archivbrief, sondern ein legal damals schon Erworbener.

Liebe Grüsse von bayern klassisch
 

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