Neues Thema schreiben   Antworten     zurück Suche   Druckansicht  
Thema: Zensurpost: Auslandsüberroller 1945
cilderich Am: 24.12.2015 15:18:41 Gelesen: 2431# 1 @  
1945 Auslandsüberroller

Hallo,

hier mal ein sehr schönes Stück, das das Jahr 1945 vom März bis Dezember abdeckt. Die verwendete Marke (Mi Nr A 795) erschien erst 1944 (wohl 2. Hälfte des Jahres), somit sind Frankaturen hiermit kaum 1 Jahr möglich.

Dementsprechend sind solche Stücke schon im Inland spannend, zunehmend dann wenn sie nach ehemals Österreich (oder von dort), ins Protektorat oder ins Generalgouvernement liefen und im hohen Maße als Stücke ins "befreundete" Ausland. Dies ist besonders spannend, da ja zB Belgien oder Frankreich ab 44 zunehmend befreit wurden und ein geordneter Postverkehr nach Süd- und Südosteuropa auch immer schwerer wurde.

Aber dieser Brief "konnte" noch mehr. Er wurde in Berlin am 20.3.45 gestempelt und hätte dann der Auslandszensur zugeführt werden müssen, lt. H. Landsmann war das bis 1943 Köln, und dann? Jedenfalls zeigt der Brief keine Anzeichen deutscher Zensur, sondern es erfolgte ein Stempel bezüglich Rücksendung.

Spätestens ab 3.3.45 fanden Kämpfe um den Haag statt. Vermutlich blieb der Brief in Berlin und wurde zum Überroller, was die amerikanische Zensur und der rückseitige Berliner Stempel vom 4.12.45 nahelegen. Aber dann wird es nochmals spannend: Der Absender wohnte nicht mehr im Bereich des amerikanischen Sektors, sondern im sowjetischen und dort dürfte auch (denn im Prinzip erfolgte es nur im sowjetischen Einflußbereich) die Schwärzung des Konterfeis Hitlers und der Auswurf der Nachgebühr erfolgt sein. Jedenfalls kam der Brief dann in Babelsberg an (sonst gäbe es ihn wohl nicht mehr). Und noch etwas: der Absender war Patentanwalt, es hätte also wohl auf jeden Fall eine Berliner "Spezialzensur" durch Patentzensoren stattfinden müssen, aber da es eh keine Weiterleitungsmöglichkeit mehr gab?

Hat jemand ähnliche Belege? Kann jemand weitere Belege mit dieser Marke ins Ausland zeigen etc. Bin immer interessiert an entsprechenden Belegen oder zumindest Kopien (eine adäquate Entrichtung ist selbstverständlich).

Beste Grüße cilderich



So ein Beleg ist "Absolut, extrem, maximal, höchst, ultra selten". Sollte jemand etwas Ähnliches (das absolute Maximum wäre eine Verwendung während der Portoreduktion nach Frankreich, anbieten können, böte ich für eine solche, nachvollziehbar, eine mittlere 3 stellige Notation).
 
dietbeck Am: 16.08.2020 08:48:03 Gelesen: 391# 2 @  
US-Zensur Beleg mit Hitlermarke März 1945

Hallo zusammen,

kann mir jemand bei dem Beleg helfen. Er ist am 13.3.45 in Bad Schwalbach aufgegeben worden (Bad Schwalbach wurde am 28.3.45 eingenommen). Sprich der Brief mit Hitlermarke lief also noch ausgehend von der Reichspost. Dann ist er aber wohl auf dem Weg in besetztes Gebiet in die US-Zensur gelangt ?

Da ich nichts anderes sehe ist der Brief aber zugestellt worden, eventuell noch zeitnah (Suhl wurde am 4.4.45 eingenommen) ? Denn als Überroller wäre die Marke ja unkenntlich gemacht worden, oder ?

Weitere Frage: Gibt es sowas wie ein Verzeichnis der Nummern in den Zensurstempeln (hier 13302) ?

Danke
Dieter


 
volkimal Am: 16.08.2020 09:25:42 Gelesen: 373# 3 @  
@ dietbeck [#2]

Hallo Dieter,

der Brief konnte erst nach Ende des Krieges zugestellt werden. Deshalb scheidet zeitnah für mich aus. Gegen Ende des Krieges war die Postbeförderung stark behindert und Briefe brauchten oft recht lange. Der Brief ist irgendwo unterwegs überrollt worden.

Nachdem er von den Amerikanern zensiert wurde, ist er dann irgendwann zugestellt worden. Im Riemer [1] ist angegeben, dass die Stempel mit den Nummern 13.300 bis 13.799 in Offenbach verwendet wurden.

Die Hitler-Marken wurden längst nicht alle geschwärzt oder unkenntlich gemacht. Hier ein Beispiel aus meiner Sammlung:



Zu dem Brief steht bei mir in der Beschreibung:

Am 3. April 1945 schickt Onkel Hans diese Postkarte mit Antwortkarte (nächste Seite) an Pastor Wolff, den Leiter des Stephanstiftes in Hannover. Der Text der Karte ist hochinteressant, denn er gibt einen Einblick in die letzten Tage des Krieges [2].

Wie der Eingangsstempel des Stephanstiftes zeigt erreichte die Karte ihr Ziel erst am 20. November 1945. Es handelt sich hier um einen sogenannten "stummen Überläufer", d.h. die Karte ist noch während des Krieges abgeschickt, aber erst nach dem Ende des Krieges zugestellt worden, sie trägt aber keinen Zensurvermerk oder sonstige postalische Vermerke hierzu. Das einzige ist der private Eingangsstempel des Stephanstifts.

Viele Grüße
Volkmar

[1] Karl-Heinz Riemer, Die Postzensur der Alliierten im besetzten Deutschland nach dem II. Weltkrieg, Heft 73 der Poststempelgilde.
[2] https://www.philaseiten.de/cgi-bin/index.pl?PR=235029
 
dietbeck Am: 16.08.2020 09:57:26 Gelesen: 357# 4 @  
@ volkimal [#3]

Super, vielen Dank für die Antwort. Wieder etwas gelernt, ich war generell davon ausgegangen, dass bei Überrollern die Marken geschwärzt wurden.

Auch der Ausdruck "stummer Überroller/Überläufer" finde ich gut gewählt, wenn auch bei meinem gezeigten Beleg durch den Zensurstempel wahrscheinlich nicht von "stumm" geredet werden kann ?!
 
Lars Boettger Am: 16.08.2020 11:07:43 Gelesen: 336# 5 @  
@ dietbeck [#4]

Ich kenne jetzt keinen echten Überroller-Beleg aus Luxemburg, der geschwärzt wurde. Bei Schwärzungen wäre ich erst einmal misstrauisch, ob da nicht etwas an dem Beleg "gedreht" wurde. Die Abbildung des unten gezeigten Luxemburg-Beleges kommt aus einer Gärtner-Auktion vom Juni 2016.

Beste Grüße!

Lars
 


Lars Boettger Am: 28.09.2020 20:20:12 Gelesen: 186# 6 @  
Die unten gezeigte Postkarte aus Mühlhausen / Elsass nach Luxemburg habe ich in den letzten Tagen erhalten. Da sie nicht gut erhalten ist (senkrechte Büge, gelocht, unfrisch) wollte sie wohl kein anderer. Am 26.8.1944 wurde die Karte aufgegeben. Beim Transport nach Luxemburg fiel sie wohl den alliierten Streitkräften in die Hände. Sie wurde am 14.12.1944 in Luxemburg einem Zensor vorgelegt und am 26.3.1945, sieben Monate nach Aufgabe, dem Empfänger in Dommeldange zugestellt.

Beste Grüße!

Lars


 
hajo22 Am: 29.09.2020 10:38:43 Gelesen: 154# 7 @  
@ Lars Boettger [#6]

Ein (sehr) seltenes Stück mit Geschichte. Gratulation.

hajo22
 
  Antworten    zurück Suche    Druckansicht  
 
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.