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Thema: Münz-Design: Die Geldmacher aus dem Plattenbau
Richard Am: 24.05.2009 18:41:44 Gelesen: 2151# 1 @  
Münz-Design: Die Geldmacher aus dem Plattenbau

Von Til Huber

Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ (23.05.09) - 23. Mai 2009 Er hat sein Reich in dem kleinen Wintergarten im Süden des Raumes, sie hat ihres vor dem Fenster auf der entgegengesetzten Seite. Wenn er anfängt zu arbeiten, kleine Feilen und Spachteln über seine Gipsscheiben zieht und Furchen in die runden Flächen schabt, dann macht sie seine Tür zu. "Sonst liegt der Staub wieder in der ganzen Wohnung", sagt sie und verzieht das Gesicht. Und während er dann noch mit den Augen rollt und sich über seine Arbeit beugt, geht sie wieder auf ihre Seite, wo die Computer stehen und der Tisch sauber ist.

Heinz Hoyer und Sneschana Russewa-Hoyer sind seit 33 Jahren verheiratet und ein gutes Team: Er ist Bildhauer, sie Grafikerin. Für zwei deutsche Staaten haben sie in den vergangenen 25 Jahren gemeinsam mehr als 30 Münzen in drei Währungen gestaltet. Dem Euro haben die beiden Ost-Berliner seinen Bundesadler auf den Leib geschnitzt, demnächst wird ihr Kölner Dom die Geldbeutel füllen. Aus der Wohnung am Prenzlauer Berg sind sie in den vergangenen 25 Jahren nie weggezogen. Trotzdem ist diese Zeit für das Ehepaar auch eine Geschichte vom Ankommen.

Die Arbeitsplätze der beiden erreicht man über die Wendeltreppe der zweigeschossigen Wohnung. Aus den Fenstern über dem Schreibtisch von Sneschana blickt man über den Prenzlauer Berg, sieht die sanierten Altbauten. Dort leben jetzt die wohlhabenden Zugezogenen, die man häufig in den alternativen Cafés oder den Bioläden des Viertels trifft. Heinz Hoyer nennt sie „die Schwaben“. In der Stadt hat sich das so eingebürgert, ganz gleich aus welchem Teil Westdeutschlands die Neu-Berliner stammen. An Hauswänden ist von der „Schwabenmafia“ oder von „Porno-Hippie-Schwaben“ zu lesen. „Seit der Wende hat eine totale Verdrängung stattgefunden“, sagt Hoyer. Weil die Mieten stiegen, wurden die Menschen um das Künstlerpaar herum zu großen Teilen einfach ausgetauscht. Die Hoyers blieben. Schließlich hatte es lange genug gedauert, bis sie richtig sesshaft werden konnten.

Den kleinen Platz nicht mit Details überfrachten

Die beiden lernten sich Anfang der siebziger Jahre kennen, studierten gemeinsam an der Kunsthochschule Weißensee in Ost-Berlin. Sie war mit einem Stipendium aus Bulgarien in die DDR gekommen, er aus Thüringen in die Hauptstadt gezogen. An langen Tagen in Werkstatt und Seminarräumen und Abenden im Berliner Nachtleben verliebten sie sich ineinander, heirateten 1976. Heinz war damals 27 Jahre alt und hatte seinen Abschluss schon. Sneschana war etwas jünger, beendete ihr Studium erst ein Jahr später. Und weil die Vereinbarungen zwischen den Staaten vorsahen, dass die jungen Menschen nach dem Studium wieder zurückkehren sollten, stand das Paar vor der Wahl: Entweder 40 000 Ost-Mark zahlen oder nach Bulgarien umziehen. Ersparnisse hatten sie nicht, also blieb nur der Umzug. Doch schon vier Jahre später kehrten Sneschana und Heinz zurück nach Berlin und entdeckten ihre Liebe für die Münzen.

Diese kleine Form, diese vier bis fünf Quadratzentimeter, rund noch dazu: „Nicht jeder kann sich darin ausdrücken“, sagt Heinz Hoyer. Man muss sich beschränken, darf den kleinen Platz nicht mit Details überfrachten und muss ein Thema doch auf den Punkt bringen.

Die beiden merkten schnell, dass sie Talent haben. Schon 1984 durften sie die erste Gedenkmünze für die DDR-Staatsbank entwerfen: ein 10-Mark-Stück, das an den thüringischen Zoologen Alfred Brehm erinnert. Im gleichen Jahr bezogen Sneschana und Heinz ihre kleine Plattenbauwohnung am Prenzlauer Berg. Die Bleibe in der exponierten Lage haben sie einem Prestigeprojekt zur 750-Jahr-Feier Berlins zu verdanken: Wohnungen für 4000 Menschen wurden am heutigen Ernst-Thälmann-Park gebaut, für jeden einzelnen wird ein Baum gepflanzt. Die Bewohner sollten die Gesellschaftsstruktur im Arbeiter-und-Bauern-Staat abbilden: Die DDR in klein. Und weil dazu eben auch Kreative gehörten, kamen die Hoyers zum Zug. „Wir waren die Quotenkünstler“, sagt der Bildhauer, und sein Lachen wirkt, als hätten die beiden sich darüber schon zu DDR-Zeiten in ihrer Wohnung herzhaft amüsiert.

Sie gestaltete die Bilder, er ritzte die Reliefs

Nachdem ihre erste Münze geprägt worden war, ging es für das Ehepaar schnell bergauf. In den sechs Jahren bis zur Wende wurden 13 Entwürfe der Hoyers umgesetzt. Sie gestaltete die Bilder, er ritzte die Reliefs mit Haken und Spachteln, die an Zahnarztwerkzeug erinnern, in tellergroße Gipsscheiben. Wer sich einmal bewährt hatte, wurde immer wieder von der Staatsbank beauftragt. Es seien keine anonymen Wettbewerbe, wie heute in der Bundesrepublik, gewesen, sagt Frau Russewa-Hoyer. Man wurde persönlich angesprochen, reichte einen Entwurf ein; dann wurde meist zwischen zwei Künstlern ausgewählt. Manchmal hätten die Konkurrenten sogar mit der Jury an einem Tisch gesessen und Verbesserungen diskutiert, sagt die Grafikerin. Neben der Gestaltung von Münzen lehrte Heinz Hoyer an der Kunsthochschule, sie entwarf Briefmarken, Plakate, Karten. Beide hatten mehr Arbeit, als sie erledigen konnten. Doch dann kam die Wende.

„Kommt die D-Mark, bleiben wir - kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“, schreiben die Bürger im Februar 1990 auf Transparente. Ihre eigene Währung, für die sie sich nirgendwo etwas kaufen konnten, hatten die Menschen in der DDR satt. Einige Wochen zuvor glaubte man in der Staatsbank aber offenbar noch nicht an das Ende der Ost-Mark: Am 8. Dezember 1989 unterzeichnete das Ehepaar Hoyer seinen letzten Vertrag mit der Deutschen Demokratischen Republik. Vertreter der Staatsbank: Genosse Horst Böttcher, Abteilungsleiter. „Der Künstler übernimmt die Entwurfsarbeiten zur Gestaltung einer Münze zu 5 Mark entsprechend den Grundsätzen der Staatsbank der DDR für die Münzgestaltung und deren Honorierung“, heißt es in dem Dokument. Als Motiv war die Neue Synagoge Berlin vorgesehen, erscheinen sollte das Geldstück 1991. Der Abgabetermin für die „umsetzungsreife Ausführung der Plastik“ ist auf den 7. Mai 1990 datiert. Etwas mehr als 2000 Mark Honorar waren vereinbart. Doch zur Abgabe kam es nicht mehr.

Stattdessen unterzeichneten die Finanzminister der beiden deutschen Staaten, Theodor Waigel und Walter Romberg, am 17. Mai 1990 den Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Kurz darauf gab es den DDR-Staat nicht mehr - auch sein Geld nicht. Die Hoyers waren raus aus dem Geschäft. „Unser Arbeitgeber ist uns einfach weggestorben“, sagt der Bildhauer. Für die erfolgsverwöhnten Designer begann eine Zeit der Wirren.

Im Nachbarstaat kannten sie sich nicht aus, hatten keine Ahnung, wie man in der Bundesrepublik an Aufträge kommt, wussten noch nicht einmal, wer für die Prägung von Münzen zuständig ist. Hoyer muss über sich selbst schmunzeln, als er erzählt, wie er sich im neuen System auf die Suche machte.

Im Frühjahr 1990 steht er an der Müllerstraße, die einmal quer durch Wedding nach Nordosten führt. Nicht gerade ein Prachtboulevard, aber die Straße verläuft durch den Westen und der Künstler will wissen, wo die Bundesrepublik ihre Münzen herstellt. Und bei wem erfährt man das zuverlässiger als bei einem Münzenhändler - denkt Hoyer. Nach ein paar hundert Metern wird er fündig, aber eine präzise Auskunft bekommt er nicht. Er solle bei der Bundesbank fragen, heißt es. Und der vom real existierenden Sozialismus leidgeprüfte DDR-Bürger bekommt es mit der westdeutschen Bürokratie zu tun.

„In der Bundesrepublik Deutschland fällt die Gestaltung von Bundesmünzen nach den gesetzlichen Bestimmungen in die alleinige Zuständigkeit des Bundes“, teilt ihm die Bundesbank am 26. Juni in geschliffenem Behördendeutsch mit; federführend sei das Finanzministerium, steht in dem Schreiben. Dort verweist man an die Kollegen vom Ministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, aus dem die Hoyers dann auch Post erhalten. Schließlich stellt sich dann heraus, dass für die Ausschreibung der Münz-Wettbewerbe das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung zuständig ist. Man habe die beiden nun in die entsprechende Künstlerkartei aufgenommen, lässt man sie wissen. Aber in der Bundesrepublik hat man nicht gerade sehnsüchtig auf die beiden ostdeutschen Künstler gewartet.

Anderer westdeutscher Münz-Geschmack

„Irgendwie hatten die einen anderen Geschmack als wir“, sagt Hoyer. Vielleicht lag es daran, dass in der DDR vor allem naturgetreue Darstellungen üblich waren, wie manche Fachleute meinen. Im Westen habe man damals aber abstrakte Bilder bevorzugt. Immer wieder nehmen die Hoyers an Ausschreibungen teil, immer wieder scheitern sie. Vielen ostdeutschen Kollegen geht es ebenso. Künstler, die in der DDR noch feste Größen waren, verschwinden nach und nach von der Bildfläche. Auf einmal sollen sie sich mit ihren Entwürfen anonym an Wettbewerben beteiligen, in denen niemand ihren Stil, ihre Stärken zu schätzen weiß. Viele resignieren. Die Hoyers nicht.

„Wir haben einfach immer weitergemacht“, sagt der Bildhauer. Und irgendwann klappt es: Als erster „Ossi“ darf Hoyer ein westdeutsches Geldstück gestalten - die 10-Mark-Gedenkmünze „300 Jahre Franckesche Stiftungen“, zum Jubiläum der gemeinnützigen Einrichtung in Halle an der Saale. Die Münze erscheint 1998, zehn Jahre nach dem bis dahin letzten Motiv des Künstlerpaars. Der Bann ist auch in der Bundesrepublik gebrochen. Ihren größten Erfolg feiern sie vier Jahre später, als der Euro in Umlauf kommt: Aus dem Fernsehen erfahren die Hoyers, dass ihr Entwurf für den Bundesadler auf die 1- und 2-Euro-Münzen geprägt wird. Mehr als drei Milliarden davon sind mittlerweile im Umlauf. 15 Jahre zuvor hatten sie noch Münzen mit Ährenkranz, Hammer und Zirkel entworfen, jetzt sollen sie mit dem Wappen der Bundesrepublik gesamtdeutsche Identität stiften. Sie sind wieder im Geschäft.

In den Jahren 2003 und 2004 bekommen sie vier erste Preise für Gedenkmünzen in Folge - zum Bauhaus-Jubiläum etwa und zur Fußball-Weltmeisterschaft. Für die Bundesländer-Serie, die vor drei Jahren begann, haben die Hoyers drei von bisher sieben beschlossenen Motiven gestaltet. Jedes Land darf bestimmen, was auf der Bildseite von jeweils 30 Millionen neuen 2-Euro-Münzen zu sehen ist. Für die mecklenburgischen Münzen haben die Künstler eine Abbildung des Schweriner Schlosses entworfen, für die Schleswig-Holsteiner das Holsten-Tor und für Nordrhein-Westfalen den Kölner Dom. Die beiden Künstler aus dem Osten der Hauptstadt haben sich die Bundesrepublik auch über ihre Symbole erschlossen.

Die Erfolge sprechen für sich

Heute sind die Hoyers wieder erfolgreich. Man kennt sie in Fachkreisen, schätzt sie. Der Bildhauer hat sich sogar seine eigene Konkurrenz herangezogen; häufig schnappen ihm seine Schüler von der Kunsthochschule Weißensee die ersten Preise weg. Der Dozent muss dann im Seminar „herzlichen Glückwunsch“ sagen. Beim „Münzenmagazin“ in Stuttgart, der größten deutschen Fachzeitschrift, lobt man die Berliner Ausbildung. Aber die Erfolge sprechen ohnehin für sich.

Aus ihrer Plattenbauwohnung wollen die Hoyers trotzdem nicht weg. Auch wenn das Haus längst nicht mehr zum Vorzeigen taugt. Die Wände sind verwittert, im Aufzug begegnet man ungewaschenen Männern mit Plastiktüten, in denen Bierflaschen klimpern. Sie seien zufrieden hier, sagen die beiden. Hauptsache, er hat genügend Platz in seiner kleinen Gips-Werkstatt. Und sie kann ungestört zeichnen - an ihrem sauberen Tisch, auf der anderen Seite des Raumes.



Heinz und Sneschana Hoyer in ihrer Ostberliner Wohnung

(Quelle: http://www.faz.net/s/RubBD6B20C3D01A48D58DA92331B0A80BC3/Doc~E9E2AA297B73B41F2A1D335FED3F8919F~ATpl~Ecommon~Scontent.html)
 
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