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Thema: Japan: Umschläge der Inlandsexpressgesellschaft
Christian Am: 10.12.2009 22:20:32 Gelesen: 6282# 1 @  
Japan: 1920er Jahre - Papier oder Philatelie ?

Liebe Philaseiten Leser!

Heute wende ich mich mit einer Frage an Euch, da ich ziemlich ratlos bin.
Als Generalsammler (alle Welt bis 1930) fehlt mir oft das nötige Expertenwissen, dass die Spezialisten hier auszeichnet. Deshalb hoffe ich auf eure Unterstützung. In einem Los japanischer Belege waren auch folgende "Umschläge" enthalten.


3x Vorderseite, 1 x Rückseite

In der mir zur Verfügung stehenden Literatur habe ich nichts gefunden. Auch das Internet hat keine Erkenntnis gebracht. Jetzt hoffe ich auf's Forum. Wer kann mir sagen, um was es sich bei diesen "Umschlägen" handelt?

Erwartungsvoll wartend grüßt

Christian

[Überschrift nach Klärung der Frage redaktionell geändert]
 
Harald Zierock Am: 11.12.2009 09:40:37 Gelesen: 6243# 2 @  
@ Christian [#6]

Hallo Christian,

Da ich momentan nicht viel selber machen kann (mein rechter Daumen ist plötzlich steif und doppelt so dick wie der linke), habe ich einen Bekannten um Rat gefragt.

Seine Antwort lautet so:

"Tja, lieber Harald, da hast Du mir eine Frage gestellt, die ich nicht eindeutig beantworten kann. Ich habe solche Umschläge noch nie gesehen. Zuerst dachte ich, dass es sich um China handelt. Nachdem ich die Rückseite gesehen habe, kann ich Dir sagen, dass es sich eindeutig um Japan handelt. Ich nehme aber doch stark an, dass es sich um keine postalischen Briefe handelt, sondern diese mehr privater Natur sind, vielleicht von eine Bank, oder einem Geschäft. Postalisch gibt es in Japan sogenannte Bargeld-Briefe, wo man in entsprechenden Umschlägen Bargeld verschicken kann. Bei Deinen Fällen glaube ich, dass auch hier „Geld“ mit im Spiel ist, denn links oben in dem Kästchen ist das Zeichen 金 = Geld.

Und damit gehen meine Weisheiten schon zu Ende. Falls ich oder Du noch etwas ermitteln können, informieren wir uns, Okay?

Viele Grüße aus Leipzig, Bernd"

Vielleicht hat aber LigneN eine gute Antwort, da er auf diesem Gebiet doch sehr kompetent ist?

Viele Grüße,

Harald
 
ligneN Am: 11.12.2009 17:43:02 Gelesen: 6204# 3 @  
@ Christian [#6]

Hallo,

1. Die Briefumschläge

Sie stammen von der "Inlandsexpressgesellschaft", einer staatlichen japanischen Transportgesellschaft, die ergänzend zur Post bestand. 1950 privatisiert, heute:

http://www.nittsu.com.

Mehr dazu unten.

Die drei Umschläge sind Standardumschläge zur Bargeldbeföderung. Auf der Rückseite sind Regelungen abgedruckt. "handschriftlich" (Vordrucktext)

Oben steht "Zentral-Hauptlinie" (Strecke). - Wohl Sortierung für den Beutel bei Bahntransport.
Rechts im Kasten steht "Musashi" (provinz) "Sakai" (Bahnhof)
-- Das war der Bestimmungsort.
(z. Hd. Inlandstransportgesellschaft Filiale)
(Betrag) 20 sen
rechts außen steht: (Summe, Abrechnung usw. Nr. 23).
Es handelt sich um eine interne Formnummer.

unten steht (Bahnhofsfiliale)
Eingestempelt ist dann oben in violett der Ortsname, unten das Logo der Inlandstransportgesellschaft E (für Express) und mittig das "tsu" (Transport).
Das beiderseitige "E" fiel später weg, das Logo sieht man heute noch, zB auf Containern auf Flughäfen (weiss auf rot).

Die drei absendenden Filialen sind v. l. n. r. "Tachikawa" (bei Tokyo), "Kozukue" (bei Yokohama, merkwürdigerweise von links geschrieben), der dritte ?Senezawa (konnte ich nicht finden). Die Namen sind von Bahnhöfen, nicht von Orten.
Die heissen in Japan nach Straßen, Kreuzungen, Ortsteilen.
Die anderen Beträge sind 27 sen und 40 sen = Vorkriegszeit. 1920er Jahre (spätestens) kommt hin.

*Musashi = bis 1868 Provinzname für die Gegend rund um Tokyo/Yokohama.
Postalisch bis 1909 beibehalten, als Traditionsname auch noch später.

2. Inlandsexpressgesellschaft

(Wegen des direkten Zusammenhangs mit der Post 1872-77 ausführlicher)

1872.6.- gegründet als "Land(wegs-)transportgesellschaft", unter Kontrolle des Generalpostamts. War die offizielle Vereinigung der ehemaligen Privatkuriere: nach der Gründung der Staatspost wurden private Briefdienste nach und nach (mit Erweiterung des Postnetzes) verboten, 1873 endgültig. Die Privatposten/kuriere/Angestellten wurden in der neuen Gesellschaft vereinigt bzw. die Geschäftsbetriebe integriert.

1872.8.- Gesetzgebung trennt "Post" und "Transport" per Definition.
1872.9.- Private Gesellschaften dürfen keine Briefe mit Nachrichten ("Post") mehr transportieren, sonstige Inhalte wie z.B. Wertgegenstände sind ausdrücklich zugelassen.
1873.6.6 Staat macht den Betrieb aller nichtpostalischen Landwegs-Transportunternehmen genehmigungspflichtig, de facto Monopolisierung dieser Aufgaben in der Gesellschaft (Kabinettsorder Nr. 230).
Die Gesellschaft wird mit allen Transportaufgaben außer Nachrichten (Briefen) betraut, dh Geldtransport inkl. Löhnen, Briefmarken, sonstigen Wertpapieren, Paketen usw.
Aus diesem Grund hat Japans Post Pakete erst 1892 und Wertbriefe erst ab 1900 eingeführt. Danach ging die Expressgesellschaft zu Großpaketen und Industriebetreuung über.
1875.3.- umbenannt in "Inlandstransportgesellschaft". Monopolisiert den landesweiten Postkutschenbetrieb.
1875.5.- eröffnet Zweigstellen an jeder Station (erst Pferdewechsel-, dann Bahn-), bald auch an jedem Standort von Poststellen.
1877: 5083 Zweigstellen landesweit - zum Vergleich Zahl der Postämter per 1877: 3946.
1892/1900 Monopole für Geldtransport bzw. Pakettransport enden, s.o.
1928 AG als "Internationale Transportgesellschaft"
1937 aufgrund des Nationalen Transportgesetzes (kriegsbedingt) in die halbstaatliche "Japan Transportgesellschaft" umbenannt (heutiger Name).
1942 alle anderen privaten Bahn- und LKW Transportfirmen mit ihr vereinigt, erneut auf Basis des Transportgesetzes (Kriegsmaßnahme).
1950.2.1 Nationales Transportgesetz aufgehoben, privatisiert. Seitdem an der Börse Tokyo gehandelt.
2008 zur Trennung der Geschäftsbereichte postähnliche Paketzustelldienste in neue Fa. "JP Express" ausgegliedert.
2009 übergibt die meisten Bereiche des Zustelldienstes "Pelikanbin" an Tochter JP Express. Zustelldienste an Privat direkt damit praktisch nicht mehr Bestandteil des Betriebs von Nittsun.
Der Hauptgeschäftszweig besteht seit den 1960er Jahren aus dem Containerverkehr.

3. Logo

EEE (tsu) EEE wurde als Logo geschaffen von Generalpostmeister Maeshima (1832-1919, er ist auf diversen Japanmarken zu sehen). Die Idee hatte er wohl von einem Aufenthalt in den USA, als er Wells-Fargo Firmenfahnen/logos sah.
1879 wurden die "E" links und rechts von tsu wieder abgeschafft.
Das Logo wird seitdem unverändert benutzt, auf jedem Container/LKW/Schiff von Nittsun - und in jeder Filiale als Logo/Fahne.

4. Verbindung zur Post

Bis 1900 quasi der andere Arm der staatlichen Postdienste. Mit dem Ausbau des staatlichen Postpaketdienstes mehr und mehr Betreuung von Industrie und Wirtschaft (große Gebinde, große Mengen), aber bis 1950 de facto staatlich.

Anfangs Postkutschen (gepanzert, mit bewaffneter Begleitung), mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes (1889/92 durchgehende Strecken vollendet) dann vor allem Bahn. Stationen der Gesellschaft standen stets neben dem Postamt, oft sogar Schalter im selben Gebäude. Auf dem Land, dh bei 80%+ von Japans Postämtern, war der Postmeister meist in Personalunion Agent der Inlandsexpressgesellschaft (oder sogar umgekehrt, bei entsprechendem Geschäftsvolumen).

Eine direkte Zusammenarbeit gab es aber nur bei Geld/Wertbriefen, die bis 1900 im Auftrag der Post von der Gesellschaft weitertransportiert wurden.
Fazit: gehört für Kenner zu Japans Postgeschichte dazu.

Quellen:
Firmengeschichte (shashi, Selbstverlag 1962, in jap. Sprache)
Eintrag bei wikipedia.jp

2. - 4. ist mein Rohentwurf für einen deutschen wikipedia-Eintrag, also nicht vorher in der unfertigen Version irgendwo veröffentlichen. Sondern abwarten, bis ich das selbst mit Fußnoten versehen hochgeladen habe. Dann frei. ;-)

Gruß
ligneN
 
Christian Am: 11.12.2009 19:46:29 Gelesen: 6185# 4 @  
@ Harald Zierock [#7]

Harald zu erst einmal an dieser Stelle gute Besserung. Ich hoffe dein Daumen kommt schnell wieder in Ordnung.

@ ligneN [#8]

Habt herzlichen Dank für eure Hilfe. Ich hätte nicht erwartet, so dezidiert Auskunft zu erhalten. Ich bin einfach begeistert.

Hier noch die restlichen Umschläge aus meinem Los japanischer Briefe:



Herzliche Grüße

Christian
 
Harald Zierock Am: 11.12.2009 19:52:56 Gelesen: 6181# 5 @  
@ Christian [#4]

Hallo Christian,

Es ist bald Weihnachten, deshalb sind wir so nett und hilfreich.
Warte mal ab wenn das vorbei ist.
Meinem Daumen geht es ein wenig besser, aber ich brachte es nicht fertig, die Finger vom PC, bzw. vom Forum zu lassen.
Viele Grüße,

Harald
 
Freddy44111 Am: 29.10.2019 17:41:05 Gelesen: 1784# 6 @  
Unbekannte Japanische Marken

Hallo Briefmarkenfreunde,

wer kennt diese Marken ?

Woher kommen sie, welche Bedeutung haben sie, wie alt sind sie ? Wie hoch ist ihr Wert ?

Vielen Dank
Freddy


 
Thorn Am: 30.10.2019 06:43:45 Gelesen: 1734# 7 @  
Guten Morgen Freddy,

es handelt sich um japanische Fiskalmarken. Es gab für viele Zwecke jeweils eigene Marken (z.B. für Gerichtskosten, allgemeine Steuer usw.). Diese Marken findet man in der Regel gebraucht, werden aber kaum gesammelt, da es m.W. nach keine oder nur sehr wenige Kataloge gibt. Daher ist der Wert kaum messbar, also gering. Das Thema hatten wir hier im Forum schon einmal, ich weiß aber nicht mehr unter welchem Stichwort, musst Du mal schauen , evtl. Fiskalmarken. Andere Sammler werden Dir sicher noch mehr sagen können, dieses nur vorab.

Sammlergrüsse, Thorn
 
ligneN Am: 30.10.2019 18:02:20 Gelesen: 1680# 8 @  
Es sind Frachtraten-Verrechnungsmarken der Inlands-Expressgesellschaft [1].
Sie wurden auf internen Firmenabrechnungen verklebt und nicht an das Publikum abgegeben.

Sie erschienen in 10 verschiedenen Stufen am 1.8.1888 und wurden im Juni 1894 zurückgezogen, weil sie "zu briefmarkenähnlich" seien.

Werte gebraucht ca. 1.50 bis 3 Micheleuro.

[1] https://www.philaseiten.de/cgi-bin/index.pl?ME=22691#M5

[Beiträge [#6] bis [#8] redaktionell in das von Lignen genannte Thema verschoben]
 
Freddy44111 Am: 09.01.2020 16:06:49 Gelesen: 1464# 9 @  
Habe diese japanischen Marken in einem alten Japan Album gefunden.

Wer kann mir weiterhelfen? Ich finde sie in keinem Verzeichnis oder bei Google.

Vielen Dank im Voraus
Alfred



[Redaktionell verschoben in das Thema mit den Antworten. Man findet nicht alles bei Google - aber immer mehr bei Philaseiten]
 
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