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Thema: Mindestlohn in Deutschland
Francysk Skaryna Am: 11.11.2017 11:02:58 Gelesen: 296# 1 @  
Moin,

ob nun ausgerechnet der Mindestlohn für Zusteller zu heftigen Konsequenzen führt sei einmal dahingestellt. Fakt ist, das Arbeit nun mal einen Wert hat, der auch bezahlt sein will. Und wer Vollzeit arbeitet soll auch davon leben können. Wie sehr sich die Deutsche Post jedoch um eine angemessene Bezahlung drückt zeigt ein aktueller Beitrag in der Süddeutschen Zeitung [1]. Bei einem operativen Gewinn von 3,75 Milliarden Euro ist der Gelbe Riese nicht mal in der Lage, einen Mindestlohn zu bezahlen? Das mag glauben, wer will. Oder soll man glauben, dass der Wahnsinn Methode hat? Das systematisch Subunternehmer beschäftigt werden, dass man sich mit Lohndumping Wettbewerbsvorteile verschafft?

Gruss

[1] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-post-fahrer-klagt-gegen-die-niedrigloehne-der-deutschen-post-1.3743689

[Redaktionell verschoben aus dem Thema "Pin Group: Wie geht's dem Post Konkurrenten ?" Morgen wird das politische Thema verschoben in den Bereich ausserhalb der Philatelie]
 
achim11-76 Am: 11.11.2017 19:18:20 Gelesen: 206# 2 @  
So ist das nun mal, wenn alles privatisiert werden muss und man sich dann einem Wettbewerb stellen muss - ob das gut oder schlecht ist soll sich jeder selber überlegen. Und es darf ja heutzutage alles nichts mehr kosten ... da hat uns diese Geiz ist Geil Mentalität hingeführt.

Der Zusteller bei uns fährt jedenfalls noch mit einem VW Postbus durch die Gegend - ob das ein privater ist oder einer der direkt bei der Post angestellt ist kann ich leider nicht sagen. Fakt ist jedoch, dass einmal die Woche der Briefkasten überquillt und die Zeit dazwischen verhungert er, mal abgesehen von Werbeblättchen.

Ich selber war jahrelang bei einer grossen Spedition beschäftigt, die zwar auf dem Papier eine AG ist und privatwirtschaftlich handelt, aber Fakt war, dass der Staat 100%iger Eigentümer ist. Und da kommt das schlechteste von beiden Seiten zusammen - Verbeamtung ist nicht möglich und als privatwirtschaftlich Angestellter kann man ruck zuck rausgeworfen werden.

Man soll auf der einen Seite fette Gewinne erwirtschaften, unbezahlte Überstunden machen und wird nach einem Tarif bezahlt, der zu wenig zum leben aber auch zu viel zum sterben ist, aber wehe man fragt nach 2 Jahren mal nach 50 oder 100 Euro mehr Gehalt - entweder man ist dann so penetrant und nervt ein halbes Jahr rum bis der Vorgestetzte keine Lust mehr hat und mehr rausrückt oder man ist still und dankbar für 30 Euro alle paar Jahre wenn die Tarifverträge neu verhandelt werden.

Als man dann noch meinte, man könnte mich einfach entsorgen, weil ich durch die Arbeit gesundheitliche Probleme bekommen habe, man aber keinen Grund gefunden hat, mich elegant loszuwerden, hat man dann einfach eine Kündigung ausgesprochen, mit der Begründung, dass man das ja darf. Ich bin mir hier so vorgekommen, dass man seine Pflicht getan hat und dann einfach weggeworfen wird. Da ich dann in der Lage war, dass ich den Verein ja auch verklagen darf, habe ich das dann auch getan und den Prozess dann schliesslich auch gewonnen.

Jetzt bin ich bei einer amerikanischen Firma, auf dem Papier scheint es auf den ersten Blick schlechter zu sein als bei einer grossen Firma mit Betriebsrat, Überstunden sind auch inklusive, es gibt keine Zeiterfassung usw., aber die Realität ist eine ganz andere. In der Realität wird darauf geachtet, dass man wenige bzw keine Überstunden macht und auch mal früher geht, wenn wenig los ist.

Man ist um das Wohlergehen der Mitarbeiter besorgt, weil man dort der Auffassung ist, das die Mitarbeiter das höchste Gut ist, was die Firma hat und so lange es den Mitarbeitern gut geht und sie zufrieden sind, machen sie auch einen hervorragenden Job. Wir sind auch angehalten, nicht jeden Preis zu unterbieten, da es die Politik ist, das guter Service auch gutes Geld kostet. Und wir erleben es sehr oft, dass Kunden mal einen günstigeren ausprobieren, aber dann wieder zurückkommen, da es bei uns läuft und getroffene Zusagen eingehalten werden.
 
EdgarR Am: 11.11.2017 21:20:02 Gelesen: 158# 3 @  
@ achim11-76 [#2]

Ja, ja, schon gut!

Der zentrale Punkt im Argument von Francysk Skaryna ist aber ein ganz anderer: Gerade die Deutsche Post AG, die ungefähr im Jahr 2006/2007 mit tätiger - nochmals obergerichtlich festgestellt illegaler - Mithilfe der Bundesregierung erfolgreich viele ihrer neuen Konkurrenten (die prominenteste die Pin MAIL) ruiniert hat - gerade diese Deutsche Post AG umgeht hart am Rande der Legalität nun selber die Mindestlohnbestimmungen. Und jetzt schaut der Eigentümer Bundesregierung angestrengt weg.
 
Torsten Grunwald Am: 11.11.2017 21:48:46 Gelesen: 143# 4 @  
Hallo,

irgendwie ist durch Richard alles falsch verschoben bzw. bezeichnet worden.

Ausgangspunkt war ein Arbeitnehmer eines polnischen Unternehmens, welches für die DPAG tätig ist. Dieser Arbeitnehmer möchte nun die Deutsche Post verklagen, warum, er ist in Polen angestellt und wird von seinem Arbeitgeber bezahlt.

Ich bin seit 1989 bei der Post und habe jeden Tag mit den Subunternehmern Kontakt. Die DP bezahlt dem Subunternehmer bestimmte Leistungen z.B. Ablagefahrten, Kastenlehrungen usw.. Nun ist es aber so, dass ein Angestellter des Subunternehmers nicht durchgängig Fahrten hat, das heißt er hat Freizeit bis zum nächsten Auftrag, sowas gab es auch bei Fahrern die bei der Post angestellt waren. Diese Zeiten werden nicht bezahlt von der Post, deshalb haben einige Subunternehmer noch andere Aufgaben erworben, sie fahren z.B. für Apotheken Medikamente, um diese Lücken schließen zu können.

Es ist also möglich als Subunternehmer seine Angestellten einigermaßen bezahlen zu können, dass es regelmäßige Probleme mit der Post durch Sonderfahrten usw. gibt ist klar. Ich finde die Situation auch nicht gut, damals war aber auch nicht alles besser. Ich frage mich jedoch warum er die Post und nicht seinen Arbeitgeber verklagt?

Grüße
Torsten
 
Cantus Am: 11.11.2017 21:50:54 Gelesen: 143# 5 @  
Die Geiz-ist-geil-Mentalität ist leider auch unter Sammlern weit verbreitet. Die einen sind zu geizig, ein wenig Packpapier um die Pakete zu wickeln, um den Paketkarton zu schützen, auch wenn der Inhalt der Pakete viele hundert bis weit über tausend Euro beträgt, die anderen verschicken ständig mit Hermes, um der Deutschen Post und damit auch ihren Beschäftigten zu schaden. Ich mache das nicht so, aber ich gehöre da wohl zu den Ausnahmen.

Bedenkt: Jede Preisreduktion im Transportwesen bedeutet automatisch niedrigere Löhne für die dort Beschäftigten. Ist das wirklich das, was ihr für erstrebenswert erachtet?

Viele Grüße
Ingo
 
10Parale Am: 12.11.2017 00:41:18 Gelesen: 95# 6 @  
@ Francysk Skaryna [#1]

Ich war selbst 2 Jahre bei einem privaten Postunternehmen beschäftigt und habe am Rande den Preiskampf miterlebt. Bei aller Kritik an der Deutschen Post bitte ich zu bedenken, dass auch der Staat als Auftraggeber von Massenwaren (Gemeinden, Ämter, Behörden, Finanzämter etc.) Interesse hat, die Post möglichst preisgünstig an den Empfänger zu bringen. Wie kann die Post darauf reagieren? Die Privatisierung des Postwesens haben auch die Körperschaften des Staates begriffen und profitieren vom Wettbewerb. Staat gegen Staat?

Ganz unabhängig davon sollte eine angemessene Bezahlung (Mindestlohn ist ein Scheinbegriff!) nicht einmal zur Diskussion stehen. Es ist wie mit der Milch. Alle wollen gesunde Milch von glücklichen Kühen und allen rennen in die Discounter, wo es am günstigsten ist.

Liebe Grüße

10Parale
 
Cantus Am: 12.11.2017 01:01:27 Gelesen: 90# 7 @  
@ 10Parale [#6]

Hallo,

das ist genauso pervers wie das Verhalten vieler Mitbürger hier in der Gegend, die sich ständig darüber beschweren, dass es so wenig gut bezahlte Arbeitsplätze in ihrem Landkreis gibt, die aber gleichzeitig zu tausenden nach Polen fahren, um da billiger einzukaufen. Und es sind nicht nur Benzin, Tabak und Alkohol, die vorrangig in Polen gekauft werden, sondern auch polnische Optiker, Zahnarzt, Frisör, Bauarbeiter, Erntehelfer usw. werden gegenüber deutschen Arbeitsuchenden bevorzugt, weil sie ja oft billiger sind. Würde das nur von wenigen praktiziert werden, würde es nicht weiter auffallen, aber insbesondere am Wochende gibt es einen regelrechten Exodus aus Berlin und den großstadtnahen Regionen nach Polen. Das aber schadet mit Sicherheit der deutschen Wirtschaft und dem deutschen Handel ganz nachhaltig.

Viele Grüße
Ingo
 
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