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Thema: Bessarabien: Wechselhafte Geschichte
eswareinmal Am: 11.09.2012 13:58:51 Gelesen: 4373# 1 @  
Auf der Karte, die ich jetzt zeige, ist unter den R von Russland die Stadt Odessa zu sehen. Die Karte ist von 1919 (Feldpostkarte). Kann mir jemand sagen zu welcher Region es 1923 gehörte ? Heute ist es Ukraine früher wohl Bessarabien. Welche Marken waren dort gültig 1923?


 
Dieter Am: 11.09.2012 15:57:20 Gelesen: 4355# 2 @  
@ eswareinmal [#1]

Hallo !

Ich habe gerade einmal ins Lexikon geschaut und da steht über Odessa "von März 1918 bis April 1919 war die Stadt von Deutschen, danach von Interventionstruppen und Weißgardisten unter Denikin besetzt, bis sie 1920 durch die Rote Armee befreit wurde." Hoffentlich hilft das weiter.

Es grüßt Dich Dieter
 
eswareinmal Am: 11.09.2012 17:35:30 Gelesen: 4341# 3 @  
Danke Dieter.

Also eigentlich geht es mir nicht speziell um die Stadt Odessa, sondern den Bereich "Kreis Akkermann" der unmittelbar neben Odessa liegt / lag. Aber so hab ich schon einmal einen Ansatzpunkt, den ich weiterverfolgen kann
 
Marcel Am: 11.09.2012 18:34:26 Gelesen: 4328# 4 @  
@ eswareinmal [#3]

Akkermann und Bessarabien 1812 entstandene Gebietsbezeichnung dauerhaft an Rußland bis 1917 (ab 1873 Gouvernement Bessarabien) - war mehrheitlich von Rumänen bewohnt.

1918 kurzzeitig unabhängig, dann durch Zwischenkriegszeit bis 1940 an Rumänien als östlichste Provinz, wurde nach dem II.WK Landesteil der Sowjetunion in der Ukrainischen SSR. Heute ist der größte Teil in Moldavien - der südliche gehört zur Oblast Odessa (Verwaltungseinheit - eine von 25 in der Ukraine - bereits 1932 gegründet - gegliedert in 26 Rajone und 7 direkte der Oblast unterstehenden Städte).

Es gab dort eine Pferdeeisenbahn bereits 1904 bis 1930, zudem eine am 2.Januar 1916 eröffnete Eisenbahnstrecke zw. Leipzig und Akkermann.

Bessarabiendeutsche wurden 1940 unter dem Motto "Heim ins Reich" um- bzw. ausgesiedelt.

Google mal Bilhorod-Dnistrowskyi, Akkermann, Bessarabien usw. und du erhältst noch mehr Infos.

Schöne Grüße Marcel
 
eswareinmal Am: 11.09.2012 21:10:18 Gelesen: 4306# 5 @  
@ Marcel

Danke für die sehr guten Tipps. Müsste nach meinen Recherchen nun damals zu Rumänien gehört haben. Danke !
 
Heinz 7 Am: 10.10.2013 10:42:27 Gelesen: 3656# 6 @  
@ eswareinmal [#5]

Guten Tag,

den Ausführungen von Marcel ist nichts beizufügen. Auf Wikipedia Beitrag Rumänien - aber auf ENGLISCH - also ROMANIA - findest Du eine tolle Animation, das Gebietsveränderungen von Rumänien zeigt von 1859 - 2010.

Viel Vergnügen beim Weiterforschen!

Heinz
 
10Parale Am: 14.09.2017 14:15:50 Gelesen: 1022# 7 @  
@ Marcel [#4]
@ eswareinmal [#1]

"Akkermann und Bessarabien 1812 entstandene Gebietsbezeichnung dauerhaft an Rußland bis 1917 (ab 1873 Gouvernement Bessarabien) - war mehrheitlich von Rumänen bewohnt."

Aus dieser Zeit als Gouvernement Rußlands stammt dieser 7 Kopeken Ganzsachenumschlag, der am 21. Juni 1886 (julianischer Kalender) von Edinet (Jedinez) über Oesterr Nowosielitza (Absschlag am 4.7.1886 - gregorianisch) lief und am 6.7.1886 Dresden Altstadt erreichte.

Der Brief wurde also innerhalb von 4 Tagen befördert.

Edinet liegt heute im Norden Moldawiens. Nach 1812 wurde Bessarabien vom Fürstentum Moldau und der türkischen Vorherrschaft entrissen und dem russischen Zarenreich unterstellt. Bessarabien gehörte zu den russischen Gouvernements, in denen Juden ansässig werden durften. Der Bevölkerungsanteil der Juden in Edinet war vor den Wirren des II. Weltkrieges sehr hoch, im Jahr, als dieser Brief verfasst wurde, bestimmt über 50 Prozent.

Ein schön abgestempelter Brief. Auf den beiden Stempeln auf der Rückseite kann man noch "BESSARAB" in kyrillischer Schrift lesen.

Liebe Grüße

10Parale


 
10Parale Am: 13.02.2018 20:13:03 Gelesen: 262# 8 @  
Ich schreibe mal über den folgenden Beleg, was der Verkäufer darüber in englischer Sprache schrieb:

"7 Kopecks Russian Eagle Emblem Stationery Cover mailed from Kishinev = Chisinau /Moldova (at that time Russia) by TRAINS = Postwagen No. 6 und No. 85 to Riga / Latvia (at that time Russia) than to Mitau = Jelgava /Latvia !

D.h. wir haben hier einen Brief aus dem Jahr 1885, der von Kishinev aus befördert wurde. Kishinyouv ist gleichzusetzen mit Chisinau, der heutigen Hauptstadt der Republik Moldawien.

Chisinau wurde 1436 als ein klösterliches Dorf im Fürstentum Moldau gegründet. Um das Jahr 1800 hatte Chisinau etwa 7.000 Einwohner. In den Folgen des Russisch-Türkischen Krieges (1806-1812) wurde Chisinau Russland zugeschlagen und etablierte sich zur Hauptstadt der Oblast Bessarabien.

Der Architekt Avraam Melnikov errichtete zwischen Mai 1830 und Oktober 1836 die Kathedrale "Nasterea Domnului" (Geburtskirche) Chisinau bekam einen komplett neuen Stadtteil mit einem Triumphbogen, der der Architekt Luca Zaushkevich erbaute.

1871 und 1873 wurden Eisenbahnlinien nach Tiraspol und Cornesti, sowie nach Jassy eröffnet. Dies in Vorbereitung des erneuten Ausbruchs von Streitigkeiten mit dem Ottomanischen Imperium.

Die Einwohnerentwicklung war rasant. Im Jahr 1862 waren es schon 92.000, im Jahr 1900 insgesamt über 125.000 Einwohner.

Der Anteil der jüdischen Bevölkerung betrug im Jahr 1900 ca. 43 %, eine der höchsten jüdischen Bevölkerungsanteile in Europa.

Nach der Russischen Oktoberrevolution gab es einen kurzen Moment der Demokratischen Republik Moldau. Danach wurde Chisinau dem Königreich Rumänien zugeteilt.

Die Stadt hat eine bewegte Geschichte und dieser Beleg gibt Zeugnis über ein längst vergangene Zeit.

Liebe Grüße

10Parale


 
Heinz 7 Am: 15.02.2018 16:30:30 Gelesen: 193# 9 @  
@ 10Parale [#8]

Die Geschichte der (heutigen) Republik Moldau ist wirklich bewegt; wir haben darüber bereits einiges besprochen. Ein Sammler von Rumänien-Briefmarken (wie Du und ich) und posthistorisch interessierter Philatelist tut gut daran, die historischen Details genau zu kennen. So können wir erkennen, wenn eine Korrespondenz "rumänisch" war oder eben doch nicht. Viele Händler und Auktionatoren (und selbst Sammler) machen hier Fehler. So werden eindeutig türkische Belege manchmal zu Rumänien gezählt oder es wird verkannt, dass ein Brief damals russisch war und NICHT rumänisch!

Dass in Rumänien auch ausländische Postverwaltungen tätig waren, erschwert die Beurteilung bzw. macht es erforderlich, dass wir sauber differenzieren. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass ein Brief aus (z.B.) Bakeu zu Rumänien gehört, obwohl er eine österreichische Marke tragen kann und mit einem österreichischen Stempel entwertet wurde.

Die zwei oben gezeigten Briefe sind russische Briefe. Кишинёв / Kischinjow war 1885 und 1886 russisch. Dass vor 1812 Bessarabien zum alten Fürstentum Moldau gehörte, ändert nichts an dieser Tatsache. Die Jahre 1856-1878 sind für Rumäniensammler besonders interessant, weil damals einige Orte von Bessarabien tatsächlich zu Rumänien gehörten (bzw. zum Fürstentum Moldau, von "Rumänien" sollten wir erst ab 1859 sprechen). Aber das weisst Du ja.

Freundliche Grüsse
Heinz
 
nor 42 Am: 15.02.2018 22:08:48 Gelesen: 156# 10 @  
@ 10Parale [#8]

Ich erlaube mir eine ganz kleine Korrektur:

Chisinau wurde nicht Rumänien zugeteilt sondern von Rumänien besetzt und der Demokratischen Republik Moldau so schnell ein Ende bereitet. Übrigens, die Besetzung erfolgte in Einvernehmen mit den Zentralmächten.

nor 42
 
Heinz 7 Am: 15.02.2018 23:54:07 Gelesen: 146# 11 @  
@ Heinz 7 [#9]

Ich zeige anbei einen seltenen Beleg aus dem Fürstentum Moldau (Jassy) nach Kischinjow (Kishinev, nach anderer Schreibart)(Bessarabien). Am 6. August 1862 ging der Brief auf die Reise, drei Tage später kam der Brief an.

1862 verfügte Rumänien bereits über eigene Briefmarken (Michel Nrn. 8-10). Dieser Brief wurde aber mit der russischen (nicht der rumänischen) Post befördert, davon zeugt der (russische) Stempel JASSY auf der Rückseite. Auch der Ankunftsstempel war - natürlich - ein russischer Stempel.



Der Faltbrief ist teils aufgeklappt; der obere Teil zeigt also die Rückseite des Briefes. Den (Abgangs-) Stempel finden wir im Buch von Tchilinghirian/Stephen: "Stamps of the Russian Empire used abroad; Part One: Constantinople; The Danubian Principalities; Bulgaria and Roumelia" von 1957: Seite 62, fig. 43.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 16.02.2018 00:26:55 Gelesen: 144# 12 @  
@ Heinz 7 [#11]

Cahul (andere Schreibweise auch: Kagul) liegt im Süden von Bessarabien, in der Nähe des Grenzflusses Pruth (östlich davon). Cahul war lange Zeit eine russische Stadt, bevor es 1856 dem Fürstentum Moldau zugeschlagen wurde (eine Folge des Krimkrieges). Doch 1878 fiel es wieder zurück an Russland (am Berliner Kongress so beschlossen).

Im Sommer 1770 fand hier übrigens eine legendäre Schlacht zwischen den Russen und den Osmanen statt (Russisch-Türkischer Krieg von 1768 bis 1774), als eine russische Armee angeblich ein rund 9 x grösseres Heer der Osmanen in die Flucht schlagen konnte.



Eine Michel Nr. 42 (50 Bani-Marke der 9. Ausgabe) mit einem Stempel von 1877, also der rumänischen Periode.

Cahul war also nur kurze Zeit Teil von Rumänien (bzw. seinem Vorgängerstaat Fürstentum Moldau). Rumänische Briefmarken mit rumänischen Stempeln "CAHUL" sind also wenn auch nicht sehr selten, so doch sehr interessant für Sammler von Rumänien.

Heinz
 
Heinz 7 Am: 16.02.2018 22:07:02 Gelesen: 77# 13 @  
@ Heinz 7 [#12]

Im Thema "Rumänien für Sammler" haben wir Postformulare "Posta No. 19" bereits besprochen. Auf ihnen finden sich teils sehr schöne Stempel.

Wir haben hier einige Orte von Bessarabien unter die Lupe genommen, und gerne ergänze ich nun einen wunderschönen Stempel. Wir wissen, dass Cahul / Kahul für relativ kurze Zeit zu Rumänien kam (bzw. seinem Vorgängerstaat Fürstentum Moldau) und zwar 1856-1878.

Dieses Formular wurde 1862 verwendet, wie aus einem anderen Stempel zweifelsfrei zu entnehmen ist. Es wurde mit dem Stempel "M2" fig. 295 Ki. Dragomir gestempelt, der 1859 im Fürstentum Moldau eingeführt wurde.



Dieser Stempel in der Farbe braun ist ein prächtiger Beweis dafür, dass die moldauische/ rumänische Post ihre neu dazugekommenen Städte (aus Bessarabien) mit eigenen Stempeln versah.

Ich schätze diesen Beleg sehr, dessen linke Hälfte ich oben gezeigt habe. Da der Beleg deutlich grösser ist als Format A4 kann ich im Moment keinen Scan des ganzen Beleges anfertigen, aber hier geht es ja primär um den Stempel.

Heinz
 
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