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Thema: Belege aus der eigenen Familiengeschichte
Das Thema hat 155 Beiträge:
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volkimal Am: 18.01.2014 15:43:13 Gelesen: 41764# 56 @  
Hallo zusammen,

nachdem es in Afrika zur Gründung von Deutschen Kolonien kam, sollten auch dort Missionsstationen gegründet werden. 1885 wurde auf einer Konferenz empfohlen, dass sich die Baseler Mission in Kamerun und die Bremer Mission in Togo einsetzen soll. Über Ostafrika erfolgte kein Beschluss, offenbar deshalb, weil noch keine klare Grenzziehung erfolgt war.



Ansichtskarte von Friedrich Berger, einem Schulfreund von meinem Großvater vom 9.6.1913 aus Viktoria in der deutschen Kolonie Kamerun. Die Abbildung zeigt die Basler Mission in Buea. Ob Friedrich Berger, der Absender dieser Karte, selbst Missionar war konnte ich bisher nicht feststellen. Großvater hat in seinen Lebenserinnerungen keine Angaben zum Beruf von Friedrich Berger gemacht. Soldat bei den Schutztruppen war er aber nicht, denn in den Namenslisten der deutschen Soldaten in Kamerun ist er nicht aufgeführt.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 25.01.2014 09:57:50 Gelesen: 41637# 57 @  
Hallo zusammen,

mich interessiert vor allem die Missionsgeschichte in Deutsch-Ostafrika. Das liegt an einer Abfolge von ursprünglich acht Postkarten und Briefen, die die Zeit der deutschen Kolonien und ihr Ende durch den ersten Weltkrieg belegen. Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen meiner Urgroßmutter und der Missionarin Frau Hübner, der Frau des Superintendenten der evangelischen Berliner Mission. Inzwischen bekam ich noch einige Briefe und Karten als Ergänzung geschenkt bzw. konnte sie dazu kaufen.



Diese Karte mit der Abbildung des Ehepaars Hübner mit ihrem Sohn Herbert hat der Gärtner Johannes Endemann auf der Missionsstation Wangemannshöhe geschrieben.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 02.02.2014 18:20:42 Gelesen: 41476# 58 @  
Hallo zusammen,

direkt nach seiner Verlobung mit Marie Elstermann wurde Herr Hübner wurde von der Berliner Mission am 25. Mai 1892 nach Deutsch-Ostafrika entsandt. Er war in den folgenden Jahren mit mehrmaligem Wechsel auf den drei Missionsstationen Wangemannshöhe, Ikombe und Mwakaleli eingesetzt. Auf der Missionsstation Ikombe (Ansichtskarte) arbeitete Gustav Hübner vom 2. August bis zum 15. Dezember 1893. Wegen des ungesunden Klimas wurde die Station Ikombe 1910 nach Matema verlegt.



Schade, dass die Briefmarke entfernt wurde. Wer kann mir sagen, wieso die Karte über München gelaufen ist. Gera (Reuss) liegt in Thüringen.

Meine Urgroßeltern lernten die zukünftige Frau Hübner Ende August 1894 auf einem Missionsfest kennen. Urgroßmutter schreibt [2]:

Beim Abendbrot sagte der Hausherr, dass wir eine Missionsbraut unter uns hätten, die in der nächsten Zeit ihrem Verlobten nach Afrika folgen wolle. Es war Frau Missionar Hübner, denen wir in treuer Freundschaft verbunden wurden, als sie nach 15 Jahren auf Urlaub kamen.

Als ich bei einem Vortrag im Briefmarkenverein in Coesfeld über Familie Hübner berichtete, erlebte ich eine Überraschung. Dr. Braumann, der Billerbecker Pfarrer und Mitglied des Vereins sprach mich an. Er selbst hatte dafür gesorgt, dass die Lebenserinnerungen von Herbert Hübner, dem Sohn der Missionarin veröffentlicht wurden. Über Dr. Braumann bekam ich Kontakt zur Witwe von Herbert Hübner und habe auf diesem Wege einiges aus der Zeit in Afrika erfahren.

Viele Grüße
Volkmar

[2] Hedwig Werdermann, Lebenserinnerungen (Urgroßmutter)
 
volkimal Am: 17.02.2014 17:26:07 Gelesen: 41209# 59 @  
Hallo zusammen,

endlich komme ich dazu, die Geschichte von Familie Hübner weiter zu erzählen. Ich zitiere dazu einige Abschnitte aus den Lebenserinnerungen von Herbert Hübner [5]:

Es wird an einem Februartage des Jahres 1895 gewesen sein. Da steht ein junger, fast 30jähriger Missionar am Nordstrand des Njassa-Sees. Er ist der südlichste der drei großen Seen Mittelafrikas und streckt sich in der Flächengröße etwa des Landes Bayern wie ein langes Band nach Süden...
Jetzt suchen die Augen des Missionars sehnsuchtsvoll das in der Ferne über den blauen Wogen zu erwartende Pünktchen des kleinen alten Schiffleins, das sich für die Fahrt vom Süden zum Norden - freilich nur in Tagesstunden fahrend - eine Zeit von sieben Tagen nimmt. Jetzt wird das Pünktlein des zu erwartenden Schiffleins, das unter den gefürchteten herabfallenden Böen manchen Kampf gegen Wind und Wellen überstanden hatte, in der Ferne sichtbar. Soll das Herz des Missionars nicht höher schlagen?

Unterdessen geht das Schifflein vor Anker, wegen des seichten Gestades mindestens noch einen Kilometer weit vom Seestrand entfernt. Ein Boot wird herabgelassen, das sehnige Arme der farbigen Ruderer zur Anlegestelle steuern. Wirklich, sie ist gekommen: Die Braut des Missionars, die ihrem Verlobten nach über zweijähriger Wartezeit in das fremde Land folgte. Dazu gehört nicht nur ein wagemutiger Entschluss, auch nicht nur eine herzliche Zuneigung zum Liebenden, sondern ein bewusst gewordener Ruf des Glaubens. Über zwei Jahre Trennung: das war für die sich Liebenden und nur spärlich voneinander Hörenden eine lange Zeit.

Noch in dem kleinen, von Moskitos durchschwirrten Hafenort wird die Trauung durch einen Amtsbruder in der Mission vollzogen. Aus der sumpfigen Niederung am See geht die gemeinsame erste Reise nun hinauf zu einer der ersten Stationen im neuen Arbeitsgebiet der Berliner Mission. Sie hat den Namen "Manow" erhalten aus Dankbarkeit gegenüber einer Gemeinde im deutschen Ostpommern.

Als das jungvermählte Missionsehepaar eintrifft, sind hier schon einige noch sehr einfache Häuschen aus Lehmsteinen mit Bambus- und Schilfdach errichtet. So braucht man wenigstens nicht mehr unter den tropischen Unbilden im Zelt zu bleiben. Die junge Frau hat in ihrem Gepäck nützliche Dinge mitgebracht. Sie kann vorerst die Sorge um Essen und Trinken den sich im Missionsdienst mühenden Männern abnehmen…




Manow, die Station im Wanjakiussaland, ist vorerst versorgt durch ältere Missionare, die bereits im Jahre 1891 ins Land kamen. Der Missionar, von dem jetzt die Rede sein soll, war ein Jahr später, also 1892 seinen Amtsbrüdern gefolgt. Nun ist es an ihm, Neuland zu "erobern" und die eigene Gründerinitiative zu betätigen.

So unternimmt er es, seine junge Frau zunächst in Manow zurücklassend auf schmalen, durch das Dickicht des Urwaldes sich hindurchschlängelndem Pfade die mindestens 1500 Meter bis zur Höhe des Berglandes hinauf zu klimmen. Die Einheimischen, Glieder des Kingastammes, weichen ihm zunächst scheu aus. es wird sofort deutlich, sie haben eine andere Stammeseigenart als die stolzen Wanjakiussa im Unterland. Hier haben die Farbigen noch nie einen Weißen Menschen gesehen. Darum die Scheu.


[5] Herbert Hübner, Lebenserinnerungen, Billerbeck 1990

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 03.03.2014 15:29:10 Gelesen: 40884# 60 @  
Hallo zusammen,

weiter geht es mit der Geschichte von Familie Hübner:

Auf einem sich leicht neigenden, ein kleines Plateau bildenden Bergrücken kann im friedlichen Aushandeln ein größeres Grundstück zur Anlage einer neuen Missionsstation käuflich erworben werden. Die Nähe eines Negerdorfes, naher Wald und nahe Quelle und schließlich die weit ausgreifenden Weideflächen bieten für die Neugründung gute Vorbedingungen. Über dem Gelände für die Errichtung der Wohnhäuser erhebt sich ein weithin sichtbarer Hügel. Auf ihm könnte einmal ein Gotteshaus stehen als weithin sichtbares Wahrzeichen für den Anbruch einer gewiß neuen Zeit dieses Landes. Im zunehmenden Vertrauen findet der junge Missionar auch Mitarbeiter aus dem einheimischen Volk. Mit praktischer Umsicht, im Handwerk nicht unbewandert, packt er die Dinge an. Lehmfunde in der Umgebung ermöglichen es ihm, sogar Ziegelsteine zu formen und zu brennen, um besseres Baumaterial zu gewinnen, als das ortsübliche Bambusrohr es anbietet.

Mitten in der ersten Aufbauarbeit kommt ein Ruf von der erstgenannten Missionsstation Manow. Die junge Frau, die der Missionar dort zunächst zurücklassen musste, geht der Geburt ihres ersten Kindes entgegen. Da kann der Mann, der in diesen noch so unzivilisierten Verhältnissen selbst Geburtshelfer sein muss, seiner Frau nicht fern sein.

Mit hoffnungsvollem Herzen klettert er den mühseligen Pfad wieder hinunter von den Bergen in die große Ebene nördlich des Njassasees und dann das letzte Stück empor zu dem Hügelland, wo in Manow die werdende Mutter sehnlich ihren Mann erwartet. Wenige Tage später, am 8. November 1895, darf sie nach sorgenvollen Stunden der beiden Eheleute der Geburt eines Knäbleins genesen; eines der ersten Missionarskinder in dem neuen Missionsgebiet. Der glückliche Vater ist mein Vater gewesen; die fast noch glücklichere Mutter war meine Mutter. So war dieses erstgeborene Kindlein niemand anders als ich selbst.

Die neue Station im Berglande, etwa 2100 m über dem Meeresspiegel, war bald über das Stadium des allerersten Anfangs hinaus. Schon bald stand ein kleines Steinhaus, bei dem schon ein aus der fernen Heimat entsandter Missionstischler mithelfen konnte, der seine Wohnstatt und seine Wirkungsstätte in den nächsten Jahren eine Stunde Weges von uns entfernt direkt am steilen Abhang der hohen Bergwand, zugleich am Rande eines für unsere Begriffe riesigen Urwaldes mit gewaltigen Bäumen und munteren Affenfamilien aufbaute.




Ansichtskarte der Kapelle von Madehani. Die Innenwände sind von einem eingeborenen Maler mit Darstellungen aus der Heilsgeschichte geschmückt. Madehani ist die eben beschriebene Außenstation von Bulongwa mit einer Tischlerei und einer Handwerkerschule.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 10.03.2014 12:17:02 Gelesen: 40777# 61 @  
Hallo zusammen,

weiter geht es mit Familie Hübner:

Als unser Wohnhaus fertig war, das später als Wirtschaftsgebäude mit einem Gastzimmer diente, holte der Vater seine junge Frau mit dem Erstgeborenen in seine Neugründung herauf. Als Missionar, der von Anfang an, solange dadurch die von ihm zu vertretende Sache keinen Schaden litt, den Sitten und Gebräuchen der Einheimischen sich anpaßte, hatte er auch der neuen Missionsstation den einheimischen Namen Bulongwa gegeben.

Die Mutter war froh, daß sie ihrem Manne nun auf der eigenen Station eindeutig zur Seite stehen konnte. Unter ihrem Mitplanen wurde nach wenigen Jahren das eigentliche Wohnhaus mit fünf geräumigen Stuben und zwei Giebelzimmern in Angriff genommen. Zum Schutz gegen die zuweilen stechende Mittagssonne hatte das Wohnhaus auf beiden Längsseiten eine durchlaufende Veranda. Zum kleinen Küchenhaus, das mit der vor Ratten sorgsam zu hütenden Speisekammer für sich stand, führte ein bis zur Höhe der Veranda aufgemauerter Gang. Hier also war unser Domizil, in dem im Verlauf von zehn Jahren dem ältesten noch vier andere Kinder folgten: ein Junge und drei Mädchen. Damit wurden wir also eine stattliche Familie.

Jeden Morgen war in unserer schlichten Notkirche mit den Lehmwänden Morgenandacht für die schwarzen Christen und solche, die sich schon dazu einladen ließen. Auch war bald im selben Gebäude ein Schulunterricht für die Jugend eingerichtet worden. Vater hatte dazu in der deutschen Heimat eine für diese Verhältnisse passende und der Eingeborenensprache Rechnung tragende Fibel drucken lassen. So fanden hier Lesen, Schreiben, Rechnen auch unter den Eingeborenen schon eine erste Übung.



Die Missionsstation Bulongwa: Wohnhaus, dahinter das kleine Küchenhaus. Vorn die schlichte Notkirche mit den Lehmwänden.

Daneben lief der Taufunterricht derer, die sich dazu bereit gefunden hatten. Als Vater dann erst die massive Kirche auf dem Hügel gebaut hatte, formierten sich die Züge der weißgekleideten Gottesdienstbesucher. An den Festtagen war die Kirche mit feingliedrigen Palmzweigen geziert. Vater, der Freund der Jugend, hatte sogar einen Kindergottesdienst eingerichtet. Zu besonderen Anlässen, wie etwa zum Heiligen Abend, hatte er mit seiner Geige Weihnachtslieder mehrstimmig eingeübt. Die Eingeborenen waren sangesfreudige Menschen. In einer gewissen Anerkennung gaben sie meinem Vater den Namen "Mualuimbo", d.h. "der Sänger".

Wir wußten ja durch unsere Eltern von der fernen deutschen Heimat, zu der wir einmal, schon um unserer Weiterbildung willen, reisen würden. Dazu schien uns in unserer kindlichen Phantasie dort so etwas wie ein Paradies mit unvorstellbaren Schätzen zu sein. So waren wir Kinder in das hoffnungsvolle Warten der Eltern auf ihren ersten Heimaturlaub, der zudem aus verschiedenen Gründen länger auf sich warten ließ, als wohl ursprünglich von der Missionsleitung geplant war, in spannungsgeladener Vorfreude hineingezogen…
Endlich war die längst erwartete Nachricht da: Die Reise nach Deutschland konnte mit Zustimmung der Missionsleitung begonnen werden.




Die massive Kirche auf dem Hügel

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 01.05.2014 12:14:07 Gelesen: 40061# 62 @  
Hallo zusammen,

nach einer langen Pause möchte ich mich diesem Maigruß meiner Eltern an meine Großeltern wieder im Forum zurückmelden.



Für meinen 60. Geburtstag hatte ich das Motto „Philatelie“ ausgewählt. Auch wenn über 90% meiner Gäste nichts mit der Philatelie zu tun haben, hat ihnen die Fete und das Motto gut gefallen. Das lag vielleicht daran, dass ich das Motto konsequent durchgesetzt habe. Hier z.B. die Vorderseite der Einladungskarte.



Eine kleine Auswahl dessen, was es alles zum Thema Philatelie bei der Fete gab:

• Die Tischdekoration mit Briefmarken
• Die Servietten mit Abbildung von Briefmarken
• Eine kleine Ausstellung: 2 Rahmen „Rekorde der Philatelie“
• Die Geschenkebox in Form eines gelben Briefkastens
• Vor der Box lagen einige meiner Hefte „Familiengeschichte und Philatelie“

Besonders schön fand ich, dass immer wieder Gäste vor der Sammlung standen oder sich meine Hefte angesehen haben, obwohl sie sonst nichts mit der Philatelie zu tun haben.



Nicht ganz einfach war es, das Essen passend zum Motto auszuwählen, aber auch das ist mir gelungen. Dazu werde ich einige Gerichte beim Thema „Lebensmittel auf Briefmarken und Poststempeln“ vorstellen.

Insgesamt hatte die Vorbereitung meines Geburtstages sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Daher hatte ich einige andere Dinge erst einmal liegen gelassen und musste sie anschließend nachholen. Daher die lange Pause hier im Forum. Aber ab jetzt werde ich mich wieder etwas häufiger melden.

Ich wünsche allen einen schönen 1. Mai
Volkmar
 
volkimal Am: 17.05.2014 17:00:06 Gelesen: 39729# 63 @  
Hallo zusammen,

es wird Zeit, dass ich die Geschichte der Familie Hübner endlich fortsetze. Zunächst noch einiges aus den Lebenserinnerungen von Herbert Hübner:

Nach dem beschwerlichen Abstieg in die Wanjakiussa-Ebene überschritten wir zunächst den Rumakario, den uns aus dem Bergland bekannten Fluß. Nur eine halbe Stunde Weges entfernt floß er an unserer Station Bulongwa vorüber… Der zweite Fluß, der überquert werden muß, ist der Lutisio, der sich bei der Station Muakaheli, wo unser Vater später als Superintendent wirkte, mit dem Matari vereinigt… Neu-Wangemannshöhe … ist das Ziel unseres ersten Reisetages.
Der zweite Reisetag führte wieder zu dem Hafen, in dem einst der Vater seine lang erwartete Braut in die Arme schließen konnte. Nun kreuzte wieder über den Wogen des blauen Njassasees ein Schiff auf, diesmal schöner und größer als das alte: der deutsche Dampfer Hermann von Wissmann.

Die fünf Tage der Seefahrt sind bald vorüber, und nun geht es weiter auf dem Ausfluß des Njassasees, dem Schire, nach Süden hin, streckenweise auf einem Flußdampfer mit Schaufelrädern, der sich manchmal nur langsarn aus dem Geschlinge der Wasserpflanzen herausmanöveriert, streckenweise auf einem Hausboot. Dann kommt wieder für zwei oder drei Tage eine Landpartie zur Umgehung der Wasserfälle. Und endlich sitzen wir auf einem Dampfer, der uns vom Hafen Blantyre den breiten Sambesistrom zum Indischen Ozean trägt. . Draußen auf der Reede wird auch sehr bald der Ozeandampfer sichtbar, der uns weiter führen soll. Aber da kommt die peinvolle Überraschung: Auf diesem Dampfer ist für uns kein Platz mehr! Eine entscheidende Stelle hatte versäumt, uns rechtzeitig anzumelden. So haben wir nur das Nachsehen, als das große Schiff in die Ferne entgleitet. Wir müssen zehn Tage warten, bis der nächste Dampfer kommt.

Der Dampfer Kanzler:

Die zehn Tage Wartezeit gehen langsam dahin; doch endlich ist das neue Schiff da, etwas über 3000 t groß, mit Namen "Kanzler". Ein Schiff dieser Größe ist ja für heutige Begriffe kaum seetüchtig zu nennen….

Wir aber verlassen in Genua das Schiff. Offenbar wollen die Eltern die nicht eingeplante Wartezeit am Indischen Ozean wieder einholen und noch vor dem Pfingstfest in der deutschen Heimat sein. Es geht also nun mit der Eisenbahn weiter.


Soweit die Ausführungen von Herbert Hübner. Zwei Jahre später reist die Familie wieder in das afrikanische Missionsgebiet zurück. Die drei ältesten Geschwister müssen in Deutschland im Internat zurückbleiben, damit sie eine ordentliche Schulausbildung erhalten.



Diese Karte an den Schüler Herbert Hübner in den Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale bekam er von seiner Mutter. Sie schrieb die Karte während des Heimaturlaubes am 16.1.1908 in Finsterwalde.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 25.05.2014 08:51:30 Gelesen: 39555# 64 @  
Hallo zusammen,

bisher konnte ich zur Geschichte von Familie Hübner vor allem Ansichtskarten zeigen. Von jetzt an geht es mit philatelistischem Material weiter. Vermutlich haben sich meine Urgroßeltern und Familie Hübner während des Heimaturlaubes in Deutschland kennengelernt. Hübners besuchten in der Zeit viele Missionsfeste in den verschiedenen Kirchengemeinden.



Ansichtskarte von der Missionsstation Bulongwa: "Missionar Hübner mit Familie und eingeborenen Kindern". Während eines Missionsfestes schickte der Festprediger Georg Hecker diese Karte an seine Schwester Hedwig - also an meine Urgroßmutter. Auf der Bildseite ist ein Gruß vom "Berichterstatter" Gustav Hübner.



Frau Hübner hat diese Karte an Urgroßmutter am 16.10.1910 in Bulongwa geschrieben. Sie ist allerdings erst am 30.10.1910 im ca. 300 km entfernten Iringa der Post übergeben worden. Im Stempel fehlt übrigens die Jahreszahl. Näher als Iringa waren nur die beiden Postämter in Neu-Langenburg und Muaja. Diese waren aber auch eine Tagesreise von Bulongwa entfernt. Daher hat man die Post vermutlich jemandem mitgegeben, der zu einem der Postämter kam. Am 11. 12.1910 kam die Karte dann in Friedersdorf an. Frau Hübner schreibt:
Herbert schrieb uns, dass sie sich (es sind die Geschwister gemeint) höchstwahrscheinlich in den Herbstferien in ihrem lieben Hause aufhalten werden, das wäre für uns eine große Freude.

Da meinem Urgroßvater die Arbeit in den drei Gemeinden der Pfarrstelle Friedersdorf zu viel wurde und ihm auch das feuchte Klima des Vorspreewaldes zu schaffen machte, hat er sich an die kleine Pfarrstelle in Kraatz bei Gransee versetzen lassen. Die Karte musste also noch nach Kraatz nachgesendet werden.
So ein Umzug war damals viel beschwerlicher als heute, denn es gab in der ganzen Gegend keine gepflasterten Straßen. Der schwere Möbelwagen wurde von 5 schweren Pferden gezogen. Das reichte aber nicht aus, denn er fuhr gleich am Anfang so tief in den Morast, dass der Wagen erst durch den Einsatz von 10 Pferden und 40 Menschen wieder flott gemacht werden konnte.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 29.05.2014 09:46:23 Gelesen: 39464# 65 @  
Hallo zusammen,

die zweite Karte trägt den Stempel Neu-Langenburg vom 6.1.1914. Hübners leben jetzt auf der Missionsstation Mwakaleli - genannt nach einem dortigen Häuptling. Mit dem Wechsel zur Missionsstation wurde Herr Hübner zum Superintendenten der evangelischen Berliner Mission ernannt.



Inzwischen ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Am 6.8.1915 schickt Frau Hübner eine weitere Karte an meine Urgroßmutter. Auch in diesem Stempel fehlt die Jahreszahl. Links ist ein roter Stempel "Zensur passiert Deutsch-Ostafrika". Sie schreibt:

Wir sehnen uns sehr nach einem Lebenszeichen von all den Lieben daheim. Wie mag es Ihnen und Ihrer lieben Familie ergehen? Ich glaube Karten lassen sich am besten befördern.

Darin hat sie sich aber getäuscht. Die Karte sollte dem Leitvermerk entsprechend über Portugal nach Deutschland gesendet werden. Sie hat ihr Ziel aber erst nach dem Ende des 1.Weltkrieges erreicht, da die Postverbindung schon unterbrochen war.



Für die Post zwischen dem Deutschen Reich und seinen Kolonien galt das Inlandsporto. Dennoch hat Frau Hübner in diesem Fall eine Auslandspostkarte zu 7½ Heller benutzt. Ob dieses aufgrund des Leitvermerkes notwendig war, konnte ich bisher noch nicht feststellen.

Im Mai 1916 rückten die englischen Truppen von Neu-Langenburg her nach Deutsch-Ostafrika vor. Da nur sehr schwache deutsche Truppen in dieser Region stationiert waren, wurden rasch Teile des südwestlichen Deutsch-Ostafrika besetzt. Die Missionare im Süden - soweit es Deutsche waren - wurden sofort gefangen genommen.

Was Familie Hübner in der Gefangenschaft erlebte und erlitt erfahrt ihr in den nächsten Beiträgen.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 31.05.2014 11:10:37 Gelesen: 39393# 66 @  
Hallo zusammen,

Familie Hübner wurde im Juni 1916 in Deutsch-Ostafrika von den Engländern gefangen genommen. Den größten Teil der Zeit waren Herr und Frau Hübner voneinander getrennt und in verschiedenen Lagern interniert. Im Missionsbericht vom Januar 1920 beschreiben Missionar A. Weltzsch und Gustav Hübner die erste Zeit sehr anschaulich 8,9:

Am 15. Juni 1916 wurden wir, 14 Männer, 16 Frauen und 25 Kinder, von der Brüdergemeinde-Station Rungwe, die unser erstes Konzentrationslager abgegeben hatte, mittels kleiner Lastautos an das Nordende des Sees nach Mwaja, ebenfalls eine Station der Brüdergemeinde, befördert. Hier sollten wir das Schiff erwarten, das uns über den See bringen würde...

Es folgt eine Beschreibung der fürchterlichen Fahrt über den Nyassa auf dem Missionsschiff „SS Chauncey Maples“, einem schwimmendem Eingeborenen-Seminar. Aufgrund der katastrophalen Verhältnisse wurde diese Fahrt später „die Sklavenfahrt“ genannt.



Nach solcher Vernachlässigung, ich möchte es lieber Drangsalierung nennen, waren wir froh, das Schiff am 25. Juni verlassen zu dürfen, an dem wir das Südende des Sees erreicht hatten. Ob es besser wurde? Ja und nein. Die furchtbare, Leib und Geist zermürbende Engigkeit lag hinter uns, aber vor uns schon – die erste Trennung von unseren Frauen und Kindern! Sie wurden bald nach unserer Ankunft in das etwa 15 km südlich gelegene, fieberreiche Fort Johnston gebracht, um hier in elenden Grasbuden ihren Weitertransport nach Blantyre abzuwarten, während wir Männer am Strande in einem langen Grasschuppen zurückbleiben mußten, bis auch unser Abtransport nach dem gleichen Ort 5 Wochen später erfolgte.

Brief von Herrn Hübner vom Gefangenenlager am Nyassasee an seine Frau im Lager Blantyre. Leider fehlt der Briefumschlag.



Im Brief schreibt Herr Hübner:

Lake Nyaßa, 16.07.1916
Heut am Sonntag eilen meine Gedanken besonders zu Dir und den Kindern, eine große Sehnsucht hat mich ergriffen und Sorge um die Zukunft – wann wird das Getrenntsein-Müssen ein Ende haben? Denke, gestern erhielten fast alle Herren von ihren Frauen, die in Blantyre sind, Briefe, nur von Dir bekam ich keinen, obwohl du schon eine Woche länger dort weilst…
Die letzten Frauen und Kinder sollen heute von F. Jonston abreisen, ob wir nun Aussicht haben werden euch zu folgen?...
Donnerstag den 20ten Eben sind wir in Zomba (?) angekommen....


Soweit der Anfang der Gefangenschaft. Familie Hübner kam nach und nach in viele verschiedene Lager. Näheres dazu beim nächsten Mal.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 08.06.2014 14:57:47 Gelesen: 39179# 67 @  
Hallo zusammen,

weiter geht es mit der Gefangenschaft von Familie Hübner. Bisher habe ich mich grundsätzlich an die Regel gehalten und ausschließlich Belege gezeigt, die ich selbst besitze. Um die Gefangenschaft von Hübners vollständig zu dokumentieren muss ich davon abweichen und einige Belege aus anderen Sammlungen zeigen.

Vor einigen Jahren ist auf einem Flohmarkt in Berlin die Korrespondenz von Hübners aufgetaucht. Einige der Stücke konnte ich kaufen, aber natürlich nicht alle. Zusätzlich sind im Archiv der Berliner Mission zahlreiche Briefe von Herrn Hübner vorhanden. Sie lagern heute im Kirchlichen Archivzentrum Berlin. Die Belege aus der Mission sind als pdf-Datei herunterladbar. Ihr erkennt sie daran, dass es schwarz-weiß Abbildungen sind.

Aus den Lagern am Nyassasee (letzter Beitrag) und aus Fort Johnston (heute: Mangochi) sind mir leider keine Briefumschläge und damit auch keine Stempel bekannt. Wie die folgende Karte zeigt, war Familie Hübner vom 21.Juli 1916 an im Lager Blantyre wieder vereint. Leider dauerte diese gemeinsame Zeit nicht allzu lange.



Es ist eine Karte vom Roten Kreuz in Genf an die Berliner Mission mit der Information, dass Gustav Hübner im Lager Blantyre interniert ist. Die folgenden Texte sind aus der Korrespondenz mit Direktor Axenfeld von der Berliner Mission. In einem Brief der Berliner Mission vom 11.10.1916 (Archiv Nr. 91) an Gustav Hübner heißt es:

Müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, daß Euch nach einiger Zeit von Eurer Obrigkeit die Frage vorgelegt wird, ob Ihr nach Europa Euch zurückbringen lassen, oder ob Ihr dort verbleiben wollt… Eine weite Seefahrt ist z. Zt. Beschwerlich und wegen der Minen und des Unterseebootkrieges mit Gefahren verbunden…

Gustav Hübner schreibt am 17.10.1916 (Archiv Nr. 94) aus Blantyre an Direktor Axenfeld:

Unser Los hat sich nun auch entschieden, am 20. Oktober werden wir weiter transportiert und eskortiert nach Indien, die Familien bleiben dagegen hier, was aus ihnen wird, weiß man nicht, es heißt: sie sollen nach Deutschland gebracht werden. Kriegsgefangene werden gleich behandelt von den Briten, ganz gleich ob sie Soldaten waren oder nicht. Der Heimat entführt, verloren fast alle Sachen, trennt man nun auch die Familien ohne Rücksicht ob die Familie darunter zu Grunde geht oder nicht…

Brief von Gustav Hübner vom Schiff im Indischer Ozean vom 1.11.1916 (Archiv Nr. 95c):

Was ich in meinem vorigen Brief andeutete ist zur Tatsache geworden, seit dem 20.10. befinden wir uns auf der Reise nach Indien, morgen sollen wir nach Daressalam kommen, von da bringt uns das Schiff nach Mombasa und von dort soll ein ander Schiff uns in die asiatische Verbannung führen. Wir werden wie gefangene Soldaten angesehen und demgemäß verpflegt. – Für ältere Leute gerade nichts Angenehmes. – Mehr sorgen wir uns noch um die eigenen Familien, die nun allein die beschwerliche Reise machen müssen…



Brief von Herrn Hübner aus dem Lager Mombasa an seine Frau im Lager Blantyre vom 13.11.16. Der Brief wurde in Mombasa geöffnet und zensiert und erhielt dabei den Verschlusszettel und zwei Zensurstempel. Aus Blantyre stammen der runde Zensurstempel und der Ankunftsstempel.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 13.06.2014 11:11:38 Gelesen: 39063# 68 @  
Hallo zusammen,

von Mombasa aus wurde Herr Hübner ins Lager Kilindini (ebenfalls in Britisch-Ostafrika) verlegt. Der nächste Brief vom 16.03.1917 kommt aus diesem kleinen Lager. Es diente wie Mombasa dazu, die Deutschen festzuhalten, die außer Landes kamen 6. Der Brief ging an Frau Hübner im Lager Pretoria. Allerdings hat sie der Brief dort nicht mehr erreicht und er wurde ihr ins Lager Tempe bei Bloemfontein nachgeschickt. Herr Hübner schreibt:

Kilindini, den 16.III.1917
Denke, vor einigen Tagen gingen Briefe von euch aus Pretoria ein, allerdings nur 8 Brüder bekamen Nachricht, wie freue ich mich und danke dem Herrn, dass ihr glücklich die lange Reise zurückgelegt habt...
Von Dir erhielt ich bisher zwei Briefe, einen vom 27.12. und vom 25.10....
Von zu Hause habe ich keine Nachricht erhalten, auch andere Brüder nicht. Es heißt nun wieder, dass wir von hier wegkommen in 10 – 15 Tagen, wohin wissen wir nicht.




Brief von Herrn Hübner aus dem Lager Kilindini vom 16.3.1917. Der rote Zensurstempel „No. 3333“ ist aus Mombasa. Zusätzlich ist ein südafrikanischer Zensurstempel abgeschlagen. Der Brief war am 25. 5.1917 in Pretoria (Duchgangsstempel) und wurde von dort aus nach Tempe weitergeschickt, wo er am 26.5.1917 ankam.



Neun Tage nachdem Herr Hübner den Brief aus Kilindini schrieb, ist er schon im nächsten Lager. Nach der Besetzung Tangas (Deutsch-Ostafrika) wurde dort ein Kriegsgefangenen- und Internierungslager eingerichtet, in das auch Herr Hübner verlegt wurde. In diesem Brief vom 17.05.1917 an seine Frau im Lager Pretoria schreibt er:

In dieser Woche erhielten wir keine Briefe aus Pretoria. Von all Deinen Blantyre Briefen habe ich nur zwei erhalten, den vom 21/10. und 27/12. Von Pretoria den vom 9/3. und 19/3. Alle anderen stehen noch aus. Wo mögt Ihr wohl jetzt sein?

Brief vom 17.5.1917 aus dem Lager Tanga. Der Brief wurde aber erst am 29.6.1917 in Tanga von der Zensur freigegeben (roter Zensurstempel der „C“ Sektion). Auf der Rückseite befindet sich der britische Feldpoststempel „304“ vom 18.5.1917 (vom 25.7.1916 bis zum 31.3.1918 in Tanga stationiert). Im Juni 1917 war Frau Hübner schon längst im Lager Tempe, dennoch trägt der Brief keinen Nachsendevermerk. Vermutlich ist die Post gebündelt nach Tempe nachgeschickt worden.

Viele Grüße
Volkmar
 
bayern klassisch Am: 13.06.2014 11:20:05 Gelesen: 39059# 69 @  
@ volkimal [#68]

Hallo Volkmar,

eine ganz tolle Dokumentation hast du da, da möchte man fast neidisch werden (Neid ist mir aber völlig fremd).

Auch die Akzeptanz von "fremden" Belegen, die zur Veranschaulichung der Familienverhältnisse in hohem Maße beitragen, ist nicht zu bemängeln - im Gegenteil, gerade diese muss man erst einmal finden und in den Kontext gekonnt einbauen.

Vielen Dank für diese Einblicke!

Liebe Grüsse und schönes WE von bayern klassisch
 
volkimal Am: 27.06.2014 15:37:55 Gelesen: 38797# 70 @  
Hallo zusammen,

Gustav Hübner schreibt am 19.6.1917 (Archiv Nr. 95f) aus Tanga an die Berliner Mission:

Sehr geehrte Frau Direktor! Da ich an ihren verehrten Herrn Gemahl nicht schreiben darf – es ist uns verboten – so benutze ich die Gelegenheit ihm durch Ihre gütige Vermittlung Mitteilung zu machen. Zwei Briefe erhielt ich von Herrn Direktor in dem Jahr unserer Gefangenschaft. Einen vom 16.10., der am 6.4. in meine Hände gelangte, den andren vom 15.2.17 am 8.6. hier angekommen…
Wie zuversichtlich, mehr naiv, gingen wir der Gefangenschaft entgegen. Alle unsere Anträge auf Freiheit, auf Vereinigung mit den Familien blieben erfolglos, es ist wohl auch keine Aussicht, dass wir vor dem Frieden mit letzteren zusammenkommen werden. Im Camp haben wir vieles lernen müssen, waschen, kochen, kehren, flicken, stopfen, alles muss jeder selbst besorgen. Einen Boy zu halten war meistens nicht gestattet und wenn, dann ist kein Geld vorhanden um ihn zu bezahlen.


Im Lager Tanga ist Herr Hübner schwer erkrankt und an einer Tropenkrankheit fast gestorben. Weihnachten 1917 musste er im Krankenhaus verbringen.



Die Berliner Missionare wurden nicht – wie ursprünglich vorgesehen – nach Indien verschifft. Stattdessen wurden sie nach Ägypten gebracht. Am 10. Januar 1918 erreichten sie das Lager Tura bei Kairo. Der Berliner Mission wurde die Ankunft in Kairo mit dieser Karte vom 10.8.1918 mitgeteilt. Zu diesem Zeitpunkt war Gustav Hübner allerdings schon nicht mehr in Kairo sondern hatte das Lager noch zweimal gewechselt.

Im Brief vom 10.5.1918 (Archiv Nr. 97) von der Berliner Mission an Gustav Hübner heißt es:

Wie mag es Ihnen gehen? Meine Gedanken sind sorgenvoll zu Ihnen und ich sehne mich nach Nachricht. Dysenterie ist eine üble Krankheit. Sie schwächt nicht nur den Körper, sondern macht auch den inwendigen Menschen müde und verzagt…
Kürzlich war ich in Tübingen und habe mir das im Anschluss an das „Institut für ärztliche Mission“ von Professor Olpp dort erbaute Tropen-Genesungsheim um Ihrer aller willen angesehen. Es sucht seinesgleichen als Erholungsstätte für Tropenkranke und ist in erster Linie für Missionare bestimmt…
So habe ich in Tübingen mir gesichert, dass, wenn Sie alle heimkehren sollten, auch Ihnen dort das Heim offen steht…
Komitee hat die Pflegekosten für alle, gleichviel wie lange es dauere, im voraus sichergestellt.


Vermutlich geht es bei der Erkrankung von Gustav Hübner um die Dysenterie (= Ruhr), die er sich im Lager Tanga zugezogen hatte. Herrn Hübner taten das Klima und die Bedingungen in Ägypten gut, denn er ist wieder genesen.



Gesundheitlich hatten nicht alle so viel Glück wie Herr Hübner. Er teilt der Berliner Mission in diesem Brief mit, dass der Missionar Gustav Pröck in Maadi an der Ruhr gestorben ist.

Wie man an der Ortsangabe sieht blieben die Missionare nicht lange im Lager Tura. Die Briefe vom Mai sind schon aus dem Lager Maadi bei Kairo. Aus den Lagern Tura bzw. Maadi sind bisher keine Umschlage von Herrn Hübner bekannt

Viele Grüße und ein schönes Wochenende
Volkmar
 
volkimal Am: 04.07.2014 16:34:40 Gelesen: 38558# 71 @  
Hallo zusammen,

weiter geht es mit Gustav Hübners "Reise" von einem Lager ins andere:

In einem Brief vom 14.8.1918 (Archiv Nr. 103) teilt Gustav Hübner Direktor Axenfeld mit, dass sie schon wieder in einem anderen Lager sind. Er schreibt aus dem Lager Sidi Bishr:

Sehr geehrter Herr Direktor, durch Karte teilte ich Ihnen mit, dass wir seit dem 2.8. hier sind. Ich wende mich nun mit der Bitte um Geld-Zusendung an Sie…
Unser Leben gestaltet sich hier ähnlich als in Blantyre, wir bewohnen zu zweien ein Zelt. Noch ist es sehr warm in Egypthen, bald wird es ja kühler werden. Im Mittelmeer kann gebadet werden…
Von den Frauen haben wir Nachricht von Anfang Juli…




Dieses Foto aus Sidi Bishr schickte Gustav Hübner im Dezember 1918 an seine Frau in Tempe.

Der Brief kam überraschend schnell in Berlin an. Schon am 2.10.1918 wurde er von der Berliner Mission beantwortet. Andere Briefe brauchten dagegen bedeutend länger. In einem Brief vom 25.11.1918 (Archiv Nr. 117a) an Gustav Hübner heißt es:

In den letzten Tagen erhielt ich plötzlich in 2 Strömen zahlreiche Briefe von Ihnen und den anderen Brüdern aus der Zeit von Juni bis in den Oktober, darunter die ihrigen vom 28.6., 14.7. und 9.10.18…
Ich hoffe, da jetzt die Waffen ruhen, daß Ihre Heimkehr endlich näherrückt. Ich schrieb Ihnen schob, daß es unser Wunsch ist, es möchten alle, die sich nicht ganz gesund fühlen, und das werden die meisten sein, wenn möglich über Tübingen heimkehren, um zunächst im Tropengenesungsheim bei Dr. Olpp anzusprechen und seinen ärztlichen Rat zu erhalten…
Auf Schloemanns Arbeitsfeld geht alles im Segen weiter, auch Kollekers blieb bewahrt. Für das Ihrige wie für Sie alle wird viel gebetet.




Brief von Herrn Hübner aus dem Lager Sidi Bishr an seine Frau vom 5.1.1919 mit rechteckigem Lagerstempel und ovalem Zensurstempel „N° 13“.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 10.07.2014 11:35:40 Gelesen: 38404# 72 @  
Hallo zusammen,

die Berliner Missionare mussten noch bis zum Oktober 1919 in Sidi Bishr bleiben. Mit dieser Karte vom 22.10.1919 teilt Herr Hübner der Berliner Mission mit, dass sie am 26. Oktober Ägypten verlassen und Mitte November in Deutschland ankommen würden.



Nachdem ich bisher vor allem über Herrn Hübner berichtet habe, komme ich jetzt zu Frau Hübner und dabei unter anderem zu ihrer Korrespondenz mit meiner Urgroßmutter.



Diesen Brief schickte Gerhard Hübner, der jüngere Bruder von Herbert Hübner, an seine Mutter in das Internierungslager Blantyre in Britisch Nyassaland. Dort angekommen wurde der Brief in das Lager Tempe bei Bloemfontein weitergeschickt.

Viele Grüße
Volkmar Werdermann
 
Marcello Am: 12.07.2014 15:53:07 Gelesen: 38354# 73 @  
Hallo,

dann möchte ich mal weitermachen. Heute stelle ich eine Ganzsache zu 6 Pfg vor. Portogerecht als Postkarte gelaufen und mit einem Teil-Wellenstempel entwertet. Der Beleg, passt auch in den Thread "Beleg aus der eigenen Familengeschichte".

Meine Großmutter schrieb die Karte an einen Teil ihrer Familie (Onkel/Tanten) wo, meine Urgroßmutter nachdem sie in Stuttgart ausgebombt wurde, unterkam aus dem Reichsarbeitsdienst.



Grüße
Marcel
 
volkimal Am: 12.07.2014 22:25:46 Gelesen: 38314# 74 @  
@ Marcello [#73]

Hallo Marcel,

schön, dass auch Du noch alte Belege von Deiner Familie hast! Wenn Du noch mehr hast zeige sie doch beim Thema "Belege aus der eigenen Familiengeschichte". Zur Zeit bin ich dort Alleinunterhalter - ich fände es aber gut, wenn auch andere etwas zeigen würden.

Schöne Grüße
Volkmar

[Beiträge [#72] bis [#73] auf Wunsch von Marcel und Volkmar aus dem Thema "Deutsches Reich Dauerserie Hitler" kopiert]
 
Marcello Am: 13.07.2014 11:44:14 Gelesen: 38275# 75 @  
@ volkimal [#74]

Hallo Volkmar,

ich habe nicht viel aus meiner Familie, aber das was ich habe, zeige ich hier gerne.

heute eine Ganzsache zu 6 Pfg. Die Karte ging von meiner Großmutter aus dem Reichsarbeitsdienst an meinen Urgroßvater ( ihren Vater ) Karl Braun. Mein Urgroßvater weilte noch in Stuttgart, den er war bei der Deutschen Reichsbahn beschäftigt.



Ich hoffe, jeder kann die Schrift meiner Oma lesen, ansonsten liefere ich eine Reinschrift nach.

Grüße
Marcel
 
volkimal Am: 04.08.2014 15:15:05 Gelesen: 37646# 76 @  
@ Marcello [#75]

Hallo Marcello,

nachdem wir gestern aus dem Urlaub zurückgekehrt sind, sah ich vorhin Deine Karte. Danke für's zeigen - weiter so!

Unser Urlaub führte uns dieses Jahr zum "Inselhopping" auf die Åland-Inseln. Von dort aus ging es mit den Rädern und mit Fähren über die Schären bis nach Finnland (Turku) und zurück. Eine Tour, die ich jedem nur empfehlen kann. Dieses Jahr war es aufgrund des Super-Wetters natürlich besonders schön. Der einzige Nachteil: Aufgrund der großen Hitze haben sich in der Ostsee so viele Algen gebildet, dass wir ab der zweiten Woche nicht mehr in der See Baden konnten.



Beim Besuch des Schlosses in Kastelholm sah ich auf einem Briefkasten den Hinweis, dass die Post mit einem Stempel des Schlosses abgestempelt würde. Erstaunt war ich, als ich denselben Stempel vom 31.12.1992 in der Datenbank fand (http://www.philastempel.de/stempel/zeigen/41405 ) mit dem Hinweis, dass es sich um den Letzttag handelt. Wie man sieht muss der Stempel wieder aus der "Versenkung" geholt worden sein. Wie lange er nicht benutzt wurde, kann ich natürlich nicht sagen.

Viele Grüße
Volkmar
 
Wolffi Am: 04.08.2014 17:30:46 Gelesen: 37621# 77 @  
Vielen Dank für den Hinweis.

Ich werde mal schauen, ob ich näheres in Erfahrung bringen kann.

Bis denne
Wolfgang
 
volkimal Am: 06.08.2014 17:51:54 Gelesen: 37535# 78 @  
Hallo zusammen,

nach der Urlaubs-Pause geht es weiter mit der Geschichte von Familie Hübner:

Aus dem Lager Blantyre ist bei uns leider kein Beleg erhalten geblieben. Es muss aber Briefe oder Karten gegeben haben, denn Frau Hübner schreibt auf dieser Karte an Urgroßmutter aus dem Lager Tempe bei Bloemfontein: "In Blantyre erhielt ich Ihren lieben Brief, seitdem hörte ich nichts mehr."



Die Karte ist undatiert, sie muss aber im Frühjahr 1917 geschrieben worden sein, denn es ist die erste Karte aus dem Lager Tempe an Urgroßmutter. Es handelt sich um eine Britisch-Südafrikanische Ganzsache ohne Poststempel aus dem Lager Tempe bei Bloemfontein. Sie hat zwei südafrikanische Zensuren „41“ und „C 4“ und die deutsche Eingangszensur aus Cöln Deutz.

Das Lager Tempe war ein sehr kleines Lager in Südafrika, in das nur Frauen und Kinder gebracht worden sind. Im Lager waren 1917 insgesamt nur 54 deutsche Frauen mit 80 Kindern. Dementsprechend sind Belege aus dem Lager Tempe bei Bloemfontein relativ selten.



Die nächste Karte schrieb Frau Hübner am 14.07.1917. Auch hier hat Frau Hübner eine frankierte Postkarten aus Britisch-Südafrika benutzt – diesmal zu 1 Pence. Auch aus anderen Lagern gibt es frankierte Interniertensendungen 6. Ob die Frankatur erforderlich war und ob hierzu eine Vorschrift existierte ist bisher nicht bekannt.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 10.08.2014 10:30:01 Gelesen: 37415# 79 @  
Hallo zusammen,

diesen Brief schickte Urgroßmutter am 19. April 1918 an Frau Hübner. Leider ist die Briefmarke entfernt worden. Der Brief trägt einen Zensurstempel der Auslands-Überwachungsstelle in Köln Deutz und die Eingangszensur aus Tempe bei Bloemfontein.



Es folgen zwei weitere Briefe von Frau Hübner an Urgroßmutter. Sie tragen die Datumsstempel des Internierungslagers Tempe vom 19. Juli 1918 und vom 9. Dezember 1918 mit dem Text "Commandant's office refugee camp". Auf der Vorderseite sind beidemal die Südafrikanischen Zensuren "41" bzw. "C 4" abgeschlagen. Ein Brief trägt zusätzlich den Stempel „Freigegeben“ (vermutlich aus Cöln-Deutz).





Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag. Bei uns ist es mal wieder sehr schön und sonnig.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 16.08.2014 07:52:22 Gelesen: 37250# 80 @  
Guten Morgen zusammen,

Gustav Hübner schreibt am 19.6.1917 (Archiv Nr. 95f) aus Tanga an die Berliner Mission:

Seit bereits 3 Jahren hat meine Frau keine Zeile von Herbert gesehen. Aber wir können dem Herrn danken, wissend dass er lebt und sich auf dem Wege der Besserung befindet. Leider adressieren die Kinder an mich und so gehen die wenig ankommenden Briefe bei mir ein.

In den Lebenserinnerungen von Herr Hübner heißte es:

Viel schlimmer noch waren unmenschliche Schikanen, dass man z.B. den Frauen über Monate hin die Post von ihren Männern vorenthielt, die längst eingetroffen war und erst nach Einspruch einer schweizerischen Kommission aus ihrem Verwaltungsgebäude herausgegeben wurde, in dem sie solange gelagert hatte.



Es sind wohl nicht nur die Briefe der Männer zurückgehalten worden, sondern das galt vermutlich auch die Post von den Kindern und anderen Bekannten. Zusätzlich mussten die Kinder erst einmal wissen, dass die Eltern sich in verschiedenen Lagern befanden und sie an beide Elternteile getrennt schreiben mussten.
Man kann sich die Freude von Frau Hübner vorstellen, als sie endlich nach so langer Zeit wieder einen Brief von Herbert erhielt. Diesen Brief schickte Herbert Hübner am 14. Dezember 1918 aus Hildesheim an seine Mutter. Er schreibt u.a.:

Von Euch hatte ich wieder Nachrichten; habt vielen Dank dafür. Auch vom lieben Vater erhielt ich einen Brief. Gerhard geht es auch gut, er befindet sich in England.

Gerhard, der älteste Sohn von Hübners war Soldat und ist in englische Kriegsgefangenschaft geraten.

Soviel für heute. Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende
Volkmar
 

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