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Thema: Belege aus der Geschichte der Familien Werdermann, Hentschel, Hecker usw.
Das Thema hat 349 Beiträge:
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volkimal Am: 22.11.2025 18:08:21 Gelesen: 49987# 325 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit dem Kriegstagebuch von Grpßvater Hermann Werdermann. Am 21.09.1914 schreibt er:

Sehr idyllisch war der erste Sonntag. Es war kein Dienst nur ein kurzer Sachenappell… Ich hatte Stubendienst, konnte aber mit Schwarze (in Zivil Forstreferendar) noch etwas durchs Lager gehen. Überall traf man Arbeitskolonnen von Kriegsgefangenen: Russen, Franzosen und Engländer, ein damals noch ungewohnter Anblick.

Ab jetzt habe ich die Lebenserinnerungen wieder vollständig abgeschrieben:

Es kam auch noch die Extranachricht, dass die auf eine Milliarde aufgelegte Kriegsanleihe mit 4 ½ Milliarden weit überzeichnet war, so gut wie eine gewonnene Schlacht, da sich darin das Vertrauen des Volkes ausdrückt! Wir hoffen immer noch auf eine baldige Entscheidung in diesem Krieg und wollen auch noch mit dabei sein, wenn es ums Ganze geht.
Im September 1914 folgte der Abschluss unserer kurzfristigen Ausbildung auf dem Truppenübungsplatz Döberitz. Vor allem wurde scharf geschossen und im Verbande manövriert. Dann erhielten wir alles, was zur Feldausrüstung gehört. Unser Interesse ging darauf: wann wir nun hinauskämen und wohin: ob nach Osten oder Westen.




Diese Erkennungsmarke von Großvater. „Res. Inf. R. 201 / 11. Komp. / No 219“ gehörte mit zu Großvaters Feldausrüstung.

Weiter schreibt er:

Eines Tages hieß es: morgen rücken wir aus. Nachts 1 Uhr mussten wir feldmarschmäßig ausgerüstet am Güterzug stehen. Zu 40 Mann kletterten wir in einen Güterwagen und waren gespannt, nach welcher Seite der Zug uns führen würde. Es ging nach Rathenow-Hannover! Langsam fuhren wir westwärts, in allen Städten durch Winken und Liebesgaben freudig begrüßt. Nachts langten wir in Hamm an, wo es Verpflegung gab. Wir erlebten das Ruhrgebiet mit seinen Hochöfen, Zechen, in der Finsternis wunderbar anzusehen. Als eben die Sonne aufging, fuhren wir über den Rhein und sangen begeistert die „Wacht am Rhein“. Alle brannten wir darauf, voll eingesetzt zu werden.
Als wir hinter Aachen in Herbesthal über die belgische Grenze kamen, sahen wir die ersten Kriegsspuren: zerstörte Häuser, zersprengte Tunnel. Diese Bilder mehrten sich, als wir durch Lüttich und Löwen fuhren. In Aalst endete unser Bahntransport, da die Brücken vernichtet waren. So marschierten wir zu Fuß weiter. Mit voller Ausrüstung fiel uns das ziemlich schwer. Oft mussten wir Umwege machen; das ganze Gebiet war noch unsicher, durch Franktireurs.
Als wir durch Gent gezogen waren, gerieten wir zum ersten Mal in das Feuer einer feindlichen Batterie. Von jetzt an gab es täglich Gefechtsberührung. Der Vormarsch stockte, da starke feindliche Truppen sich in Flandern bis an das Meer geschoben hatten. Unser Weg führte weiter über Thourout und dann nach Eessen, unweit Dixmuiden. Als unsere Kompanie durch Eessen hindurch war, gab es plötzlich hinter uns eine gewaltige Schießerei. Unsere Truppen waren aus Häusern beschossen worden, es hieß auch: vom Kirchturm herab. In den Straßenkämpfen geriet die Kirche in Brand, und in der Nacht brannte der gewaltige Turm nieder. Die Glocken begannen noch einmal zu läuten in der Hitze, ehe sie schmolzen und herabstürzten.




Für unser Bataillon war die Lage unangenehm, da wir in Schützengräben westlich der Stadt lagen, vor uns den Feind, hinter uns die brennenden Häuser, so dass jede Bewegung in den nur notdürftig ausgeworfenen Schützengräben sich abhob. Dann folgten erbitterte Kampftage in ganz Flandern von Kortryk bis Ipern, von Dixmuiden bis zur Küste. Die deutschen Armeen waren hauptsächlich von den jungen kriegsfreiwilligen Regimentern, vor allem aus akademischen Kreisen gebildet. Unser Regiment 201 stürmte im Abschnitt Dixmuiden, das am 10. November nach blutigem Ringen in deutsche Hand fiel. Ich selber wurde dabei, im Kampf gegen stark befestigte Häuser, verwundet. Aus einem Fenster heraus traf mich ein Infanteriegeschoss in die linke Schulter und fuhr als Querschläger aus dem Rücken heraus. Ich stürzte beim Vorwärtsstürmen schwer zu Boden und verlor wohl für einige Zeit das Bewusstsein.
Ein Kamerad, der an mir vorbeistürmte, half mir dann, dass ich auf den Rücken zu liegen kam. Anfangs hoffte ich, dass mich bald Sanitäter holen würden. Aber der Schwerverwundeten lagen gar zu viele herum, und schließlich mussten unsere Truppen zurück! Es fing an zu regnen, und ich konnte meine Zeltbahn über mich ziehen. Mehrmals ging der Kampf noch über mich hinweg; durch die Zeltbahn fühlte ich zahlreiche Maschinengewehrschüsse, die ganz dicht über mich hinweggingen. Ich merkte, wie stark ich blutete; aber ich konnte mit meinem Verbandpäckchen nicht zur Ausschussstelle hingelangen; so presste ich mich fest auf die Erde. Schließlich wurde es dunkel.
Lange Stunden, zehn bis zwölf, muss ich so gelegen haben. Da plötzlich kam mir der Entschluss: du musst hier fort! Ich versuchte mich umzudrehen, mich aufzurichten; schmerzhaft und vergeblich! Endlich ist es mir doch gelungen, und ich wankte los. Wir hatten uns im Kampf oft gedreht, so dass ich kaum die Richtung fand. Überall lagen Tote und Verwundete. Endlich erreichte ich eine Chaussee. Freund und Feind schoss auf mich, die einsame Gestalt. Kaum konnte ich weiter, als ich plötzlich angerufen wurde: Halt, wer da? Wie atmete ich auf! Ich war bei deutschen Kameraden! Als ich fragte: Welches Regiment? Kam die Antwort: Reste von allen! Unser Korps hatte ungeheure Verluste gehabt (43. Res. Inf. Division). Ein Kamerad stützte mich und brachte mich zu einer Wache, wo ich eine Tasse Kaffee bekam. Man wies mich weiter zu einem Landsitz, wo ein Verbandplatz war. Als ich morgens gegen 5 dort ankam, waren alle Räume, alle Korridore, alle Fußböden belegt. Ein Arzt schnitt mir die Uniform herunter und legte einen Notverband an. Dann wurde ich in der Küche auf den Fußboden gepackt!


Bei dieser Feldpostsendung von Urgroßvater an Großvater vom 13.10.1914 wurden zwei Karten mit einem Faden „aneinandergenäht“. Eine Grund dafür sehe ich nicht, denn die zweite Karte ist gänzlich unbeschrieben. Die beschriebene Karte hat einen Anschriften-Vordruck für einen Marine Soldaten mit der Angabe „an Bord S.M. Schiff:“.



Meine Urgroßeltern haben bestimmt einen großen Schreck bekommen, als sie diese Karte vom 13.10.1914 an ihren Sohn (meinen Großvater) zurückbekamen.
Über der Anschrift steht mit Bleistift "Verwundet".
In blau ist vermerkt "Abs" = "Absender". Die Karte sollte also zurück an den Absender geschickt werden.
Bei der roten Abkürzung bin ich mir nicht sicher: "Kdm" könnte "Kommandeur" oder "Kommando" bedeuten.



Da die Karten aneinandergenäht sind, kann ich sie nicht auf den Scanner legen ohne sie zu knicken. Daher diesmal ein Foto. Urgroßvater schreibt:

Kraatz, Gransee, den 13.10.14
Liebe Kinder! Also endlich seid Ihr ausgerückt. Wie freuen wir uns, daß Ihr nach
dem Westen gekommen seid. Der schnelle Fall Antwerpens hat uns entschädigt für das lange
Warten. Wir sind der festen Hoffnung, daß die Entscheidung vor Paris sowie der gemeinsame Feld-
zug an der Weichsel bald zu unseren Gunsten fallen wird. Wohin werdet Ihr denn kommen? Nach
England, denke ich, hinüber müssen wir. Ehe der alte böse ???? nicht in seinem Insel???
selber ordentlich gepackt wird, gibt es keinen Frieden. Die englische Bank zu nehmen lohnt sich schon.
Unsere Gebete begleiten unser Heer, daß so außerordentlich tapfer sich schlägt. Lieb Vater-
land magst ruhig sein singen unseren mutigen Krieger nicht umsonst. Bei solch heldenmutigen Kämpfern können
wir tatsächlich ruhig sein. Von einem Pastor Klingenberg bei Schwerin fielen kürzlich 3 Söhne stud. resp. cand.
theol., alle 3 bei einer Kompanie. Wie lange werden wir Euch noch haben? Wir bringen dies schwere
Opfer für das Vaterland willig, wenn Ihr nur selig sterbt. Er gereicht in Jesu Christo das ewige Leben.
Wer an ihn glaubt, an sein Opfer auf Golgatha, der wird leben, ob er gleich stürbe. Eben ist Johannes Hecker ab-
gereist. Am Sonntag sind wir zur gemeinsamen Abendmahlsfeier in Germendorf. Werdins Sohn, Gefangener in Brügge,
hat seit seinen 1. Lebenszeichen noch nichts wieder von sich hören lassen. Mit was für Teufeln haben wir zu kämpfen!
Wenn nur nicht so viele Offiziere fielen! Die sind nicht zu ersetzen. Die Not mag draußen noch nicht groß sein,
die jüngsten Jahrgänge das Landsturms sind hier alle noch zu Hause. Solltet Ihr in Köln zunächst bleiben, besucht Pastor
Backey, früher in Anklam, ich besuchte sie von ??? aus, grüßt ev. Solltet Ihr noch irgend etwas gebrauchen (Geld?)
schreibt umgehend. Vom 19. - 26. Oktober sind Postpakete bis 5 kg zulässig. Gott mit Euch aus unserm ganzen Herrn
Viel herzliche Grüße von Verwandten u. Bekannten. besonders von uns allen hier. In Liebe Eure Eltern.
Dank für das Bild, wir fanden Euch heraus.


Zwei Wörter fehlen mir noch bei der Abschrift und an zwei weiteren Stellen bin ich mir nicht sicher. Hier die vier Ausschnitte dazu:


Ehe der alte böse ???? nicht in seinem Inselnest


Ergreift in Jesu Christo das ewige Leben.


ich besuchte sie von ??? aus


Gott mit Euch aus unserm ganzen Herrn

Was meint ihr?

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 28.11.2025 18:27:06 Gelesen: 49226# 326 @  
Hallo zusammen,

Emiel hat bei der letzten Karte das erste fehlende Wort harusgefunden. Auf der Karte steht:
Ehe der alte böse ???? nicht in seinem Inselnest
König Georg V war ein Vetter von Kaiser Wilhelm II.

am 29.10.1914 schickt Großvater von Köln aus diese Karte an seine Eltern:



Er schreibt:
Liebe Eltern! Da ich nicht weiß, ob die Karten aus Belgien
Euch erreicht haben, sende ich Euch mit herzl. Gruß die Kunde,
daß ich am 21.X. bei einem Sturmangriff durch einen Schuß
durch die linke Schulter verwundet bin. Zuerst lag ich 5 Tage in
belgischen Feldlazaretten, jetzt befinde ich mich seit 48 Stunden in einem
Güterwagen. Eben sind wir glücklich, warm auch ziemlich kaput in
Cöln angelangt. Wohin der Transport geht, wissen wir noch nicht;
wenn nach Münster, melde ich mich vorläufig nach Soest u. komme, so-
bald es geht, zu Euch zur Erholung. Geht’s nach Berlin, so sehen wir uns
hoffentlich bald wieder. Ich schreibe, sowie ich Bestimmtes weiß.
Euer tr. U. dankb. Sohn Hermann


Ergänzend dazu die Informationen aus seinem Kriegstagebuch:
Nachträglich war es mir wie ein reines Wunder, dass ich so herausgekommen bin. Erst nach zehn Tagen wurde der Kampfplatz wieder von unseren Truppen erobert. Zahllose Kameraden hatten so lange zwischen den Fronten gelegen und waren verschmachtet.
Ich wurde weiter zurückgebracht, erst mit einem Kastenwagen. Dann mussten wir zu Fuß wandern und langten endlich wieder in Thourout an, wo wir in einem Jesuitenkloster untergebracht wurden. Das Sanitätswesen war der Masse der Verluste nicht gewachsen. In fünf Tagen hat mich nur einmal ein Unterarzt vorgehabt!
Als es hieß: es geht ein Sammeltransport in die Heimat, wer bis zum Güterbahnhof gehen kann, darf mitfahren, da ließ ich mich auch anziehen und schleppte mich dorthin. Es waren gewöhnliche Güterwagen, sogar ohne Stroh! Nach stundenlangem Warten ging es endlich los. Erst hatten wir Sorge gehabt vor dem Fahren; nachher war das Aufreibende das Warten. Bald musste ein Truppentransport vorbeigelassen werden; bald war das Gleis von Fliegern zerstört! An einem Tag kamen wir nur 25 km vorwärts! Einmal während des Haltens holten einige leichtverwundete Kameraden von einer Strohmiete aus dem Felde einige Bund Stroh, so dass wir bequemer lagen.
So ging die Fahrt weiter bis zur Grenze. Es war ein wunderbares Gefühl, als wir in Herbesthal wieder in der „Heimat“ waren und deutsche Rote Kreuz-Schwestern uns Erfrischungen brachten.
Als wir in Köln hielten, nahmen wir alle an, dass wir entweder über Münster oder Dortmund oder Soest fahren würden und dort vielleicht ins Lazarett könnten. Aber als wir nachts aufwachten, waren wir zwischen Siegburg und Gießen. Unser Wagen wurde dann in Marburg abgehängt, und wir wurden nach Laasphe in das dortige Vereinslazarett überwiesen, wo wir nach 5 ½ tägiger Fahrt anlangten.


Nur zwei Tage nachdem er die Karte aus Köln abgeschickt hat, bekam er schon die erste Karte nach Laasphe:



Die Karte kommt von Anna Zachariae ("Tante Anna"). Dank der Mithilfe von Emiel konnte ich sie inzwischen fast vollständig entziffern. Tante Anna schreibt:
Herrn
Lic. Werdermann [1]
Kriegsfreiwilliger verwun-
det
Laasphe
bei Marburg a. Lahn
Res. Inf. Reg. 201. 11. Komp.

Halle a.S. 31.10.14.
Mein geliebter alter Junge,
deine beiden Karten haben mich
sehr erfreut, ich bin glücklich, daß
Du noch lebst. Jetzt wird jeder das
Wort des alten Jakob verstehen [2]: Ich
sehe genug, daß mein Sohn Joseph
noch lebt, mir wenigstens geht
es immer durch die Seele. Du hast

gewiß sehr gelitten, mein armer
Junge, hoffentlich heilt die Wunde
gut. Bald wünsche ich ???, ich bin
froh, daß Du wieder im Lande bist.
Ich schicke Dir heute Nachmittag eine
Freßkiste; was mag wohl alles be-
kommen haben, was ich Dir geschickt
habe? 2 große Freßkisten u. 2 kleine
Pakete mit Schok.[3] u. Strümpfen, außer-
dem an Hänschen noch eine Kiste. Sogar
eine kl. Sandtorte hatte ich Dir gebacken
Dir u. Paul u. statt dessen läßt Du Dich
erschießen. Ich bekam Deine Karte aus
dem belgischen Chausseegraben am 23.
u. habe Dir sehr oft geschrieben, Du hast
aber gewiß nichts bekommen. Uli ist auch
schon verwundet, er schrieb mir am 28.
aus Düsseldorf. Am rechten Bein, leicht
u. gefahrlos. Laasphe soll reizend sein, Frau
??? Schütz kennt es, sie sendet Dir viele
Grüße u. Wünsche. Sieh zu, daß Du hierher
überführt wirst, hier ist noch viel Platz,
einige kl. Lazarette stehn noch leer.
Waldi lebt noch, in Nanzy gefangen. [4]
Tausend Grüße D. tr. A. Z. [5]


[1] Lic. = Licensiat ≙ Dr. der Theologie
[2] Schlachter Bibel: "und Israel sprach: Für mich ist es genug, dass mein Sohn Joseph noch lebt! Ich will hingehen und ihn sehen, bevor ich sterbe!" (1Mo 32,28; 1Mo 35,10; 1Mo 46,30; Lk 2,26) 
[3] Schokolade
[4] Mit Waldi ist Waldemar Hecker, der Vetter von Großvater gemeint. Als Anna Zachariae ("Tante Anna") die Karte geschrieben hat, war Waldemar Hecker schon über 2 Monate tot. Die Nachricht darüber war aber offensichtlich noch nicht angekommen:

[5] Anna Zachariae, eine entfernte Verwandte.



Das große Ölgemälde von Tante Anna hängt inzwischen bei meiner Schwester im Wohnzimmer.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 06.12.2025 21:09:46 Gelesen: 47956# 327 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit Großvater im Ersten Weltkrieg. Wie ich im letzten Beitrag schrieb, kam er in ein Lazarett in Laasphe. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er dazu:

Gemütlicher hätten wir es nicht treffen können. Wir lagen im Turnsaal der Präparande. Frauen des Ortes kochten für uns; die jungen Mädchen pflegten und verbanden. Die ländliche Umgebung sorgte für Lebensmittel. Als alleiniger Arzt waltete der alte Geheime Sanitätsrat Suder seines Amtes, unterstützt von seiner strengen Gattin. Er war ein richtiges Original, für vieles interessiert, Besitzer einer ausgezeichneten Bibliothek, aus der ich viele Bücher entlieh. Nur reichten die Kenntnisse des tüchtigen Landarztes für den Krieg nicht recht aus, woran ich bis heute laboriere.




Auf dieser Foto-Ansichtskarte sieht man die vielen Verwundeten, die in einem großen Turnsaal der Präparandenanstalt in Laasphe untergekommen waren. Eine Präparandenanstalt war vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die untere Stufe der Volksschullehrerausbildung. Leider kann ich den Text nicht lesen, da er in Stenografie geschrieben ist. Ich habe Großvater durch einen Kreis markiert. Als Ergänzung noch das Foto, das die Grundlage für die Karte war:



Weiter schreibt Großvater:

Meine Wunde wurde täglich verbunden. Da wohl Fetzen von der Uniform in die Wunde gekommen waren, eiterte sie arg. Als es allmählich aufhörte, behielt er mich einmal zurück und sagte: Sie müssen mal zu mir in mein Privatsprechzimmer in meinem Hause kommen. Wo der Schuss bei Ihnen durchgegangen ist, da sind eigentlich lauter Knochen. Das müssen wir mal feststellen. Und als ich zu ihm kam, stellte er mich neben ein Skelett, wie es zu Lehrzwecken benutzt wird, und beklopfte bald dieses Skelett, bald meine linke Schulter. Und zum Schluss sagte er: Wissen Sie, nächstens müssen Sie und einige andere mal mit meiner Frau nach Marburg fahren! Da haben sie einen sogenannten Röntgenapparat; da müssen sie durchleuchtet werden! Und als das dann geschah, sagte der Marburger Spezialist: Warum sind sie nicht früher gekommen? Der Kopf des linken Schultergelenkes ist ganz zersplittert, so dass er nicht in die Gelenkpfanne passt. Jetzt ist alles bereits total verknorpelt.
Sonst hatte ich es in Laasphe gut getroffen. Ich war öfter in der Familie des netten Superintendenten mit drei lustigen Töchtern, den „drei Fräulein Oberpfarrer“. Als ein neuer Verwundetentransport gemeldet wurde, mussten mehrere in Privatquartiere. So kam ich in das Haus des 2. Pfarrers Bauer, der jung verheiratet war. Wie genoss ich das gemütliche Zimmer und das Familienleben, wenn wir abends zusammensaßen und erzählten.




Diese Karte vom 07.11.1914 trägt den Stempel des Vereinslazaretts, Laasphe i. Westf. Großvater schreibt an seine Eltern:

Liebe Eltern! Gersten kamen die Pakete; für sie u. die Briefsachen
vielen herzlichen Dank. Es geht mit meiner Wunde etwas besser, wenn
sie auch hinten noch ziemlich eitert. Übrigens ist der Geheimrat sehr tüchtig.
Der linke Arm ist vorläufig ganz schwach und kraftlos; nur die Finger kann
ich bewegen; die 13 Stunden auf dem Schlachtfeld lag ich ganz unverbun-
den. Als ich verwundet wurde, war es schon der 3. Tag des großen Kamp-
fes um Dixmuiden. Ich freue mich sehr, durch den Brief von Hans zu
hören; ich schicke ihn morgen an Dora weiter. Habt herzl. Dank für die
Blätter u. Bücher; ich habe viele ins Lesezimmer gelegt; wir hatten
auch durch den Oberpfarrer schon ähnliche bekommen. Seit gestern Abend
bin ich nun sehr nett ganz allein bei dem 2. Pfarrer Bauer unter-
gebracht. Das ist mir sehr lieb; bes. für die Nacht; wo ich an sich schon wenig
schlief störte auch in dem großen Schlafsaal das Stöhnen u. Phantasieren
u. Keuchen; das hört nun eben auf. Heute Abend singen die Präpa
randen und einige Kinder u. 3 von uns
darunter ich; erzähle etwas vom Kriege.
Montags u. Donnerstags um 6 wird stets
eine längere Andacht gehalten. Augenblicklich
lese ich dein Buch von M. Henning. Mit Rationen
sind wir gut versehen. Für etwas Geld wäre
ich Dir dankbar ( vielleicht 10 oder 15 Mark).
Herzliche Grüße u. nochmals vielen Dank; außerdem
Alfred u. Paul für ihre Briefe
Euer tr. Sohn Hermann
6.XI.14


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 14.12.2025 11:28:00 Gelesen: 46683# 328 @  
Hallo zusammen,

In seinen Lebenserinnerungen schreibt Großvater:

Ich hatte brieflich Fühlung mit Onkel Sasse in Berlin aufgenommen, der Beziehung zum Roten Kreuz hatte, ob ich nicht in ein Berliner Lazarett verlegt werden könnte. Tatsächlich bekam ich bald zusagende Antwort. Daraufhin fuhr ich los. Rührend wurde ich aufgenommen; wie viel gab es von beiden Seiten zu erzählen.



Auf dieser Karte gibt Großvater als Absender noch an: "Abs. Werdermann 11/201 Laasphe i.W. Lazarett". Ein Kamerad von ihm hat die Karte am 28.11.1914 in Berlin aufgegeben. Großvater schreibt:

Liebe Eltern! Aus Cassel, wo ich eben auf der Heimreise über Halle,
Berlin (wann wird es heißen können: nach Kraatz) eine Stunde Auf-
enthalt habe, sende ich Euch einen herzlichen Gruß. Ich wußte in den letzten Ta-
gen selbst nicht, wann ich fahren könnte. Eigentlich sollen wir nur an Dekaden-
Ersten (also 1. XII.) entlassen werden. Nun erlaubte mir der Geheimrat plötzlich,
daß ich schon 1 ½ Tag eher reisen durfte u. muß erst Montag früh in Berlin zu-
stellen brauchte. So kann ich noch 1 Tag in Halle bleiben. Was in Berlin aus
mir wird, weiß ich noch garnicht. Ich bin an unser Ersatz-Bataillon über-
wiesen. Aber das kann ja nichts mit mir anfangen u. muß mich weiter-
„weisen“? Wohin? Weiß ich nicht; ich hoffe: nach Bethanien [1] den Schein [2], den
Väterchen mir schickte, habe ich noch. Übrigens muß da mal eine Karte von
mir verloren gegangen sein; ich habe Euch gleich dafür gedankt, aber außge-
sagt, daß ich ihn augenblicklich nicht gebrauchen könnte. Sobald ich in Berlin
etwas Genaues weiß, schreibe ich Euch natürlich. Erst hoffte ich ja, gleich etwas
„Erholungs-Urlaub“ zu Euch zu bekommen;
aber jetzt meine ich, daß der Arm wohl gleich in
Behandlung genommen wird. Auf Weihnachten
hoffe ich aber sicher! Die saubere Wäsche habe ich
mit mir genommen; alles andere schickt Frau P.
Bauer an Euch. In den letzten 2 Tagen schrieb ich noch
160 Adressen u. Begleitadressen für Weihnachtspa-
kete. Herzlich. Gruß an alle. Euer Hermann
28,XI.14

[1] Das Bethanien am Mariannenplatz im Berliner Ortsteil Kreuzberg war ein Diakonissen-Krankenhaus
[2] Um was für einen Schein kann es da gehen?



Auf dieser Karte vom 30.11.1914 gibt er als Absender an: "Werdermann 11/201. z.Z. verwundet in Berlin". Großvater schreibt an seine Eltern:

Liebe Eltern! Hoffentlich habt Ihr meine Karte vom Sonnabend
noch am Sonntag früh erhalten [1]; ein Kamerad wollte sie in Berlin
einstecken. Ich bin nun heute Vormittag hier angelangt. Die
Reise ist mir ganz gut bekommen. Zuerst musste ich zum 2. Garde-
Regiment z.F. [2], wo unser Ersatzbataillon liegt; von da wurde ich
in die Albrechtstrasse in eine Schule überwiesen wo jedoch kein
Mensch vorhanden war, der mir sagen konnte, was aus mir
würde. Ich muss nachher wieder hin, esse eben im Schultheiß.
Wie eigentümlich kommt es mir vor, daß ich wieder in Ber-
lin bin. Morgen früh soll mich ein Stabsarzt untersuchen; der
der über mein nächstes Schicksal entscheidet. Ich schreibe Euch dann
gleich u. hoffe, Ihr könnt dann bald mal herkommen.
Euer Hermann
30.XI.


[1] Damit ist die Karte vom 28.11.1914 gemeint
[2] z.F. = „zu Fuß“



Einen Tag später lautet die Absenderangabe "Werdermann 11/201 z.Z. Berlin, Lazarett". Großvater schreibt:

Liebe Eltern! Eben sitze ich im Revier-Krankenzimmer
des 3. Bataillons des 2. Garde-Reg. z.F. u. warte darauf, vom
Stabsarzt untersucht u. untergebracht zu werden, da aber ca. 50
Verwundete warten, will ich die Gelegenheit zu einem Gruß
an Euch benutzen. Ich kann dann nachher schnell noch eine
Adresse hinzufügen, damit Ihr bald wißt, wo ich stecke. Gestern
erledigte ich das Geschäftliche, besuchte unsere verwundete Kame-
raden, fuhr zu Markgrafs, wo ich die Nacht blieb, u. gegen Abend ein
Stündchen zu Sasses. Ich bin gespannt, ob ich nach Bethanien oder in
irgend ein mediko-mechanisches [1] Institut komme. Schickt oder
bringt mir doch bitte meine blaue Extra-Mütze mit. Habt
Ihr von Hans Nachricht? Ich glaube jetzt fast sicher,
daß die Post gesperrt ist aus Nordbelgien. Ich
bin so oft auf der Straße angehalten worden,
ob ich nichts weiß von unserm Regiment.
Herzliche Grüße; hoffentlich bald auf Wiedersehen.
Euer Hermann
Noch keinen Bescheid erhalten, muß nochmal
geröntgt werden, bleibe noch im Hause
bei Markgrafs

[1] Die medico-mechanische Therapie oder Mechanotherapie war die „vom Arzt geleitete, durch Apparate vermittelte Therapie“ nach Gustav Zander. Sie ist das Vorbild der heutigen apparategestützten Trainingstherapien, die seit etwa 40 Jahren boomen. Dazu gehören Fitnessstudios und die medizinische Trainingstherapie.

In seinen Lebenserinnerungen kann man aus dieser Zeit noch folgendes lesen: 

In Berlin konnte ich die ersten Nächte bei Markgrafs schlafen, wo es auch ein Wiedersehen mit den Eltern gab, die aus Kraatz herübergekommen waren. Ich meldete mich beim Ersatz-Bataillon, in der Kaserne des 2. Garderegiments in der Karlstraße. Eigenartig ging es mir, dass ich dort – auch als Verwundete und Genesende – mehrere Kompaniekameraden traf, von denen ich gehört hatte, dass sie gefallen seien; und als ich verwundert auf sie zuging, sie nun ihrerseits große Augen machten und ausriefen: Mensch, du lebst noch? Alle haben doch gesagt, dass Du in Flandern geblieben wärest! Sehr viel Formalitäten und Kleinigkeiten gab es zu erledigen, da der Amtsschimmel noch gar nicht unter dem Krieg gelitten hatte. Schließlich sollte ich sogar entgegen den Abmachungen ins Garnisonslazarett! Aber Onkel Sasse eiste mich los, und ich wurde in das Reserve-Lazarett „Gesellschaftshaus des Westens“ in Schöneberg in der Hauptstraße aufgenommen. Es war ein großer Saal mit insgesamt 145 Betten unten, auf der Bühne und auf den Emporen.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 21.12.2025 11:41:52 Gelesen: 45534# 329 @  
Hallo zusammen,

über das Lazarett in Berlin-Schöneberg schreibt Großvater in seinen Lebenserinnerungen:

Hier walteten tüchtige Ärzte ihres Amtes. Als der Chirurg mich untersuchte, war er auch sehr skeptisch: 33% Wahrscheinlichkeit, dass es so bliebe, 33%, dass es besser werde und auch 33%, dass es schlechter würde. Ich fragte ihn schließlich: Was würden Sie, Herr Professor, an meiner Stelle tun? Würden Sie sich operieren lassen? Er antwortete: Nein, nur wenn es lebenswichtig für den eigenen Beruf wäre; und das ist es bei Ihnen nicht! So wurde wochen- und monatelang Heißluft gebadet und massiert. Jeden Vormittag wanderte ich zu Fuß in die Lützowstraße, wo ich medikomechanisch behandelt wurde und üben musste. Manchmal kamen mir die Säle mit all ihren Apparaten wie mittelalterliche Folterkammern vor. Eine Besserung der Beweglichkeit schien allmählich einzutreten.

Aus dem Lazarett sind mehrere Karten an seine Eltern erhalten. Als erstes ein Weihnachtsgruß vom 23.12.1914:



Absender:
Lic. Werdermann, Berlin Schöneberg, Hauptstr. 30/31, Res. Lazarett

Liebe Eltern! Zwar habe ich Euch gestern schon schriftlich
meine Weihnachtsgrüße gesendet, aber höchst wahrscheinlich
darf ich am 25. vormittags noch selbst zu Euch kommen.
Es soll nämlich doch noch vom 25.-27. Urlaub geben;
das ist doch fein! Wie wir es nun mit Dora ma-
chen, weiß ich nicht recht; nach Kraatz kann sie ja kaum
kommen; aber ich denke, wir können ja am 27. wie-
der nach Berlin reinfahren. Heilig-Abend darf ich
nach unserer Feier zu Poskes. Auf Wiedersehen!
Euer Hermann
20.XII.14.


Karte vom 12.01.1915:


Absender:
Abs. Werdermann z.Z. Schöneberg Reservelazarett 2

Liebe Eltern! Über Friedels Besuch habt Ihr Euch gewiß sehr
gefreut; ich war auch so überrascht, als er hier plötzlich auftauchte.
Daran, daß ich von hier aus irgend welchen Urlaub bekäme
ist leider gar nicht zu denken. Mütterchen danke ich vielmals für
ihre große Mühe, die sie sich mit dem Suchen in meinen Kisten
gemacht hat. Das Konzept für meinen Weber Aufsatz lag in
Soest zwischen zwei größeren Löschblättern auf meinem Schreib-
tisch. Es war sehr nett, daß Ihr es mir schicken wolltet; aber
ich würde jetzt nicht im stande sein, daran weiter zu arbeiten.
Ich bin ja so ganz herausgekommen u. finde auch so schnell
nicht in die schwierige theologische Welt zurück; soviel wissenschaftli-

che Konzentration könnte ich noch nicht
aufbieten. Ich sitze augenblicklich an einem
kleinen Artikel, lese auch ziemlich viel
u. langweile mich garnicht so sehr. Wann
fährst Du denn mal wieder zum Arzt? Ich
bin gestern geröntgt worden bin sehr ge-
spannt auf das Bild. Herzliche Grüße an Euch
alle. Euer getr. u. dankb. Sohn Hermann


Die dritte Karte vom 22.01.1915 geht an den leicht behinderten Paul Mohrmann, der bei seinen Eltern wohnte. Auf dem Foto ist Großvater sitzend der zweite von links:



Lieber Paul! Diesmal will ich den Sonntagsgruß
für Euch alle an Dich schicken, damit Du eine Karte
für Dein Album bekommst. Ich wünsche vor allem
den Patienten gute Besserung. Mir geht es gut; ich
wandere jeden Tag ins mediko-mechanische Insti-
tut in der Lützowstr, wo ich an 5 Maschinen üben
muß. Gestern war ich bei Markgrafs; Walter ist zur
Infanterie versetzt u. geht bald ins Feld. Von Hans
bekam ich eine Karte. Herzl. Grüße an Dich und
alle Dein getr. Freund Hermann W.
20.I.15

Bildseite:
Schw. Doris Kuligk
Rösel Klockenhoff Kröner Konzack Schulz Mietusch


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 29.12.2025 11:03:52 Gelesen: 44369# 330 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit den Karten von Großvater im Ersten Weltkrieg. Am 27.01.1915 schickte er diese Karte an seinen Vater:



Großvater schreibt:

Liebes Väterchen! Auf Dein Kommen freue ich mich
schon sehr. Vielleicht können wir am Sonnabend mal nach
Potsdam hinausfahren oder sonst etwas unternehmen.
Ev. Besuchen wir dann am Sonntag Iohannesohns;
Sonnabend bin ich von ½ 1 – 9 u. Sonntag von ½ 1 – 6
oder hoffentlich auch bis 9 frei.
Auf Wiedersehen! Es freut mich, daß es Mütterchen
etwas besser geht; ich danke ihr sehr für ihren lieben Brief
Dein getr. u. dankb. Sohn
Hermann


Etwa eine Woche später schickt er diese Karte an seine Eltern:



Auf der Karte teilt er ihnen mit:
Liebe Eltern! Ich danke vielmals für die inhaltsreiche Briefsendung.
Daß Väterchen erkältet ankam, tut mir sehr leid; aber der Grund ist hof-
fentlich weniger unserer Grunewaldpartie, als der Schmutz u. die Nässe am
Sonntag. Ist er denn noch bei Frau Winter gewesen? Ich habe am Mittwoch
diesmal unsere Kriegs-Andacht gehalten; ich habe mich sehr gefreut, daß ich
meinen Beruf mal wieder direkthabe ausüben können; viel-
leicht läßt es sich öfter machen. Sonst bin ich täglich ins Institut gewandert,
habe wieder eine Übung an einem neuen Apparat dazu bekommen;
die noch sehr schmerzhaft u. ungewohnt ist. Aber ich bin doch sehr froh u. dankbar,
daß es so vorwärts geht. Wenn nur nachher die Kur, die Mütterchen nun
hoffentlich bald macht, ebenso erfolgreich ist. Es ist fein, daß das Fräulein wie-
derkommt. Ich kann jetzt sehr wenig Besuche machen, da ich durch die Massage
u. das Institut sehr besetzt bin; aber ich bin ja nun auch „Verwundeter“. Gar
zu gern wäre ich nur morgen u. übermorgen nach Magdeburg gefahren; ich

habe alles versucht, aber eben ist mir gesagt worden,
daß es ein für alle Mal keinen Urlaub nach auswärts
für Verwundete gibt. Na, dann hilft’s nichts. Ein Buch
aus Hamburg habe ich nicht bekommen. Für das Sonn-
tagsblatt vom nächsten Sonntag habe ich einen kleinen
Beitrag geschrieben. Der größere Aufsatz für die „Kirchl.
Rundschau“ erscheint am 1. März. So habe ich ein wenig
Beschäftigung. Herzliche Grüße an Euch alle. Euer
getr. u. dankb. Sohn Hermann
5.II.15.


Als Ergänzung zu dieser Karte ein Auszug aus den Lebenserinnerungen (S. 158):
Wöchentlich einmal sollte im Lazarett auch ein Gottesdienst gehalten werden und zwar von dem zuständigen Gemeindepfarrer R. von der Apostel-Paulus-Kirche. Er war zu alt und zu ungeschickt. … Pfarrer R. hielt Lazarett-Andachten, an denen anfangs alle teilnahmen. Da er wenig den richtigen Ton traf, verschwanden immer mehr Soldaten vorher. Daraufhin brachte er Pflaumenkuchen mit, der verteilt wurde; aber auch dies Lockmittel wirkte nicht lange! Schließlich fragte er mich, ob ich die Andachten nicht übernehmen wollte. Leicht war es für mich nicht, ohne jede Charge, wie man ja überhaupt in diesem ganzen Kreis nur einer unter den Vielen, ohne Titel und Beruf und Grad war. Aber das war auch wieder das Gute und Heilsame. Man stand mit allen auf Du und Du, und jeder gab sich unbefangen. Viel habe ich mich mit Kameraden, vor allem auch „Dissidenten“, d.h. aus der Kirche ausgetretenen unterhalten und gestritten. Ohne diese Erfahrungen hätte ich später meine Schrift: Ich weiß Bescheid! Ein Kampfbüchlein gegen die Freidenker nicht schreiben können! So wagte ich es mit den Lazarett-Andachten, obgleich es mir anfangs recht sauer wurde. Für die erste hatte ich den Text genommen: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, für die zweite: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns betroffen haben“.
Sehr wertvoll war mir dabei, daß mir unsere Schwester Doris mit Rat und Kritik dabei zur Seite stand. Allmählich erwachten auch meine wissenschaftlichen und literarischen Interessen wieder. Ich schrieb einen Aufsatz: Das Problem der Langeweile in den Lazaretten, den der Reichsbote aufnahm, sogar als Leitartikel. Dann verfasste ich eine Abhandlung mit dem etwas langatmigen, aber charakteristischen Titel: Die religiöse Wiedergeburt unseres Volkes, nicht eine Gabe des Krieges, sondern eine Aufgabe in und nach demselben“. Sie erschien 1915 in der „Kirchlichen Rundschau für Rheinland und Westfalen“. Viele Pfarrer täuschten sich damals, als der Kriegsanfang eine scheinbare Wiederbelebung des religiösen und kirchlichen Lebens brachte; es war vieles nur oberflächlich und vieles nur ein Strohfeuer; der herabziehenden und zerstörenden Kräfte wurden immer mehr, je länger der Krieg dauerte. Auch gute Bücher konnte ich damals lesen, besonders in Erinnerung geblieben sind mir Anselms Feuerbachs Briefe.


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 10.01.2026 21:27:28 Gelesen: 42793# 331 @  
Hallo zusammen,

am 07.02.1915 schickte Großvater diese Karte an seine Mutter.



Er schreibt:
Liebes Mütterchen! Habe herzl. Dank für das Paket u. heute
kam auch noch Väterchens Gruß nebst Drucksachen. Ich schicke
morgen meine schmutzige Wäsche ab, habe bis Ende nächster
Woche noch genügend saubere. Es geht mir weiter gut,
besondere Wünsche habe ich wirklich nicht Eben besuchte ich einen
Kameraden, der im Krankenhaus „Am Urban“ [1] operiert
ist, gestern war ich bei einem Leutnant d. R. Hermann u.
seiner jungen Frau zum Kaffee. Letzerer habe ich versprochen,
Dich zu fragen, ob es in Gransee ungeräucherten Speck(zum
Schmalz-Auslassen) gibt u. wie teuer er ist (hier 1,20 ℔); fer-
ner ob es irgend welches Dauerfleisch gibt; (ev. geräuchert); sie

möchte sich dann ev. ein 10 ℔
Paket schicken lassen. Erkundi-
ge Dich doch bitte u. schreibe
es mir dann.
Herzl. Grüße
Euer Hermann
7.II.15.


[1] Kreuzberg, Klinikum Am Urban



Diese Karte aus Berlin-Schöneberg vom 14.02.1915 konnte nicht zugestellt werden und ging an Großvater zurück. Die Ansichtskarte zeigt noch das Vereinslazarett in Laasphe. Sie geht an Herrn ??? ??? Dapprich, 39. Res. Armeekorps Res. Inf. Reg. 255, 77. Res. Division 2 Komp.

Die handschriftlichen Vermerke im Adressfeld sind:
Bleistift (unten): erkrankt
Blau (senkrecht): Lazarett Hauptstr. 30/31
Blau (waagerecht): Abs. Hauptstr. 30/31
Bleistift. Rot unterstrichen: Laasphe (Anmerkung von Großmutter, da das Bild noch aus Laasphe stammt)

Großvater schreibt auf der Karte:
Lieber Lbhr/Lbfr/Llfr! [1] Schade, daß meine Postsachen Dich nicht
erreicht haben, ich schrieb 2x nach Münster u. 1x, als ich
von Deiner Mutter die Adresse bekam, nach dem Reg.
Nun bist Du wieder im Feld, hast wohl gar an den
letzten Kämpfen u. Siegen teilgenommen? Hoffent-
lich bist Du bewahrt geblieben! Mir geht es langsam
besser; ich muß aber noch Wochen oder gar Monate
in Behandlung bleiben; vielleicht werde ich aber we-
nistens garnison-dienstfähig. Habe noch vielen Dank
für Dein Bild; diese Karte stammt noch aus Laaspe.
Meinen Brüdern geht’s noch gut. Gott behüte Dich
Dein getr. Lbb [2] Herm. Werdermann
14.II: 15.


Die beiden Abkürzungen beziehen sich sehr wahrscheinlich auf eine Studentenverbindung:
[1] Lbhr = evtl. Leibherr
[2] Lbb = Leibbursche

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 17.01.2026 10:36:26 Gelesen: 41979# 332 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit Großvater im Ersten Weltkrieg. Zunächst eine Karte von ihm an an seine Eltern vom 06.03.1915:



Großvater schreibt:
Liebe Eltern! Zwar gibt es seit vorgestern, wo ich Mütterchen
zuletzt sah, noch nicht viel zu erzählen, aber einen kurzen Sonn-
tagsgruß möchte ich Euch doch schicken. Am Donnerstag bin ich
wieder geritten; es macht mir viel Freude u. geht schon ganz
gut. Gestern besuchte ich Walter M.; er war recht lebhaft; man
hatte ihm schon Hoffnung auf baldiges, kurzes Aufstehen gemacht.
Zu Sonntag habe ich mich bei Poskes angemeldet; Neukrantz
besuchen mich dann 8 Tage später. Väterchen danke ich viel-
mals für seine vielerlei Sendungen; an die Diskontobank
habe ich wegen der 20,00 geschrieben; ich habe keine Ahnung,
worum es sich handeln kann. Das Hauptstr. 30/31 muß zu mei-
ner Adresse hinzugefügt werden. Nun viel herzl Grüße
Euer treuer u. dankb. Sohn Hermann
6.III.15.


Wie man lesen kann, hat Großvater verschiedene Bekannte bzw. Verwandte besucht. Passend hierzu ein Abschnitt aus seinen Lebenserinnerungen (S. 159):
Im Lazarett hatten wir verhältnismäßig viel Freiheit. Dazu stellte Berlin für alle Verwundeten großzügig alle Verkehrsmittel unentgeltlich zur Verfügung. Man konnte mit der Elektrischen, U-Bahn, den Autobussen fahren, so oft und so weit man wollte. Da bin ich oft in den Museen gewesen. Abends hatten wir öfter Gelegenheit, ins Theater zu kommen. Eine unserer Hilfsschwestern, Mary Dietrich, war damals eine der bekannteren Schauspielrinnen des Deutschen Theaters. So sah ich durch sie dort den Wallenstein, den Faust in vorzüglichen Aufführungen (Das Kino spielte noch gar keine Rolle; ich war nicht ein einziges Mal dort).
Gut hatte ich es dadurch, daß wir so viele Verwandte und Bekannte in Berlin hatten; die konnte ich besuchen und hatte dadurch ein Gegengewicht gegen das mitunter etwas „kommissige“ Lazarettleben! Oft war ich gemütlich bei Markgrafs, bei denen fast immer einige der zehn Kinder anwesend waren. Walter wurde verwundet; Hanni und Reini fielen leider später. Häufig besuchte ich Sasses in der Derfflingerstraße 25. Gastfrei wurde ich aufgenommen, und es gab interessante militärische und politische Gespräche, da Onkel Paul im Reichsversicherungsamt und durch private Beziehungen mancherlei erfuhr, was nicht in die Öffentlichkeit kam. Mehrmals war ich auch bei Poskes in Dahlem eingeladen, bei Dittmers in der Großen Hamburgerstraße. Ich besuchte Steinerts, Neukranz‘, Friedchen Werdermann (später: Meister) u.a.




Am 24.03.1915 schickt Großvater diesen Geburtstagsgruß an seinen Vater:
Liebes Väterchen! Viel zu schreiben habe ich ja noch nicht
wieder, aber meine recht herzlichen Geburtstagsglückwünsche
möchte ich Dir doch senden. Möchte Gott Dir ein gesegnetes
Jahr u. uns allen einen ehrenvollen Frieden schenken!
In Richard u. Pauls Auftrag habe ich Dir Wursters [1] „Abendsegen“
bestellt, hoffentlich kommt das Buch zur Zeit an. Hat Hans denn
was von sich hören lassen? Ist Mütterchen glücklich zurück-
gekehrt?
Herzl. Grüßt u. küßt Dich Dein dankb. u. gehorsamer
Sohn Hermann
24.III.15.


Der nächste Abschnitt aus den Lebrenserinnerungen hat zwar keinen Bezug zu dieser Karte, ich finde ihn aber dennoch sehr interessant (S. 159):
Natürlich wurde eifrig Zeitung gelesen. Aber nachträglich ist mir erst bewußt geworden, wie wenig wir das Wesentliche durchschauten, wohl auch: durchschauen konnten. Eine Krisis entstand, weil unsere Salpeter-Vorräte zu Ende gingen; glücklicherweise wurde das synthetische Verfahren erfunden und in den Leuna-Werken großartig praktisch verwirklicht. Im Westen war alles erstarrt; im Osten rollte die gewaltige russische Masse gegen uns und Österreich heran; und die Österreicher versagten weitgehend. Desto mehr erfreuten wir uns der Erfolge von Mackensen und Hindenburg, der in mehreren Winterschlachten die Russen zurückwarf und Ostpreußen endgültig befreite. Auch zahlreiche einzelne Heldentaten in der Luft (Immelmann und Bölke) und auf dem Wasser begeisterten uns.

Da wir am Dienstag für 14 Tage verreisen, gibt es jetzt eine kleine Pause bei meinen Beiträgen.

Viele Grüße
Volkmar

[1] Paul von Wurster (1860-1923), Ev. Theologe, Stiftsrepetent, Pfarrer in Heilbronn, Direktor des Predigerseminars Friedberg usw
https://www.leo-bw.de/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/ubt_portraits/30552/Wurster+Paul
 
volkimal Am: 10.02.2026 20:14:23 Gelesen: 30830# 333 @  
Hallo zusammen,

letzte Woche sind wir von einer sehr interessanten zweiwöchigen Rundreise durch Indien zurückgekommen. Jetzt habe ich endlich Zeit, den Bericht über Großvater im Ersten Weltkrieg fortzusetzen.



Am Freitag, den 26.03.1915 schickt Großvater diese Karte an seine Mutter. Er schreibt:

Liebes Mütterchen! Zwar habe ich im allgemeinen ja nicht bes. viel
zu tun, aber in den letzten Tagen häufte es sich, so daß ich es tatsächlich
fertig gebracht habe, das Wäschepaket ganz zu vergessen. Am Diens-
tag gab es mit dem Vortrag allerlei Schwierigkeiten; dann hatte ich
zweimal Reiten, war gestern den ganzen Nachmittag bei Markgrafs.
Dazu die Übungen im Institut u. die Massage. Auch im Lazarett
hatte ich mancherlei zu arrangieren u. zu helfen. Unsere Körb-
chen haben wir bald fertig. Die Eier erregten große Freude. Ich
holte gestern die letzten; ausgepackt haben wir sie noch nicht. 20 ℔
Buchsbaum sind etwas reichlich viel; hast Du sie noch nicht abgeschickt,
dann genügt ein 10 ℔ Paket. Hans ist nun also in Posen; hoffentlich

haben sie es dort besser! Sonntag gehe ich
zu Poskes.
Herzl. Grüße an Euch alle
Euer Hermann
26.II.15.
In der Untergrundbahn


Als Großvater diese Karte schrieb, wusste er noch nicht, dass er die Eltern eine Woche später besuchen durfte. In den Lebenserinnerungen heißt es (Seite 159):
Da Kraatz nicht allzu fern war, bekam ich zweimal einige Tage Urlaub dorthin, so auch Karfreitag. Ich wollte mit dem Personenzug 5,40 Uhr ab Stettiner Bahnhof fahren. Da die Verkehrsmittel noch ruhten, wanderte ich quer durch die Hauptstadt zu Fuß, über 1 1/2 Stunden. Vorher war ich schon mal bei den Eltern gewesen und hatte 100 Eier geholt, die sie als Ostereier für unser Lazarett gemalt hatten. Als Dank war mir jetzt ein großer Blumenstrauß vom Lazarett mitgegeben. Das Ende meiner Wanderung war, daß ich, als ich auf den Bahnhof kam, gerade noch die Schlußlichter des eben ausfahrenden Zuges sah! Dafür war es zu Haus desto schöner. Hier hörte ich immer von den Geschwistern. Friedel war Fußartillerist, Dora pflegte als Hilfsschwester im Lazarett, Hans war zu einem Offizierskursus nach dem Warthelager kommandiert. Wir hatten uns auf der Durchreise auch kurz in Berlin gesehen.



Diese Postkarte schickte Paul Sasse am 04.04.1915 an Großvater während er bei den Eltern in Kraatz war. Er schreibt:
An
den Herrn Kriegsfreiwilligen
Herm. Werdermann
Kraatz
bei Gransee
(Nordbahn)

Berlin W 35 4/4 15
Derfflingerstraße 25 I
L.H. Vielen Dank für deine Osterkarte.
Auch wir wünschen Euch Allen ein ge-
segnetes Osterfest. Gott schütze unsere
Lieben draußen auch fernerhin und führe
alles zu einem guten Ende. Von
Friedel heute eine lange Karte. Er schreibt
sehr tapfer u. vertrauensvoll. An ihn von
Hans gestern geschrieben. Ich hoffe, daß Du
Dich dort etwas erholst; Du hast es richtig
nötig. Wir sehen Dich wohl bald nach d. Rück-
kehr hier alles beim Alten. Ich bin gespannt, ob
der Chefarzt noch belohnt wird. ein zu unberechen-
barer Heiliger! Viele Grüße v. Haus zu Haus. Dein Onkel
P. Sasse


Soviel für heute.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 22.02.2026 11:28:04 Gelesen: 28511# 334 @  
Hallo zusammen,

am 14.04.1915 schickt Großvater diese Postkarte an seine Eltern:



Er schreibt:
Abs. Werdermann z.Z. Schöneberg, Hauptstr. 30, Res. Lazarett 2

Liebe Eltern! Noch immer kann ich Euch aus dem La-
zarett einen Gruß senden, da vom Sanitärsamt noch
keine Antwort eingetroffen ist; eingegeben bin ich schon
vor über 8 Tagen; hoffentlich wird’s was. Vorläufig
übe ich eifrig weiter. Meinen kl. Aufsatz im „Reichs-
boten“ (Sonntag – Montag) habt ihr wohl gefunden.
Heute habe ich die Andacht nochmal übernommen,
gestern haben wir einen Vortrag über den U-
bootskrieg. Nachher treffe ich mich mit Theo.
Wie ist Mütterchen diesmal die Kur bekommen?
Herzliche Grüße an Euch alle. Euer tr. Sohn
Hermann
14.IV.15


Als Ergänzung wieder einiges aus dem Kriegstagebuch von Großvater (Seite 160):
Mich beschäftigte die Frage: Was in Zukunft aus mir werden sollte. Als ich 10 Wochen Lazarettzeit hinter mir hatte, fragte ich mal den Arzt: ob ich nicht bald entlassen werden könnte; ich könnte es so nicht mehr lange aushalten. Darauf antwortete er: Sie werden genau so lange behandelt und Geduld haben, wie es nötig ist. Und das sind nachher im Ganzen zehn Monate geworden. Es kam bald heraus, daß ich als Soldat nicht wieder verwendet werden könnte. Da plante ich, mich als Theologe noch einmal zur Verfügung zu stellen, als Heerespfarrer, wenn möglich im Felde. Daraufhin erhielt ich vom Lazarett die Erlaubnis, einen Reitkursus am Kurfürstendamm zu nehmen, der mir große Freude machte. Ich nahm auch die Fühlung mit der Feldprobstei, bes. Div. Pfarrer Wallis, auf und wanderte öfter zu Besprechungen zur Alten Garnisonskirche. Dabei war mir nützlich, daß ich wöchentlich bei uns die Lazarettandachten übernommen hatte.
Vorläufig wanderte ich noch täglich ins Immelmannsche Institut zu mediko-mechanischen Übungen. Chefarzt in unserem Lazarett war ein Geheimrat Landau, insofern ein Kuriosum, als er 1) ein Berliner Frauenarzt und 2) ein Jude war. Er wußte, daß ich Theologe war und sein Witz mir gegenüber war der, daß er mich jedesmal mit einem höheren Titel belegte: Herr Oberpfarrer, Herr Superintendent, Herr Konsistorialrat usw. Und die Kameraden ulkten mich schon und sagten: Paß mal auf, wenn die Titel zu Ende sind, dann wird er dich entlassen; denn dann ist sein Witz ja auch zu Ende! Als ich nun eines Morgens vom Üben zurückkomme, treffe ich ihn im Korridor, gefolgt von Schwestern, Sanitätsfeldwebel usw. Er kommt auf mich zu und ruft: Nun Herr Generalsuperintendet, was macht denn Ihre Schulter? Ich antwortete: Danke, Herr Geheimrat, es ist besser, aber leider noch nicht gut! Da faßt er meinen rechten Arm, hebt ihn hoch und sagt: Das geht ja ausgezeichnet. Ich mußte ihm jedoch sagen: Ja Herr Geheimrat: verwundet bin ich auch am linken! Im selben Augenblick wurde er gerufen: Eilig ans Telefon! Und – am nächsten Morgen wurde ich entlassen! Wahrscheinlich war ihm aufgetragen worden, 50 Plätze für einen neuen Transport freizumachen. Da ich noch nicht zum Truppenteil konnte, wurde ich dem Genesungsheim des Gardekorps in Biesenthal überwiesen.




Dieser Gruß an Großvater nach Biesenthal kommt von den Kameraden des Reserve-Lazaretts in Schöneberg. Geschrieben hat die Karte Schwester Doris. Sie schreibt:
An
den Kriegsfreiwilligen
H. Werdermann
Biesenthal Mark
Genesungsheim

4.VI.15.
Lieber Werdermann
In Erinnerung an
unsere gemütliche Korb-
flecht??? senden wir
Ihnen die herzlichsten
Grüße. Vielen Dank für
Ihren Brief, dessen Beant-
wort. nun bald vor sich
gehen soll. Schwester Doris.
F. Klockenhoff. Röhm
Albert Tix(?) Schönen Gruß A. Kopahl
Herzlichsten Gruß
von W. Reichert


Auch hierzu noch eine Ergänzung aus den Lebenserinnerungen (Seite 157):
Nett war im Lazarett die Kameradschaft. … Ganz besonders nett waren die Schwestern in unserem Lazarett. Einige stammten aus der Schweiz, so die tüchtige, nüchterne Oberschwester Luise Probst, die mit einer Roten Kreuz-Delegation gekommen war. Am beliebtesten war Schwester Doris (von Horn), die Tochter eines Obersten, Nichte von Mackensen. Sie hatte gerade unsere Gruppe zu betreuen, der es gelang, in sieben Betten auf der Bühne unterzukommen und dadurch der „Masse“ etwas zu entrinnen. Schw. Doris hatte immer alles in bester Ordnung, verstand es, sich um jeden einzelnen zu kümmern, gerade auch um die schwierigeren. Sie bemühte sich auch für das ganze Lazarett, die Langeweile durch allerlei Beschäftigung zu vertreiben durch gemeinsames Arbeiten, vor Weihnachten und Ostern, vor Kaisergeburtstag und sonst. Ich verdankte ihr auch sehr, daß ich mich bald einlebte und wohl fühlte. Einmal wurden wir auch von ihr zu ihren Eltern eingeladen.



Dieses ist die einzige Karte, die den Stempel des Reservelazaretts trägt. Ich lese dort:
"Königlich Preußisches Reservelazarett / Gesellschaftshaus des ??? / Berlin-Schöneberg".
Wer kann das fehlende Wort ergänzen?

Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 22.02.2026 12:11:26 Gelesen: 28494# 335 @  
@ volkimal [#334]

Hallo Volkmar,

ich vermute, das fehlende Wort ist “Westens”. Siehe

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Sch%C3%B6neberg_Gesellschaftshaus_des_Westens_1914.jpg

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 22.02.2026 12:42:34 Gelesen: 28479# 336 @  
@ evwezel [#335]

Hallo Emiel,

vielen Dank! Jetzt wo du das Wort gefunden hast, erkenne ich es auch.



Das Bild ist eine schöne Ergänzung zu der Karte und den Lebenserinnerungen. Dort heißt es ja zu Schwester Doris: "Sie hatte gerade unsere Gruppe zu betreuen, der es gelang, in sieben Betten auf der Bühne unterzukommen und dadurch der „Masse“ etwas zu entrinnen."

Auf dem Bild ist wahrscheinlich die Bühne zu sehen, auf der Großvater mit seiner Gruppe untergekommen ist. Ich fand schon das Foto vom Beitrag [#327] und die Anzahl der dort liegenden enorm groß. Auf dem Foto aus Laasphe habe ich in 58 Verwundete und 32 Schwestern gezählt.

Wie muss es aber erst in Schöneberg gewesen sein, wenn der große Festsaal im Gesellschaftshaus des Westens 1400 Personen fasste.

Viele Grüße
Volkmar

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Sch%C3%B6neberg_Gesellschaftshaus_des_Westens_1914.jpg
 
volkimal Am: 01.03.2026 10:26:35 Gelesen: 27614# 337 @  
Hallo zusammen,

es geht weiter mit der Zeit, die Großvater im Genesungsheim in Biesenthal war. Zuerst ein paar Zeilen aus den Lebenserinnerungen von Großvater Seite (160):

Mit der Bahn ging es über Bernau dorthin. Der Bahnhof liegt drei Kilometer von dem Städtchen entfernt, da einst die weisen Stadtväter der Eisenbahnverwaltung keinen Grund und Boden zur Verfügung gestellt hatten! Ein Omnibus brachte uns zum Markt und dann an den See zu dem Genesungsheim, das mitten im Walde liegt. Ich kam auf eine Stube mit drei Kameraden, von denen zwei „Schneider“ hießen. Einer davon war ein Sinnierer. Er las gern gute Bücher, hatte sich zuletzt an Kants „Kritik der reinen Vernunft“ vergriffen! Von Beruf war er Friseur. Er riet mir dringend, ein richtiges Rasierwasser anzuschaffen und zu gebrauchen; das sei das allein Richtige! Er besorgte mir auch eins, das ich bis 1927 benutzte. Ich habe solch Wasser bis heute beibehalten!



Eine Karte vom 01.06.1915 von Großvater an seine Eltern. Stempel: "BIESENTHAL / 2 / * (BHF.) *"

Liebe Eltern! Ihr habt mir alle beide in letzter Zeit so fleißig geschrieben, dazu mir
noch die Briefe der Brüder, das Heft u. Wäsche geschickt, u. ich habe lange nichts Ausführliches
von mir hören lassen. Habt herzl. Dank für alles! Ich wollte gestern einen längeren Brief
an Euch aufsetzen, vorher jedoch zu Zechlins zum Kaffee gehen. Dort blieb ich aber bis ½ 11h
spät(?) da plötzlich ihr 2. Sohn, der Leutnant auf der Hessen ist, für 3 Tage auf Urlaub kam.
Er erzählte vielerlei Interessantes. Und heute schreibe ich Euch nun – vom Stettiner Bahnhof.
Ich bekam gestern vom Feldprobst eine Aufforderung heute oder morgen zu einer Besprech-
ung zu ihm zu kommen. Da ich nun morgen zur Kreissynode in Biesenthal geladen bin,
habe ich mich gleich aufgemacht, bin von 10 – ½ 12 in der Feldprobstei gewesen, habe bei Mark-
grafs Mittag gegessen u. bis 4 h gesessen u. bin dann zu Sasses gefahren. Ich habe also
ziemlich bestimmte Aussicht, etwa zum 1. Juli als Garnisonspfarrer nach Allenstein zu
kommen. Der Feldprobst will die Sache von sich aus in die Hand nehmen. Natürlich
sind erst noch Klippen zu überwinden. Entlassung durch den Chefarzt; Ordination u.s.w.
Ich wäre ja sehr froh und dankbar, wenn tatsächlich etwas daraus würde. Dann
dürfte ich vorher auch wohl nochmal auf Urlaub nach Kraatz kommen. Darauf freue

ich mich schon, bes. da nun leider aus einer Zusammen-
kunft am 11. Od. 12. Kaum etwas werden kann. Ich wer-
de nämlich nicht schon wieder Urlaub erhalten, da ich heute
u. morgen schon beurlaubt bin. Es ist zu schade, da der
Plan von Mütterchen so nett war. Zum Geburtstag muß
ich um etwas Geld bitten, da ich ziemlich abgebrannt
bin. Hoffentlich geht es Hans u. Friedel noch gut. Auf die
Briefe bin ich schon gespannt. Ich habe in B. jetzt ziem-
lich gearbeitet, viel in der Sonne u. im See geba-
det. Herzl. Grüße an Euch alle. Euer tr. Sohn
Hermann
7.II.15. 8h ab.




Die Karte vom 12.06.1915 kommt von den Patienten und Schwestern vom Lazarett in Berlin-Schöneberg. Einige von ihnen haben den Geburtstagsgruß unterschrieben. Ich lese:

12.VI.15
Zu ihrem Ge-
burtstage senden die
herzlichsten Glückwünsche
K. Böhm Schw. Louise
Schw. Lucie
Schw. Anna ??? (Das ist Schw. Eva!!!)
F. Klockenhoff
P. Socke Bressern
Ottowitz Reichart
Herzl. Glückwunsch als
ehemaliger Kaffeetisch
genosse I. Kuckenb??


Noch ein paar Anmerkungen aus den Lebenserinnerungen (Seite 161):
Im Genesungsheim hatten wir einen netten Tagesraum, 2 Treppen hoch. Dort saß sonst kaum jemand. So sah ich ihn fast wie „mein“ Arbeitszimmer an. Ich war täglich mehrere Stunden da und fing an, wieder richtig wissenschaftlich zu arbeiten. … Dann Griff ich einen Plan aus Soest auf: möglichst noch den Dr. Phil. zu machen und zwar in Pädagogik. … Ich hatte nämlich aus Biesenthal an Prof. Leser in Erlangen geschrieben, der sehr feine Bücher über Pestalozzi veröffentlicht hatte. Er erklärte sich bereit, eine Dissertation über die Religionspädagogik August Hermann Franckes annehmen zu wollen. So begann ich langsam mit den Vorarbeiten dazu.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 09.04.2026 11:24:37 Gelesen: 21411# 338 @  
Hallo zusammen,

ich musste eine längere Pause machen, aber jetzt geht es mit Großvater im Ersten Weltkrieg wieder weiter.



Diese Karte vom 12.07.1915 hat er in Wandlitz (Mark) aufgegeben. Er schreibt:
Abs. Werdermann 11/201, Biesenthal i.M., Genesungsheim
Liebe Eltern! Einen herzl. Gruß sende ich Euch von
einem Wagen-Ausflug, den unser ganzes Heim
hierher gemacht hat. Die Biesenthaler haben uns dazu
eingeladen. Das Wetter ist zwar etwas trübe u. naß,
aber das schadet weiter nichts. Ich fahre nun nach Berlin,
statt nach Stettin. Herzliche Grüße von Euerm treuen
Sohn Hermann
14. Juli 1915


Zusätzlich haben auf der Karte mehrere Personen unterschrieben. Es sind:
Herzlichen Gruß Elisabeth Zechlin
Viele Grüße Ruth Zechlin
Viele Grüße Gertraud Zechlin
Karl Roßbach
Ernst Bornemban(?)

Als Ergänzung wieder einiges aus den Lebenserinnerungen (Seite 161/162):
Im Genesungsheim hatten wir einen netten Tagesraum, 2 Treppen hoch. Dort saß sonst kaum jemand. So sah ich ihn fast wie „mein“ Arbeitszimmer an. Ich war täglich mehrere Stunden da und fing an, wieder richtig wissenschaftlich zu arbeiten. ... Dann Griff ich einen Plan aus Soest auf: möglichst noch den Dr. Phil. zu machen und zwar in Pädagogik. ... Ich hatte nämlich aus Biesenthal an Prof. Leser in Erlangen geschrieben, der sehr feine Bücher über Pestalozzi veröffentlicht hatte. Er erklärte sich bereit, eine Dissertation über die Religionspädagogik August Hermann Franckes annehmen zu wollen. So begann ich langsam mit den Vorarbeiten dazu.
Eine wesentliche Hilfe war mir die Bücherei des Biesenthaler Konsistorialrates Zechlin. Ich war gleich am ersten Sonntag in den Gottesdienst gegangen und hatte ihn predigen hören, ihn dann auch bald persönlich aufgesucht. Von ihm und seiner Familie wurde ich sehr freundlich aufgenommen. Ich wurde öfter zum Kaffee oder Abendbrot eingeladen. Es war eine rechte deutsche und erbgesunde Vollfamilie mit acht Kindern. Herr K.R. Zechlin war als Militäroberpfarrer in Wiesbaden, Danzig und Magdeburg gewesen. In den beiden letzten Garnisonen war er zusammen mit Mackensen und Hindenburg gewesen und wußte von diesen persönlich viel Unterhaltendes zu erzählen.
Am liebsten war es mir, daß ich bei K.R. Zechlin bald eine mir interessante Arbeit fand. Er war zwar schon fast drei Jahre in Biesenthal; aber seine Bücherkisten hatte er erst zum kleineren Teil ausgepackt. So übernahm ich das Auspacken, Aufstellen und Einordnen in einem besonders kleinen Bibliothekszimmer neben seinem Arbeitszimmer. ...
Bald trat er mit einer neuen Bitte an mich heran. Die 2. Pfarrstelle im Ort, wozu auch die Betreuung von Daneberg und Rüdnitz gehörte, war unbesetzt. Nun sollte ich aushelfen, bzw. diese Stelle verwalten! Dr. Hirsch gab die Erlaubnis. So sagte ich zu. Von da an predigte ich sonntäglich in diesen beiden Orten… Nach einiger Zeit wurde Konsistorialrat Zechlin krank und musste vier Wochen nach Wiesbaden zur Kur. Da verwaltete ich, als verwundeter Kriegsfreiwilliger, die beiden Pfarrstellen, auch mit den vorfallenden Trauungen und Beerdigungen.


Es war gut, dass Großvater die Arbeit bezahlt bekam. Der Sold von 10 Reichspfennig war sehr wenig.



Im August 1915 ist Großvater in Wünsdorf b/ Zossen. Am 14.08.1915 schreibt er diese Karte an seine Eltern, die er in Berlin aufgibt.
Liebe Eltern! Recht bunt u. ungemütlich sind hier unsere Tage; aber
das hilft nichts, wenn man es nach dem stillen u. gemütlichen Bie-
senthal auch stark empfindet. Vielleicht oder hoffentlich werde ich jedoch bald
aus dem jetzigen Zustand befreit. Gestern kam nämlich von der Feld-
probstei der telegraphische Wunsch, mich für eine Lazarettpfarrstelle frei-
zu lassen. Potsdamer Bahnhof. Nach endlosem Umherlun-
gern u. Erledigen von Formalitäten bin ich glücklich zum Ersatz-
Bataillon überwiesen worden, das nun weiterhin über mich
entscheidet. Hoffentlich gelingt ein Los-gelassen-werden u. zwar
noch bald! Wenn ich etwas Genaueres weiß, schreibe ich Euch.
Herzl. Sonntagsgruß Euer Hermann


Demnächst erfahrt ihr, wie es mit Großvater weitergeht.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 27.04.2026 16:19:17 Gelesen: 17607# 339 @  
Hallo zusammen,

nach einer mehrwöchigen Pause (Aufwändige Renovierung des Arbeitszimmers und zwei Krankenhausaufenthalte) steht mir seit gestern Abend wieder mein PC zur Verfügung. Damit habe ich endlich wieder vollen Zugriff auf meine Scans. Somit kann ich mit Großvater weitermachen.



Wie man an der Anschrift dieser Karte von Urgroßvater an Großvater sieht, ist mein Großvater inzwischen in Gnesen angekommen und hat dort eine Stelle als Lazarettpfarrer angetreten. Urgroßvater schreibt:

An Herrn Lazarettpfarrer Liz. Werdermann
Hochehrw.
Gnesen
Poststraße 2

Menz, den 19.10.15.
Mein lieber Junge! Gestern Abend 6 Uhr gingen Mutter und ich von Gransee
wo ich Konferenz hatte, nach hier. Am Sonntag waren wir in Germendorf
zur Feier des h. Abendmahls, abends in Gransee, wo ich predigte. Das Wetter
ist noch recht günstig. Morgen gedenken wir nach Fürstenberg zu gehen, um nach
Lychen zu fahren, am Donnerstag zurück. Wir erwarten Gottfried u. Dora.
Deinen Brief erhielten wir gestern. Mutter wundert sich, daß die 3 Pakete,
die sie an Euch abschickte, noch nicht ankamen.
Der Jahrestag Deiner Verwundung ist übermorgen. Vergiß nicht,
was Dein Gott Dir Gutes getan hat, der sichtlich über Dein Leben
gewaltet hat. Er hat es Dir zum 2. Mal gegeben. Lebe seiner Gnade
Drei Deiner Freunde sind gefallen. „Himmelan geht unsere Bahn.“
Bruder Laue(?) ist in Oenhausen, es geht ihm sehr schlecht.
wie ernst siehts noch immer draußen aus. Wir müssen durchhalten u.
singen. Hoffentlich kommen Friedel u. Hans bald auf den Damm, daß sie
hinaus können. Das Vaterland braucht jeden Mann. Herbert Hübner ist seit
6 Wochen Kompanieführer 3. Komp. Res. Inf. Reg. 231. 25 Res, Armeekorps
80 Res. Division. Wie groß muß der Offiziersmangel sein. Hzl. Grüße Dir u. Hans von
uns ???. Gott befehle euch d. Liebe ??? Vater


Ergänzend dazu die Eintragungen aus dem Lebenserinnerungen (Seite 163/164):
Da an meiner Schulter nicht mehr viel zu ändern und zu bessern war, wurde ich schließlich Mitte August aus Biesenthal entlassen. Zunächst ging es nach Berlin in eine „Truppensammelstelle“, in Charlottenburg, in die frühere Militärtechnische Akademie. Es war ein ungemütlicher Massenbetrien. … Recht froh war ich, als ich schon nach kurzer Zeit auf die Schreibstube gerufen wurde, wo ein Telegramm des Feldprobstes eingegangen war: Der Kriegsfreiwillige Werdermann ist sofort zu seinem Ersatzbataillon zu entlassen, da er als Heerespfarrer verwendet werden soll. Mein Ersatzbataillon 201 war inzwischen nach Wünsdorf bei Zossen verlegt. … Erfreulicherweise traf ich unter den Soldaten einige Bekannte von den „Maikäfern“ her und den Schwager eines Freundes von Herrn Tutzke. Mit ihm machte ich in den nächsten Tagen mehrere Spaziergänge in die Umgebung der schönen märkischen Heimat mit ihren Wäldern und Seen. Wir gingen auch zum benachbarten mohammedanischen Gefangenenlager, wo gerade eine prachtvolle Moschee fertig geworden war.
Nach einigen Tagen wurde ich entlassen. Nett war es, dass ich wieder Unterkunft bei Markgrafs fand. Dorthin kam Mutter und brachte mir Zivilsachen. Wie eigenartig war das Gefühl, die Uniform und die „Knobelbecher“ abzulegen und wieder „Mensch“ zu sein! … Wehmütig war es mir, dass seit Kriegsbeginn mehrere Freunde und Bekannte gefallen waren. …
Verwundet wurden Pauli Markgraf und Walter Markgraf, Paul Gerhard Hecker. Sein Bruder, Waldy, fiel als Fähnrich schon im Herbst 1914 in Lothringen. Friedel war noch unversehrt bei seinem Fußartillerie-Regiment; Hans gagegen hatte bei dem Durchbruch in Galizien eine leichte Verwundung erhalten und war nun in Berlin im Lazarett.
Auf der Feldprobstei wurde mir mitgeteilt, dass ich zum Lazarettpfarrer in Gnesen ausersehen sei. Vorher müsste ich jedoch noch ordiniert werden und zwar in Magdeburg, wo ich meine 2. Prüfung gemacht hätte. Die Eltern begleiteten mich dorthin. Es freute mich, dass sie und Dora, die als Schwester dort arbeitete, bei der Ordination zugegen sein konnten, die der sehr freundlich gesonnene Generalsuperintendent D. Jakobi im Magdeburger Dom vornahm.


Viele Grüße
Volkmar
 
evwezel Am: 28.04.2026 07:20:12 Gelesen: 17498# 340 @  
@ volkimal [#339]

Hallo Volkmar,

es ist einfach großartig, dass diese Korrespondenz erhalten geblieben ist! Zwei Kleinigkeiten:

1) Der Text an der Unterseite ist auf dem Scan nicht völlig sichtbar.
2) Ich denke, es muss am Ende “Gott behüt(e) euch” statt “Gott befohl euch” sein.

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 16.05.2026 11:53:17 Gelesen: 13672# 341 @  
@ evwezel [#340]

Hallo Emiel,

die Karte ist wie im Original zu sehen. Auch dort geht der Text bis an den Rand und ist nicht vollständig auf der Karte.

Mit "Gott behüt euch" liegst du richtig. Danke!

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 16.05.2026 12:02:26 Gelesen: 13669# 342 @  
Hallo zusammen,

heute geht es weiter mit der Zeit, die Großvater in Gnesen verbrachte. Als Einstieg diesmal ein paar Zeilen aus den Lebenserinnerungen (Seite 165):

Am 4.September (1915) fuhr ich von Bahnhof Charlottenburg ab ostwärts über Frankfurt a.0., Schwiebus, Bentschen, Posen, nach Gnesen. Diese Stadt hatte damals etwa 28 000 Einwohner, unter denen nur 4000 Deutsche waren. Gnesen war mit seinem Dom der Mittelpunkt des fanatischen, antideutschen Polentums. Eine ziemlich hohe Zahl von Juden war auch dort ansässig. Die deutsche Garnison bestand aus dem 49. Infanterie-Regiment und dem 14. Dragoner, deren Ersatztruppenteile dort lagen. Im Frieden war ein aktiver Divisionspfarrer hier stationiert, eine Stelle, die vom Garnisonspfarrer Fischer verwaltet wurde. Mit ihm hatte ich mich brieflich gleich von Berlin in Verbindung gesetzt, und er hatte mir bei seiner eignen Wirtin, Frau Tilgner, Poststr.2, ein möbliertes Zimmer besorgt. Als ich damals dort ankam, ahnte ich nicht, daß der Krieg noch so lange dauern würde und daß ich zwei Jahre und vier Monate dort zubringen würde! Ich will in diesen "Erinnerungen" nicht chronologisch vorgehen, sondern alles Zusammengehörige aus diesem ganzen Zeitraum zusammenfassen.
Wie ein König kam ich mir vor, als ich nun wieder über ein eigenes Zimmer verfügte. Anderseits erlebte ich es an mir selbst, wie naiv die Ansprüche sich steigern können: Als ich verwundet ins Lazarett kam, freute ich mich meinem Tornister, in dem bisher jeder all das Seine mit sich herumgetragen hatte, - noch einen Nachttisch, seine Platte und ein Fach darin zu haben! In Biesenthal erhielten wir ein Militärspind, wie die Soldaten in der Kaserne; wie konnte man sich da ausdehnen. Am Schluß hatte ich jedoch auf dem Spind noch mehrere Kartons stehen, da ich nicht alles mehr hatte unterbringen können! Und nun in Gnesen: ein ganzes eignes Zimmer! Weit wie ein Königreich kam es mir vor; bis ich, nach einem Jahr, Frau Tilgner bat, zwei andere, frei werdende Zimmer mieten zu dürfen !




Auf der Postkarte vom 06.01.1916 an seine Eltern schreibt er:
Absender: Militärpfarrer Lic. Werdermann, Gnesen, Poststr. 2

Liebe Eltern! Ich dachte, nach der Fest- u. Neujahrsarbeit würde ich Euch mal
wieder in Ruhe schreiben können: aber nun ist gestern gleich wieder ein Trans-
port Schwer-Kranker gekommen; daß es sofort neue Arbeit gibt. Dazu hatte
ich gestern die 2. Allianz-Gebetstunde übernommen, morgen Abend gibt es
ein Konzert fürs Soldatenheim, wo ich als „Freund u. Gönner“ hin muß, u. so
geht es fort. Aber es macht alles große Freude u. es ist ja so schön, endlich mal
soviel Männer als Zuhörer zu haben. Man wird sie nicht alle ändern u. sie
werden nicht alle umlernen, aber etwas bleibt überall hängen. Kannst Du
mir nicht 3 oder 4 Abreißkalender mit Andachten schenken, wie wir sie
früher hatten; ja einen möchte ich gern für die schwer Nerven-, Lungen- und
Typhuskranken haben; ich kann mich nicht entsinnen, von welchem Ver-
lag sie waren. Nun ist Friedel also wieder draußen; die armen Truppen
bei dem abscheulichen Wetter! Hoffentlich hast Du, l. Väterchen, die Arbeit
gut überstanden. Ich bekam für meine Lazarette ein paar sehr schöne,

inhaltreiche Weihnachtspakete von Mertens, Willings,
Markgrafs (Bambergerstr. !). Sonst geht’s mir gut.
Heute mußte ich zum Zahnarzt, da ich mir einen Zahn
ausgebissen hatte. Hans arbeitet eifrig an seinem
Thema. Hattet Ihr über Dora gute Nachrichten?
Herzliche Grüße an Euch alle. Euer treuer und
dankbarer Sohn Hermann
5.I.16.




Auch die Karte vom 25.01.1916 geht an seine Eltern. Großvater schreibt:
Geschrieben den 25. Januar 1916
Liebe Eltern!
Ich habe wohl sehr lange nicht an Euch geschrieben; es gab aber einer-
seits viel zu tun (z.B. in den letzten 8 Tagen 3 Begräbnisse), andererseits größen
Ärger (durch Kleinlichkeit eines hiesigen „Amtsbruders“). Zu Kaisers Geburtstag habe
ich den Feldgottesdienst u. Nachmittags eine gemeinsame Feier für 2 Lazarette.
Wir haben jetzt viele Schwerkranke, bes. in der Neuen kath. Schule. Ist das Paket
für dort jetzt abgegangen? Es kann dort sehr gut gebraucht werden. Kann
ich meinen Wollärmel bald zurückbekommen? Macht mir doch bitte gele-
gentlich noch einen dritten. Mein Arm merkt die fortwährende Veränderung
des Wetters auch sehr. Stärkt mir bitte die Chemisetthemden [1] vorn u. am Kra-
gen auch nur ganz schwach. Neulich war Pfarrer Salzsieder, mein Vorgän-
ger hier. Eins meiner Lazarette hat Scharlach-, eines Typhussperre; da gehe ich
extra oft hin, da sonst keiner rein darf. Herzlich grüßt u. küßt Euch Euer
tr. u. dankb. Sohn Hermann


[1] Chemisette (auch Chemisett) ist ein aus dem Französischen übernommenes Fremdwort. Es bezeichnet ein Hemdchen oder kleines Hemd. In der Männermode bezeichnet es die gestärkte Hemdbrust an Frack- und Smokinghemden.

Noch ein Ausschnitt aus den Lebenserinnerungen (Seite 166):
Zu den Amtspflichten gehörte zunächst alle vierzehn Tage eine Predigt im Militärgottesdienst, der durchschnittlich von 300 400 Personen, Soldaten, Offiziersfamilien und Leuten aus der Stadt besucht war. Anfangs machte es mir Schwierigkeiten, auf welchen Teil der Gemeinde man sich einstellen sollte. Denn sonst war die Gefahr, sprach man zu hoch, schliefen die Soldaten; griff man zu tief, so langweilte man womöglich die Gebildeten! Da hat mir Frau Oberstleutnant Mannkopff einen großen Dienst erwiesen, daß sie mir auf meine Frage antwortete: "Wissen Sie, Herr Pfarrer, in religiösen Dingen stehen die Offiziere auch auf dem Mannschaftsstandpunkt. Sprechen Sie stets nur so einfach und klar wie möglich!"

Meine Haupttätigkeit spielte sich in den Lazaretten ab, deren es elf in Gnesen und zwei in der Umgebung gab. Darunter war das Garnison-Lazarett und daneben Reserve-Lazarette in Schulen, Sälen usw. Mein Anliegen war, wöchentlich in jedem Lazarett eine Andacht zu halten, aber daneben auch wöchentlich einen Unterhaltungsabend, und sei es in der einfachsten Form. Vor allem aber legte ich Wert auf persönliche Besuche, besonders wenn ein neuer Verwundetentransport ankam. Dabei kam mir sehr zustatten, daß ich auch als Soldat in Felde war und selbst lange als Verwundeter im Lazarett gelegen hatte. Einmal sprach ich mit einer Gruppe Neu-Angekommener im November im Lazarett. Da hörte ich einen Soldaten hinter mir sagen: Wenn ich so warm zu Hause säße, ließe ich mir auch gern von draußen erzählen! Ich wendete mich um und fragte: Wer hat hier eben die dumme Bemerkung gemacht? Allgemeines Schweigen. Da donnerte ich dazwischen : Jetzt verlange ich aber, daß der, der das gesagt hat, sich augenblicklich meldet! So feige ist kein deutscher Soldat, daß er nicht zu seinen Worten steht. Da meldete sich einer. Ich fragte ihn: Wo sind Sie verwundet? Da stotterte er etwas: Ruhrartige Darmbeschwerden! Da sagte ich: Aha, Kameraden, Ihr kennt ja die Brüder, die im Spätherbst plötzlich derartige Beschwerden zu bekommen pflegen! Und ihm sagte ich: "Wenn Sie, wie ich, an der Front verwundet waren und zehn Monate im Lazarett gelegen haben, dann dürfen Sie Ihren Mund wieder auftun! Ich habe nie wieder in diesem Lazarett Schwierigkeiten gehabt!


Viele Grüße und ein schönes Wochenende
Volkmar
 
volkimal Am: 04.06.2026 18:07:35 Gelesen: 9889# 343 @  
Hallo zusammen,

als nächstes kann ich diesen Zettel zeigen:



Gen. Kommando
22 Res. Korps
IIa 22014

9.3.1916
Abschrift
Auf Grund der unter dem 7. d. Mts. IIa 7129 einge-
reichten Vorschlagsliste, verleihe ich hierdurch im Namen Seiner
Majestät das Eiserne Kreuz II. Klasse:
dem Füsilier Hermann Werdermann 11/201
die Auszeichnung folgt anbei.
gez. Von Falkenhaÿn.
Ich spreche dem Beliehenen meinen Glück-
wunsch aus.
Westhofen
Leutnant u. Komp.-Führer


Im Moment komme ich aber gerade nicht an die Schachtel, in der es verwahrt wird. Daher kann ich es im Moment nicht zeigen.

Am 27.04.1916 schreibt Großvater diesen Brief, den er einen Tag später beim Postamt 2 in Gnesen aufgibt:



Großvater schreibt an seine Eltern:

Gnesen, Poststr. 2, den 27.IV.1916.
Liebe Eltern! Gern hätte ich Euch gestern als an Hildegards
Geburtstag einen Gruß geschickt; ich kam aber nicht mehr dazu, da ich
da ich noch zwei Osterfeiern hatte. Die kirchlichen habe ich natürlich in allen
Lazaretten an den beiden Festtagen abgehalten; aber soweit es sich
machen ließ, habe ich den Nicht-Beurlaubten auch noch einige Ostereier
u. Zigarren, z.T. auch Kaffee u. Kuchen zu verschaffen gesucht. Nun
ist endlich alles vorüber u. ich kann mich wieder etwas mehr an
meine pädagogischen Studien setzen, die ich in den letzten Wochen arg
vernachlässigt habe. Übrigens gehe ich nun vielleicht doch noch nach Bonn;
es ist wieder alles geändert worden. Wenn der Feldprobst es ge-
nehmigt, siedle ich dorthin über. Mir soll alles recht sein; tüchtig Arbeit
u. befriedigende Arbeit habe ich hier u. werde ich dort finden. Die
Entscheidung steht ja in einer noch höheren u. allweisen u. gnädigen
Hand! Heute hat mir Frau Rittmeister Wätjen als „Osterei“
100 Mark zur Verwendung u. Verteilung geschenkt; da habe ich
nun auch bares Geld zur Verfügung. Vorgestern Nachmittag hatte
ich Kinder-Gesellschaft mit Kaffee-Trinken, Eier suchen u. Ruderpartie.
Das war sehr nett. Wie geht es denn dem l. Väterchen? Hoffent-
lich erholt er sich bald soweit, daß er in Potsdam Nachtour machen
kann! An Mütterchen soll ich von Frau Tillgner noch vielen Dank
für den Speck u. vom Lazarett für die Eier bestellen, die alle
heil schon am Sonnabend anlangten. Hat Euch der Ditt aus Gran-
see meine Grüße überbracht? Herzliche Grüße an Euch u. alle l.
Hausbewohner Euer tr. u. dankb. Sohn Hermann


Als Ergänzung wieder etwas aus den Lebenserinnerungen (Seite 166 ff):

Bei den Unterhaltungsabenden hielt ich zunächst immer irgend einen Vortrag. Sehr oft gab ich eine Wochenübersicht über die militärischen und politischen Ereignisse, wofür ich mich sorgfältig vorbereitete durch Lesen mehrerer Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren. Dann mußte immer Musik dabei sein. Oft half mir die Garnisonkapelle mit ihrer ganzen Besetzung oder einigen Mann. In unserem Haus wohnte ferner eine junge Lehrersfrau, deren Mann im Feld stand. Sie sang recht gut und begleitete sich selbst. Schließlich hatte ich den Eindruck, daß die Verwundeten, zumeist Familienväter, besondere Freude an Kindern hatten. So erbat ich die Mitarbeit der deutschen Schule, durch Chöre und Deklamationen. Einzelne Familien haben durch ihre Kinder sehr fein mitgeholfen, so Familie Thomas, wo die zweite Tochter ganz besonders eindrucksvoll Gedichte, moderne Kriegsgedichte aufsagen konnte. Und die kleine Helga Wätjen sagte in vielen Lazaretten in zwei Jahren die Weihnachtsgeschichte so unschuldsvoll kindlich auf, daß vielen Männern die Tränen in den Augen standen.

Chefarzt der Lazarette war bei meiner Ankunft ein Pole, Dr. Musiol, unter dem ein ziemlich lässiger Betrieb herrschte. Nach einem halben Jahr wurde er durch den Oberstabsarzt Dr. Gralow ersetzt, einen ausgezeichneten Verwaltungsbeamten, der nun seinerseits erst mal in das andere Extrem verfiel und mit den Friedensparagraphen der Vorkriegszeit für Garnisonlazarette zu regieren versuchte, was auch nicht paßte, da jetzt so viel ältere Soldaten, so viel Familienväter und Leichtverwundete die Reservelazaretten bevölkerten. Aus eigner Erfahrung wußte ich, wie sehr diese es liebten, wenn sie nicht allzu "kasernenmäßig" behandelt wurden. So suchte ich in diesem Sinn zu wirken, kam damit also öfter mit den Paragraphen und dem Oberstabsarzt in Kollision. Als zwei Zimmer bei Frau Tilgner frei wurden, zog er zu uns, und öfter hatten wir gewisse Auseinandersetzungen. Eines Abends sagte mir Frau T.: Herr Oberstabsarzt wollte Sie sprechen. Am nächsten Morgen sagte sie: Er hat noch mal nach Ihnen gefragt. Ich überlegte, was ich "verbrochen" haben konnte, war mir aber keiner Sache bewußt! Am Nachmittag trafen wir uns dann, und ich war gespannt, was vorlag. Zu meiner Überraschung fing Dr. G. eine ganz allgemeine Unterhaltung an. Und zum Schluß sagte er: Soviel ich weiß, sind Sie ja auch im Unterricht erfahren. Sehen Sie, meine Tochter besucht in Bromberg das Oberlyzeum. Da haben sie einen so schwierigen Aufsatz; sie hat mir das Thema geschickt. Aber ich kann auch nichts mit anfangen! Könnten Sie da nicht etwas helfen und vielleicht eine Disposition machen und in Stichworten etwas Stoff andeuten? Nichts war mir angenehmer als diese private Bitte! Denn das kam meiner Lazarett-Tätigkeit und den Verwundeten zugute! Ziemlich viel später, als ich ins Garnisonlazarett kam, hieß es: Herr Oberstabsarzt möchte Sie sprechen! Ich hatte immer ein etwas böses Gewissen, da ich mancherlei im Namen des Geistes gegen den Buchstaben sündigte! Schließlich trafen wir uns auf einem Korridor. Er nahm mich beiseite und flüsterte mir mit freundlichstem Gesicht zu : "Wir haben "Gut'"!!, nämlich im Aufsatz! Von da an hatte ich es noch angenehmer!


Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 11.07.2026 10:38:14 Gelesen: 4626# 344 @  
Hallo zusammen,

wir waren in der letzten Zeit einfach zu viel unterwegs und ich bin nicht dazu gekommen, hier etwas zu schreiben. Die beiden nächsten Karten gehen nicht an Großvater sondern an seine spätere Frau - Ilse Hentschel.





Eine Ansichtskarte aus Vilnius (deutsch Wilna), der Hauptstadt Litauens. Aufgegeben wurde die Karte am 14.07.1916 bei der Bahnpost auf der Strecke Eisenach - Frankfurt (Main). Der Briefstempel ist von der "Bauabteilung der Etappen-Telegraphen-Direktion 19 / * 10. Armee *". Wo sich diese Abteilung befand, kann ich nicht sagen. Die Karte geht an:

Fräulein
Ilse Hentschel
Burghauen (richtig wäre Burghaun)
Kr. Kassel
Oberförsterei

Oben (Bleistift):
Westend
Nach Charlottenburg
b. Frau Quinckardt
Ebereschenallee 30
Rehberg I
13/7

Blau:
13/7 Charlottenburg


Damit ist klar, dass meine Großmutter gerade bei ihrer Großmutter in Charlottenburg zu Besuch war.

Absender ist "Offz. Stellv. Ludwig 1. Fü. St./2" Es handelt sich dabei um Ludwig Hentschel, den Cousin meiner Großmutter. Er schreibt:

Liebe Ilse! Hoffentlich bist Du noch
nicht in Stralsund, sodaß Dich
die Karte noch erreicht, die Dir
unsere gemeinschaftlichen Grüße
vom Zusammensein mit Onkel
Oswald bringen. Dein Vetter Ludwig
??? herzl. Gruß
Onkel Oswald


Wer Onkel Oswald ist kann ich nicht sicher sagen. Einen direkten Onkel dieses Namens hatte Großmutter nicht.





Der Absender war Curt Quinckardt, ein Onkel von Großmutter mütterlicherseits:
Ldtn Curt Quinckardt
81 Arm. Batl. 4 Komp. Musikz(?)
XVII Armeekorps 35 Inf. Div.


Aufgabestempel: K.D. Feldpostexped. D. 35 Infanterie-Div. vom 18.07.1916
Briefstempel: Armierungs-Bataillon Nr. 81 / 4. Komp.

Armierungs-Bataillone waren im Ersten Weltkrieg pionierähnliche Truppenteile des deutschen Heeres. Sie dienten in erster Linie zum Bau von Verteidigungsanlagen und Stellungen, aber auch von Straßen und Grenzbefestigungen.

Auch diese Karte wurde nachgeschickt.

Fräulein
Ilse Hentschel
Oberförsterei Burghaun
bei Hersfeld (Hessen)

Blaue Tinte:
21/7 Charlottenburg Westend
Ebereschenallee 30
bei Frau Quinckardt


Mit Kopierstift durchgestrichen. Die neue Adresse stand wahrscheinlich auf einem Zettel der auf die Karte geklebt wurde (Reste unten links)
Der Onkel schreibt:

Liebe Ilse
Leider etwas verspätet sende ich Dir
meine herzlichsten Glückwünsche zum Geburts-
tage. Wir waren seit 3 Tagen nämlich ge-
rade auf einem Transport und befinden
uns jetzt in Nordfrankreich, während ich
vorher in der Gegend um St. M. lag
Viele herzliche Grüße Dein Onkel Curt


Curt Quinckardt ist am 31.05.1918 bei Tilleloy (Frankreich) gefallen.

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 22.07.2026 11:18:49 Gelesen: 3595# 345 @  
Hallo zusammen,

diese Feldpostkarte schickte mein Großvater am 23.09.1915 aus Gnesen an seine Eltern. Es ist die erste Karte, auf der er als Absender „Garnisonspfarrer“ angibt und nicht mehr „Lazarettpfarrer“.





Absender:
Garnisonspfarrer Werdermann, Gnesen, Poststr. 2

Liebe Eltern! Eben geht mein Bursch zur Post; ich hatte viel amtliche
Schreibereien. Da sollt Ihr wenigstens noch einen kurzen Gruß haben.
Von mir heißt es immer in gleicher Weise: es geht mir gut; ich fühle mich
wohl; viel Arbeit, aber auch fast ebensoviel Freude. Heute ist wieder ein
Transport von 200 Schwerverwundeten gekommen; Sonntag habe ich
eine Abschiedsfeier u. eine Beerdigung. Neulich habe ich im Reichsboten
auch mal wieder einen Artikel verbracht (vorige Sonntagsnummer)
Habt herzl. Dank für den heutigen langen Brief. Die Potsdamer
Geschichte ist wirklich haarsträubend! ??? tun mir auch am meisten
Leid. Bonn und Halle verhandeln augenblicklich mal wieder mit
mir, ob ich nicht zum 1.XI. hinkommen kann; na, abwarten. Mir
ist alles recht! Vorgestern hielt ??? hier einen sehr interessan-
ten Vortrag. Die neue kathol. Schule hat sich wieder sehr über Eure
Sendung gefreut; sie kam heute gerade mit dem neuen Transport

zusammmen, also tadellos paß-
recht. Ich freue mich sehr, daß
es den Rumänen so schlecht
geht! Nun dienen sie vielleicht
noch dazu, daß das Ende eher
herbeikommt. Herzliche Grüße
Euch allen; bes. auch Richard.
Euer tr. u. dankb. Söhne
Hermann u. Hans
23.IX.


Wie man am Text sieht war der Bruder Johannes (Hans) bei Großvater zu Besuch. Auch hier wieder eine Ergänzung aus den Lebenserinnerungen (Seite 168):

Schon bald wurde in Gnesen bei mir angefragt, ob ich nicht in der privaten Höheren Töchterschule der Frau Reißmann etwas Unterricht übernehmen wollte. Ich sagte gern zu und bekam Stunden in Religion, Deutsch, Geschichte und Erdkunde. An sich war es eine „deutsche“ Schule; aber neben einem Dutzend "Deutscher", d.h. dort zugleich: evangelischer Mädchen waren ein Dutzend Polinnen und ein Dutzend Jüdinnen in den Klassen! In Religion wurde natürlich aufgeteilt, wo dann der sehr nette deutsch-katholische Pfarrer und der Oberrabbiner erschienen! Schwierig war es in Deutsch, wo die Polinnen keine Rechtschreibung und die Jüdinnen keine Grammatik konnten! Ein heiteres Erlebnis ist mir noch in Erinnerung geblieben; bes. da es mir 1932 bei einer Eisenbahnfahrt wieder in Erinnerung gerufen wurde. Da fuhr ich von Magdeburg nach Braunschweig. Im D-Zug saß mir eine nett aussehende blonde Frau gegenüber. Sie schaute mich mehrmals etwas prüfend an und fragte schließlich: Sind Sie nicht Herr Dr. Werdermann? Und als ich bejahte, sagte sie: Dann habe ich 1917 bei Ihnen in Gnesen Unterricht gehabt. Und viele Erinnerungen wurden hervorgeholt. Am meisten hatte sich ihr eine Rückgabestunde eines Aufsatzes eingeprägt. Ich wollte gerade zur Schule gehen, da kam eine Familie, um wegen der Beerdigung ihres im Lazarett verstorbenen Sohnes mit mir zu sprechen. Ich rief also meinen damaligen "Burschen", der unter denen, die ich in jenen Jahren hatte, der originellste war („Wil-halm" sprach er selbst seinen Namen aus!) Ich trug ihm auf, den Packen Aufsätze mit in die Schule zu nehmen, in die erste Klasse unten rechts zu gehen und zu sagen: Die Mädchen möchten noch ein wenig warten; ich käme bald. Dabei sollte er bis zu meiner Ankunft warten, damit sie sich die Aufsatzhefte noch nicht nähmen! Als ich dann, acht Minuten später, kam, hörte ich schon in der Nähe der Schule einen großen Lärm, der aus meinem Klassenzimmer kam. Als ich eintrat, bot sich mir ein scherzhafter Anblick: Mein "Wilhalm" auf dem Katheder mit puterrotem Kopf die linke Hand auf dem Aufsatzberg, in der rechten den Rohrstock, mit dem er gegen das anstürmende Gros der Mädchen losschlug, die versuchten, ihm die Hefte zu entreißen!! Erleichtert atmete er auf, als ich nun kam. Als er abzog, brummte er : "Mit das Pack ist nichts anzufangen"! Mit den Russen war er fertig geworden, mit diesen wilden Mädeln nicht!

Viele Grüße
Volkmar
 
volkimal Am: 25.07.2026 10:43:11 Gelesen: 3220# 346 @  
Hallo zusammen,

dieses ist die erste von zwei Karten, die der Sanitätsgefreite Wilms aus Konstantinopel an Großvater in Gnesen schickte:



Absender (Kopfüber):
Abs. San. Gefr. Wilms
Haidar Pascha
bei Konstantinopel
durch Mar. Post B. Berlin C2

Konstantinopel d. 7.12.16
Lieber Herr Pfarrer!
In Konstantinopel gut ange-
kommen u. endlich Beschäftigung bekommen. Als Sanitäter auf
dem Badezug Haidar Pascha.
Sonst hier sehr schön u. auch alles
zu bekommen, bloß keine Zigarren
die langen von Herrn Pfarrer
vermiß ich besonders. Sonst gesund
u. munter. Mit vielen Grüßen
verbleibt Ihr H. Wilms. Einen
schönen Gruß Frau Ritmstr. Wedjen [1]

Oben drüber:

Grüß Herrn Obst??? Grahl?


[1] Frau Ritmstr. Wedjen = Frau Rittmeister Wätjen [#343]

Bevor ich mit meiner Sammlung "Familiengeschichte und Philatelie" begann, hatte ich diese Karte in meiner Sammlung "Alles über die Briefmarke -eine Lehrsammlung". Diese Sammlung hatte ich für unsere Briefmarken-Jugendgruppe zusammengestellt. Damals las ich in der DBZ einen Artikel von Werner Ahrens über die Feldpost aus Konstantinopel. Er beantwortete einige Fragen, die ich zu den beiden Karten hatte.
Zum Beispiel konnte ich mit dem Begriff "Badezug Haidar Pascha" anfangen. Dazu schrieb Herr Ahrens: Der "Badezug Haidar Pascha" war ein Bahndesinfektionswagen, als Entlausungsanstalt (im Soldatenjargon damals Lausoleum) für die aus Mesopotamien und Syrien Palästina zurückkommenden Soldaten. Diese kamen mit der Bagdadbahn bis Konia, dann mit der kleinasiatischen Bahn bis Ismid, von wo der Badezug sie nach Haidar Pascha, dem kleinasiatischen Stadtteil von Konstantinopel brachte, dem Anfangspunkt der Bahnlinie.

Ich hatte Glück, dass Herr Ahrens meinen Brief sofort beantwortet hat (08.01.1983), denn zwei Tage später ist er verstorben. Hier die Todesanzeige aus dem Heft der ArGe Deutsche Kolonien 77/78:



Außerdem wunderte ich mich über den Satz "In Konstantinopel gut angekommen u. endlich Beschäftigung bekommen". Es klingt so, als ob sich Herr Wilms um eine Arbeitsstelle bemühen musste. Hierzu schrieb Herr Ahrens: Ich vermute, daß der Absender der Karten, als von der Militärmission Krankenpfleger angefordert wurden, sich freiwillig meldete, bei Ankunft dieser aber nicht sofort festgelegt wurde, wer zu welcher Sanitätsformation abgeordnet werden sollte. Absender Sanitätsgefreiter, also ein bereits beförderter Soldat und kein Zivilist. In Konstantinopel lebende Damen der deutschen Gesellschaft wurden teils auch in den Lazaretten eingesetzt.



Die Karte trägt zwei Stempel. Dazu schreibt Herr Ahrens:
Der Stempel MIL.MISS. KONSTANTINOPEL xx ist belegt vom 7.2.1916 bis 23.9.1918.
Der Stempel des Etappensanitätsdepot Konstantinopel ist vom 8.5.16 bis 18.7.17 mit 9 Stück bekannt, ferner von diesem ein Rahmenstempel vom 23.2.16 bis 6.8.18, 8 Stück bekannt.

Soviel für heute. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende
Volkmar
 
volkimal Am: 02.08.2026 21:46:59 Gelesen: 1758# 347 @  
Hallo zusammen,

obwohl Großvater in Gnesen arbeitete kommen die nächsten beiden Karten aus Erlangen. Allerdings trägt nur die erste Karte einen Stempel. Die zweite hat Großvater wahrschenlich in einen Brief eingelegt.



Stempel: Erlangen, 13.12.1916

Absender:
Garnisonspfarrer Lic. Werdermann Gnesen, z.Z. Erlangen
13.XII.16.

Liebe Eltern! Einen herzl. Gruß aus Erlangen. Ich freute mich sehr, in Berlin
Mütterchen wenigstens noch telephonisch zu sprechen. Die Reise war z.Z. sehr hübsch,
an Halle, Naumburg, Jena vorüber, dann über den Thüringerwald. Ich wohne hier
im Bahnhofshotel sehr gut; mit der Verpflegung habe ich keine Schwierigkeit, aß
eben ein Schnitzel -,60 M. Als ich gestern Abend meinen Professor noch aufsuchen
wollte, hatte er gerade Nachtübung (ist als Landsturmmann eingezogen). Zu Mittag
aß ich auf dem Wingolfhaus, wo ich etwas Anschluß fand. Dann machte ich heute
bei Professor Leser, ferner beim Dekan u.s.w. Besuch. Dazwischen – muß ich noch
tüchtig arbeiten u. repetieren. Freitag Abend um 9h werde ich wohl fertig
sein. Am Montag gedenke ich in Berlin zu sein, fahre Dienstag früh weiter;
es wäre ja sehr nett, wenn jemand von Euch bei Markgrafs wäre. Diese
Wartezeit hier vor der Prüfung ist nicht sehr angenehm; ich mache sie mir aber
so gemütlich wie möglich. Was sagt Ihr denn zu dem Friedensangebot? [1]
Von Gnesen habe ich noch ein Paket geschickt. Das Album ist für all Eure
Kriegskarten. Die Fähnchen könnt Ihr vielleicht irgendwie verwenden. Ich

schickte auch ein Spiel an meinen
Patenjungen nach Celle. Ob Friedel
etwas wegen des Urlaubs schrieb? Es
wäre sehr nett, wenn er mich auch
in Gnesen besuchte. Zu Weihnachten wer-
de ich tüchtig zu tun haben. Aber die
Extraarbeit u. das Pauken fällt ja weg.
Herzliche Grüße an Euch u. alle Be-
kannten. Euer tr. u. dankb. Sohn
Hermann



Absender:
Abs. Garnisonspfarrer Lic. Dr. Werdermann, Gnesen z.Z. Erlangen

Vorne Kommentar von Großmutter:
Hier war mir interessant: Königreich Bayern (eine gewöhnliche Karte ohne Marke)
Ob die Karte irgendwo eingelegt wurde od. ungestempelt nach Kraatz kam, ist nicht ersichtlich. Doch liegt kein anderer Brief bei.

Liebe Eltern! Einen herzl. Gruß mit der Nachricht,
daß ich das Dr.-Examen glücklich hinter mir habe. Nun
habe ich wirklich genug davon; es ist jetzt schon die 4. (oder gar
5.) Prüfung! Nun geht’s auf einen Tag nach Halle, wo
ich gern mit Lütgert u. Frier sprechen möchte.
Herzl. Grüße Euer dankb. u. tr. Sohn
Hermann
16.XII.16

Dieses ist die erste Karte mit dem Absender Lic. Dr. Werdermann

Auch hierzu wieder die Informationen aus Großvaters Lebenserinnerungen (Seite 175/176):
So umfangreich die praktische Arbeit in Gnesen war, so hatte ich mir doch vorgenommen nach der Unterbrechung durch die Soldatenzeit , auch wieder zielbewußt zu arbeiten, und zwar hatte ich mir den Dr. phil. als Ziel vorgenommen. Schriftlich stand ich in ständigem brieflichen Austausch über mein Thema: Die Religionspädagogik A.H. Franckes. Ich las die Werke Franckes, die ausführliche Biographie über ihn von Kramer. Besondere Freude hatte ich an den Geschichten der Pädagogik von Theobald Ziegler und Friedrich Paulsen, bei letzter auch an dem glänzenden Stil. Viele Bücher schaffte ich mir selbst an. In Gnesen war eine gute Buchhandlung von Papst, die ein reichliches Lager hatte und gern alles Gewünschte besorgte. Oft fuhr ich nach Posen, wo eine große Öffentliche Bücherei war. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich Fräulein Schober, die ehemalige Hausdame vom Tholuckkonvikt, die dort im Ruhestand lebte. Ich machte viel Exzerpte und Entwürfe, und allmählich kristallisierte sich mir ein Bild des Erziehers Francke und der ganzen pietistischen und aufklärerischen Pädagogik heraus, wobei ich überrascht war, wie ähnlich sich in vielem diese beiden Bewegungen waren: feindliche Brüder desselben Jahrhunderts! Daneben las und paukte ich für die mündliche Prüfung; neben Pädagogik hatte ich Philosophie und Geschichte gewählt. Mit großer Begeisterung las ich H.St. Chamberlains Buch über Immanuel Kant, durch das mir nach vielen philosophischen Studien, Kollegs und Büchern - in vielem erstmalig ein Verständnis der Philosophie und unseres größten deutschen Denkers aufging.

In Geschichte hatte ich mir das Mittelalter vorgenommen. Mit wirklichem Genuß las und arbeitete ich Hampes Kaisergeschichte der Sachsen, Franken und Staufen. Als ich noch mitten drin war, schrieb mir Prof. Leser, daß er zum Militär eingezogen sei, allerdings nur garnisondienstfähig! Da beeilte ich mich mit dem Abschluß meiner Dissertation, schrieb sie eigenhändig (150 Seiten) aus Stenographie in Kursivschrift um und schickte sie an die Erlanger Philosophische Fakultät. Zu meiner Freude erhielt ich bald die Nachricht, daß sie zur Promotion angenommen wäre. Das war mir doppelt wertvoll, als Prof. Leser mir plötzlich telegraphierte: K.v. geschrieben! Wenn er hin-auskam oder gar fiel, war alles in Frage gestellt. So entschloß ich mich schnell zum Handeln und fuhr am 2.XII. 1911 1916 einfach nach Erlangen los. Unterwegs machte ich kurz in Halle bei Zachariaes Station, fuhr dann an den gewaltigen neu errichteten Leuna-Werken vorbei und langte am 5. Dezember in Erlangen an. Am Bahnhof las ich dort eine Sondermeldung, daß Bukarest von den Deutschen erobert sei und daß der Kaiser ein neues Friedensangebot machte. Eine leise Hoffnung, daß bald Friede würde, was aber mit Kälte,

Hohn und scheinheiligen Phrasen von den Feinden zurückgewiesen wurde. Ich war in Erlangen gar nicht angemeldet, ein Examenstermin war für mich noch nicht festgesetzt worden. Auf meine Bitte hin wurde er nach drei Tagen anberaumt. Da machte ich meine Antrittsbesuche bei Prof. Stählin, dem Ordinarius für Pädagogik (und klassische Philologie), Prof. Beckmann, dem Historiker, Prof Falkenberg, dem Philosophen, und Prof. Leser.

Humorvoll verlief der Besuch bei dem alten Geheimrat Falkenberg. Er fragte mich: Womit ich mich hauptsächlich beschäftigt hätte? "Kant"! Er: "Wie sind Sie denn darauf gekommen?" Ich: "Nun, er ist doch nun einmal der Höhepunkt der Entwicklung; außerdem habe ich Chamberlains Buch über ihn gelesen, das mich begeistert hat". Er: "Ach, dies schreckliche ‘Puch‘ (Er sprach stark Dialekt!)? Haben Sie denn nichts Vernünftigeres gelesen?" Ich: "Natürlich, Herr Geheimrat, habe ich Ihre Geschichte der Neueren Philosophie durchgearbeitet"! Er: "Na,ta jeht's ja"!! Und am nächsten Tag hat er mich hauptsächlich Kants Praktische Philosophie gefragt und keinen Satz, der nicht in seinem Leitfaden stand!

Eigenartig war die Situation der Prüfung: Vorsitzender war Prof. Stählin, in Hauptmanns Uniform, der zugleich Kommandeur des Rekrutendepots war, in dem Prof. Leser als Rekrut Dienst tat; dazu ich als Divisionspfarrer! Da die Universität Lazarett war, wurde die Prüfung im Zoologischen Institut abgehalten. Und während ich gefragt wurde, schaute ich neben und hinter dem Prüfenden auf ausgestopfte Schimpansen und Schlangen!! Recht erleichtert war ich, als ich "Sum laude" bestanden und zum Dr. phil. promoviert war. Ich hatte nämlich an den letzten zwei Tagen arge Kopfschmerzen, wie ich sie gar nicht sonst kannte. Ich kaufte mir Aspirin - zum ersten Mal in meinem Leben! Fieber hatte ich auch; es war wohl eine regelrechte Grippe, die man damals noch nicht so kannte und erst recht noch nicht ganz ernst nahm. Das wurde anders, als nachher gefährliche große Grippe-Epidemien ausbrachen und viele dahinrafften, Ich nahm mehrere Aspirin-Tabletten, war am nächsten Morgen naß geschwitzt, stand jedoch um 6 Uhr auf, wartete auf dem Bahnhof in eisiger Kälte auf den D-Zug nach Nürnberg. Dort besah ich mir die Stadt, die Lorenzkirche und das Germanische Museum und fuhr über Berlin, wo ich die Eltern traf, nach Gnesen zurück.


Viele Grüße
Volkmar

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensangebot_der_Mittelm%C3%A4chte
 
evwezel Am: 02.08.2026 22:10:48 Gelesen: 1751# 348 @  
@ volkimal [#347]

Hallo Volkmar,

ich lese deine Familiengeschichte immer mit großem Interesse!

Ich habe zwei Fragen zu dem Text:

„Das war mir doppelt wertvoll, als Prof. Leser mir plötzlich telegraphierte: ‚K.v. geschrieben!‘“

Was bedeutet die Abkürzung „K.v.“?

Außerdem ist mir diese Stelle aufgefallen:

„Recht erleichtert war ich, als ich ‚Sum laude‘ bestanden und zum Dr. phil. promoviert war.“

Ich nehme an, dass sich hier ein Schreibfehler eingeschlichen hat. „Sum laude“ gibt es meines Wissens nicht. Vermutlich müsste es entweder „cum laude“ oder „summa cum laude“ heißen.

Viele Grüße

Emiel
 
volkimal Am: 02.08.2026 22:15:42 Gelesen: 1746# 349 @  
@ evwezel [#348]

Hallo Emiel,

schön, dass dir meine Familiengeschichte gefällt.

"K.v." steht soweit ich weiß für "Kriegsverwendungsfähig".

Es muss natürlich "Cum laude" heißen.

Viele Grüße
Volkmar
 

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